Die unerträgliche Seichtigkeit des Seins

Die Guten und die Bösen: Auf diesen moralischen Dualismus läuft es im Restdiskurs, den sich diese Gesellschaft noch zutraut, letztlich hinaus. Diese Vorstellung stellt einen intellektuellen Offenbarungseid dar und beleidigt die Intelligenz denkender Wesen.

Neulich war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Raus aus Frankfurt, rein nach Offenbach. Diese Animositäten, die Frankfurter und Offenbacher im Umgang mit ihrer jeweiligen Nachbarstadt hegen, verstehe ich als Zugereister nicht. Beide Städte sehen beinahe gleich aus. Jedenfalls war ich gerade auf dem Rückweg nach Frankfurt, überquerte den Main und las auf dem steilsten Brückenabschnitt, mehrfach auf den Boden gesprayt: »Hanau war kein Einzelfall.« Da ich gerade im Begriff war, die anaerobe Schwelle zu überschreiten, blitzten meine Gedanken nur lose auf. Kurz vorher gab es das Messerattentat von Würzburg – und ich dachte mir in dieser Phase strampelnder Anstrengung: Stimmt, kein Einzelfall.

Später habe ich mich gefragt, ob ich das so einordnen kann. War Hanau nicht was anderes als Würzburg? Aber Amokläufe gleichen sich ja nie im Ablauf – nur in dem, was sie bewirken. Darf man eine Attacke eines Mannes, der als rechtslastig gelabelt wurde mit der Tat eines Asylbewerbers vergleichen? Ich bin nur sehr bedingt der Ansicht, dass der Hanauer ein Rechtsextremist war. Meinen Standpunkt hatte ich schon mal klargemacht. Aber warum sollte man beides nicht nebeneinanderstellen dürfen? Weil die Moral im Lande dies säuberlich trennt?

Vereinfachungen wohin man schaut

Ich bin doch ohnehin der Ansicht, dass der herrschende Moralismus, diese Lehre vom Guten und dem Bösen, keine geeignetes Instrument zur Analyse darstellt. Moral ist ein spannender philosophischer Teilbereich. Man braucht sie sicherlich auch im persönlichen Alltag. Als Kompass. Und als Richtschnur. Aber als rigoroser Wegweiser und Richtungsgeber wird sie überschätzt – jedenfalls in dieser kruden Spielart, die Welt nach Schwarz-Weiß-Schemata zu kartographieren.

Diesen Dualismus, der unsere Debattenkultur so stark prägt, wie vielleicht nie zuvor, halte ich für eine ziemlich amerikanische Sache. Innerhalb der Wokeness, dieses akademischen Moralismus‘, der von US-Universitäten überschwappte, manifestiert er sich ganz deutlich. Die amerikanische Kulturlandschaft hat das dualistische Weltbild, das sich aus einer religiösen Grundhaltung destillierte, ganz augenfällig vereinnahmt. Kaum ein Film, kaum eine Serie, in der nicht vom Guten und vom Bösen die Rede ist. Grauzonen kommen hingegen eher selten vor. Aus der einstigen Zombie-Apokalypse bei »The Walking Dead« formte sich ein moralinsaurer Erguss. Wo man früher den Protagonisten zusah, wie sie gegen Untote kämpften, ihr Überleben sicherstellten, lauscht man ihnen jetzt bei endlosen Debatten über das Richtige und das Falsche, erträgt man ein Geschwafel über gut und böse.

Mir scheint das in der Syntax der Vereinigten Staaten angelegt. Sie sind hochgradig dualistisch geprägt. Es sind die Geister einer Zeit, da das Land der Zufluchtsort religiös Ausgegrenzter und Fanatisierter war. Das hat abgefärbt. Ein realistisches Bild von der Welt vermittelt es nicht. Niemand ist einzig böse. Und die vermeintlich Guten sind eben auch nicht immer gut. Das moralische Leitbild, das zwischen diesen zwei Attributen strikt trennt, ist eine Simplifizierung. Ist Schubladendenken in Reinkultur. Eine intellektuelle Seichtigkeit stellt es ohnehin dar.

Gute Serienmörder? Schlechte Moralisten?

Es gibt Serienmörder, denen die Nachbarschaft nachsagte, dass sie eigentlich freundliche Zeitgenossen gewesen seien. Sie waren immer hilfsbereit, fürsorglich, da war nie ein Verdacht. Und es gibt Moralisten, die stets das Gute predigen und die hinter den Kulissen vergewaltigen und sexuell ausbeuten. SS-Leute waren zuweilen prächtige Familienmenschen. Die Welt ist in meinen Augen ein Tummelplatz solcher Unausgewogenheiten. Mit Kategorien wie gut oder böse, kann man sicherlich grob einschätzen. Aber zu einer Lebensphilosophie lässt sich das nicht modellieren. Ich selbst ordne mich gar nicht in so einem Moralismus ein. Bin ich gut? Böse? Nichts davon trifft zu. Häufig bin ich pragmatisch. Diese Haltung ist werteneutral, kann gut oder böse sein – sie ist gespalten in ihrem Handeln oder Unterlassen.

Es würde mich auch schlicht überfordern, mein Leben nach dualistischen Kriterien einzuordnen. Wer so lebt – das ist meine persönliche Meinung -, kann nie zur Ruhe kommen. Denn der Dualismus lebt vom ewigen Zweifel, vom Widerstreit bei jeder Tätigkeit. Darf ich das? Soll ich das? Lasse ich es lieber? Oder muss ich es im Gegenteil sogar tun, um richtig zu liegen? Was denken die anderen von mir? Das ist die eigentliche Frage, die sich aufdrängt: Was denken die anderen von mir? Denn der moralische Dualismus ist ja kein Selbstzweck, er manifestiert eine Werteordnung, die zwangsläufig den Nächsten braucht, der Wertevorstellungen pflegt.

Auf den Punkt gebracht ist es doch so, dass die wahren Umstände auf dieser Welt viel komplexer sind, als dass sie mit einer solchen Schwarz-Weiß-Malerei treffend umschrieben werden könnten. Es gibt nun mal auch Vergewaltiger, die als Sozialarbeiter mit Flüchtlingen arbeiten. Er tut Böses und Gutes zugleich. Solche drastischen Beispiele zeigen doch nur, die Zerrissenheit der menschlichen Rasse auf. Die moralischen Attribute, die wir mit gut oder böse bezeichnen, sind menschliche Kategorien. Das meine ich nun nicht dekonstruistisch, denn natürlich sind sie notwendig, um sein Leben einordnen zu können. Aber sie können als Begriffe eben nie das Chaos abbilden, das so ein Erdenleben ausmacht. Sie sind Einschätzungshilfen. Aber keine Wahrheiten, die man als Lebensmoral nutzen könnte.

