Der Gipfel

Der NATO-Gipfel wird in deutschen Medien abgefeiert. Ein Signal an Putin sei es gewesen, man habe Einheit demonstriert und auch sonst ist eigentlich alles töfte. Ein starkes Bündnis. Die Türkei hat zugestimmt, die Blockadehaltung hinsichtlich der Aufnahme Schwedens in die NATO aufzugeben. Der Mainstream jubelte. Ätsch, man hat es Russland gezeigt.

Allerdings gab es außer einer mündlichen Zusage Erdogans erstmal nichts Konkretes. Vermutlich wird es auch dabei bleiben, denn inzwischen redet die Türkei lediglich von einem Fahrplan, der Schweden zu einer NATO-Mitgliedschaft führen könnte. Vor Oktober sei ohnehin nicht mit einer Entscheidung zu rechnen, teilt die türkische Regierung  mit.

Das Problem lösen, indem man an der Ursache festhält

Vermutlich hat Erdogan auf Druck einfach das gemacht, was erfahrene Politiker gerne machen. Etwas zusagen, ohne die Absicht zu hegen, sich an die Zusage zu halten. Es gibt für den plötzlichen Meinungsumschwung Erdogans keinerlei Grundlage. Weder hat sich Schwedens Haltung zur PKK geändert noch hat sich die EU plötzlich gegenüber einem Beitritt der Türkei geöffnet. Man sollte daher nicht überrascht sein, wenn es mit dem schnellen Beitritt Schwedens zur NATO dann doch erstmal nichts wird. Erdogan ist ein alter Hase. Er weiß, dass es kein Gericht gibt, vor dem sich das von ihm gemachte Versprechen einklagen lässt. Vermutlich wollte er nur zwei Tage lang nicht ständig von irgendwelchen NATO-Heinis zugelabert und bedrängt werden.

Der ukrainische Präsident hat dafür die NATO-Heinis zugelabert. Er will sein Land unbedingt in der NATO haben, wegen der russischen Bedrohung und so. Wer vor dem aufgeführten Theater in Vilnius einen Schritt zurück tritt und überlegt, warum es zum Konflikt in der Ukraine kam, wird auf einen erstaunlichen Zusammenhang treffen. Der Konflikt wurzelt im Wunsch der Ukraine, in die NATO aufgenommen zu werden und in der Zusicherung der NATO, diesem Wunsch auch entsprechen zu wollen – irgendwann jedenfalls. Gemacht wurde dieses Versprechen zum ersten Mal 2008 auf dem NATO-Gipfel in Bukarest. Nach Auffassung Russlands bedroht eine Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO aber die Sicherheit Russlands. Man möchte ein Problem dadurch lösten,  in dem man an der Ursache des Problems festhält, ist die zentrale Botschaft des NATO-Gipfels.

Die NATO will keinen Frieden

Denn man kann bei dieser Gemengelage eigentlich davon ausgehen, dass ein Verzicht der Ukraine auf eine Mitgliedschaft in der NATO dazu führen würde, dass der Konflikt sich auflöst. Würde die Ukraine obendrein davon Abstand nehmen, alle Russen töten zu wollen und deutlich signalisieren, keinen Genozid an den Menschen im Osten des Landes zu begehen, wäre wohl recht zügig wieder Frieden in Europa. Aber genau das alles will man natürlich nicht, denn dann sähe es ja so aus, als hätte Russland seine Interessen durchgesetzt. Also bleibt man stur.

Die Ukraine hat einen Platz in der NATO versichert man – zumindest irgendwann. Bis dahin liefert man Waffen und verheizt die Ukraine nach Strich und Faden. Das ist im Kern das Ergebnis des NATO-Gipfels. Ach ja, man rüstet noch auf auf Teufel komm raus und stationiert einen Haufen Militär und Gerät an der Grenze zu Russland. Damit ist auch klar, die in der NATO versammelten Länder wollen keinen Frieden. Außer vielleicht die Türkei, denn die war bereits im vergangenen Jahr Ort für Verhandlungen und bietet sich weiterhin als Mittler an. Und Ungarn ist auch nicht wirklich Feuer und Flamme für Krieg. Sowohl Orban als auch Erdogan sind aber laut deutschen Medien die bösen Jungs. Spätestens an dieser Stelle sollte man sich dann aber fragen, was mit den deutschen Medien eigentlich nicht stimmt.

