Journalismus, der das Böse weckt

Rassismus ist natürlich ein wichtiges Thema. Besser gesagt, rassistische Strukturen zu benennen und darüber zu informieren. Aber medial geschieht mal wieder genau das, was dazu führt, dass die Leute das Interesse an wichtigen Themen verlieren: Nämlich Journalismus mit der Brechstange.

Samstagabend vor zwei Wochen. Vor dem Schlafengehen surfe ich noch etwas. Suche nach Informationen, nach Themen und lande, wie so oft, bei Spiegel Online. Die ersten sieben Artikel, die mir als Leser angeboten werden, handeln vom Rassismus. In den USA, hierzulande, in der Kulturbranche. Das erschlägt mich. Klar, Rassismus ist ein Problem. In den USA, hierzulande und in der Kulturbranche. Aber es ist nicht der einzige Mist, der hienieden passiert. Das Gefühl beschich einen in den letzten Wochen aber.

Auf Portalen wurde man zeitgleich mit demselben Thema in Dauerschleife begrüßt. Im Gegensatz zu den Artikeln bei Spiegel Online mangelte es den Texten dort an einer gewissen Relevanz. Beispiel: Bei welchem schwarzen Kaffeehaus-Besitzer ich jetzt meinen Kaffee holen sollte: Leute, das ist kein Journalismus – das ist Aktivistenarbeit. Etwas, was bei Bento gut aufgehoben wäre – jenes Jugendmagazin des Spiegels geht ja bald von uns. Das ist tragisch, denn viele, die solche Art Artikel produzieren, werden das Zeug nicht mehr los. Presseerzeugnisse wie Bento waren da in gewisser Weise wie Bad Banks, die toxisches Material aufsogen. Das aber ist eine andere Geschichte …

Wie ausgerechnet Jan Fleischhauer Cristiano Ronaldo berät

Ich bin ja kein Rassist – gut, so fangen viele Rassisten ihre Sätze an. Aber ich bin ja wirklich keiner. Ehrlich gesagt nicht mehr als andere. Vorurteile hat jeder, ich bin nur nicht mehr so arrogant, so zu tun, als wäre ich da porentief rein. Dennoch bin ich kein Rassist. Hautfarbe ist mir egal. Ich habe ja selber oft und lang und breit über die Erfahrungen mit und um meinen spanischen Vater berichtet. Gastarbeiterlektüre quasi. Aber ich merke, wie ich jetzt, in der Stunde des Rassismus als Top-Thema abdrifte, mein Interesse verliere, ja auch eine Überzogenheit wahrnehme, die ich als unangenehm finde.

Wer mich mit sieben Artikeln zum Thema abholen will, der treibt mich weg. Ich sehe da immer Geschwader völlig aufgescheuchter Journalisten vor mir, die sich alle wie von der Hummel gestochen an einem Thema abarbeiten und gegenseitig antreiben und zu neuen Leistungen steigern. Da das in digitalen Zeiten stets schnell gehen muss, recherchiert man natürlich wenig und schreibt munter los. Alle synchron. Am Ende kleistert man den Leser zu, will ihn zudem damit auch noch auf die eigene Linie bringen. Bei einem Thema wie Rassismus wohlfeil. Wer gibt heute denn noch offen zu, dass er Rassist ist? Nicht mal die Rassisten!

Nun bin ich weit davon entfernt zu behaupten, dass Journalismus gute Stimmung erzeugen sollte. Aber wenn er Leser mit unzähligen, qualitativ unterschiedlichen Texten zu nur einem Thema begrüßt, dann erzeugt er ja einen einseitigen Blick auf die Welt. Es gibt aber auch noch andere Geschehnisse auf Erden. Journalisten sollten das stets bedenken. Aktivisten müssen sich diesen Luxus hingegen nicht leisten. Im Grunde peinlich für die Gilde, dass diesen Wandel von Journalist zum Aktivist, ein Schreiberling schon vor Monaten herausstrich: Jan Fleischhauer nämlich. Das ist, wie wenn ein Kreisklassestürmer Cristiano Ronaldo erklärt, wie er effizienter zum Torabschluss kommt. In diesem Fall hatte der Kreisklassestürmer Fleischhauer allerdings gute Argumente.

Weniger wäre mehr

Dieser Journalismus mit der Brechstange ist zu einem Prinzip geworden. Vor Wochen gab es nur Corona. Alles wurde aus dem Corona-Blickwinkel analysiert und beschrieben. Vorher hatten wir dasselbe Phänomen beim Klimawandel. Es gab kein anderes Thema mehr und die Qualitätsmagazine lieferten Myriaden an Artikel zur Sache. Die meisten oberflächlich, Befindlichkeitsgewichse oder schon nach einigen Tagen wieder überholt. Ob zwischen Corona und Klimawandel noch was war, habe ich schon wieder vergessen. Übrigens eine ganz normale Reaktion auf diese brachiale Dauerberieselung: Demenz. Im Grunde so eine Art mentaler Überlebensstrategie, um nicht unnötig Synapsen zu verbrennen.

