Die Module spiel’n verrückt

In Katar sollen bei der WM 2022 autonome VW-E-Busse fahren. So wollen Katar Weltoffenheit und Volkswagen Erfindergeist beweisen. Was als Startschuss für die Elektromobilität anmutet, ist aber vermutlich schon das höchste der Gefühle.

Das Internet ist ein Klimazerstörer. Sagt Margrethe Vestager. Die EU-Kommissarin liegt richtig. In den letzten Jahren ist der Strombedarf massiv gestiegen. Das hat mit der Digitalisierung zu tun, mit Streaming-Diensten und dem steten Drang, dauerhafter Onlinehaftigkeit. Sie sieht die Klimaziele, die EU bist 2050 klimaneutral aufzustellen, in Gefahr. Dieses Ziel ist ohnehin Quatsch, Klimaneutralität kann es nie geben – jeder menschlich-zivilisatorische Eingriff in die Welt, birgt bereits eine klimatische Veränderung. Frevelnd könnte man fragen, ob es der Syntax des homo sapiens sapiens immanent ist, nur im Zerstörungsmodus existieren zu können. Aber der Gedanke führt an dieser Stelle zu weit.

Bereits jetzt bereitet uns der benötigte Strom also Probleme. Von einer zählbaren, geschweige einer flächendeckenden Elektromobilität, haben wir noch gar nicht gesprochen. Auch nicht davon, dass diese autonom, das heißt vernetzt sein soll, womit wir nochmal einen weiteren Strombedarf für große Serveranlagen benötigten. Doch die Elektromobilität wird als das rettende Ufer und Ziel ausgegeben. Genau das dürfte sie letztlich nicht sein. Mit ihr verschieben sich nur die Problematiken.

Silicon Valley, Katar, Betriebsgelände von VW

Volkswagen kündigte nun an, bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar eine autonome E-Bus-Flotte zu stellen. Das ist auch gut fürs Image – nach dem Abgasskandal und der Erkenntnis, dass die deutsche »Automobilpolitik« einfach immer nur weiter und weiter gemacht hat wie bisher, die neuesten Entwicklungen gemieden und das umweltbewuste Image nur gespielt, nur Greenwashing war, braucht es jetzt etwas Innovatives und Zukunftszugewandtes. Die E-Busse in Katar sollen es nun richten.

Dabei ist nicht davon auszugehen, dass das Vorhaben nicht klappt. Die Technik für autonome Fortbewegungsmittel ist ja vorhanden. Akkus für Elektromobilität auch. Im Silicon Valley funktioniert es ja auch, dort fahren ja auch Privatleute wie Unternehmen mit Elektro-Fahrzeugen durch die Straßen. Manche davon angeblich sogar autonom gesteuert. Auf diversen Betriebsgeländen soll es das auch schon geben. Es wird berichtet, dass es nicht immer reibungslos funzt – aber doch immerhin recht zufriedenstellend.

Das ist die Crux, diese autonome Elektromobilität wird schon klappen. Aber nur, wenn sie in einem Mikrokosmos abgespult wird. Ob nun Silicon Valley, Betriebsgelände oder demnächst Katar: Die dort benötigte Mobilität ist übersichtlich und überschaubar. Große Städte oder gar Überlandstrecken benötigen ganz andere Parameter – vom Material- und Ressourceneinsatz mal ganz zu schweigen. Da ist fraglich, ob das Autonome zwangsläufig zu einer effizienten Lotsung durch den Straßendschungel führt. Wenn da eine oder anderthalb Millionen Menschen zeitgleich im Mikrokosmos Großstadt unterwegs sein wollen, kommen auch Algorithmen an gewisse Grenzen.

Windräder, noch mehr Windräder

Nicht so sehr, wenn sie einfach die alte Struktur übernehmen sollen: Das Muster Individual- und Massenverkehrsmittel. Dort würde man einfach eine neue Matrix überstülpen. Aber die Ideen gehen ja viel weiter. Die autonome Elektromobilität möchte ja den Individualverkehr einschränken bzw. sozialisieren. Was vorschwebt sind Millionen von fahrbaren Kapseln, in denen vielleicht sechs oder zehn Personen Platz finden. Diese Kapseln sind quasi ständig im Dienst, man bestellt sie per App, steigt ein und dann wird die Fahrtroute nach Effizienzkriterien berechnet. Klingt schön, hat was von den Jetsons, aber ob das in einer hochgradig mobilen Welt mehr als Science-Fiction sein kann, darf bezweifelt werden. Denn wenn alle wohin wollen, bleibt Effizienz buchstäblich auf der Strecke: Das stellt gewissermaßen das Grundproblem der hiesigen Verkehrssituation dar.

