Alter weißer Bub

Keigo Oyamada war wegen des Mobbings von behinderten Kindern in seiner Schulzeit als Komponist für die olympische Eröffnungsfeier zurückgetreten. Er habe »andere verletzt« entschuldigte er sich. Dass das Jahre her ist, spielte bei der Entscheidung offenbar keine Rolle.

Schön ist es schon, wenn Menschen einsichtig sind, wenn sie Fehler zugeben können. Das bedarf einer gewissen Größe. Und groß sind fürwahr nicht alle. Die Frage ist nur, ob man es mit dieser Haltung, seine eigene Größe zur Schau zu stellen nicht auch übertreiben kann. Nehmen wir nur mal den oben genannten japanischen Komponisten, der außerhalb Japans auch als Cornelius bekannt ist. Der ist Jahrgang 1969 und hat in einem Interview erzählt, er habe in seiner Schulzeit behinderte Kinder gemobbt.

Zunächst soll er nicht genug Reue gezeigt haben, hieß es in der japanischen Öffentlichkeit. Dann entschuldigte er sich und das olympische Komitee befand, dass da ja jetzt Reue zu spüren gewesen sei. Am Ende trat er trotzdem als Komponist der Eröffnungsfeier zurück. Der Vorfall ist Jahre her. Er war vermutlich ein Kind. Schlechte Taten verjähren auch mal. Menschen entwickeln sich weiter. Sie können doch nicht ewig büßen. Nach Selbstanklagen scheint die Opferbereitschaft besonders hoch zu sein. Wenn man sein eigener Richter ist, straft man sich in diesen Tagen offenbar besonders gerne mit masochistischer Wonne.

Von Monstern …

Ich rücke lieber gleich raus mit der Sprache. Vor Jahren habe ich schon mal darüber berichtet. Vielleicht sollte ich es wieder tun, damit alles auf dem Tisch liegt, wenn aus mir mal doch was Gescheites wird. Es geht um Kerstin. Um eine Mitschülerin. Das schreibe ich hier so leicht: Mitschülerin. Für sie waren wir Monster, die dummerweise in derselben Klasse hockten wie sie.

Sie zogen sie an den Haaren, rissen an ihrem Pullover, entwendeten ihr die Brille, warfen ihr Federmäppchen quer durchs Zimmer. Immer wenn unsere debile Lehrerin den Raum verließ, stürzten sie sich auf sie. Mit leisem Gebrüll. Bereit alles an Niedertracht zu geben, was in ihnen steckte. Kerstin heulte leise vor sich hin, hielt aus, muckte nie auf, wischte sich die Tränen von den Wangen. Ich habe das Mädchen keine drei Sätze sprechen hören – und das in drei oder vier Schuljahren. Das war nicht bloß Mobbing, das war die systematische Zerstörung einer Kindheit. Jede freie Minute ohne Aufsicht der Lehrkraft, war nicht eine gewonnene Minute an Lebensqualität, wie bei uns anderen Kindern. Bei ihr war es eine weitere Zeiteinheit ihres Martyriums.

Kerstin stammte offenbar aus schwierigem Elternhaus. Sie war nicht sehr modisch angezogen. Die Brille war groß und bieder, wie ein Gestell aus den Siebzigern. Die Haare strähnig. Sie war eine Einzelgängerin. Und schon gar keine Schönheit. Aber wer ist das schon? Schönheit wird überschätzt. Nach vielen Jahren der Qual war sie plötzlich weg. Keiner wusste wohin. Sie erschien nicht mehr im Unterricht. Auch Nachfragen bei der Lehrerin halfen nichts. Ich denke noch oft an sie. Lebt sie noch? Leidet sie noch heute darunter?

und Mitläufern

Ich schrieb, »sie zogen an den Haaren«: Da hielt ich mich vornehm zurück. Das taten andere. Aber ich lachte. Laut. Feist. Es war, als sehe man dabei zu, wie einer Fliege langsam die Beine ausgerissen werden. Irgendwie – man entschuldige meine Offenheit – faszinierend. Wer ist eigentlich schlimmer: Der Peiniger oder der, der zuschaut, schweigt oder gar lacht und so anstachelt?

Sicher, ich war ein Kind, wie wir alle damals. Wie man moralisch und integer auftritt, davon hatte ich noch gar keine Ahnung. In besinnlicheren Stunden meiner Kindheit tat mir der Anblick von Kerstin irgendwie und unerklärlicherweise weh. Woher kam dieser Schmerz? Und wie konnte ich mich unterstehen, über so eine Behandlung zu lachen? Bis heute tut es mir weh, den Anblick dieses verlassenen Mädchens in meinen Erinnerungen abzurufen.

Jetzt liegt die Leiche im Keller meines Moralismus auf dem Tisch. Wenn ich schreibe, dass Kinder nun mal so sind, meine ich das nicht in der Art, dass man das eben hinnehmen müsse. Sicherlich nicht. Wo war eigentlich Frau Lehrerin? Ich erinnere mich, wie sie Kerstin anschrie, weil sie im Unterricht, als sie aufgerufen wurde, keinen Ton hervorbrachte. Wie hätte das Mädchen laut sprechen wollen, mitten unter ihren Häschern? An einen Sache erinnere ich mich aber auch: Wir bekamen ein neues Mädchen in die Klasse. Kurze Zeit entschloss sich der Klassenverband, sie zu malträtieren. Kerstin machte nicht mit, aber ihr lachendes Gesicht, ich sehe es noch vor mir. Vermutlich war sie erleichtert, sie hoffte den Kelch weitergegeben zu haben. Leben ist brutal, man hofft halt immer, dass es andere trifft und nicht einen selber. Das lernen schon Kinder.

Resozialisierung und Weiterentwicklung: Im woken Moralismus nicht vorgesehen

Dennoch, bei aller Scham, auch wenn es mir nach wie vor leidtut, der Weg der woken Selbstanklage, der mit Rücktritt aus Gründen moralischer Verfehlung vor langer Lebenszeit glaubt, ein Zeichen setzen zu können, halte ich für Unsinn. In dieser schönen neuen moralischen Welt bleibt nämlich auf diese Weise alles unverzeihlich und Menschen büßen auf alle Zeit für ihre Taten. Doch man verändert sich, auch aus seinen Untaten lernt man, ist nicht mehr der Mensch, der man 1988 oder 1990 noch war.