Die Dystopie der NATO

Dass die NATO ein vor allem gegen Russland gerichtetes Militärbündnis ist, war noch nie so deutlich wie auf dem gerade zu Ende gegangenen Gipfel. Dass die Mitgliedsstaaten der NATO keinen Frieden in Europa wollen, ebenfalls. Zumindest dann nicht, wenn Russlands Sicherheitsinteressen dabei irgendwie berücksichtigt werden. Das verheißt für die Zukunft nichts Gutes. Entweder macht die NATO Russland platt, zerstört die Staatlichkeit des Landes, setzt dort ein Marionettenregime ein und zwingt es unter die westliche Knute oder der Krieg wird zum Dauerzustand in Europa mit dem Potential sich zu einer nuklearen Konfrontation auszuweiten. Eine tolle Perspektive, die von den westlichen Staatenlenkern ihren Bevölkerungen eröffnet wird.

An einer Niederlage aber hat inzwischen nicht nur Russland kein Interesse. Den Ländern des globalen Südens ist klar, sollte Russland verlieren, bedeutet das, die Dominanz des Westens würde noch lange erhalten bleiben. In der Ukraine geht es schon längst nicht mehr nur um die Ukraine oder einen einfachen Stellvertreterkrieg, sondern um den Kampf zwischen westlicher Hegemonie und multipolarer Weltordnung. Der Westen darf nicht gewinnen und wird es wohl auch nicht, denn die Solidarität der Welt außerhalb des kollektiven Westens ist auf Russlands Seite – auch wenn sich das in den deutschen Medien nicht so anhört.

Die Ukraine wird verheizt

Was dann eventuell doch noch zu einer vergleichsweise zügigen Beilegung des Konflikts führen könnte, ist die Tatsache, dass der Ukraine die Männer im wehrfähigen Alter ausgehen. Das mag man zynisch finden, aber es entspricht leider den Tatsachen. Die ausufernde Praxis der Zwangsrekrutierungen deutet jedenfalls darauf hin. Die Ukraine ist vermutlich bereits in der Agonie.

Dass die NATO durch ihre Hinhaltetaktik international nicht gerade an Ansehen gewonnen hat, muss man wohl nicht extra erwähnen. Die NATO hat in der Ukraine gezeigt, zu welcher Grausamkeit sie fähig ist. Sie hat ein ganzes Land verheizt. Die Friedensverhandlungen im verangenen Frühjahr wurden sabotiert, es wurden Waffen geliefert und die Ukraine in einen aussichtslosen Krieg gedrängt. Das scheint inzwischen auch Selensky zu dämmern. Er bekam von der Geschichte die Rolle zugespielt, sein Land für die Interessen des Westens zur Schlachtbank zu führen. In einigen Momenten auf den NATO-Gipfel in Vilnius sah es so aus, als würde diese Erkenntnis bei ihm reifen. Die Ukraine erbringt das größte Opfer. Vielleicht dämmert es Selensky, was er seinem Land angetan hat. Ob er über einen Charakter verfügt, diese  Erkenntnis in die entsprechenden Handlungen  umzusetzen, ist natürlich schwer zu sagen. Aber es gibt einen Hauch von Hoffnung.

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Gert-Ewen Ungar

Gert Ewen Ungar legte sich kurz nach dem Abi sein Anagramm zu. Er und seine Freunde versprachen sich damals bei einem Kasten Bier, ihre Anagramme immer für kreative Arbeiten zu verwenden. Dass sein Anagramm jemals mehr als zehn Leuten bekannt werden würde, war damals nicht abzusehen und überrascht ihn noch heute. Das es dazu kam, lag an seinem Blog logon-echon.com. Mit seinen Berichten über seine Reisen nach Russland stiegen die Zugriffszahlen und es entwickelte sich eine Zusammenarbeit mit RT DE. Anfang 2022 stieß er zu den neulandrebellen und berichtet über Russland, über Politik, über alles Mögliche.

