Die Entdeckung der Fürsorgepflicht

Mit der Klimakrise entdeckten Unternehmen ihre Klimaverträglichkeit für sich. Damit ließ sich werben. Die Corona-Krise lässt sich für sie genauso ausnutzen: Sie haben die Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter entdeckt. Und auch damit kann man sich empfehlen.

Der Spaziergang durch die beinahe vollständig geschlossene Innenstadt war aufschlussreich. Fast alle Läden hatten aus freien Stücken geschlossen, wenn man den Zetteln glauben durfte, die sie sich in die Auslage hängten. »Um Sie und besonders unser Personal zu schützen, haben wir uns entschlossen, unseren Laden zu schließen …« So und so ähnlich las sich das. Stets ging es um die Belegschaft, auch ein bisschen um die Kundschaft. Man wolle niemanden gefährden; Gesundheit gehe vor Geschäft.

Geschlossen haben sie alle aber erst, als man das politisch veranlasst hatte. Vorher blieben die Türen offen, konnte man noch Kaffee trinken oder Jacken erwerben. Es gab Personal und Kundschaft auf engstem Raum, Geschäft ist Geschäft – was man niemanden zum Vorwurf machen kann. Seuchenschutz ist nicht die Aufgabe des Geschäftsführers eines Herrenausstatters. Seine Kompetenz betrifft Konfektionsgrößen und Dienstpläne. Aber dann den Großkotz rausghängen lassen und so tun, als habe man aus einer Vernunftentscheidung heraus geschlossen, wo es doch verordnet wurde: Ich muss schon sagen, das ist ein genialer Kniff!

Marketingstrategische Deutung der Ereignisse

So macht man das heute eben. Alles ist verwertbar, um als Marketingstrategie erfolgreich sein zu können. Noch gar nicht so lange her, da habe ich an dieser Stelle schon mal auf eine ähnlich Entwicklung aufmerksam gemacht. Seinerzeit ging es um das Klima, das urplötzlich von den Unternehmen entdeckt wurde, um damit eben gutes Klima zu machen – für das eigene Geschäft, versteht sich. »Immer mehr Firmen präsentieren ihre Produkte in Anzeigen und auf Plakaten als klimafreund­lich, klimaneutral oder klimaschonend. Ob es sich um ehrliche Informa­tion oder Etikettenschwindel handelt, können Verbraucher oft nicht erken­nen«, mahnte deshalb bereits im letzten Jahr die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Nicht ganz so, aber doch ähnlich, präsentieren sich jetzt die Unternehmen in der Corona-Krise. Als Business mit Herz nämlich, fürsorglich und über den Geschäften stehend. Die Gesundheit der Mitarbeiter gehe vor. Auch Sie, lieber Kunde, sind uns wichtig. Daher bleiben die Türen jetzt geschlossen. Aber natürlich erst, nachdem die Bundesregierung das vorgeschrieben hat.

Na, bitte nicht falsch verstehen, gerade ich, wo ich so halbgare Ansagen immer wieder kritisiert habe, weil man sich nicht auf die Vernunft der Menschen verlassen könne, man sie eigentlich leiten und führen sollte, mache den Unternehmen deshalb keinen Vorwurf. Wenn man nicht möchte, dass sich Menschen in Geschäften versammeln, muss man es verbieten. Über Sinn und Unsinn, über alternative Maßnahmen und so weiter, kann man dann gesondert sprechen. Aber sich großkotzig hinstellen und die eigene Verantwortung unterstreichen: Das ist schon irgendwie ulkig.

Letztlich kann man heute aus jedem Umstand eine Werbe- oder Imagestrategie basteln. Man muss die Ereignisse halt nur richtig deuten – oder umdeuten, wenn sie sich verändert haben. Marketing ist ja letztlich nie etwas anderes gewesen, man muss nur mit der Masse psychologisieren. Ob es stimmt oder nicht, hat noch nie jemand interessiert. Porentief rein wäscht jedes Waschmittel im Jingle – ob das im Haushalt auch noch zutrifft: Zweitrangig. Das Narrativ steht, die vergilbte Bluse ist weiß, weil es ein Versprechen war.

Betriebe und Geschäftswelt: Eigentlich ein idyllisches Lebensgefühl

Es geht um erzählte Geschichte, darum wie man die Realität ausdeutet. Ob die den Tatsachen entspricht, gar der Wahrheit zuneigt, ist dabei nicht so wichtig. Wenn jemand sagt, dass er nun erzähle, wie es wirklich war, dann begeht er damit schon einen Irrtum. Er kann bestenfalls erzählen, wie es für ihn wirklich war. Wahrheit ist ein »bewegliches Heer von Metaphern« – diese Metapher von den Metaphern ist von Friedrich Nietzsche. Sie trifft es ganz gut. Weiter erklärte er, sie sei »eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden« – das jedenfalls war seine Wahrheit.

