Zwei ungehetzte Wochen

Seit zwei Wochen lasse ich die sozialen Netzwerke, ganz speziell Facebook, nur noch immobil an mich heran. Die App habe ich gelöscht. Schon jetzt kann ich sagen: Der Alltag fühlt sich anders, strukturierter, ja besser an. Denken fällt mir wieder leichter. Ein kurzer Bericht.

Neulich sah ich mich mit Streitereien bei Facebook konfrontiert. Tue ich ja quasi immer. Einmal ging es darum, dass ich knapp auf einen Artikel in der FAZ reagierte. Der besagte, dass immer mehr Eltern innerhalb einer Grauzone agierten und ihre Kinder zu Hause unterrichten lassen, statt sie zur Schule zu schicken. Dass das kein probates Mittel ist, weil wir uns da in die Egomanenproduktion begeben, wollte ich nur kurz einwerfen. Es würde nämlich sicherlich »schwierig für die Stubenhocker, wenn sie im echten Leben ankommen, sich anpassen, einfügen, integrieren, Kompromisse eingehen und Rücksicht nehmen« müssten.

Kurz darauf tippte ich was zu häufigen Bombenfunden und Evakuierungen in Deutschland ins Netzwerk. Zynischer Schlusssatz meinerseits: »Danke Hitler!« Auch da loderte es. Revisionisten und Unhistoriker meldeten sich zu Wort. Hitler habe schließlich genug Friedensangebote gemacht! Wie konnte ich das vergessen?

Wie ich kürzlich erklärte, habe ich meine Facebook-App vom Handy gelöscht. Ich verfolgte die sich ergebenden Diskussionen also mit einer Distanz, die ich vorher gar nicht mehr kannte. Normalerweise guckte ich in solchen Situationen oft aufs Mobiltelefon, prüfte ob mich Facebook benachrichtigte, lugte auch mehrmals hintereinander aufs Display. Hat jemand reagiert? Sogar kommentiert? Falls ja, musste ich natürlich auch eiligst nachlegen. Das gebot die Etikette. Man muss schnell sein, sonst ist man raus. Hochfrequenzhandeln heißt das Motto. So ging dies dann und wann eine halbe oder eine volle Stunde lang. Man saß da und behielt seinen mobilen Anschluss zur Welt im Auge und reagierte umgehend.

Ich muss sagen, dass hat mich regelrecht in eine Hetzjagd versetzt. Ich ärgerte mich über manche dumme Diskussion und fand keine Ruhe, weil ich ja immer erreichbar war für jenes Hetzwerk, bei dem gehetzt und man gehetzt wird. Manchmal fing ich mir solche unleidlichen Debatten ein, als ich noch an meinem immobilen Arbeitsplatz, meinem PC saß. Klappte ich die Luke zu, war aber nicht etwa ausdiskutiert und Ruhe. Ich verlagerte alles auf den mobilen Begleiter, nahm die Kommunikationsbereitschaft mit in die Küche, aufs Sofa oder mit aufs Klo.

Seit nun circa zwei Wochen habe ich das abgestellt. Ich gehe nur noch am PC und nicht mehr mittels App in die Netzwerke. Mit Kalkül. Debatten werden so langsamer, kühlen herab. Nicht minutiös informiert zu werden, ist wie eine Kur. Ein In-sich-gehen, fast wie ein bisschen Yoga ohne Schneidersitz. Man bekommt den Freiraum darüber nachzudenken, ob manche Diskussion fruchtbar ist oder besser abgewürgt und ignoriert gehört. Ja, ich merke auch, dass ich überhaupt mehr Zeit habe, um über allerlei Dinge und Ereignisse nachzudenken. Kein Wunder, wenn man nicht ad hoc auf jeden Knochen reagieren muss, der einem per Chronik zugeworfen wird, steht man nicht unter Argumentations- und Statementdruck. Man kann erstmal darüber sinnieren, runterfahren und sich aus der Hektik der Netzkakophonie herausziehen – und gegebenenfalls die Schweigsamkeit als Antwort wählen.

Kurz und gut, ich möchte meinen Leserinnen und Lesern nur einen ganz kleinen Einblick in diese meine Semi-Abstinenz geben. Es gibt vielleicht kein Leben außerhalb und ohne Internet mehr. Aber eines außerhalb der Netzwerke – das gibt es sicher. Und es verspricht Lebensqualität. Seither fühle ich mich ruhiger, weniger getrieben. Wenn ich auf das Handy gucke, erschlägt mich nichts mehr. Ich fühle mich von nichts abgeschnitten, sondern besser informiert als vormals. Ich kann nur jedem empfehlen, sich wenigstens des mobilen Facebookens zu entledigen. Löscht die App. Das ist ein Beitrag zum eigenen Wohlbefinden. Tut es und postet es hinaus in die Welt …

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Nashörnchen
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Nashörnchen

😉 😉 😉
Isch bin dä Roberto und isch bin Faceboholiker…

Weiter so! Bleib stark! Du schaffst das!

Molle Kühl
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Molle Kühl

Ich habe weder facebook, noch ne App, noch ein Smartphone. Es gibt mich auch nicht auf youtube oder in den Leitmedien. Hab auch noch kein Buch geschrieben. Vielleicht bin ich deshalb ziemlich entspannt und nehme die bisherigen Beleidigungen durch den Autor gelassen zur Kenntnis.

Pen
Gast
Pen

Ist mir nicht aufgefallen.

Pen
Gast
Pen

Der nächste Schritt: Abschaffung des Fernsehers! ;- )) Der Gewinn an Lebensqualität verdoppelt sich noch einmal. Falls man wie ganz früher ein Programm hatte, um gute Filme – doch, die gab es! – nicht zu verpassen, und die Zeitung studiert und sich die Zeiten notiert hat, gibt es jetzt in dieser Hinsicht keine Termine mehr. Man fühlt sich plôtzlich enorm frei. Und schließlich braucht man sich nicht mehr über die schamlosen Falschmeldungen und Auslassungen zu ärgern, was gut für Herz und Kreislauf ist, und die unerträglichen Visagen des Dreckspacks, das sich Regierung nennt sieht man auch nicht mehr – zu… Weiterlesen »

Eschi
Gast
Eschi

Das Fernsehprogramm versteht man
im Suff oder gar nicht. Das ist erst
ab drei Feierabendbier zugänglich.

Ansonsten ist „Ich und meine Accounts“
ein linksidentitäres Thema. Nach Gender
und vielgeschlechtlicher Sexualität
nun auch die Kulturmüdigkeit als öffentliches
Gut. Die Linke muss sich gegen die Kulturmüdigkeit
stellen ! Soziale- und Eigentumsfrage sind
von gestern !

musil
Gast
musil

Da muss ich aber schon ein Länzchen brechen für das alte TV-Kastl. Man muss sich ja nicht alles zu Gemüte führen, und schon gar nicht alle Sender „favorisieren“. Ich hab die privaten Kanäle bis auf wenige Ausnahmen (Sport- und drei Seriensender) nicht in meinen Favoriten und zappe mich abends vor dem Einschlafen durch die ÖR-Sender bis ich was passendes finde (Nachrichten und Infosendungen meide ich aber eher). Ich habe es mit dem Laptop probiert, aber das finde ich äußerst unbequem und auch wenig schlafförderlich. Außerdem gibt es ja noch die Möglichkeit, interessante Sendungen aufzunehmen.