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17 Gedanken zu „Der Gipfel

  • 14. Juli 2023 um 8:51
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    Osterweiterung war eh doof

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  • 14. Juli 2023 um 12:39
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    Wieso? Es läuft doch wie geschmiert!! Den westl.Oligarchen ist es doch sch…egal wo und wie sie Knete herbekommen!! (Wie unter Klerikalen und Adeligen immer schon)
    a) wird gerade Altmetall massiv günschtig entsorgt (ja auch die Streubomben)
    b) kann neu aufgerüstet werden
    c) ist Ukraine ein geniales Testfeld der Technokraten
    d) ist seit dem „war on terror“ schon lange auch ein Kampf gg die eigenen Bevölkerungen entbrannt (Corona Massnahmen haben da endgültig den Durchbruch gebracht)
    c) Kriege schafften immer schon unglaubliche Gewinne auf Seiten der Oligarchen (weswegen ja mal eine Arbeiterschaft grundsätzlich gg Krieg war: denn sie werden verheizt nicht die Kinder der Menyks/Zelenskis/Soros/Gates und Co!)

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    • 14. Juli 2023 um 14:53
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      Dazu kommt der Verkauf großer Teile der landwirtschaftlicher Flächen an sogenannte Investoren wie Bayer/ Monsanto und Cargill die dann „schön“ Gentechnik- Pflanzen testen können.
      Den Auftrag für den Wiederaufbau der Ukraine hat sich ja bereits BlackRock gesichert, im Gegenzug hat man bereits jeden Nagel an diese „Firma“ verpfändet/ überschrieben.
      Die Ukraine hat mit ihrem angeblichen Kampf um die Freiheit genau diese verloren.

      „Sklava Urkaina! ihr Idioten“ möchte man rufen.

      Erdogan baut einen Türken.
      Einerseits hat er noch ne Menge „Flüchtlinge“ im Land, wobei die Türken bereits meutern ob der „Überfremdung“. Andererseits wird die Türkei gerade ein Verteilerdrehpunkt für russisches Erdgas, ohne das Europa einfach nicht funktionieren kann. Egal wieviele Solarpanele oder Windmühlen die Grünen aufstellen.
      Obacht beim türkischen „Gemüsehändler“, die sind nicht so doof wie der deutsche Akademiker meint. 😉

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      • 14. Juli 2023 um 18:18
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        „Den Auftrag für den Wiederaufbau der Ukraine hat sich ja bereits BlackRock gesichert…“

        Ich denke, die haben da die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und der Wirt heisst in diesem Fall Russland.

        Antwort
        • 14. Juli 2023 um 18:43
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          Länder mit ungelösten Dauerkonflikten dürfen nicht aufgenommen werden. Die Ukraine gehört nach Ost und West, kein Vergleich zum Baltikum.

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          • 15. Juli 2023 um 19:18
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            Wie sollte das denn passieren? Westukraine nach Polen (wie die das gern hätten), Osten nach Russland (wie es faktisch ist)?

          • 15. Juli 2023 um 19:57
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            Beide Kulturen sind zu akzeptieren. Nur die Interessen der Westukraine, wie hierzulande gerne medial befeuert, langt nicht. Ukraine nicht in die NATO

        • 15. Juli 2023 um 21:31
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          Spielt keine Rolle.
          Falls es einen Auftrag gibt, bekommen eben sie diesen und kein anderer.
          Wenn nicht, bleibt es sowieso egal.

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  • 14. Juli 2023 um 12:50
    Permalink

    Deine Einschätzung, die Person Erdogan betreffend, teile ich nicht. Erdogan ist unberechenbar. Erdogan stimmt allem zu, Hauptsache es bringt Vorteile für die Türkei. Und das ist an sich überhaupt nicht verwerflich. Nationen haben keine Freunde, Nationen haben Interessen. Der Flüchtlingsdeal mit der EU bringt der Türkei jährlich zwischen 3-5 Milliarden $. Lässt er die Menschen in die EU weiter“reisen“, die EU stände vor einem Scherbenhaufen. Mit Menschlichkeit hat das alles nichts zu tun, aber der Türkei bringt es Geld in die Kassen und gleichzeitig kann Erdogan die EU erpressen. Das nennt man geopolitische Politik, sowie sie im Kapitalismus gang und gebe ist.
    Genau das musste jetzt auch Russland (Putin) erleben. Im Zuge eines Gefangenenaustausches wurden auch Kommandeure des Asow-Bataillons – also knallharte Faschisten, Mörder und Russlandhasser – ausgetauscht. Sechs dieser Typen wurden in die Türkei verbracht, mit den vertraglich zugesicherten Passus: „Die bleiben in der Türkei in Haft, bis der Ukraine-Konflikt gelöst ist. Danach werden sie an Russland ausgeliefert.“
    Was macht Erdogan?? Er bricht den Vertrag und lässt diese Widerlinge in die Ukraine verbringen. Dort werden sie von Zelensky empfangen, hoch dekoriert und sofort wieder an die Front verbracht um weiterhin Russen zu töten.
    Also Gerd, dieser Erdogan wird auch für seine Zustimmung Schweden in die Nato aufzunehmen (was der russischen Führung völlig egal ist, das nur am Rande), irgendetwas ausgehandelt haben. Ansonsten wird das türkische Parlament die Unterschrift verweigern.
    Erdogan mag ein alter Hase sein, der immer wieder versucht zu testen, wie weit er gehen kann. Ich erinnere an den Abschuss eines russischen Kampfjets in Syrien.
    Erdogan wird wohl von allen Seiten gebraucht (NATO/EU/USA/RUSSLAND). Das weiß er und so verhält er sich.
    Über die Reaktion Putins (Duma) bin aber sehr irritiert. Gerade jetzt, wo die Faschisten von Erdogan zurück in die Ukraine geschickt wurden.