Die Welt ist zu komplex für ein moralisches Raster

Die heute so favorisierte Grundhaltung, ständig alles und jeden rein dualistisch zu bewerten, ist völliger Irrsinn, stellt die schlimmste Leugnung dar, die man sich vorstellen kann: Denn sie verleugnet die conditio humana, die Umstände des Menschseins nämlich. Die sind zerrissen, unübersichtlich, chaotisch und komplex. Da ist nichts eindeutig, alles ist in Kontexten zu sehen, Motivationsgründe sind vielfältig. Ja, Diversität, dieses Schlagwort der Wokeness, trifft ganz besonders auf das Innenleben des Individuums selbst zu.

Eigentlich ist diese Einsicht keine große Nachricht. Sie ist eine Binsenweisheit. Dennoch muss man das heute explizit betonen, weil sich ein Weltbild in der woken Blase und darüber hinaus im öffentlichen Diskurs etabliert hat, das mit ganz klaren Konturen hantiert und das so tut, als könne man den ethischen Dualismus ohne Skepsis und Zweifel zur Grundlage der eigenen Welt- und Gesellschaftseinschätzung heranziehen. Dabei sind jene, die ihr Weltbild dualistisch ausleuchten, ja selbst das beste Beispiel dafür, dass dieses moralische Raster mindestens zweifelhaft sein muss.

Denn sie, die sich innerhab des dualistischen Komplexes als »die Guten« sortiert haben, zeigen Anwandlungen von schierer Boshaftigkeit und lassen hier und da sogar drastische Gewaltbereitschaft aufblitzen. Dass sie diese Form als Kampf des Guten gegen die Bösen erklären wollen, macht die Komplexität ihrer eigenen moralischen Verfassung nicht nachvollziehbarer. Im Gegenteil: Sie zeigen nur, warum der klassische Dualismus ein Faible aus religiösen Zeiten war. Damals war man selbstgerecht genug, nichts anderes als den eigenen Glauben gelten zu lassen. Es mangelte an Aufgeklärtheit darüber, dass es andere Lebens- und Denkmodelle, ja andere Religiositäten gibt. Da gelangen wir abermals zu der Einschätzung, dass wir heute eigentlich in religiösen Tagen leben, in denen für Komplexität und Diversität kein Platz ist – auch wenn man das gerne freimütig betont. Man predigt halt Wein und serviert Wasser. Auch das kennt man ja …

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Roberto J. De Lapuente

Roberto J. De Lapuente ist irgendwo Arbeitnehmer und zudem freier Publizist. Er betrieb von 2008 bis 2016 den Blog ad sinistram. Seinen ND-Blog Der Heppenheimer Hiob gab es von Mitte 2013 bis Ende 2020. Sein Buch »Rechts gewinnt, weil links versagt« erschien im Februar 2017 im Westend Verlag. In den Jahren zuvor verwirklichte er zwei kleinere Buchprojekte (»Unzugehörig« und »Auf die faule Haut«) beim Renneritz Verlag.

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Heldentasse
Heldentasse
1 Jahr zuvor

Auf den Punkt gebracht ist es doch so, dass die wahren Umstände auf dieser Welt viel komplexer sind, als dass sie mit einer solchen Schwarz-Weiß-Malerei treffend umschrieben werden könnten.

Das heißt nun aber nicht, dass man die Wirklichkeit objektiv erfassen kann, wenn man sie nicht in Gut und Böse einteilt. Wir müssen leider in Rahmen denken, um überhaupt was vernünftiges heraus zu bekommen, und diese Rahmen basieren letztendlich auf Vereinfachungen, Annahmen (Postulaten) und Vorurteilen.

Auch ist es m.E. viel zu flach, wenn man behauptet wer das menschliche Verhalten u.a. in gut und böse unterteile denke viel zu einfach! Oder möchte man z.B. Herrn Kant und Hannah Arendt als Simpel klassifizieren?
Ich für meinen Teil habe überhaupt keinen Skrupel und sehe auch gar keine andere Alternativ, dass vieles was zur Zeit in dem besten Teutschland aller Zeiten abgeht, als sehr böse einzuordnen, gemacht von bösen Menschen und dummen Mitläufern.

Mensch
Mensch
Reply to  Heldentasse
1 Jahr zuvor

Moin Heldentasse,

schön wieder von Dir zu lesen😃

Hab‘ Dich die Tage wohl irgendwie auf dem falschen Fuß erwischt 🤔

Wie auch immer, es war jedenfalls nicht meine Absicht Dich in irgendeiner Weise zu verärgern😓

Das nur mal zur Klarstellung, nun zum eigentlichen Thema hier:

Ich für meinen Teil habe überhaupt keinen Skrupel und sehe auch gar keine andere Alternativ, dass vieles was zur Zeit in dem besten Teutschland aller Zeiten abgeht, als sehr böse einzuordnen, gemacht von bösen Menschen und dummen Mitläufern.

Das sehe ich, je nach Tagesform, genau so. An anderen Tagen, Frage ich mich durchaus auch einmal, ob diejenigen, die ich als bösartig vermutete, vielleicht doch nur gierige Schlautür sind, die nicht merken wie dumm sie einfach sind.

In der Jetzt seit bin ich aber eher der Meinung, das sie wirklich bösartig sind, denn für so dumm zu sein, dass sie nicht wissen was es bedeutet die Verfassung zu knechten um eigene Interessen durchzusetzen,gelingt es mir nicht sie zu halten.

BTW: Robertos Beispiele mit den Attentäter von Hanau und Würzburg fand ich nicht wirklich passend, ansonsten ein guter Artikel, der zum Nachdenken anregt, ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, was immer gut ist💪

Zum Attentäter von Hanau: Für mich ist es uninteressant, ob die Tat als rechtsextremistisch, als Amok oder doch als Terror eingeordnet wird. Zumal die Grenzen von Amoklauf und Terrorattentat eh fließend sind.