Dahinter steckt eigentlich das bewährte Motiv der Resozialisierung. Die setzt voraus, dass man niemals in denselben Fluß steigt – weil der Fluß fließt und man selbst auch auch altert, als sich stets erneuerter Zellhaufen ins Nass steigt. Das ist im Grunde eine Binsenweisheit. Aber vermutlich muss man sie heute hin und wieder zur Sprache bringen. Denn ständig liest man davon, wie Menschen – meist prominente Menschen -, für etwas bestraft werden, was lange her ist. Manchmal sind es auch nur Vorwürfe, die sich gar nicht mehr beleuchten lassen. Man denke nur an Kevin Spacey, der in jungen Jahren junge Männer belästigt haben soll, was aber erst Jahrzehnte später publik wurde. Seitdem engagiert ihn kein Hollywood-Studio mehr. Auch wenn der Schauspieler sicherlich nicht vor dem finanziellen Ruin steht: So ein Vorgehen scheint mir dennoch nicht richtig zu sein.

Eigentlich sind solche Reaktionen eines Rechtsstaates nicht würdig. Wobei man sagen muss, dass der Eifer der Wokeness mir nicht unbedingt dafür bekannt zu sein scheint, den Rechtsstaat als Errungenschaft zu sehen. Eher im Gegenteil, er findet ihn lästig, falsch aufgezäumt. Mir kommt Alice Schwarzer in den Sinn, die vor Jahren eine Beweislastumkehr vor Gericht forderte: Wenn eine Frau sagt, ein Mann habe sie missbraucht, soll der Angeklagte per se schuldig sein, bis er beweisen kann, dass er es nicht ist. Männer sind halt toxisch – schon als Buben, wie ich damals. Die größten Peiniger von Kerstin waren übrigens Peinigerinnen. Ich kenne sogar noch ihre Namen, gebe sie aber nicht heraus …

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Robert
Robert
11 Monate zuvor

Der aktuelle Wokeschismus ist letztendlich auch nichts anderes als das von dir beschriebene Mobbing in einer Schulklasse. Wenn die Mehrheiten klar sind -moeglichst alle gegen einen- ist im Prinzip alles erlaubt. An den Haaren ziehen, verprügeln , beschimpfen, medial vernichten, ökonomisch ruinieren, juristisch verfolgen und auch körperlich angreifen und verletzen.
Vor Wochen wurde berichtet -sehr zurückhaltend berichtet- dass eine Gruppe ,, Antifaschisten“ in die Wohnung eines NPD- Funktionärs eindrangen und diesen schwer verletzten. Folter für eine gute Sache.
Für den Sieg des Guten haben die Kommunisten, und ich war später einer, die Sowjetunion mit einem Netz von Lagern, Todeslagern, überzogen oder erschlugen in Kambodscha Bauern mit dem Spaten, um Munition zu sparen. Oder sie mordeten Brillenträger als daran zu erkennende Intellektuelle.

Ob es wieder so weit kommen wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass der zivilisatorische Lack, der menschliche Barbarei überdeckt, dünn ist. Überall.
Als ich noch daran glaubte, dass es möglich ist, die Welt so zu gestalten, dass Menschen solidarisch und frei miteinander leben können, habe ich jede Überlegung, dass Menschen von Natur Bestien sind, empört zurückgewiesen. Ich fürchte, ich habe geirrt.
Und es war schon immer so. Vor Tagen las ich wieder Feuchtwangers „Der jüdische Krieg“ Er war nicht nur ein großer Erzähler sondern auch ein qualifizierter, promovierter Historiker. Fast beiläufig beschreibt er Bestialitaten. Nach der Niederlage werden mehr als 2000 Gefangene, die zu eigentlich gar nichts anderem taugen, bei den „Spielen“ gemetzelt. Mit lustigen Masken und komischen Verkleidungen um aufkommende Langeweile bei den Massentötungen zu vermeiden. Ein Heidenspaß fürs Publikum. Dem Leser gefriert das Herz.
Für immer Geschichte? In diesen Tagen übernehmen grad islamische Faschisten, die das Abschlagen von Glieder, das Verbrennen von Menschen, das Steinigen, das Ersäufen für die Vollstreckung göttlichen Willens halten, einen Staat.

Meine Mobbingerfahrungen sind die der anderen Seite. Zwar konnte ich mich dank meiner Kraft unmittelbar gegen Angriffe wehren aber das eisige Klima der Anfeindungen war für den Jungen schwer zu ertragen. Und alle haben mitgemacht. Mitschüler, denen ich nie was tat, mit denen ich keine Probleme hatte. Sie wollten nicht abseits stehen. Wie hätte ich mich verhalten, wäre ich nicht selbst das Ziel gewesen? Ich bin mir sehr sicher, nicht anders. Vielleicht auch nach den Erfahrungen als Opfer. Nur endlich wieder dazu zu gehören, dabei sein zu sein.

Deshalb ist der Wokeschismus nicht aufzuhalten. Alle wollen wieder dabei sein. Das kann sehr weit gehen. Noch viel weiter als wir es uns heute vorstellen können.