    Antwort
    • 14. Juli 2023 um 15:08
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      „Ein Kommandeur macht noch keinen Feldzug, ein Nazi noch kein viertes Reich“
      Es stellt sich die Frage ob die „Knaben“ noch derart verbissen an ihre Ideologie glauben? Erstmal mit dem Leben davon gekommen zu sein hat schon viele „Helden“ zum umdenken gebracht, dazu noch eine Haft als Abklingbecken und vielleicht eine milde Form der Gehirnwäsche.
      Aber selbst wenn die immer noch ihrer irren Ideologie anhängen, so fehlt es doch am Kanonenfutter, welches man pressen könnte.
      Wo ich mir ziemlich sicher bin ist, dass es keine zweite Gefangennahme geben wird für diese „Helden“.

      Antwort
      • 14. Juli 2023 um 15:22
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        Vielleicht haben Sie recht. Wenn ich mir aber als Staat die Aufgabe stelle, einen anderen Staat, in diesem Fall die Ukraine, zu entnazifizieren, dann tausche ich hochrangige Kommandeure eines Nazibatallions nicht aus. Meiner Ansicht nach wurde Russland dadurch unglaubwürdig und nach der Freilassung wird sich der Wertewesten diebisch freuen. Nur zu Erinnerung:
        Als Stalin aufgefordert wurde 25 SS-Offiziere – der niedrigste Rang war m.W. Oberstleutnant – gegen seinen Sohn, der war in Kriegsgefangenschaft geraten, auszutauschen, lehnte er ab. Sein Sohn starb im KZ.

        Antwort
        • 14. Juli 2023 um 15:35
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          Ja sicher. Stalin halt.
          Anderer Krieg, andere Gegebenheiten.
          Man sollte die „Sonderoperation“ der russischen Föderation nicht mit dem Angriffskrieg des Dritten Reichs auf die Sowjetunion vergleichen.
          Um die Entnazifizierung der Ukraine mache ich mir keine Sorgen, die kommt. Ob es dazu die russische Föderation braucht oder ob die eigene Bevölkerung dazu reicht wird die Geschichte zeigen.
          Für Elendsky und seine Bagage gilt der Merksatz, dass nur mit voller Hose gut stinken ist.
          Ich denke das dieser Moment vorbei ist.

          Antwort
  • 15. Juli 2023 um 7:24
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    Hier ein schöner Artikel übersetzt aus dem Englischen von William Schryver auf imetatronink(Etwas länger, aber er lohnt sich gelesen zu werden)Die Mitgliedstaaten der Nordatlantikpakt-Organisation – bestehend aus den taumelnden Meistern des Imperiums und ihrer geschmacklosen Entourage klassengeschichtlicher Vasallen – haben soeben eine historische Konferenz in Vilnius, Litauen, der Hauptstadt des baltischen Chihuahuas, abgeschlossen.

    In einer schockierend transparenten, aber ansonsten eher banalen Abfolge von Ereignissen wurde unmissverständlich klar, dass ihre großen Pläne, Russland der „regelbasierten Ordnung“ zu unterwerfen, gescheitert sind.