Der Rechtsextremismus ist sicherlich komplexer als Amokläufe bzw Terrorattentat gegen Einzelne mit Migrationshintergrund. Um einer an sich elitären und menschenverachtend en Ideologie extrem zu folgen, sind Gewalttaten allein zu Unterkomplex, um als Rechtsextremist zweifelsfrei eingeordnet werden zu können.

Was auf den Hanauer Attentäter auf jedenfalls zutrifft, ist, dass er vom Fremdenhass so zerfressen war, dass er zum Massenmörder wurde. Das Menschen, die vom Fremdenhass zerfressen sind, sich gern im rechtsextremen Umfeld bedienen, um ihren Taten eine Rechtfertigung geben zu können, ist nicht verwunderlich.

Bei solchen Menschen ist es zum
Erkenntnisgewinn wesentlich sinnvoller zu ergründen, woher der extreme Fremdenhass kommt. Von wirklichen Rechtsextremen
verführt worden, trifft sehr oft gar nicht zu. Nicht selten ist es die schon lang anhaltende gesellschaftliche Entwicklungsrichtung, die Menschen zu Extremtaten antreibt.

Die Vorliebe sich an Menschen mit Migrationshintergrund – das schwächste Glied in der Gesellschaft halt – abzuarbeiten, um allgemeine Defizite beim Regieren zu kaschieren, ist ein Spielchen, dass die, die sich für die Guten halten, selbst allzugern spielen.

Uns NRW-Armin liebt groß angelegte Razzien in Shisha-Bars, um zu zeigen, dass was gegen die kriminellen „Ausländer“ getan wird. Ganz real kommt dann dabei heraus, dass 500g unversteuerter Tabak, ein Messer mit zu länger Klinge und ein Barbetreiber der das nicht sein dürfte gefunden wurde. Wow.

Würde so großangelegt zeitgleich alle Abgeordnetenbüros auf den Kopf gestellt, würde die Ausbeute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ungeheuerlicheres ans Tageslicht gefördert werden können. Gleiches gilt für Banken, Versicherungen und bei Pharmakonzernen und der Rüstungsindustrie sowieso.

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  Mensch
1 Jahr zuvor

Ich freue mich auch was von Dir zu lesen, und hoffe weiterhin auf einen sachlichen Diskurs.

Ganz klar gibt es auch in meinem Weltbild bösartige Menschen die Gewalt anwenden um andere zu schädigen. Die schlechtesten von denen haben sogar noch Spaß daran. Aber diese sind für die Gesellschaft das kleinere Problem, relativ zu denen die im Hintergrund Böses machen. Oft ist es auch so, dass die großen Bösen die kleinen Bösen als Grund nehmen um ihre Taten zu legitimieren. Z.B. sind die aufgeführten Verbrechen für mich kein Grund für alle Freiheitsrechte einzuschränken, u.a. auch weil das Risiko durch Mord zu sterben sehr sehr klein ist.

Cetzer
Cetzer
Reply to  Mensch
1 Jahr zuvor

„je nach Tagesform“

Einfühlung ist anstrengend; Zu anstrengend, wenn man chronisch übermüdet ist, so wie viele der Politiker, die das möglicherweise als Aufopferung fürs Vaterland Gemeinwohl empfinden. Schlafmangel sollte man nicht unterschätzen, wenn das Böse so schwer zu fassen ist.

„dass was gegen die kriminellen „Ausländer“ getan wird.“

So regiert es sich halt mit der BILD-Zeitung im Genick, der AFD im Periskop und den Großspendern, die einen an den Eiern haben¹.

¹Für politische Diskussionen nach 23:00 Uhr ausnahmsweise zugelassen, gemäß Erlass der Landesmedienanstalt NRW vom 1.4.2021.

Last edited 1 Jahr zuvor by Cetzer
Brian
Brian
Reply to  Heldentasse
1 Jahr zuvor

Das heißt nun aber nicht, dass man die Wirklichkeit objektiv erfassen kann, wenn man sie nicht in Gut und Böse einteilt.

Das sehe ich ein bißchen anders. Wir können die Wirklichkeit (was ist das überhaupt ?)
gar nicht objektiv erfassen, sondern nur subjektiv. Frag mal 5 verschiedene Leute, die
an einer Diskussion, einem Konzert, einem Unfall oder sonstigem beteiligt waren nach
ihren Eindrücken und sie werden verschiedene Blickwinkel offenbaren.
Daß wir grundsätzlich erstmal in Schubladen (oder eben Rahmen) denken, da gebe ich
dir recht. Um einen Menschen, eine Situation oder sonstiges für sich einschätzen zu
können und um – etwas vereinfacht ausgedrückt – zu prüfen, ob man sich ‚in Sicherheit‘
befindet. Problematisch wird’s, wenn daraus ein Dogma wird und man nicht mehr bereit ist, auch nur einen mm davon abzurücken.
Ich würde auch immer wieder gerne davon reden, wie böse viele Menschen doch sind.
Aber es fällt mir schwer. Ihre Taten sind es allemal. Ich frage mich allerdings auch immer
wieder, was hat diese Menschen so kaputtgemacht, daß sie sich so verhalten ?
Ein Mensch, der von Anfang an wirklich geliebt wurde, hätte keinen Grund dafür.
Das soll beileibe keine Entschuldigung sein. Diese Taten sind zu verurteilen und die
Verantwortlichen müssen auch die entsprechenden Konsequenzen erfahren.
Aber wenn wir uns nicht immer wieder fragen, wie solche Taten zustande kommen und
daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen, sind wir dazu verurteilt, unsere
Fehler ständig zu wiederholen.
Und ich stimme Roberto zu : die Welt und die Vorgänge darin sind viel zu komplex, um
sie auf einfache Erklärungen herunterzubrechen.
(Wäre ein passender Titel für den nächsten Lebensratgeber-Bestseller :
Simplify your world (C) by Brian 😉)

Cetzer
Cetzer
Reply to  Heldentasse
1 Jahr zuvor

„Wir müssen leider in Rahmen denken“

So beginnt traditionell jeder Unteroffizierslehrgang der Deutschen Bundeswehr.

„Wirklichkeit objektiv erfassen“

Wenn der Lack der Zivilisation abplatzt, halten auch die Dübel der Wirklichkeit nicht mehr. Inzwischen würde ich mich nicht länger trauen, das Konzept der objektiven Wirklichkeit/Realität argumentativ zu verteidigen und wenn mein Internetzugang davon abhinge¹.