Cetzer
Cetzer
Reply to  Robert
11 Monate zuvor

„Noch viel weiter als wir es uns heute vorstellen können“

So schwer wäre vorstellen nicht; Einfach geschichtliche Vorbilder wie die Magdeburger Hochzeit nehmen und auf die heutige Zeit übertragen:

„Reiche Bürger konnten sich bei kaiserlichen Soldaten freikaufen und unter deren Schutz die Stadt verlassen“

„Ich halt, es seyen über zwaintzig Tausent Seelen darüber gegangen. Es ist gewiß, seyd der Zerstörung Jerusalem, kein grewlicher Werck und Straff Gottes gesehen worden. All unser Soldaten seind reich geworden. Gott mit uns.“

Rechtschreibung: Mangelhaft. Wirtschaftskunde: Gut. Religion: Sehr Gut.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

Da kannst du, aus aktuellem Anlaß noch weiter zurückgehen, in die Zeit der großen Pest.
Da hat man die Juden Europas abgeschlachtet, sie lebendig verbrannt, weil sie angeblich die Brunnen vergiftet und damit das Massensterben ausgelöst hätten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenverfolgungen_zur_Zeit_des_Schwarzen_Todes

In einer Rotte Gleichgesinnter ist der Mensch zu jedem Verbrechen fähig.

Cetzer
Cetzer
Reply to  Robbespiere
11 Monate zuvor

„Juden Europas abgeschlachtet“

Bei einer späteren (Spanien ?) Judenverfolgung gab es meines Wissens das großzügige Angebot, sich taufen zu lassen und dadurch mit dem nackten Leben davonzukommen.

„zu jedem Verbrechen“

Für die ganz großen Verbrechen braucht es dann aber staatliche Ordnung, militärische Disziplin und ggf. wissenschaftliche Beihilfe (Atombombe)
Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wo in plausibler Art eine seltsame, gelöste Fröhlichkeit während schlimmster Verbrechen eines entfesselten Mobs beschrieben wurde, allerdings auch eine Art von existentieller Niedergeschlagenheit, nachdem alle Opfer hingeschlachtet worden waren. Vielleicht sollten die beiläufigen Vermögens-Aneignungen nur über diese Niedergeschlagenheit hinweghelfen. Ich habe mal einen Bericht über das Lynchen eines vermeintlichen Vergewaltigers in Afrika gelesen, aber da waren arg rassistische Töne enthalten und die Schilderung eines spontanen Volksfestes um den brennenden Reifenmann herum kam mir wenig glaubhaft vor.

Vielleicht muss man eben akzeptieren, dass man genau so gut von einer blutrünstigen Menschen-Rotte wie vom Blitz erschlagen werden kann; Am Ende gewinnt immer der Tod.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

Bei einer späteren (Spanien ?) Judenverfolgung gab es meines Wissens das großzügige Angebot, sich taufen zu lassen und dadurch mit dem nackten Leben davonzukommen.

Aber nur bis zu dem Zeitpunkt, als man sie der Häresie bezichtigte, weil sie angeblich ihrem alten Glauben noch huldigen würden, was bei Einigen durchaus sogar richtig gewesen sein dürfte.
Die sind ja nicht aus Überzeugung konvertiert.

Für die ganz großen Verbrechen braucht es dann aber staatliche Ordnung, militärische Disziplin und ggf. wissenschaftliche Beihilfe

Für die Opfer ist jedes derartige Ereignis das Finale und es braucht, wie bei den Judenmorden während der Pest auch keine Anordnung von Oben. Die Duldung reicht schon aus.
Immerhin hat der Lynchmob ihnen damit auch ihre Schulden getilgt, weil kein Gläubiger mehr lebte.

Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wo in plausibler Art eine seltsame, gelöste Fröhlichkeit während schlimmster Verbrechen eines entfesselten Mobs beschrieben wurde, allerdings auch eine Art von existentieller Niedergeschlagenheit, nachdem alle Opfer hingeschlachtet worden waren.

Es ist wohl wie ein Blurausch, in dem massive Anspannung gelöst wird, aber dann kommt die Ernüchterung.
Wie man danach mir der eigenen Tat fertig wird, hängt dann wohl oft davon ab, ob man von einem geistlichen/geistigen Führer die Absolution erteilt bekommt, welche das Gewissen sediert..

Cetzer
Cetzer
Reply to  Robbespiere
11 Monate zuvor

„Häresie“

Wenn auf dem Schwarzmarkt oder in Esoterik-Kreisen, ImpfGegenmittel oder Anti-mRNA-Elixiere auftauchen, könnte man dabei auch von Häresie sprechen; Vielleicht stellt die Feuerwehr Sondertrupps auf, die Bücher von Wodarg und Konsorten aufspüren und den Flammen überantworten, eine inhaltliche Antwort verdienen die Ketzer bekanntlich nicht.

„nicht aus Überzeugung“

Menschen, die sich nur unter Druck gegen ihre Überzeugung impfen ließen, könnten sich rein theoretisch im Falle unleugbarer Impfschäden mit ihren QuälSpritzern auseinandersetzen; Praktisch halten sie sich aber brav zurück, bis ihnen ein geeigneter Sündenbock vorgeworfen wird.

„kein Gläubiger mehr lebte“

Hoffentlich finde ich bald einen Gönner, der mir 3000€ vorschießt, damit ich den herrenlosen Juwelenkoffer auslösen kann, der beim litauischen Zoll hängengeblieben ist, nachdem sich die Beteiligten eines großen Drogendeals der Russenmafia mit einer kolumbianischen Gang im Rahmen der Detailverhandlungen gegenseitig ausgelöscht hatten. Vielleicht kann mir jemand (für eine angemessene Erfolgs-Provision) die eMail-Adressen von ImpfDränglern oder ImpfAbonenten besorgen?

„massive Anspannung“

Ich muss mich jetzt auch dringend entspannen, vielleicht ein paar Tauben vergiften oder als mobiles Tier-ImpfKommando verkleidet, Spritzen mit Kochsalzlösung in duldsame Pekinesen injizieren, die von ihren weinenden BesitzerInnen¹ verzweifelt getröstet werden.

¹Dieses Kleinod von Binnen-I wurde mir von unserer verehrten Annalena Baerbock höchstpersönlich mit einem festen Händedruck anvertraut. Nie werde ich ihren unbeirrbaren Blick vergessen, der wie durch mich hindurch, in eine ferne Zukunft zielte, eine grünspanende Zukunft voller Gerechtigkeit und volltotal ohne Hass, dank vieler weiser Sprachgebote und Binnen-Is von MeisterInnen-Hand.