Schon jetzt lässt sich unser Bruttostromverbrauch nicht ausschließlich mit erneuerbaren Energien decken. Hin und wieder ist unsere Bedarf noch nicht mal mit allen Energiequellen gedeckt. Nur weil Elektrogeräte in den letzten Jahren energieeffizienter wurden, verbrauchen wir nur etwa zehn Prozent mehr Strom als noch vor zwanzig Jahren. Gleichwohl stieg der Verbrauch trotz technischen Fortschritts. Die Digitalisierung wird nochmals den Bedarf erhöhen. Nicht auszudenken, welche Kapazitäten für die Elektromobilität geschaffen werden müssten. Nur durch Windräder und Photovoltaik?

Es geht aber ganz generell um Ressourcen: Um die Herstellung von Akkus und Energiespeichern, um die Schaffung einer Elektro-Infrastruktur und letztlich halt auch um mehr Stromerzeugung. Das nichts davon klimaverträglich zu haben sein wird, lässt sich leicht denken. Alleine Akkus und Batterien, die dann massenweise hergestellt werden müssen, stellen eine klimatische Herausforderung dar. Grund ist der massive Abbau von Kobalt, Mangan und Lithium, die zum Bau verwendet werden. Von Klimaneutralität müssen wir gar nicht erst reden – wie gesagt, die ist ein Wunschtraum und die PR von Leuten, die es besser wissen müssten.

Aus der Steckdose kommt doch genug Strom

37,8 Prozent des Stroms in Deutschland stammen aus dem erneuerbaren Segment. Die Förderung wurde eingestellt – man kann aber auch nicht an jeder Stelle ein Windrad hinstellen. Offshore-Parks draußen auf der Nordsee wurden vor einigen Jahren offensiv beworben – mittlerweile darben auch diese Projekte. Unter Umständen lag Greta Thunberg richtig, als sie gesagt – und später geleugnet – hatte, dass man wieder über Atomkraft nachdenken müsse. Wenn der Strombedarf steigen soll, dürfte am Ende jede Quelle recht sein. Zu bedenken ist außerdem, dass wie beim Atomausstieg auch, das deutsche Wesen nicht die Welt rettet. Erneuerbare Energien werden global betrachtet weiterhin nicht favorisiert. Selbst wenn wir hier die Mobilität total aus erneuerbaren Quellen speisen würden, bleibt der Klimawandel doch eine globale Herausforderung.

Manchmal hat man den Eindruck, dass die Module der Befürworter der Eleketromobilität ein bisschen verrückt spielen, denn sie tun so, als seien die Strukturen doch schon da. Steckdosen habe schließlich jeder im Haus. Jetzt fehle nur noch ein Elektroauto. Übrigens ein teurer Spaß, der nicht jedermann zugänglich ist. Für 500 Millionen Europäer oder 7,75 Milliarden Menschen ist das keine Perspektive. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass das westliche Modell des Autobesitzes für viele Menschen auf der Erde noch gar nicht Wirklichkeit wurde. Aber sie streben es an. Und das ist nur gerecht.

Elektromobilität wird sicherlich eine Ergänzung zum Verkehrsbild sein. Als Massenverkehrsmittel ist es letztlich ebenso klimaschädlich. Im Grunde ist es wie bei allen anderen Dingen auch: Wenn man etwas exzessiv betreibt, ist es zwangsläufig nicht gesund. Und Mobilität für bald 8 Milliarden ist eben schon mehr als nur eine Herausforderung. Am Ende wird es nicht um Klimaneutralität gehen, sondern um die bestmögliche Eindämmung, um das, was wir schon lange kennen: Fahrten vermeiden, Busse und Bahn nutzen und benzinsparende Motoren bauen. Zuzsätzlich muss die Infrastruktur ausgebaut werden, damit Innenstädte Fahrverbote aussprechen können.

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ChrissieR
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ChrissieR

Guude!

Na, dann kann ja die Umwelt-Sau Oma mit nem Elektromotorrad und 10m Verlängerungskabel durch den Hühnerstall brettern!