    Diese Realität wird unter anderem folgende Konsequenzen nach sich ziehen:

    Russland wird den Krieg zu den von ihm diktierten Bedingungen entscheidend beenden.Die NATO ist als Militärbündnis zerrüttet und zerfällt als politisches Bündnis aus den Fugen.Deutschland ist auf dem besten Weg, ein gescheiterter Staat zu werden, und mit ihm wird auch das unzusammenhängende Gemisch aus Eisen und Ton der so genannten Europäischen Union zerfallen.Der große Mythos der überwältigenden rüstungspolitischen Überlegenheit der USA hat sich als wenig mehr als ein bescheidenes Boutique-Unternehmen entpuppt, das völlig ungeeignet und schlecht vorbereitet ist, einen industriellen Krieg gegen einen gleichwertigen Gegner zu führen.
    Natürlich werden viele sofort einwenden:

    „Aber die USA haben ihr Militär doch gar nicht in der Ukraine eingesetzt! Wenn die USA mit ihrer gewaltigen Luft- und Seemacht und ihrer „klassenbesten“ Armee in diesen Krieg eintreten würden … nun, dann würden die Russen innerhalb weniger Wochen zu Staub zermahlen.“

    Nun, ich hoffe, dass diese These nie auf die Probe gestellt wird, denn es wird NICHT gut ausgehen.

    Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass Russlands spezifische Stärken mit den vermeintlichen Stärken des amerikanischen Militärs übereinstimmen und diese durchweg besiegen werden.

    Russland verfügt zwar nicht über ein Expeditionsmilitär, aber das Konzept und der Aufbau des Militärs, das es aufgebaut hat, machen es in seiner eigenen Nachbarschaft praktisch unschlagbar.

    Es ist nun etwas mehr als ein Jahr her, dass ich einen Aufsatz mit dem Titel „The United States Could Not Win and Will Not Fight a War Against Russia“ veröffentlicht habe. Vor kurzem habe ich ihn erneut gelesen. Ich verspürte keinen Drang, irgendetwas zu ändern. In der Tat bin ich erstaunt, wie sehr er heute noch aktueller ist als vor einem Jahr. Ich glaube, dass er ein wesentliches Element des Verständnisses der geopolitischen Realitäten darstellt, die in unserer Welt um das Jahr 2023 am Werk sind.

    Seit ich diesen Artikel geschrieben habe, gab es viele Drehungen und Wendungen auf dem Weg des andauernden Quasi-Proxy-Kriegs in der Ukraine zwischen dem rasch absteigenden amerikanischen Imperium und einem zunehmend wieder erstarkenden Russland. Doch Anfang Juli 2022 war es meiner Einschätzung nach unbestreitbar, dass Russland die gewaltige ursprüngliche Stellvertreterarmee, die das Imperium auf der Grundlage ukrainischen Fleisches und Blutes und einer beträchtlichen Sammlung alter sowjetischer Kriegsgeräte aufgebaut, ausgebildet und teilweise ausgerüstet hatte, tatsächlich zerschlagen hatte.

    Sicherlich gab es noch verstreute, schlagkräftige Überreste, aber sie waren zu diesem Zeitpunkt um mindestens 60 % dezimiert worden. Trotz einiger Eigentore auf dem Weg dorthin gelang dies den Russen mit einer Streitmacht, die weniger als halb so groß war wie diejenige, die die Ukrainer gegen sie aufstellten, wobei sie schwere Verluste an Ausrüstung und mindestens 7 zu 1 an Verlusten hinnehmen mussten.

    Daher war die NATO gezwungen, den Einsatz zu erhöhen. In dem Bestreben, die offensichtliche russische Überlegenheit bei der Feuerkraft auszugleichen, lieferte sie mehrere Batterien von 155-mm-Haubitzen des Typs M-777 in die Ukraine, und bald darauf folgten einige Dutzend M-142 HIMARS-Raketenwerfer.

    Beide Waffensysteme feierten schon früh einige Erfolge, die von den westlichen Medien und ihren gläubigen Anhängern in aller Welt euphorisch gefeiert wurden.

    In der Zwischenzeit wurden Zehntausende junger ukrainischer Männer in NATO-Stützpunkten in ganz Europa und der westlichen Hemisphäre ausgebildet. Sie wurden in der Verwendung von NATO-Ausrüstung und im Kampf gegen die Russen gemäß der NATO-Schlachtfelddoktrin unterwiesen.