¹Laut UNESCO ist heute der Tag des Konjunktivs

ChrissieR
ChrissieR
1 Jahr zuvor

Guude!
Ich les grad von Klaus-Peter Wolf die“ Dr. Sommerfeldt“ Krimi-Trilogie. Dr.S ist nicht nur kein richtiger Arzt, sondern ein Serienmörder, der aus altruistischen Motiven mordet. Z.B. killt er alle, die das Leben seiner Freundin Beate erschweren oder Männer, die gewaltsam zu Frau und Kindern sind. Noble Motive für böse Taten…und dieser Dr.S ist mir irgendwie sehr sympathisch…..
Gut und Böse ist eben relativ. Als Busfahrerin gingen mir Radfahrer auf den Geist, wenn ich jetzt mal radfahre und mich ein Kollege bissl arg eng überholt, kriegt er den erhobenen Stinkefinger gezeigt! Alles eine Frage der Perspektive…

Mensch
Mensch
Reply to  ChrissieR
1 Jahr zuvor

„Dr. Sommerfeldt“ von Klaus Peter Wolf kenne ich noch nicht – Danke für den Tipp 😃👍

Kennst Du schon die „Frau Morgenstern und….“ Reihe (Zwei Bände IIRC bisher) von Marcel Huwyler und die „Achtsam morden…“ Reihe (Bisher drei Bände, meine ich) von Karsten Dusse🤔

Wenn nicht, könnte Dir das evtl gefallen, denn auch dort wird aus „guten“, nachvollziehbaren Gründen gekillt😉

Ich hab’s jedenfalls als Hörbücher auf längeren Autofahrten genossen🏹🥊🔨💣🗡️⚔️

ChrissieR
ChrissieR
Reply to  Mensch
1 Jahr zuvor

@Mensch
Danke für den Tip! Kenne ich noch nicht…klingt aber gut!
„Totenstille im Watt“ heisst der erste Dr.Sommerfeldt-Band, Fischer TB, über Medimops gebraucht kaufen….

Mensch
Mensch
Reply to  ChrissieR
1 Jahr zuvor

Totenstille im Watt“ heisst der erste Dr.Sommerfeldt-Band,

Hab‘ ca 2/3 durch – gefällt mir sehr🙂🙃🙂🙃

Herrlich politisch unkorrekt 🤟😃👍

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  ChrissieR
1 Jahr zuvor

Moin Chrissie,

Gut und Böse ist eben relativ.

Nach über 250 Jahren Aufklärung und Kulturentwicklung ist es so gerade nicht, zumindest auf dem Papier. Da gibt es z.B. den Kategorischem Imperativ von Herrn Kant, und der besagt: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.

Und damit verbietet es sich ganz ausdrücklich, dass die „Guten“ die „Bösen“ zu ihrem Zwecke töten! Denn wenn dies zum Gesetzt würde, würde es in de facto in Barbarei enden, so wie m.E. in unserer Kultur zur Zeit. Oder eben aus logischer Sicht in einem Parodoxum, weil so ein Gesetzt ganz klar anderen Gesetzen widerspricht.

Brian DuBois-Guilbert
Brian DuBois-Guilbert
Reply to  ChrissieR
1 Jahr zuvor

Ojemine….
Klaus-Peter Wolf… nicht gerade ein Highlight der Kriminalliteratur…aber eben Topseller. Mainstream mit Lokalkolorit. Als Buchhändler verkauft man ja gerne, aber sieht die Qualität eher skeptisch. Nun ja – jedem das Seine. Ich sage ja auch nichts, wenn Menschen mit Unverständnis das Haupt schütteln, wenn ich zu der Schwedenband „Ebony Tears“ wahre Gänsehautstürme bekomme…..
Euch angeraten würde ich gern demütigst auf Wolfgang Schorlau aufmerksam machen, der wahre Begebenheiten, extrem gut nach recherchiert in seinen Politthrillern verarbeitet. Das hat Niveau UND Spannung !

Last edited 1 Jahr zuvor by Brian DuBois-Guilbert
Percy Stuart
Percy Stuart
1 Jahr zuvor

Man darf den Dualismus ja nicht nur als schwarz und weiss sehen oder gut und böse. Beides sind ja nur die Grenzen die er setzt zwischen denen wir uns befinden. Jeder Mensch ist gut und jeder Mensch ist böse, im meisten Fall befinden wir uns irgendwo dazwischen. Das Gute kann ich nicht verstehen ohne das Böse zu kennen.

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  Percy Stuart
1 Jahr zuvor

Ganz klar der Mensch kann beides! Im Grunde es das was uns zum Menschen macht!

Das #Gute und das #Böse (Erich #Fromm)

Jau
Jau
Reply to  Heldentasse
1 Jahr zuvor

Danke, Heldentasse.
Und natürlich auch bei Roberto für Text und Madeira-Foto bedankt.

Zur 61. Sitzung:
-We´ll catch you ´cause we can-
https://www.youtube.com/watch?v=s8l-jiC_oFw
Vom 16.07.2021; 6h 20; ab ungefähr der 12. Minute

Last edited 1 Jahr zuvor by Jau
TWASBO
1 Jahr zuvor

Gute Reflexion über ein wichtiges Thema! Die letzte Beobachtung – Wasser predigen und Wein saufen – wäre dann eigentlich der Cliffhanger für Teil 2: Qui bono? Und auch da wäre man in den USA, nicht nur ihren Universitäten, auf der richtigen Spur zum Ursprungsort: Big Tech, Big Pharma, Big Money profitieren gewaltig vom Dualismus des neuen Denkens, von der Kohortenbildung, vom Aufhetzen der Guten gegen die Bösen. Wenn sie uns alle atomisiert, kategorisiert und kanalisiert haben, werden wir hübsch um unsere kleinen Privilegien betteln – gern auf Kosten der „Bösen“. Dafür werden wir nie auf die Idee kommen, uns gegen sie zu solidarisieren. In dem spätkapitalistischen Endspiel, das nun beginnt.
Eine Anmerkung noch: Das Wort „Amoklauf“ passt auf Hanau ganz bestimmt nicht. Amokläufe sind nie geplant, sie entstehen aus einem Kurzschluss heraus. Dieses Verbrechen hingegen war planmäßig vorbereitet. In wieweit Würzburg ein Amoklauf war, vermag ich nicht zu beurteilen. Sollte „psychische Krankheit“ nicht nur eine Chiffre sein, dann könnte es auf einen A. hinweisen.