Last edited 11 Monate zuvor by Cetzer
Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

Wenn auf dem Schwarzmarkt oder in Esoterik-Kreisen, ImpfGegenmittel oder Anti-mRNA-Elixiere auftauchen, könnte man dabei auch von Häresie sprechen; Vielleicht stellt die Feuerwehr Sondertrupps auf, die Bücher von Wodarg und Konsorten aufspüren und den Flammen überantworten, eine inhaltliche Antwort verdienen die Ketzer bekanntlich nicht.

Aber selbstverständlich ist es Häresie, dem Orakel aus der Uckermark zuwider zu handeln und das wird klassisch mit einer Lebend-Einäscherung bestraft.
Als Brennmaterial dienen dann die satanischen Verse von Wodarg und Co..

Menschen, die sich nur unter Druck gegen ihre Überzeugung impfen ließen, könnten sich rein theoretisch im Falle unleugbarer Impfschäden mit ihren QuälSpritzern auseinandersetzen; Praktisch halten sie sich aber brav zurück, bis ihnen ein geeigneter Sündenbock vorgeworfen wird.

Verständlich, bei den Verantwortlichen käme es ja wg. steigender Nachfrage sowieso zu einer Lieferketten-Unterbrechung und Adrenalin ist nun mal sehr flüchtig.
„Carpe Diem“, heißt da die Parole.

Hoffentlich finde ich bald einen Gönner, der mir 3000€ vorschießt, damit ich den herrenlosen Juwelenkoffer auslösen kann, der beim litauischen Zoll hängengeblieben ist, nachdem sich die Beteiligten eines großen Drogendeals der Russenmafia mit einer kolumbianischen Gang im Rahmen der Detailverhandlungen gegenseitig ausgelöscht hatten.

Frag deine Bank.
Die bieten jetzt alle Kredite zu Niedrigzinsen an, weil sich Keiner verschulden will, oder frag den Schäuble, ob er mal kurz in den Schreiber-Koffer greift, wenn du ihm als Zins zwei Brillis für die Radkappen seines AOK-Choppers anbietest. 🙂

Ich muss mich jetzt auch dringend entspannen, vielleicht ein paar Tauben vergiften oder als mobiles Tier-ImpfKommando verkleidet, Spritzen mit Kochsalzlösung in duldsame Pekinesen injizieren, die von ihren weinenden BesitzerInnen¹ verzweifelt getröstet werden.

Das ist nicht monströs genug, es sei denn, du zelebrierst das auf dem Markusplatz, wo Masse zusammenkommt oder in Beverly Hills, wo die HerrInnen der Wadenbeißer wenigstens einen hohen Bekanntheitsgrad haben.
Dann findet deine Berserker-Tat ihren Niederschlag wenigstens in der Bunte oder Gala.

¹Dieses Kleinod von Binnen-I wurde mir von unserer verehrten Annalena Baerbock höchstpersönlich mit einem festen Händedruck anvertraut. Nie werde ich ihren unbeirrbaren Blick vergessen, der wie durch mich hindurch, in eine ferne Zukunft zielte, eine grünspanende Zukunft voller Gerechtigkeit und volltotal ohne Hass, dank vieler weiser Sprachgebote und Binnen-Is von MeisterInnen-Hand.

Damit hat sich Annalena für die diesjärige Vergabe des „Literatur-Hobel-Preises“ in die absolute Pole-Position gebracht.

Last edited 11 Monate zuvor by Robbespiere
Brian
Brian
Reply to  Robbespiere
11 Monate zuvor

 und Adrenalin ist nun mal sehr flüchtig.

Dem muss ich aus eigener Erfahrung energisch widersprechen ! 😉

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

@Brian

Flüchtig ist relativ, aber es bleibt nicht einen ganzen Tag im Kreisverkehr deiner Blutbahnen.
Soviel Spannung ohne Entladung hält nicht mal ein Zitteraal aus und der ist ein Naturtalent. 🙂

Last edited 11 Monate zuvor by Robbespiere
Brian
Brian
Reply to  Robbespiere
11 Monate zuvor

@Rob
Kein Wunder, bei 600 Volt.
Mehr schaffen wohl nur AC/DC…😄

Cetzer
Cetzer
Reply to  Robbespiere
11 Monate zuvor

„Zitteraal“

Seit letztem Jahr dürfen Worte wie Zitteraal, Zitterpartie oder Zitterwachtel in den Quallidädsmedien nicht mehr benutzt werden. Willst Du etwa Toms Aufstieg zum Fenseh-Intendanten hintertreiben? Oder Robertos Berufung zum Chefredakteur des Spiegel?

Last edited 11 Monate zuvor by Cetzer
Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

Hast recht und ich kaufe ein „W“.

Es heißt dann Zwitteraal, Zwitterpartie und Zwitterwachtel, ist also LGBT-konform und sollte sogar den Aufstieg von Tom und Roberto noch beschleunigen. 😉

Last edited 11 Monate zuvor by Robbespiere
Brian
Brian
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

 vielleicht ein paar Tauben vergiften

Man sieht, daß Du weit rumkommst. 😉 Wo wurde noch das Lied von Georg
Kreisler zitiert ? HdS, KenFM, corodok ?

Cetzer
Cetzer
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

„weit rumkommst“

Den meisten Kleinkram macht mein Sidekick.
Eigentlich zitiere ich zuvörderst Degenhardt und indirekt meinen alten Lateinlehrer, aber ich habe echt die Übersicht verloren.

Viele Kommentare sind des Zensors Tod !