Das ist ein bisschen wie aktuell im öffentlichen Nahverkehr. Im Großen und Ganzen halte ich mich dort ja an die Maskenpflicht. Jedenfalls was das Bedecken des Mundes betrifft. Die Nase lasse ich an der Luft. Was hilft mir Gesundbleiben, wenn ich daran ersticke? In den Bahnen und Bahnhöfen sagen sie ständig durch, dass man eine Maske tragen müsse. So oft, dass mich das nicht einschwört auf die Sache, sondern widerspenstig macht. Ich würde mir am liebsten das Ding vom Gesicht reißen. Ich ahne ja schon, dass die Idee hinter der Maske vernünftig ist, aber wenn mir das dauernd einer einflüstert, werde ich nicht vernünftiger – ich werde unvernünftiger.

Nein, ich werde jetzt nicht zum Rassisten, weil man mir ständig mit dem Thema kommt. Aber ich schaue genauer hin. Und mir geht dabei Empathie verloren. Ich halte letztlich auch nicht alles für ausgemachten Rassismus, was jetzt um uns geschieht. Und ob man alte Hollywood-Schinken mit Warnhinweisen ausstatten muss, beantworte ich eindeutig: Nein. Klar, da steckt Rassismus drin. Das war damals leider so. Aber hört auf die Leute ständig mit denselben thematischen Ansätzen zu torpedieren. Sie werden dadurch keine besseren Menschen. Sie resignieren, wenden sich ab und fühlen sich gelangweilt.

Jene irrationale Lust, mit dem SUV durch die Stadt zu rasen

Jedenfalls ist es bei mir so. Als im letzten Jahr ständig vom Klimawandel her argumentiert wurde und abwegigste Ideen plötzlich wie der Weisheit letzter Schluss behandelt wurden, wurde aus dem bekennenden ÖPNV-Fan, der ich bin, jemand der sich jetzt am liebsten einen SUV kaufen wollte, nur um damit durch die Straßenschluchten unserer engen Stadt zu düsen. Nicht aus Überzeugung, nein, einfach nur, weil mir die satte Selbstgerechtigkeit derer auf die Nerven ging, die hier als Aktivisten nicht nur Straßen und Plätze füllten, sondern auch Redaktionsstuben. Gut, dass ich jetzt wirklich immer wieder mit dem Kauf eines Autos liebäugel‘, obwohl ich als Mensch im Zentrum einer Stadt relativ gut angebunden bin, hat eher mit der Perspektive dieses verfallenden Nahverkehrs zu tun.

Diese Art des Journalismus, der sich in den letzten Jahren entwickelt hat, der aktivistisch ist, einseitig für das Gute eintreten will und die Zwischentöne mehr und mehr ideologisch ausblendet oder als Ausdruck gestrigen Denkens darstellt, der mit dieser Haltung eine Massenproduktion an Lesestoff anwirft, macht die Welt zu keinem besseren Platz. Er weckt das Böse in den Menschen. Bei mir. Bei anderen. Und sicher auch bei etlichen AfD-Wählern.

Ich wette, dass da draußen ganz viele sitzen, die wie ich ticken. Und immer, wenn die AfD wieder von Aktivisten mit Presseausweis nach bekanntem Muster abgehandelt wird, das heißt einseitig, auf Skandal abzielend, die Dumpfbacken der Partei vorführend, sagen sich potenzielle Wähler dann, dass die Wahl dieser Typen nicht vernünftig begründbar sei – aber halt trotzdem eine Alternative für ein Deutschland, in dem weniger oft mehr wäre. Man nenne das Trotz und daher dämlich. Aber Menschen sind nun mal irrational. Ich bin es. Sie auch. Und Redaktionsleiter, die nichts mehr merken, scheinen es sowieso zu sein.

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niki
niki
29. Juni 2020 7:41

Man braucht ja nicht einmal zu den Asozialen für Dummland schauen… Selbst die LINKE wird noch von den gleichen abgewatscht… Und um mal ausnahmsweise nicht als Buhmann dazustehen, sind es ausgerechnet oft auch die Linken die dann fleißig mit auf die gefrusteten und trotzigen einschlagen… In den Bahnen und Bahnhöfen sagen sie ständig durch, dass man eine Maske tragen müsse… Bei uns ist das eine Ansage im hiesigen REWE gewesen… (Es gibt keine Alternative hier im Vorort einzukaufen ohne gleich 15km Strecke fahren zu müssen) Irgendwann ging mir das dermaßen auf den Piss, dass ich zum Marktleiter gegangen bin und… Weiterlesen »

ChrissieR
ChrissieR
29. Juni 2020 8:25

Guude, Roberto!