    Mitte des Sommers war ein erheblicher Teil dieser zweiten Generation der ukrainischen Armee wieder in der Ukraine eingetroffen, zusammen mit Hunderten von NATO-Infanteriefahrzeugen, Bergen von Munition – und, was vielleicht am wichtigsten ist, einem beträchtlichen Kontingent von der NATO angeschlossenen „Freiwilligen“ aus vielen Ländern des westlichen Bündnisses, vor allem aus Polen.

    Ich bin davon überzeugt, dass dieser Eskalationsschritt die Russen davon überzeugt hat, dass sie sich sofort umfassender auf die Aussicht auf ein direktes Eingreifen der NATO in den Krieg vorbereiten müssen.

    Zunächst wurde vorrangig geklärt, wie die Panzerhaubitzen des Typs M-777 mit begrenzter Beweglichkeit am besten aufgespürt und zerstört werden können. Und anstatt sich übermäßig auf die schwer fassbaren HIMARS-Abschussrampen zu konzentrieren, konzentrierten sich die Russen stattdessen darauf, die GPS-Sensoren elektronisch zu stören oder die Raketen auf andere Weise mit ihren Kurz- und Mittelstrecken-Luftabwehrsystemen abzuschießen.

    (Ihr Erfolg in dieser Hinsicht ist nichts weniger als eine Revolution in militärischen Angelegenheiten. Er ist beispiellos im Zeitalter der Luftkriegsführung. Ja, einige Raketen kommen immer noch durch, aber nicht viele, und in der Regel nur in Abwesenheit oder am Rande der russischen ECM- und Luftverteidigungsbereiche.)

    Die Russen hatten Anfang bis Mitte des Jahres 2022 bedeutende offensive Vorstöße in die Noworossija-Regionen Cherson, Saporischschja, Donezk, Lugansk und Charkow unternommen. Im Laufe des Sommers begannen sie jedoch, die gesamte Kontaktlinie spürbar zu konsolidieren. In allen Regionen mit Ausnahme von Charkow führten sie Volksabstimmungen durch und gliederten damit die anderen vier Regionen formell in die Russische Föderation ein.

    Mitte August 2022 begann die AFU mit dem Vormarsch gegen die russischen Streitkräfte an der Westgrenze des Dnjepr bei Cherson. Die Russen schlugen die ersten Angriffe zurück, nahmen dann aber eine taktische Rückzugsstellung ein. Sie zogen ihre Linien methodisch zu einem Brückenkopf im westlichen Teil der Stadt Cherson zusammen und fügten den angreifenden Truppen dabei schwere Verluste zu.

    Schließlich gelang es ihnen, zwanzigtausend Soldaten und praktisch ihr gesamtes schweres Gerät fast fehlerfrei auf das Ostufer des Flusses zu evakuieren, die Antonowsky-Brücke zu sprengen und die AFU-Truppen auf der anderen Seite mit Artillerie- und Luftangriffen zu vernichten, die bis heute andauern.

    Im September rückten die Ukrainer (mit einer beträchtlichen Anzahl von NATO-nahen „Freiwilligen“ in der Vorhut) mit einer noch stärkeren Streitmacht in die Region Charkow vor und zielten auf die strategisch wichtigen Städte Kupjansk, Isjum und Kremmenaja.

    Auch hier gab es viel Triumphalismus in der westlichen Fachwelt, aber auch bittere Vorwürfe und übertriebene Verurteilungen durch die russische 6. Kolonne und ihre Gefolgsleute. Das russische Oberkommando zog sich nach meiner Beobachtung geordnet und gut ausgeführt auf die andere Seite des Flusses Oskol zurück, wo es befestigte Linien vorbereitet und erhebliche Verstärkungen aufgestellt hatte.

    Zu diesem Zeitpunkt hatte die ukrainische Offensive in der Region Charkow ihren Höhepunkt erreicht, und als der Herbst in den Winter und dann in den Frühling überging, wurde jeder Versuch, weiter vorzurücken, entscheidend zurückgeschlagen.

    Obwohl diejenigen, die die „Blitzvorstöße“ der späten AFU-„Gegenoffensive“ in Charkow loben, dies konsequent ignorieren, wurden die angreifenden ukrainischen Streitkräfte zwischen der ersten Septemberwoche und Mitte Oktober – und seitdem immer wieder – grausam aufgerieben.