Viel gewonnen wäre ja, wenn man seinen Strom für z.B. den Fernseher oder das Ladegerät vom Handy oder PC selbst erstrampeln müsste…so ein Hometrainer-Fahrrad mit Generator! Dann würde man sich fit halten und wahrscheins net jeden Scheiss angucken!

Grüsslies

Christine

Gaby Peschel
Mitglied
Gaby Peschel

Moin moin
Mit der Idee stößt du leider auf nicht zu verachtenden Widerstand. Bei Energieproduzenten, Pharmazie, Medienkonzerne, Nahrungsmittelergänzungsindustrie, ect. pp.
Keine Frage, mir würde die Idee, bzw die Umsetzung selbiger, sehr gefallen und welch‘ großer Dienst der Natur und Umwelt damit erwiesen wäre ist mir von unschätzbarem Wert. Leider sind wir alle aber auch zu sehr dem „Luxus der Arbeitserleichterung“ verfallen, so dass uns oftmals nicht mal ersichtlich ist, dass es auch anders geht als dafür auch noch jemandem das Geld in den Rachen zu schieben. Die Macht der „gewohnten Faulheit“ scheint mir da wirklich übermächtig.

LG
Gaby

Alter weiser Mann
Gast
Alter weiser Mann

Wenn man vor 20 Jahren jemanden gefragt hat, ob er ständig so ein neumodisches Telefon mit sich rumschleppen wollte, haben 90 Prozent einen Vogel gezeigt. Zumindest rechnerisch wohl dieselben 90 Prozent, die heute keinen Schritt mehr ohne einen kompletten Computer machen.
Ich weiß nicht, ob das mit den Autos auch wieder 20 Jahre dauern wird: Der ganze Klimaklamauk nähert sich ja rasant seinem natürlichen Ende; bald haben die Wissenschaftler wieder Zeit, neue Technologien, Batterien und all so’n Kram zu erfinden. Dann könnte es plötzlich ganz schnell gehen. Schaumermal…

niki
Mitglied
niki

Abschließend gibt es eigentlich nur zu sagen: Wir sind in einer wirklich beschissenen Situation. Wenn wir so weiter machen wie bisher, was auch sehr viele möchten, wird die ultimative Katastrophe kommen. Und wenn es nicht durch das Klima ist, werden es Ressourcenkriege sein. Unser ganzer Lebensstil ist zu überdenken, aber niemand, und da schließe ich mich nicht aus, will seine Lebenssituation verschlechtern. Und das häufig auch zurecht, weil die Mehrheit der Menschen geht es nicht besonders gut. Die Maßnahmen, die mit vorschweben, sind mit einem Kapitalismus, zumindest in der heutigen Form kaum vereinbar. Sagen wir mal so: Ein grundlegender Wohlstand,… Weiterlesen »

Mordred
Mitglied
Mordred

Bereits jetzt bereitet uns der benötigte Strom also Probleme. Von einer zählbaren, geschweige einer flächendeckenden Elektromobilität, haben wir noch gar nicht gesprochen.

Nein.
Bei Mining für Bitcoin o.ä. würde ich noch mitgehen. Aber man kann sich ja mal überlegen, was die Alternativen zur Internetnutzung an Strom und sonstigen Energieverbrauch bedeuten würden.
Und zur Elektromobilität bzw. Herstellung der benötigten Strommenge möchte ich zum 100. Mal feststellen: Wegen des wesentlich höheren Wirkungsgrads wäre es sogar besser, aus Öl Strom anstatt Kraftstoff herzustellen.

Heldentasse
Mitglied
Heldentasse

Moin moin, und ein gutes Neues! 1. „Dabei ist nicht davon auszugehen, dass das Vorhaben nicht klappt.“ Eine doppelte Verneinung ist doch im Bayrischen, entgegen der Logik, eine Verstärkung der Aussage, und die ist hier m.E. richtig. Die Teutschen können z.Z. weder so richtig „E“ und schon mal gar nicht „autonom“! Sollen sie den Krempel in China kaufen und gut ist. 2. „Manchmal hat man den Eindruck, dass die Module der Befürworter der Eleketromobilität ein bisschen verrückt spielen, denn sie tun so, als seien die Strukturen doch schon da. Steckdosen habe schließlich jeder im Haus. Jetzt fehle nur noch ein… Weiterlesen »

Drunter & Drüber
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Drunter & Drüber

Es gibt Leute, die tun was.

Nicht Jede/r kann das alles machen, aber etwas können wir alle tun. Wir müssen halt anfangen. Sonst geht es ohne uns weiter.