Cetzer
Cetzer
Reply to  TWASBO
1 Jahr zuvor

„Wasser predigen und Wein saufen“

Impfen predigen und Kochsalzlösung spritzen

bader
bader
Reply to  Cetzer
1 Jahr zuvor

Sicherheit verspreche und Kontrolle damit meinen

Cetzer
Cetzer
1 Jahr zuvor

Wer but und göse verwechselt, muss zur Strafe:
Ein Parteiprogramm seiner Wahl auswendig lernen, im Wiederholungsfall das der CDU.
Den Restdiskurs einer Talkshow durch hundert bunte Zwischentöne unsendbar machen, im Wiederholungsfall trotz Lauterbach auf Ritalin.
Einem Alien von Beteigeuze die Animosität zwischen Frankfurt und Offenbach erklären, im Wiederholungsfall die zwischen Köln und Düsseldorf.
Mit einer Vuvuzela 99 schillernden Seifenblasen aus geronnenem Moralin den Odem einhauchen, im Wiederholungsfall das Moralin vorher dem Lauterbach abzapfen.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Cetzer
1 Jahr zuvor

LOL 😀

ShodanW
1 Jahr zuvor

Danke für den Artikel!

Moral ist Wunschgedanke, nichts weiter. Oft konterkariert das Tun den Gedanken, und ich glaube, das scheint bei uns aktuell ein großes Problem zu sein. Viele denken nur an ihr Image, geben sich politisch korrekt, verhalten sich aber nicht selten sehr undifferenziert, zuweilen autoritär und somit auch nicht anders als die alten, verknarzten Nachkriegspapas, die ihre Kinder schlugen. Da sie es heute nicht mehr dürfen (weil sich selbst und anderen verordnet), benutzen sie halt psychischen Druck. Ist das besser? Ganz sicher nicht. Es ist sogar noch schlimmer, weil man als Betroffener nur langsam verletzt wird und die Heilungsphase gar nicht einleiten kann. Und im großen Gesellschaftsgefüge wird es immer noch tabuisiert. Selbst der Incel-Aspekt beim Hanau-Täter wird so nicht thematisiert, sonst macht man ja den Täter zum Opfer und müsste sich als Scheinunbeteiligter noch selbst eine Mitschuld geben.

Dazu wieder eine kleine Anekdote: Ich habe vor Jahren in einer Firma angefangen gehabt, in der sich zuvor jemand umbrachte. Es stellte sich heraus, dass sie massiv gemobbt wurde. Es wurde dann von einer höheren Mitarbeiterin im Team verkündet, dass sie gestorben war. Die einzige Reaktion darauf: „Was bedeutet das für uns?“

Ich war also vorgewarnt gewesen. Danach haben sie mich gemobbt. Weil ich ihnen bzw. Einzelnen nicht in den Kram passte. Ich muss fast schon behaupten, dass ich Glück hatte, dass ich da lebend wieder rauskam. Es hat lange gedauert, bis ich das verdauen konnte.

bader
bader
1 Jahr zuvor

Gut und Böse sind, philosophisch gesprochen, höchst ungeeignete Kategorien, die Welt einzuteilen.
Was für den einen gut, ist böse für den andern.

Beispiele gefällig? Eine riesige Überschwemmung ist für die davon Betroffenen höchst böse, für Politiker im Wahlkampf ist sein ein wahres Gottesgeschenk.

Impfseren högen manchem böse unter die Haut gehen, für die herstellende Pharmaindustrie, gerade wenn sie vorher auch noch wichtige Schaltstellen eines verwaltenden Staatswesens unter ihre Kuratel gebracht hat, sind sie das beste was ihr passieren kann. Endlich sind auch die Gesunden ihre Kunden, man musste sie nur umdefinieren.

Von allem denkbaren Bösen profitiert immer irgendwer. Tatsächlich ist es allenfalls eine Frage der Perspektive.
Es taugt bestenfalls um Freund und Feind zu unterscheiden, aber meist noch nicht einmal, um nennenswerte Solidarität herzustellen

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  bader
1 Jahr zuvor

Gut und Böse sind nicht die Kriterien mit der die Philosophie die ganze Welt einteilt, sondern wenn überhaupt sind es Gegenpole der Ethik, ein Leitfaden zur Positionsbestimmung, u.a. wenn man selbst Entscheidungen trifft die andere Menschen betreffen.

Überschwemmungen oder Impfseren können für sich nicht böse sein, aber wenn z.B. Impfungen zum Schaden der Menschen aus schnöder Gewinnsucht oder noch tieferen Abgründen heraus verabreicht werden, ist das schon sehr böse, m.E.

Brian
Brian
Reply to  Heldentasse
1 Jahr zuvor

Gut und böse sind schlicht und ergreifend Einteilungen/Kategorisierungen,
die der Mensch vornimmt. Die mögen durchaus plausibel sein, aber wie hier
schon richtig angemerkt wurde, sind es die Dinge/Situationen/Taten erstmal
nicht; es kommt halt auf die Perspektive an.
So lächerlich mir das persönlich erscheint, aber meine Entscheidung, mich weder testen und spritzen zu lassen und sehr viele Dinge dieses langwährenden Irrsinns infrage zu stellen, könnte von manchen als böse
angesehen werden.

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  Brian
1 Jahr zuvor

aber wie hier

schon richtig angemerkt wurde, sind es die Dinge/Situationen/Taten erstmal

nicht; es kommt halt auf die Perspektive an.

Das ist ein ganz wesentlichen Dingen, wie z.B. den Menschenrechten, der UN- Charta und auch dem GG gerade nicht so, dass es auf die Perspektive ankommt. Es war eine sehr große kulturelle Leistung der Menschheit, dass man sich gewissermaßen auf Mindeststandards des miteinander geeinigt hat! Das hat man gemacht, weil vorher unendlich viel Blut und Leid durchgemacht werden mussten, um auf diese Standards zu kommen, und diese Standards weiteres Leid und Blutvergießen verhindern sollen.

Das die Barbaren die nun unterhöhlen, zu ihren eigenen Nutzen „kreativ“ auslegen, oder gar ganz abschaffen wollen, steht auf einem anderen Blatt.