Eine Geschichte wird dabei ganz nebenbei erzählt, wenn man jetzt so liest, wieviel Verantwortungsgefühl deutsche Unternehmen so in sich tragen: Sie sind eigentlich ganz gute Dienstherren, Kümmerer halt, zeigen Verständnis für die Belange ihrer Belegschaft. Wer aus reiner Fürsorge seinen Laden schließt, der muss doch ein feiner Kerl sein, oder?

Die Gesundheit unseres Personals geht vor, schreiben viele. Zumindest jetzt, wo publikumswirksam damit geworben werden kann. Sonst allerdings? Ladenöffnungszeiten werden ausgeweitet und immer wieder aufs Tapet gebracht. Dass der Sonntag noch Ruhetag ist: Der Handel hält das für eine Schande. Belegschaften schuften viel, bekommen immer mehr Aufgaben übertragen. Personal fehlt. Krank zur Arbeit? Im Augenblick bitte nicht. Sonst gehört es zur Betriebskultur deutscher Unternehmen, Krankheitszeiten als persönliche Schwäche zu attestieren – von manchen Betrieben wird berichtet, dass man kranke Mitarbeiter unter Druck setzt.

Das Idyll, das da mitschwang, als Deutschlands Läden geschlossen blieben: Schon ein abenteuerliches Narrativ. Aber eines, mit dem sich punkten lässt. Denn wer heute verkaufen will, der braucht nicht nur ein gutes Produkt, der benötigt ein Image. Wer heute Rasierer an den Mann bringt, der bringt nicht einfach nur einen Rasierer an den Mann, sondern weitaus mehr: Ein Lebensgefühl nämlich. Und das ist es, was in der Corona-Schließzeit vermittelt werden sollte: Das Gefühl, es nicht mit alten Krämerseelen zu tun zu haben. Denn die vermitteln nun mal keinen Lifestyle.

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niki
niki
27. April 2020 8:17

Sonst gehört es zur Betriebskultur deutscher Unternehmen, Krankheitszeiten als persönliche Schwäche zu attestieren – von manchen Betrieben wird berichtet, dass man kranke Mitarbeiter unter Druck setzt. Das passiert immer noch… Auf die Bemerkung hin, ob man mit einer Erkältung immer noch zu Arbeit kommen sollte oder nicht, kam nur der lapidare Satz: „Sonst schaffen wir das alles nicht…“. Daraufhin habe ich den Chef gesagt, dass er nun verpflichtet sei, jemand der Erkältungssymptome hat nach Hause zu schicken… „Das gelte doch nur für große Betriebe…“ Meine Aussage, dass er gefälligst mehr Personal einstellen solle um Krankheitsfälle und Urlaubszeiten (sic!!!) abzudecken, wurde… Weiterlesen »

niki
niki
Reply to  Roberto De Lapuente
27. April 2020 13:26

Das interessiert leider nicht… die Arbeitsschutzstandards kann man sich in die Haare schmieren, wenn es nicht kontrolliert wird…

Pen
Pen
Reply to  Roberto De Lapuente
27. April 2020 16:30

Roberto, was denkst Du, was passiert , wenn man diese Standards einklagen will?

Molle Kühl
Molle Kühl
27. April 2020 8:51

Leider mal wieder die falschen Schlüsse gezogen. Unternehmen haben nämlich ein existenzielles Interesse an der Gesundheit Ihrer Mitarbeitenden. Warum gibt es denn unbezahlten Urlaub? War Otto von Bismark, der 1884 mit Beginn der Industrialisierung die gesetzliche Krankenversicherungspflicht eingeführt hat, etwas Kommunist? Nichts ist dem Firmeninhaber wichtiger, als die Erhaltung der Arbeitskraft ihres Personals. Das Gejammer über die Statistik der jährlich durch Krankheit bedingten Ausfallzeiten der Malocher ist doch unüberhörbar. Die Tatsache, dass viele Arbeitnehmer auch vor den Einschränkungen am Arbeitsplatz in der heutigen Zeit einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt waren, ist doch eine Binse und nicht erst seit Corona neu. Unfallschutz… Weiterlesen »

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Molle Kühl
27. April 2020 9:09

@Molle Kühl Heute schreibt dazu die JW unter anderem: „Der chronisch sieche Kapitalismus, den Macron und seine EU-Kollegen mit einigen hundert Milliarden Euro kurieren wollen, baut, seit es ihn gibt, logischerweise auf die Gesundheit der Auszubeutenden. „ Das ist wohl eine reichlich sentimentale Vorstellung. Der Kapitalismus baut in erster Linie auf einen möglichst großen Pool an Arbeitskräften, damit die Verwertungsmaschine immer schön rund läuft. Warum wohl gibt es die Globalisierung, die EU-Osterweiterung mit Arbeitnehmer-Freizügigkeit oder den Migrationspakt, Niedriglohnsektor und hohe Arbeitslosigkeit? Ganz bestimmt, weil den Unternehmen das gesundheitliche Wohl der Menschen, die ihre Gewinne erwirtschaften, so am Herzen liegt. Was… Weiterlesen »