Mensch
Mensch
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

@ Cetzer: Du hast die Aufmerksamkeit eines Berliner Bloggers erregt🙂

Das hier:

Der Dumme August war der Schlaueste im ganzen Zirkus, aber dann kam die Lobotomie.

wurde hier: https://maschinist.blog/2021/08/16/linkschleuderei-vom-16-august-2021/

…von Dir zitiert👍

Mensch
Mensch
Reply to  Mensch
11 Monate zuvor

…okay, das ist hier OT – sorry😬😓

@ Roberto: Dir gelingt es immer wieder, mich mit Deiner Themenauswahl zu überraschen – Hut ab und ganz tiefe Verneigung✌️

Cetzer
Cetzer
Reply to  Mensch
11 Monate zuvor

Danke für den Hinweis.
Natürlich könnte ich meine Sprüche und Sentenzen mit Macht in den Markt drücken; Viele liegen unter Twitters alter Grenze von 140 Zeichen, obiger hat 83.
Aber ich habe doch keine Lösungen anzubieten, nicht ansatzweise.
Vielleicht raffe ich mich mal auf, eine eigene, kleine Website aufzuziehen, die in einer abgelegenen Ecke des Internets friedlich vor sich hin ätzt.

Last edited 11 Monate zuvor by Cetzer
Brian
Brian
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

Und wirst somit zum Sidekick-ass 😉

Art Vanderley
Art Vanderley
Reply to  Robert
11 Monate zuvor

@Robert
Zustimmung, und der passende Vergleich.
Die Idenditätspolitik ist in der Tat die historische Nachfolgerin des Stalinismus und Maoismus, „linker“ Terror im Namen des Guten. Auch die Suche nach dem neuen Menschen, der notfalls mit Gewalt geformt werden darf, schimmert hier wieder durch.
Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

ChrissieR
ChrissieR
11 Monate zuvor

Morsche!

Ja, früher haben wir noch richtig und in 3D gemobbt oder wurden gemobbt…heute läuft das ja subtiler via asoziale Netzwerke!
Ich wurde als Kind auch in der Schule gemobbt, als unsportliches Wesen..die Jungs haben mich verprügelt, ich war fast immer mit Mädchen unterwegs und fühlte mich da besser verstanden.
Unter Jungs kam ich mir vor wie ne Katze im Hunderudel…

Später, im Gymnasium, wurde ich auch mal zum Mittäter, wir verarschten einen Mitschüler nach Strich und Faden, zeichneten eine ganze Comic-Serie über ihn. Hatte so also auch etwas Kreatives…

Ich gebe also zu, vor weit über 50 Jahren Opfer und Täter gewesen zu sein…darf ich trotzdem hier bleiben? 😅

Brian
Brian
Reply to  ChrissieR
11 Monate zuvor

Auf gar keinen Fall ! Schäm dich, setz dir einen Eselshut auf und stell dich in die Ecke !
😉
Apropos : da fällt mir in dem Zusammenhang das Buch „Die Reise“ von Bernward Vesper ein. Dessen Vater hatte offensichtlichauch sehr nette Erziehungsmethoden.
Bei denen sich das Kind dann immer wieder überlegen darf, was es falsch gemacht hat.

Pen
Pen
11 Monate zuvor

Fein beoachtet, Roberto, ein guter Artikel.

In besinnlicheren Stunden meiner Kindheit tat mir der Anblick von Kerstin irgendwie und unerklärlicherweise weh. Woher kam dieser Schmerz?

Sei froh über den Schmerz. Kinder machen so etwas und daran lernen sie. Das plötzliche Mitgefühl, der Schmerz und die Erinnerung daran sind eine wichtige Erfahrung. Sie lernen, wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein.

Diesen wichtigen Moment beschreibt auch der russische Dichter Gogol in der Erzählung „Der Mantel“.

Last edited 11 Monate zuvor by Pen
Pen
Pen
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

Pschopathen kennen so eine Erfahrung nicht. :- (

Brian
Brian
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

Doch. M.E. haben gerade die (mit wenigen Ausnahmen) die tiefgreifendsten
Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht und wollen jede Erinnerung daran ausmerzen und sich nicht mehr ohnmächtig fühlen und dementsprechend andere kontrollieren. Was ihre Handlungen in keinster Weise entschuldigt.

Pen
Pen
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

@Brian

Zum Teil sind es schlechte Erfahrungen, aber manche kommen tatsächlich so auf die Welt – als Psychopathen.
Das ist eine Persönlichkeitsstörung.

Last edited 11 Monate zuvor by Pen
Pen
Pen
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

„Psychopathie bezeichnet heute eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei können sie sehr manipulativ sein, um ihre Ziele zu erreichen.[1][2] Psychopathie geht häufig mit antisozialen Verhaltensweisen einher, sodass in diesen Fällen oft die Diagnose einer dissozialen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.[3][4] Psychopathie kann jedoch mitunter auch als Komorbidität einer Borderline- oder narzisstischen Persönlichkeitsstörung auftreten.[5][6][7][8][9]“

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Psychopathie

Last edited 11 Monate zuvor by Pen
Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

@Pen

Naja Wikipedia…..

Wenn dir mal das Buch „Körpertypen, vom Typentrauma zum Traumtypen“ von R. Bäuerle in die Hände fällt, dann bekommst du eine gute Vorstellung davon, was ein Psychopatf ist und wie er dazu wurde.

Verheerend ist, dass es solche Leute immer wieder in Machtpositionen schaffen.

Pen
Pen
Reply to  Robbespiere
11 Monate zuvor

Ich hab fast das Gefühl, daß es nur solche Leute in Machpositionen schaffen.

Bevor sie in Machtpositionen kommen, müßten sie sich routinemäßig einer psychiatrischen Untersuchung und einer Psychoanalyse unterziehen müssen. M.E.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

@Pen

Klar, Empathielosigkeit kennt keine Hemmungen und das erweitert natürlich die Handlungsoptionen gewaltig, im negativen Sinn.

Dazu passend:

https://www.youtube.com/watch?v=53wagjNs1-U

Pen
Pen
Reply to  Roberto J. De Lapuente
11 Monate zuvor

Man macht die Erfahrung, daß man „anders“ ist.

Jau
Jau
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

@ Pen
Lernen, wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein.
Ohja.

Danke für Deine ehrlichen Betrachtungen.

Ich rücke lieber gleich raus mit der Sprache. Vor Jahren habe ich schon mal darüber berichtet. Vielleicht sollte ich es wieder tun, damit alles auf dem Tisch liegt, wenn aus mir mal doch was Gescheites wird.