Du sprichst mir wieder mal aus der Seele! Aus den von Dir genannten Gründen bin ich als Nichtraucherin mit weit über 50 Jahren zur Protestraucherin geworden, Mentholzigaretten …
Hab das aber wieder aufgegeben, weil zu teuer mit der Rente.
Aber immer öfter könnte ich meine Ente gegen einen alten 200er Diesel-Benz tauschen und mit H Nummer und schwarzem Qualm durch die City ballern!
Und als Maskenersatz hab ich mir grad ein Arafat-Tuch bestellt!

Juergen
Juergen
29. Juni 2020 14:27

Schön hier mal wieder einen Beitrag zu lesen, der sich nicht mit der angeblich falschen, übertriebenen und unreflektierten Reaktion der allermeisten Regierungen dieser Welt auf die Coronakrise beschäftigt. 🙂

Nachdem Ihr Neulandrebellen lange Wochen nur ein einziges Thema behandelt habt nun also ein Beitrag warum Journalisten nicht lange Wochen nur ein einziges Thema behandeln sollten. Das hat schon was von Satire – aber wie wir ja letzte Woche sehr häufig lesen konnten darf Satire sowieso alles wenn sie politisch korrekt ist.

Und nein, ich will Dir nicht vorwerfen politisch korrekt zu sein, dafür bist Du viel zu vernünftig. 🙂

Juergen
Juergen
Reply to  Roberto J. De Lapuente
29. Juni 2020 17:16

Gern geschehen! Kostenfreier Service! 🙂

Marla
Marla
29. Juni 2020 15:12

Trotz ist nicht Trotz eines 3Jährigen, sondern aus meiner Sicht normal für mündige Bürger! Diese Kolonialisierung incl Entmündigung und Pädagogisierung ist ja auch kaum auszuhalten! (Ich hatte trotzig schon den Verdacht man macht das extra, damit man dann meinen Trotz bestrafen kann!) Zum Thema Rassismus: ich sehe es als Ablenkung und typisches Biedermeiertum: immer schön auf die Gardinen des Nachbarn schauen, damit die eigenen Fettflecken nicht betrachtet werden müssen! Corona Maßnahmen: Pferd von hinten aufgezäunt schrieb ich schon, doch auch alles gaaanz rassistisch: AusländerRassismus, Unterschichtenrassismus, Mütterrassismus, Alten- und Behindertenrassismus, Kinder- Jugend- und junge Erwachsene Rassismus…. Ergo alles was nicht zur… Weiterlesen »

Marla
Marla
29. Juni 2020 15:24

PS: den ersten Schwarzen sah ich im Öffentlichkeit Rechtlichen bei einer bayrischen Tatortserie…… Seitdem frag ich mich, warum das nicht ausgeweitet wurde und warum ÖRs nahezu komplett MorzarellaFarbig geblieben ist! Es gab mal -vor hunderten Jahren die Idee der Frauenbewegung- bei Bewerbungen das Losverfahren einzusetzen! Wurde aber von den ‚Gutmenschen‘ nicht unterstützt…. Schade eigentlich! So bleibst Klasse, Rasse und Geschlecht eher unter sich! Ach ja, dat Grüns und Linke plötzlich nichts besseres zu tun haben als GG an der Stelle zu verteidigen! WOW viele wissen nicht von was sie ihre Kinder ernähren sollen…. Aber dat ist unglaublich wichtig! Ehrlich? Ich… Weiterlesen »

Marla
Marla
29. Juni 2020 16:16

‚Das Fiese am komplexen Finanzkapitalismus ist, dass er als System dem Menschen die Schuld für sein Versagen zuweist. Foucault erkannte früh, dass Machtsysteme, auch wenn sie sich demokratisch geben, kaum freien Willen zulassen, auch wenn zu viele Menschen das glauben mögen. Das Coronavirus hat dem hoffentlich entgegengewirkt und klar ist, dass angesichts der COVID-19-Disziplinierung der Menschheit gern aus Foucaults Meisterwerk »Überwachen und Strafen« zitiert wird. Die scheinbar freien Gestaltungsmöglichkeiten für das »freie« Individuum verschleiern nur den Blick auf das wahre Ausmaß der Disziplinierung der Gesellschaft. Der Raum jenseits der Macht wird immer enger …‘

https://hinter-den-schlagzeilen.de/disziplinierung-des-gesellschaftskoerpers
https://skug.at/disziplinierung-des-gesellschaftskoerpers/

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