Pen
Pen
Reply to  Robbespiere
27. April 2020 9:36

@Robbespiere

Richtig, dafür wurde die EU schließlich gegründet. Umverteilung, NATO Osterweiterung und ein unerschöpliches Reservoir an Billigarbeitskräften. Urlaub? Kankenversicherung? Braucht kein Mensch. Zeitarbeit und größter Niedriglohnsektor Europas hat alles verändert. Wer krank ist oder nicht mehr kann, wird ausgetauscht. Fertig. Außer Merkel und Ihr Rollstuhlfahrer gehört unbedingt auch Gerd Schröder auf die Liste der EU Zerstörer.

Molle Kühl
Molle Kühl
Reply to  Roberto De Lapuente
27. April 2020 10:22

„Der Spaziergang durch die beinahe vollständig geschlossene Innenstadt war aufschlussreich. “
Differenzieren scheint nicht Deine Stärke zu sein. Oder hast Du in der Frankfurter Innenstadt rumänische Spargelstecher bei der Arbeit gesehen?

Rudi
Rudi
Reply to  Molle Kühl
27. April 2020 11:19

@ Molle Kühl
Für die Berliner ist die Molle ein Glas Bier. Gegen ein kühles Glas Bier ist nichts einzuwenden. Zwei oder drei können auch noch angenehm sein. Liest man deine Einlassungen, drängt sich der Verdacht auf, dass du erst nach zehn Mollen anfängst zu schreiben.

Pen
Pen
Reply to  Roberto De Lapuente
27. April 2020 11:50

Du meinst aber jetzt Robbespiere, nicht wahr?

niki
niki
27. April 2020 20:19

Zitat von einem Freund von mir:

Wenn unseren Politikern die Gesundheit der Bevölkerung sooo am Herzen liegt, warum gibt es dann eigentlich immer noch keine Lebensmittelampel auf Lebensmittelverpackungen, Glyphosat auf den Feldern, kein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, Billigfleisch aus der Massentierhaltung und keine Bildung im Bereich Gesundheit/gesunde Ernährung in den Schulen? (Mir würden noch unzählig viele andere Dinge einfallen.) Das wäre dann aber schlecht für die (Pharma-)Wirtschaft. Alles sehr glaubhaft, liebe Politik.

Pen
Pen
Reply to  niki
28. April 2020 9:15

@niki Dein Freund trifft den Nagel auf den Kopf. Ohne Zweifel ist Covid-19 hochansteckend. Außerdem ist es für ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen tödlich. Aber sehr viele Menschen sterben jährlich an der Verschmutzung der Luft und des Wassers, an durch Glyphosat vergiftete Böden, an Diabetis, Fettsucht und Herzkreislauferkrankungen, die durch zuviel Fett und Zucker in der industriellen Nahrung hervorgerufen werden. Sehr viele Menschen sterben durch Medikamente, durch ärztliche Fehler und keimverseuchte Krankenhäuser. Wird das in den Medien derart hochgespielt? Nein. Merkel hat schon angedeutet, daß der Lockdown so lange bleiben würde, bis es einen Impstoff gibt. Bill Gates durfte… Weiterlesen »

Rudi
Rudi
Reply to  Pen
28. April 2020 9:57

Ohne Zweifel ist Covid-19 hochansteckend. Außerdem ist es für ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen tödlich.

Diese Frage wäre erst dann zu beantworten, wenn man die Todesursache durch Obduktion feststellen würde. Wer alt und vorerkrankt ist, könnte auch an der Vorerkrankung gestorben sein. Wenn man jedoch nur feststellt, dass das Virus im Körper war, kann nicht zwingend auf die Todesursache Covid-19 geschlossen werden. Das wird aber so gehandhabt. Dadurch könnte die Gefährlichkeit des Virus übertrieben werden.

Pen
Pen
Reply to  Rudi
28. April 2020 10:27

@Rudi Das sehe ich auch so , nehme aber Rücksicht auf meine angsterstarrten Landsleute, denn ich möchte weder als Corona-Leugner abgestempelt noch denunziert werden. Ich stelle hier nur einen Link von einem Interview mit einem klugen, andersdenkenden Wissenschaftler, Dr. Shiva AAdurai ein, der mMn gut daran täte sich eine paar gute Bodyguards zu besorgen. Bill Gates hat in Afrika und Indien hunderttausende Menschen zu Tode geimpft. Er und die üblichen Verdächtigen, Big Pharma, die Clintons, Zuckerbergs, Bezos‘ etc. sind auf dem Weg, die Menschheit mit ihrem Kapital zu beherrschen. Ihnen würde ein weiterer, klitzekleiner Mord bestimmt nichts ausmachen. Und gibt… Weiterlesen »

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