Was Gescheites – höhö.

Anbei was Satirisches, mylabcarb neu zusammengeschnitten und entsprechend synchronisiert:
https://www.corodok.de/oh-my-god-lab/

Jau
Jau
Reply to  Roberto J. De Lapuente
11 Monate zuvor

Hejo, lieber Roberto!!! Du bist was ´Gescheites` – vielleicht nicht so, was manche ollen Tanten und Onkel so landläufig meinen.
Deine Betrachtungen scheinen mir sehr wertvoll und bringen viele Leser dazu, sich auch zu öffnen.
Das macht was, es wirkt und stärkt aller Immunsystem!!!
Gute Sache das 🙂

Pen
Pen
Reply to  Jau
11 Monate zuvor

Genau, Jau!

Mensch
Mensch
Reply to  Roberto J. De Lapuente
11 Monate zuvor

Ohne Dich zu kennen, kann ich Dir versichern, dass das was Du hier an Texten ablieferst saustark ist, denn es ist stets völlig unberechenbar und zwingt (zumindest mich) stets dazu den eigenen, eingefahrenen Trott zu überdenken.

Ich hoffe, dass Du es verkraften kannst, dass ich Dir nicht immer in allen Punkten folgen kann🤔

Dankbar bin ich Dir jedenfalls zu 100%, denn statt mit der Aufforderung zum unbedingten Gehorsam zu spalten, gelingt es Dir (zumindest bei mir) aufzuzeigen, dass konservativ nichts mit Totalitarismus gemein hat, sondern das Erreichte bewahren zu wollen, was augenblicklich ganz konkret gar verlässlicher den Weg in die totalitäre Katastrophe abwenden könnte🤔

Brian
Brian
Reply to  Roberto J. De Lapuente
11 Monate zuvor

Wenn Du groß bist, richtig ?
Also immer fleißig Spinat essen…

Brian
Brian
Reply to  Roberto J. De Lapuente
11 Monate zuvor

Dann wird’s wohl nix mehr mit dem groß und stark werden…😉
Echt ? Ich liebe Spinat ! V.a. mit ordentlich Knoblauch zu Penne oder auf der
Pizza…

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

@Brian

Echt ? Ich liebe Spinat ! V.a. mit ordentlich Knoblauch zu Penne

Aber nur als Blattspinat, ohne „Blubb“ und mit reichlich Ricotta, quasi als Long-Poppey. :-).

Brian
Brian
Reply to  Robbespiere
11 Monate zuvor

Natürlich im natürlichen Zustand ! TK-Ware nur im Ausnahmefall. Allerdings braucht’s bei mir keine vorherige Notstandsverordnung…😄

Pen
Pen
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

Mit ein wenig Parmesan und Olivenöl….yummhhh.

Pen
Pen
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

🙂

Pen
Pen
Reply to  Roberto J. De Lapuente
11 Monate zuvor

Das denkst Du nur, wenn Du Dich mit den „normalen“ Maßstäben mißt.

Das solltest Du nicht, denn Du gehörst einer besonderen Spezies an, derjenigen der schöpferischen Menschen; die sind anders, sensibler, empfindsamer und empfindlicher. Zudem bist Du ein guter Mensch.

Was ich sagen will, ist dies: Du bist schon längst etwas! Aber Du wirst nie ein Normalo werden. Sei doch froh. Denn dann könntest Du nicht solche Artikel schreiben.

Den pekuniären Aspekt solltest Du allerdings erstmal außen vor lassen. 😉

Last edited 11 Monate zuvor by Pen
Brian
Brian
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

@Pen
Manchmal möchte ich dich einfach nur (in diesem Fall halt virtuell) drücken 😊

Pen
Pen
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

@Brian

Nur zu 😊

JW
JW
Reply to  Pen
11 Monate zuvor

Ja, Roberto, ganz feiner Artikel. „Sei froh über den Schmerz“ schreibst du, Pen. Genau!
Den Schmerz empfand ich mit 8,9 Jahren, als wir Jungs uns über den Circus im Dorf lustig gemacht haben: Kinder die halbnackt dreckig herumliefen, Unordnung, Armut – Chaos. Das war das letzte mal, dass ich mich der „Herde“ widerstandslos untergeordnet habe, denn im Grunde meines Herzens fand ich alles am Circus grossartig. Ich empfand Schmerz und Gewissensbisse, weil ich mitgelaufen war. Diesen Konflikt habe ich dann auf dem Feld meinem Vater erzählt und ja – von dieser folgenden Gesprächs-„Impfung“ zehre ich immer noch. Er hat sich für das Problem alle Zeit der Welt genommen, ich fühlte mich ernst genommen und habe bis jetzt das Selbstbewusstsein, einer „Herde“ auch mal den Rücken zu kehren. Ohne dieses Fundament des Vertrauens hätte ich z.B. auch die dann später folgenden Konflikte mit manchen ekeligen Lehrern gar nicht heil überstanden. Und: diese „Impfung“ hilft mir auch jetzt noch, wo es mal richtig ungemütlich wird; mit der Impfung.

Pen
Pen
Reply to  JW
11 Monate zuvor

Danke, JW, schöner Beitrag.

Robbespiere
Robbespiere
11 Monate zuvor

Roberto, ich teile deine Erfahrungen und auch ich habe noch Bilder im Kopf, die mein Gewissen bis Heute belasten.

Als „Brillenschlange“ war ich ebenfalls ein beliebtes Ziel für Hänseleien, manchmal auch mehr.
Und ja, es fühlte sich gut an, wenn es auch mal Andere traf.

Last edited 11 Monate zuvor by Robbespiere
Rudi K
Rudi K
11 Monate zuvor

Das kann man sicher als Jugendsünde ansehen und verzeihen. Auch unser ehemaliger Außenminister Joschka Fischer hat als junger Mann auf einen Polizisten eingeprügelt. Mit Sicherheit gibt es auch unter heutigen Prominenten Menschen, die beim Mobbing mitgemacht haben oder sogar angeführt haben.