Es gibt auch durchaus sinnvolle regeln im kleinen, z.B. im Kontext der heiligen Corona- Sumpfung den Nürnberger Kodex, der zumindest gilt solange eine Sumpfung nicht nur bedingt zugelassen (=Notzulassung) ist, m.E.

ShodanW
Reply to  Heldentasse
1 Jahr zuvor

Die Perspektive auszulassen und allgemeingültige Gesetze zu schaffen ist wahrlich nicht einfach. Das GG bietet in dem Zusammenhang den richtigen Rahmen, verliert aber schnell in der Perspektive des Einzelnen an Bedeutung, das Subjektive ersetzt den neutralen Wert des GG. Heute ist es nun noch anders, und dadurch auch gefährlich: Man koppelt Gut/Böse an die Empirie. „Die Wissenschaft“ – das hört man so oft, dass das nach dem deutungshohen Narrativ Subjektive seinen Stellenwert verliert, weil man mit Daten und Zahlen versucht, etwas Unerschütterliches zu schaffen. Also ist das GG nach deren Erhebung schwach. Man braucht dann nur noch die Mächtigen, die das exekutiv erhalten können. Da die Schwachstelle zu finden und an ihr effektiv zu sägen ist wirklich schwierig, und so können wir dann nur noch in unserer subjektiven, nostalgischen Sichtweise an der alten Grauzone festhalten.

Wir sind im Endeffekt nur noch Mittel zum Zweck, egal ob das nun gut oder böse ist. Die Perspektive interessiert nicht, man braucht nur Mehrheiten, die das zahlenmäßig legitimieren. Das Stimmverhalten bei Umfragen ist dabei immer interessant. Da ist das Verhältnis sogar egal, Hauptsache, man hat die Mehrheit hinter seiner Meinung. Ob das dann 25:75 oder 56:44 Prozent ist, wird dann unterschlagen. Wenn also in dem Ausmaß Maßnahmen gewollt sind, dann wird es auch gemacht. Der Rest ist der Dumme.

Jau
Jau
Reply to  ShodanW
1 Jahr zuvor

Wir sind im Endeffekt nur noch Mittel zum Zweck, egal ob das nun gut oder böse ist.

Diesem ´Wir´ schließe ich mich nicht an. Nö, danke schön.

ShodanW
Reply to  Jau
1 Jahr zuvor

Das gilt natürlich für das verallgemeinerte, abstrakte Wir.

Pen
Pen
Reply to  ShodanW
1 Jahr zuvor

Nö. Wir sind der Zweck.

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  Pen
1 Jahr zuvor

Wir sind sogar Selbstzweck.

Wolfgang
Wolfgang
1 Jahr zuvor

Tja… alles nicht so einfach… oder doch?

Meiner Ansicht nach ist „Moral“ eine anscheinend ziemlich eilig zusammengepfuschte „Erfindung“ der Menschheit. Gedacht war sie (die Moral) einst sicherlich, um das „Aussterben“ der jeweils eigenen Gruppe (oder „Stamm“), so gut es eben geht in Anbetracht der äußeren Umstände, zu verhindern. Ein paar Beispiele:

wenn Dich ein Stammesmitglied ärgert, schlag ihm nicht mit Deiner Steinaxt den Schädel ein. Dann endet dessen Leben und er oder sie kann kein weiteres Leben schaffen. Das ist „böse“!Nimm keinem Stammesmitglied das Essen weg. Hunger kostet Leben. Böse!Wenn ein Stammesmitglied in Lebensgefahr gerät, hilf! Das ist gut!Wenn Du Essen mit dem teilst, der wenig oder gar keins hat, dann ist das gut!
Nur ein paar Beispiele, aber wenn man sich mal das Verhalten der Leute in den letzten Jahrzehnten ansieht, welches sie beim Eintritt irgendwelcher Katatstrophen an den Tag leg(t)en, kann man sich gut vorstellen, daß diese Art der „Moral“ eigentlich ganz gut funktioniert(e). Das scheint gaaanz tief in uns verankert zu sein.

Bis zu dem Tag, an dem irgendjemand auf die Idee kam, sich mit Hilfe dieser Moral Vorteile gegenüber den anderen zu verschaffen, indem er (oder sie!) jemand anderes überzeugend als „böse!“ hinstellte. „Götter“ halfen bei diesem sinistren Unterfangen sicher ungemein…

Seitdem wird „Moral“ überwiegend dazu genutzt, sich innerhalb des „eigenen Stamms“ Vorteile zu verschaffen. Entweder auf Kosten der Stammesmitglieder oder auf Kosten eines anderen „Stamms“. Und der gierige, dumme Stammes-Mensch mit geringem Überblick und soziopathischen Zügen macht da nur zu gern mit…

Was „Politik“ angeht, so bin ich nach wie vor der Überzeugung, daß Politik die Fortsetzung (oder meinetwegen eine Abspaltung) der Religion mit (nur leicht) anderen Mitteln ist. „Götter“ findet man bei beiden, nach wie vor.

Die Ähnlichkeiten sind eigentlich auch kaum zu übersehen: beide wollen zu Beginn „Gutes“ für alle Menschen. Sie beschwören „Götter“, denen alle Mitglieder des Stammes (und noch möglichst viele andere Menschen anderer Stämme) folgen sollten, wenn sie „Gutes“ für ihr Leben auf dieser Welt erhoffen. Und das funktioniert zuerst auch recht gut.

Im Laufe der Zeit, wenn sich genug gierige, dumme Menschen gefunden haben, die dem „gemeinsamen Ziel des Stammes“ folgen, aber die jeweils eigene Stammes-Moral vor allem dazu nutzen, sich selbst Vorteile nach Innen und Außen zu verschaffen, beginnt die Sache über die Kante zum Abgrund hin zu kippen. Sie wird „Böse“. Andersgläubige bekämpft, evtl. sogar getötet, abweichende Gedanken öffentlich zu äußern wird verboten…

Der (durchaus zulässige!) Vergleich zwischen den Morden in Hanau und Würzburg zeigt das so gut, wie kaum ein anderer Vergleich.