    Trotz ihrer überwiegend defensiven Haltung Ende 2022 und Anfang 2023 starteten die Russen eine Operation gegen die strategischen Städte Soledar und Bakhmut, von der nur wenige ahnten, dass sie sich zur größten Schlacht auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg entwickeln würde. „Surovikins Fleischwolf“ sollte schließlich viele Zehntausende der besten verbliebenen ukrainischen Truppen und Ausrüstung verschlingen.

    Am Ende wurde die zweite Generation der ukrainischen Armee noch umfassender geschwächt als die erste.

    Die ukrainische Luftwaffe ist seit langem praktisch unbedeutend geworden. Mit gelegentlichen, aber sehr spärlichen Lieferungen alter sowjetischer Flugzeuge aus den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts konnten sie zwar weiterhin gelegentliche Raketenangriffe aus dem Stand durchführen, aber eine Luftunterstützung aus der Nähe gab es nicht.

    Russische Raketenangriffe auf die ukrainische Infrastruktur Anfang 2023 führten zu einer raschen Erschöpfung der alten sowjetischen Luftabwehrsysteme. Und alle westlichen Ersatzlieferungen haben sich gegenüber den alten ukrainischen Beständen an S-300- und Buk-Systemen als minderwertig erwiesen.

    Ungeachtet der phantastischen Behauptungen ukrainischer und westlicher Medien, dass mehr als 90 % der russischen Raketen abgeschossen werden, schlagen die Russen nun routinemäßig Ziele in der gesamten Ukraine an, wo und wann sie wollen.

    Am schwersten wiegt jedoch der anhaltende Munitionsmangel, der inzwischen akut geworden ist. Die ursprünglichen und ergänzten Bestände der sowjetischen 152-mm-Artillerie sind so gut wie aufgebraucht. Und obwohl die USA die Lieferung von Millionen von 155-mm-Artilleriegranaten der NATO aus allen Ecken und Winkeln des riesigen weltweiten Netzes von Stützpunkten des Imperiums und seiner gehorsamen Vasallen koordiniert haben, ist der Schrank jetzt leer.

    Was man weithin (wenn auch fälschlicherweise) für einen schier unerschöpflichen Vorrat an Ausrüstung und Munition in den Lagern des Pentagon und seiner verschiedenen weniger als souveränen Untergebenen rund um den Globus hielt, hat sich als völlig unzureichend für die Anforderungen eines echten Krieges erwiesen.

    In den Augen vieler Menschen auf der Welt ist dies eine erstaunliche Entwicklung.

    Und doch sollte sie das nicht sein.

    In meinem Artikel vom Juli 2022 habe ich an prominenter Stelle Alex Vershinin, Oberst der US-Armee a.D., zitiert, der ein paar Wochen zuvor in RUSI eine wichtige Analyse über die Rückkehr der industriellen Kriegsführung veröffentlicht hatte. Falls Sie dies noch nicht getan haben, empfehle ich Ihnen diesen kurzen, aber aussagekräftigen Aufsatz sehr. Seine gesamte Argumentation ist nun durch die Ereignisse bestätigt worden.

    Hier, Mitte Juli 2023, ist fast alles, was vor anderthalb Jahren nur durch ein dunkles Glas gesehen wurde, nun unbestreitbar für jeden sichtbar, der Augen hat:

    Die Russen sind weit davon entfernt, massiv aufgerieben zu werden, wie eine Reihe von imperialistischen NATO-Mietgenerälen und Politikern seit den ersten Wochen des Krieges lächerlich behauptet haben, und haben ihre Ziele mit einer äußerst beeindruckenden Sparsamkeit der Kräfte erreicht. Sicherlich haben sie Verluste an Menschen und Ausrüstung erlitten, die weit über das hinausgehen, was westliche Nationen verkraften könnten. Aber es bleibt die Tatsache, dass die Russen die unverhältnismäßigste Opferquote aller größeren Kriege der Neuzeit zu verzeichnen haben.

    Meines Erachtens liegt die Gesamtzahl der Todesopfer unter den Russen, den Milizen des Donbass und den PMC-Wagner-Kämpfern wahrscheinlich bei etwa fünfundzwanzigtausend.

    Auf der anderen Seite liegen die ukrainischen Gefechtstoten jetzt mit ziemlicher Sicherheit in der Größenordnung von 250 000 bis 350 000 – mindestens 20 000 davon allein seit der ersten Juniwoche.