FS
FS
11 Monate zuvor

Lieber Roberto, hast du mal versucht, Kerstin heute ausfindig zu machen, einen Kontakt herzustellen? Statt unendliche Reue wäre eine Entschuldigung bei ihr, auch wenn man nur Mitläufer war, möglicherweise ein wenig heilsam.

Ich sage das aus der Perspektive eines Menschen, der früher selbst Gewalt von Mitschülern ausgesetzt war. Diese war mehr psychischer als physischer Natur, dennoch leide ich bis heute, nach über zwanzig Jahren, immer noch in der ein oder anderen Situation unter dieser Traumatisierung. Später hat es dann noch eine andere getroffen, allerdings wäre mir nie in den Sinn gekommen, dann selbst zum Täter zu werden. Im Gegenteil. Diese Erfahrung hat mich seither dahingehend geprägt, über Jahre das Selbstbewusstsein zu entwickeln, mich einzumischen wenn anderen Menschen ähnliches wiederfährt.

Entschuldigt hat sich von den Verantwortlichen übrigens bis heute keiner bei mir. Das wäre aber für mich vermutlich der einzige Grund – eine ehrliche Entschuldigung – den Tätern, würden sie mir heute über den Weg laufen, nicht (ich sage es offen heraus) die Zähne einzuschlagen. Ich glaube zwar nicht an Gegengewalt zur Vergeltung von Gewalt, aber ich habe es nicht vergessen und in diesem Fall würde es mir seelisch doch Erleichterung verschaffen. Das gebe ich ehrlich zu. Wie soll es auch anders sein bei einem psychischen Einschnitt, der mich, wenn auch nicht mehr so präsent, mein Leben lang begleiten wird?

Brian
Brian
Reply to  FS
11 Monate zuvor

. Ich glaube zwar nicht an Gegengewalt zur Vergeltung von Gewalt, aber ich habe es nicht vergessen und in diesem Fall würde es mir seelisch doch Erleichterung verschaffen. Das gebe ich ehrlich zu.

Das geht mir sehr ähnlich, allerdings heute (und damit meine ich nicht nur die letzten 1,5
Jahre) mehr als früher. Und ohne authentische Reue (was nicht heißen soll, daß jemand
vor mir auf den Knien rutschen soll) sehe ich auch keinen Grund für ein ‚Verzeihen‘.
Bestenfalls geht man sich einfach aus dem Weg.

Entschuldigt hat sich von den Verantwortlichen übrigens bis heute keiner bei mir. 

Eine ehrliche Entschuldigung (und keine hohlen Phrasen oder ein dahingerotztes ‚Sorry‘)
kommt m.E.n. äußerst selten vor. Auch eine Folge der allgemein schwindenden Empathie. Nebeneinander her leben ist halt um einiges einfacher als miteinander.

ShodanW
ShodanW
11 Monate zuvor

Gleich vorweg: ich Morgenmuffel versuche gerade mit einer Kaffeeinfusion Leben in mich zu pumpen, falls also etwas ein wenig wirr erscheint, man möge mich steinigen… 😀

Ein bisschen Kerstin sehe ich in meiner Kindheit ebenfalls. Nur dass ich früher die Klappe trotzdem aufgemacht hatte, ich muss ja heute auch noch meinen Senf zu vielem abgeben. Daraus wird dann auch ein bisschen Kerstin, wenn andere deinen Gedanken nicht folgen können. Und das sind dann die Peiniger. Schlichte Gemüter.

Woke sind keine Kerstins. Woke sind (wie) Nerds, die man ein bisschen belustigend und seltsam findet, die dann megabeleidigt reagieren, wenn man es ausspricht. Sie setzen es aber mit dem Martyrium Kerstins gleich und formen Rachegedanken. Haben die Woken denn schon mal die Büßerrolle freiwillig eingenommen? Ich höre von denen höchstens etwas, wenn sie direkt Betroffene sind, schwarz, schwul, whatever, sie sind ja auch die Adressaten von Wokeness und den Forderungen, die sie stellen. Aber alle Aktivisten, die davon nie unmittelbar betroffen sind, die aber auch am lautesten fordern (wir wissen ja um Lifestyle-Linke), wollen erstens die Büßerrolle sehen, aber wann haben sie diese selbst mal öffentlich eingenommen? Tue Buße und solche Scherze – kennt man das nicht aus Religionen, die sie selbst als völlig unnötig empfinden?

Im Grunde sind diese Woken völlig Unbeteiligte, und die reden nun von „kultureller Aneignung“ und solchem Bullshit. Als hätten sie die Gabe, sich völlig in die Pein der Diskriminierten hineinzuversetzen. Einen Scheiß können die. Mir erscheint es, als hätten die nie eine Erfahrung hinter sich gehabt, die es legitimieren würde, so betroffen zu tun. Sie eignen sich selbst etwas an, was sie nicht nachvollziehen können. Vielleicht denken sie, sie könnten es, aber dann müssen sie wohl als Ersatz eine Simulation durchleben – Serien, Filme, Games. Ja, das ist spekulativ, aber wir haben schon oft darüber geredet, dass gerade bei den Linken die Lifestyle-Kaste oft gar keine Probleme in diesem Ausmaß wie die Kerstins hat. Die bewegen sich oft im Konsens- und Safe-space-Universum, die ich nicht selten als langweilige Spießer empfinde. Reden über ihre Saugroboter und welche Folgen Netflix-Serie sie geguckt haben. Und was haben sie selbst so erlebt? Öfter mal nix. Sind arbeiten und studieren gegangen, smalltalken bis zum Erbrechen übers Wetter und wie toll ihr Pimpf gelernt hat, nie wieder Zigeunerschnitzel zu sagen.