Es ist mir übrigens Hupe, ob ich danach als „rechtsextrem“, „Nazi“ oder wegen mir auch „Unmensch“ bezeichnet werde. Oder irgendwer mein „Kumpel im Geiste“ werden will. Diejenigen, die das tun, zeigen nur, daß sie mich nicht kennen. Und Menschen, die mich nicht kennen (und umgekehrt, die ICH nicht kenne) sind mir recht gleichgültig. Also, offenbart ruhig, welcher „Religion“ ihr so anhängt 😉

Zurück zum Vergleich: WO exakt findet sich der Unterschied in den Taten? Im Ergebnis wohl kaum, denn das ist EXAKT das Gleiche: Menschen verloren ihr Leben. Wurden „dem Stamm entrissen“. Da die meisten Menschen das als „Böse“ empfinden (in der simpleren, naturverbundeneren Form unsrer „Moral“), gehören die Täter bestraft. Hautfarbe, Herkunft, Motiv, politische Orientierung oder Religion sollten dabei eigentlich keine Rolle spielen.

(kleiner Einschub: hier wird das offensichtlich, was der Autor des Artikels damit meinte, daß diese dualistische Moral, die viele Leute derzeit so hingebungsvoll pflegen, die Lebenswirklichkeit nicht mal annähernd einzugehen vermag. Wer bitte hat denn tatsächlich das Recht, einen „Täter“ zu bestrafen? Worauf gründet dieses vermeintliche Recht? Welche Strafe ist denn moralisch vertretbar? Kopf ab? Findet die derzeitige saudische Elite sogar sehr moralisch vertretbar. Der gemeine Euopäer im Allgemeinen weniger. Beide „Stämme“ haben jeweils den eigenen Vorteil und, zu weit geringerem Maß, das Wohlergehen des eigenen Stammes im Blick. Aber wer von beiden steht jetzt „moralisch höher“? Der Täter, oder der, der, um einen Täter zu bestrafen, selbst zum Täter wird? Gute Frage, oder?)

In der, wie ich es nennen würde, zivilisatorisch-religiös pervertierten Form dieser eher natürlichen Moral (manchmal wird sie in dieser pervertierten Form auch „Doppel-Moral“ genannt) spielen diese Faktoren (gern in Kombination, notfalls aber auch einzeln) inzwischen DIE Rolle schlechthin. Beispiele gefällig?

Der Täter hat „weiße“ Haut und hat irgendwann in der Vergangenheit sein Mißfallen an Menschen mit „schwarzer“ Haut geäußert? Der ist ein Nazi, und gehört mit äußerster Härte bestraft! Alle, die ebenfalls ihr Mißfallen gegenüber Menschen mit „schwarzer“ Haut geäußert haben, sind somit ebenso Nazi und „Täter“ und gehören mit Stumpf und Stiel ausgerottet! So einfach ist das! Wir sind mehr!

Der Täter hat, auch bzw. gerade von der Motivlage her betrachtet, exakt das Gleiche getan, ist im Unterschied zu Vorgenanntem aber mit „schwarzer“ Haut „gesegnet“? Bedauerlicher Einzelfall, bestimmt durch die Umstände seiner unvermeidlichen Flucht traumatisiert, als (hier beliebige nicht-christliche Religion einsetzen) hierzulande sowieso inhärent benachteiligt, benötigt Hilfe. NATÜRLICH sind alle weiteren Menschen dieses Typus KEINESFALLS damit gleichzusetzen. Die Welt ist doch viel zu kompliziert für so simple Ansätze. Man muß doch auch mal die Umstände betrachten!

Im Anschluß mal die Hautfarben tauschen. Dann hat man beide Seiten der „Moral“ gebührend genug betrachtet.

Ich denke, das eigentliche Problem wird einigermaßen klar.

Immer dann, wenn die, wegen mir nenne man sie „Naturmoral“, zum Vorteil eines Individuums innerhalb einer Gruppe oder zum Vorteil einer Gruppe innerhalb einer noch größeren Gruppe oder gegenüber einer „äußeren“ Gruppe zur „Doppel-Moral“ pervertiert wird, wird, im wahrsten Sinn des Satzes, Scheiße in den Ventilator geschmissen und verteilt sich dann über alle, die vor dem Ventilator stehen. Der Gestank wird irgendwann unerträglich und irgendwer schreit nach dem Dampfstrahler (auf gut Deutsch: Krieg. Ob zwischen oder innerhalb von Nationen ist im Ergebnis ziemlich egal. Alles wieder auf Anfang, nächster Versuch. Natürlich erst nach dem Verscharren der vielen, vielen Leichen). Das ist ausschließlich eine Frage der Zeit, die die „natürliche Moral“ hatte, um sich zur vollen Blüte der „Doppel-Moral“ zu entfalten. Mal dauert´s nur wenige Jahre, manchmal Jahrhunderte. Aber irgendwann knallt´s.

Jetzt kämen in der angesichtlichen Diskussion sicher die ersten Entgegnungen alá „Schlaumeier! Dann nenn doch die Lösung, wenn Du doch alles über Moral weißt! Du als alter weißer Mann hast doch keine Ahnung…“.

Die Antwort? 42…

Ihr Schlaumeier, ja, die Welt IST NICHT SO SIMPEL! Es gibt nicht für jedes Problem eine Lösung, die das Problem endgültig und ein für alle Mal aus der Welt schafft. Es ist gleichgültig, ob jemand „Gut“ oder „Böse“ ist. Hier ist nicht Mittelerde! Es reicht nicht, ´nen billig vergoldeten, aber fein ziselierten Ring in den Stromboli zu schmeißen und alles wird licht und schön!

Wer in der kurzen Zeit, die er auf dieser Welt verbringt, wenigstens ein Mal die Augen offen halten kann, kann das eigentlich nicht übersehen!

Diese Welt ist (zumindest für den derzeitigen Menschen) voller (wahrscheinlich) unauflösbarer Widersprüche. Alles, was wir derzeit tun können, ist, einen möglichst guten Kompromiss zu finden, und darum zu ringen, daß der nicht so wahnsinnig schnell in sein „böses“ Alter Ego verdreht werden kann. Oder, anders ausgedrückt, für den nicht nach kurzer Zeit viele Menschen ihr Leben verlieren müssen.

Das bedingt gleichzeitig, daß diejenigen, die einen bestimmten Kompromiss leben möchten, diesen anderen Menschen, die lieber einen anderen Kompromiss leben möchten, nicht aufzuzwingen versuchen.