    Die dritte Generation der ukrainischen Armee, die überwiegend mit importierter NATO-Panzerung, Artillerie und Munition ausgerüstet war, wurde im Laufe der letzten sechs Wochen ihrer letzten Offensive in Stücke gerissen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die AFU ihren spärlichen Restbestand an NATO-Ausrüstung und -Munition für einen letzten „Angriff der Verdammten“ aufbewahrt hat, aber ansonsten ist das ukrainische Offensivpotenzial erschöpft, und es wird keine vierte Generation einer ukrainischen Armee geben, die den Russen auf dem Feld gegenübersteht.

    In der Zwischenzeit warten mehr als vierhunderttausend einsatzbereite russische Reservisten darauf, losgelassen zu werden. Da die russische Militärindustrie jetzt auf Hochtouren läuft, sind diese Truppen besser ausgerüstet als alle anderen, die bisher an diesem Konflikt teilgenommen haben.

    Die russische Luftwaffe hat eine beträchtliche Anzahl neuer Flugzeuge aus der Produktion erhalten. Angriffshubschrauber bewegen sich nahezu ungestört auf dem Schlachtfeld. Das russische Angebot an Kampfdrohnen, Marschflugkörpern und luftgestützten Überschallraketen scheint alle Anforderungen auf dem Schlachtfeld zu erfüllen. Der bisher bescheidene Einsatz von Hyperschallraketen hat gezeigt, dass es sich dabei um äußerst wirksame Waffen handelt, die den Versuchen der veralteten westlichen Luftabwehr, sie zu stoppen, trotzen.

    Die Herren des Imperiums stehen nun vor einer ausweglosen Situation. Sie müssen ihr gescheitertes Ukraine-Spiel aufgeben – und in den nächsten Jahren unweigerlich den maximalistischen russischen Forderungen nach einer Rückführung der NATO auf die Grenzen von vor 1997 nachgeben – oder sie müssen dem verrückten Impuls eines vergeblichen Versuchs nachgeben, Russland mit Waffengewalt in Form einer direkten Intervention der USA/NATO in diesen Krieg zu bezwingen.

    So oder so wird sich der Niedergang des Imperiums radikal beschleunigen; die NATO wird fast sofort aufhören, als glaubwürdiges militärisch-politisches Bündnis zu funktionieren; die EU wird sich als währungspolitische „Union“ auflösen; der Niedergang des globalen Dollarsystems wird rasch an Fahrt gewinnen.

    Und obwohl viele, wenn nicht sogar die meisten, die Behauptung für lächerlich halten, dass diese Dinge in naher oder mittlerer Zukunft (2 – 5 Jahre) eintreten könnten, erwarte ich zunehmend, dass sie sich als katastrophaler Irrtum erweisen werden.

    (Quelle: https://imetatronink.substack.com/p/the-jig-is-up)

    Antwort
  • 15. Juli 2023 um 8:00
    Permalink

    Ich verstehe bis heute nicht, wie man sich so sehr mit der Ukraine verbandeln kann. Aber wahrscheinlich sind die nur nützliche Idioten für die NATO-Agenda. Ich kann das nur noch mit Schulterzucken bewerten, auch weil sich das immer weiter vom Einflussbereich der Friedensfans entfernt. Die tun einfach, was sie tun wollen und haben so viel Puffer aufgebaut, dass sie sich tatsächlich unangreifbar fühlen können.

    Antwort
  • 15. Juli 2023 um 9:38
    Permalink

    Hier ein Link. Ein lesenswerter. Er zeigt deutlich, dass ich mit meiner Einschätzung bezüglich Erdogan den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Mit dem türkischen Ministerpräsidenten sollte man sich jedes Geschäft 2x überlegen. Erdogan ist nicht nur ein alter Hase – schreibt Unger -, nein, der ist auch durchtrieben und wechselt seine Meinung wie es gerade opportun ist.

    Schwenk nach Westen: Im Balanceakt zwischen Russland und NATO hat die Türkei die Wertung verschoben — RT DE

    Antwort
    • 15. Juli 2023 um 21:34
      Permalink

      Wer tatsächlich für nationale Interessen eintritt, für den ist das völlig rationales Verhalten.
      Wem nutzt was? Darauf läuft alles hinaus.

      Antwort

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