Aber kann man mit ihnen mal interessante Gespräche führen wie unserereins hier? Ich habe es jedenfalls nur selten erfahren. Oft verursacht es in mir Abscheu, mir deren Gespräche anzutun. Sie trauen sich dann in ihrer Ideologie nicht mal, Dinge beim Namen zu nennen. Das bekommt man dann eher über drei Ecken mit. Nur wenn sie in Gruppen auftauchen, dann darf man die Büßerrolle einnehmen. Gemeinsam sind sie stark. Und ich als Eigenbrödler, der nur zu gerne eigenbrödeln würde, wenn man ihn mal ließe, werde oft genug in diesen Strudel gezogen. Auf mich nimmt man dabei selten Rücksicht. Und dann hätte ich einen Grund, ihnen vorzuwerfen, dass sie sich meine Belange nicht aneignen. Aber da das nicht passiert, weil ich mich nicht eindeutig positionieren will, gelte ich in beiden Lagern als Nestbeschmutzer. Dabei habe ich mich nirgendwo ins Nest gesetzt. Und so geht es einigen anderen wohl auch. Die wollen ihre Ruhe und werden trotzdem ins Thema hineingezogen, nur weil sie damals die Kerstin gemobbt hatten. Da kannst du so viel Buße tun, wie du willst – später werden sie dir das wieder vorwerfen, wenn sie es für sich mal wieder brauchen könnten. Sie sind dann nicht besser als die Peiniger.

Last edited 11 Monate zuvor by ShodanW
Cetzer
Cetzer
Reply to  ShodanW
11 Monate zuvor

„kultureller Aneignung“

Der dreisteste Kulturraub, an dem ich mich erinnern kann, war Gaudeamus igitur gespielt von einer Steel Drum Band, synkopiert bis zur Bewusstseinserweiterung.

„Saugroboter“

Bisher habe ich mir ein kleines Zubrot durch die kontrollierte Rückführung äh, entlaufener Hunde verdient, aber nachdem ich vor kurzem zwei Lifestyle-Blubberer sich ihrer Saugroboter brüsten hörte, werde ich ein bisschen umsatteln.

„Zigeunerschnitzel“

Tanz das Zigeunderschnitzel
Und jetzt den Negerkuss
Nimm ab, du Calmund
Und jetzt nimm zu, Bohnenstange
Und wackel mit den Titten…

ShodanW
ShodanW
Reply to  Cetzer
11 Monate zuvor

Bei allen Punkten ist nur eine Sache wichtig – man sollte sie nicht zu ernst nehmen. Ironie macht frei. Und selbst die nehmen sie ernst.

Brian
Brian
Reply to  ShodanW
11 Monate zuvor

Ok, dann steinige ich mal…😉
Ein klein wenig wirr formuliert (wie heißt es noch so schön : wer nix wird, wird wirr 😄),
oder sagen wir mal fordernd und trotzdem kann ich deine Ausführungen komplett
nachvollziehen und stimme ihnen zu (v.a. was das eigenbrödeln und die interessanten
Gespräche betrifft).
Jehova, Jehova…
Grüße von dem anderen Wirrkopf

ShodanW
ShodanW
Reply to  Brian
11 Monate zuvor

Sie war´s! Sie war´s! 😀

Man muss wohl schon zugeben, dass Eigenbrödeln und Gespräche führen sich normalerweise widersprechen. Zumindest bei mir haben Alter und Beruf die Zunge etwas gelöst. Kommt halt doof, wenn man beim Kunden steht: „Tach. Techniker. Ich geh schaffen. Unterschrift bitte. Tschüss.“

Brian
Brian
Reply to  ShodanW
11 Monate zuvor

dass Eigenbrödeln und Gespräche führen sich normalerweise widersprechen.

Nicht unbedingt. Für wirklich interessante und offene Gespräche, bei denen ich
merke, daß mich mein Gegenüber wahrnimmt und respektiert, bin ich immer zu
haben. Ich kann nur nicht allzuviel mit Smalltalk (deutsch passt das ja auch ganz gut : Kleinsprech), Respektlosigkeit und Narzissmus anfangen. Da werde
ich dann wirklich zum Eigenbrödel.

Mensch
Mensch
11 Monate zuvor

Auch wenn’s thematisch nicht so ganz passt, weil es nicht um eine Selbstbeschuldigung geht. Alter weißer Bub, passt für einen 1965 20 Jahre alt gewesenen durchaus. Dem altehrwürdigen Bob Dylan wird nun mehr als 55 Jahre später von einer Frau, die damals angeblich12 Jahre alt gewesen sein soll, vorgeworfen, sie mehrfach sexuell missbraucht und mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht zu haben.

https://www.spiegel.de/panorama/bob-dylan-frau-wirft-musiker-sexuellen-missbrauch-im-jahr-1965-vor-klage-eingereicht-a-ac5ffe8c-7416-4f23-ba71-4825b3427743

Mich verstört so was. Ich weiß einfach nicht, wie ich mit solchen Vorwürfen umgehen soll?

Mehr als 55 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Was auch immer wirklich geschehen war, beweisen lässt sich ganz sicher rein gar nichts mehr. Was auch immer dabei rauskommt, den Makel wird Bob Dylan nicht mehr los. #metoo dürfte angesichts solch nicht zu toppender Prominenz wieder neu entflammen. Diesmal soll der vielleicht letzte makellose, alte weiße Mann vom Sockel gestoßen werden.

Cetzer
Cetzer
Reply to  Mensch
11 Monate zuvor

Vom Einzelfall abstrahiert, stört mich die fehlende Achtung vor der Zeit.

Alle haben Angst vor der Zeit

Die Zeit hat Angst vor den Pyramiden

(Ägyptisches Sprichwort)

Wie groß wäre bei solchen Prozessen die Gefahr, dass ein Entlastungszeuge nicht mehr lebt oder eine Lehre bei Meister Alzheimer macht.
In meiner Nachbarschaft gibt es einen bemerkenswerten Kontrast: Ganz selbstverständlich soll ein ca. 40 Jahre altes Schulzentrum abgerissen und an anderer Stelle neu gebaut werden. Sanieren Impossible! Und dafür landet keiner vor Gericht, wenigstens vor dem der öffentlichen Meinung – Firma X und Architekturbüro Y bauen für drei Hundeleben, dann wird die Hütte abgerissen.

Last edited 11 Monate zuvor by Cetzer