Das ist nämlich wie Scheiße in ´nen irre großen Ventilator schmeißen. Ich gewinne immer öfter den Eindruck, daß viele Menschen einen recht perversen Gefallen daran finden, Scheiße in einen irre großen Ventilator zu schmeißen. Nur: wie hält man die davon ab? Geht das überhaupt? Was meinen die „Guten“ denn dazu? Geht das überhaupt? Also ich meine, ohne selbst Scheiße in den Ventilator zu schmeißen?

Wenn man denn einen guten, brauchbaren Kompromiss findet, erwarte man aber nicht, daß der Kompromiß bis in alle Ewigkeit funktionieren wird.

Es gibt IMMER mindestens einen Menschen, der irgendwann damit beginnt, den dereinst gefunden Kompromiss zu verdrehen, um persönlichen Vorteil daraus zu ziehen und der damit auch erfolgreich ist. Spätestens in dem Moment ist das Ende des Kompromisses sicher. Nur die Frage „Wann?“ ist nicht so eindeutig zu beantworten, denn das hängt von vielen, vielen, vielen Faktoren ab, auf die wir wenig oder gar keinen Einfluß haben.

Derzeit sieht es recht stark danach aus, daß der hierzulande aktuelle Kompromiss seinem baldigen Ende entgegen geht. Es bleibt nur zu hoffen, daß die Leichenberge danach nicht so wahnsinnig hoch wie beim letzten großen „Schmeiß´ Scheiße in den Ventilator!“-„Festival“ ausfallen.

Allzu groß ist meine Hoffnung inzwischen aber nicht mehr. Zu viele Menschen mit verschlossenen Augen. Auf allen Seiten.

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  Wolfgang
1 Jahr zuvor

Es gibt beliebig viele Moralen und Vorstellungen dazu, schlimmstenfalls so viele wie es Menschen gibt. Aber lange nicht jede davon ist sinnvoll bzw. auch wertvoll, und die Ehtik versucht mit geisteswissenschaftlichen Methoden da Ordnung hinein zu bringen.

Man sollte sich m.E. übrigens mit Händen und Füßen dagegen wehren, alles moralische der Beliebigkeit zu opfern dahingehend, dass jede Moral gleich viel Wert ist oder auch gar nichts von Wert. Denn alleine schon als Grundlage dafür, dass die Fehler der Vergangenheit nicht noch mal gemacht werden, taugt eine gute/ humanistische Moral. Und wenn man gar nichts aktuelles finden lässt. nimmt man halt hilfsweise die Bergpredigt als Skala.

Wolfgang
Wolfgang
Reply to  Heldentasse
1 Jahr zuvor

Darauf wollte ich hinaus… vielleicht sollten wir es mal damit versuchen, die vielen, vielen unfassbar verästelten „Moralen“ zurückzuschneiden und mal zu schauen, wie die sich dann nach dem „Rückschnitt“ „verwachsen“, statt wieder und wieder alles und Alle in Schutt und Asche zu legen und darüber die „Ethik“ schlicht zu opfern…

Wobei ich inzwischen ein echtes Problem damit habe, „Geisteswissenschaften“ und „Ordnung“ in einem Satz zu nennen. Die verschiedenen Moral-Dilemmata und das zugehörige Chaos haben wir vor allem den „Geisteswissenschaften“ und deren relativ aktuellen Auswüchsen (aka „Methoden“) zu verdanken. Auch da ist eine gewisse Ähnlichkeit zu „Religion“ nur schwer abzustreiten. Die Folgen sind ja auch ziemlich ähnlich.

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  Wolfgang
1 Jahr zuvor

Ich denke man muss gar nicht mehr soviel machen und nach schneiden, „nur“ ein „wenig“ denken. Herr Kant hat m.E. u.a. für unseren Kultukreis die Grundlage gelegt, andere Größen haben es erweitert und modernisiert. Was man braucht, meiner Person inkl., sind Mittler die einem verdeutlichen was diese Größen eigentlich meinten.

schwitzig
schwitzig
1 Jahr zuvor


ich muss das einfach mal schreiben:-). Wenn ich zu Spiegelfechter-Zeiten Deine Beiträge oft grenzwertig fand und Dir gegenüber nicht immer höflich war, finde ich mittlerweile Deine Beiträge überwiegend als bereichernd und Denkanstöße offerierend. Vielleicht liegt es auch an zusätzlichen Erfahrungswerten von mir – wer weiß:-). Ist auch nicht wichtig – ich wollte nur mal Danke sagen. Klar, Echokammer usw,, aber ich finde Deine Arbeit auch gut, wenn ich Deine propagierten Ansichten nicht teile.
Jörg macht meiner Ansicht nach bis auf den Hut auch einen guten Job!

Robbepiere
Robbepiere
Reply to  Roberto J. De Lapuente
1 Jahr zuvor

@Roberto J. De Lapuente

Und ich finde seinen Hut sehr gut. Gefällt mir. Habe kurz nachgedacht, mir denselben anzuschaffen.

Lass es lieber.
Der Hut an sich ist nicht schlecht, aber er glänzt wie eine Speckschwarte. Das Modell „Stan Laurel“ stünde ihm m.M.n. deutlich besser.

Für dich könnte ich mir die Variante „Don Camillo“ gut vorstellen 🙂

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Roberto J. De Lapuente
1 Jahr zuvor

@Roberto J. De Lapuente

Hab mir gstern nochmal eine Episode angeschaut und tatsächlich….der glänzt auch.
Das ist vermutlich der eingebaute Heiligenschein.

Der Hut allein reicht, Monsignore. 😀

Brian DuBois-Guilbert
Brian DuBois-Guilbert
Reply to  Robbepiere
1 Jahr zuvor

@ Rob

…wie wäre es mit Ben Johnson´s Hut in „Rio Grande“ …?
Tom schaut mit seinem Hut schon echt ein wenig aus wie der echte William Bonney….mit Verlaub gesagt…. 😉

Lockdown-Moellmann.jpg
Brian
Brian
Reply to  Brian DuBois-Guilbert
1 Jahr zuvor

Oder wie wäre es mit dem Zylinder von Groucho Marx ?

Brian DuBois-Guilbert
Brian DuBois-Guilbert
Reply to  Brian
1 Jahr zuvor

@Brian
schmunzel….mit einem Bowler-Hat wie Pan Tau ihn trug, könnte er noch mehr verändern…

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Brian DuBois-Guilbert
1 Jahr zuvor

@Brian DuBois-Guilbert

Genau, Merkel in Miss Piggy. 🙂