Sommer, Sonne, Maske

Da riss sich der alte Mann die Maske vom Gesicht. Darunter war er patschnass. Man merkte, ihm schwindelte. Wo blieben eigentlich die Fanatiker mit den Schlagstöcken, die so eine Zuwiderhandlung ahnden?

Es hatte noch keine 30 Grad. Vor zwei Wochen war das. Die Tram war dennoch überhitzt. Hier in Frankfurt fahren noch etliche unklimatisierte Bahnen durch die Stadt. In normalen Zeiten, wenn die Dinger gerammelt voll sind, erstickt man schier. Man spürt, wie der Schweiß aus den Poren tritt. Normale Zeiten haben wir fast schon wieder: Die Straßenbahnen sind annähernd so voll wie damals, in der guten alten Zeit, die nicht gut war, aber jetzt besser wirkt, weil das, was ihr folgte, so viel schlechter ist im Vergleich. Trotzdem zog der Greis seine Maske ab. Er saß alleine in einer Zweierreihe, ich stand hinter Plexiglas neben ihm, wollte gleich aussteigen. Er schwitzte, seine Augen waren stumpf, er wirkte fertig.

Die Typen mit den Schlagstöcken schienen ihn nicht bemerkt zu haben. Die erwartet man eigentlich dieser Tage immer mal, nach allem, was man in den letzten Monaten so zu hören bekam. Nur eine junge Frau, die dem Alten gegenübersaß, guckte ihn entgeistert an. Man spürte ein bisschen Empörung aus ihrer Richtung herangrollen. Aber sie schwieg. Jedenfalls solange, bis ich ausstieg. Was danach war? Nur die Sonne war Zeuge.

Maskensommer?

In großen Teilen der öffentlichen Wahrnehmung gab man sich besorgt, nachdem Thüringens Ministerpräsident die alte Normalität für den Monat Juni angekündigt hatte. Kein Abstandhalten mehr – und auch die Maskenpflicht sollte verschwinden. Bestenfalls als Gebot sollte sie noch wirken dürfen, als warme Empfehlung für die warmen Tage, die ins Land stehen. Realistisch betrachtet, mal ganz vom medizinisch-virologischen Blick auf die Dinge abgesehen, wird die Maskenpflicht eh zu einem Problem werden in den heißen Monaten. Sie ist schlicht nicht einzuhalten, wenn man nicht möchte, dass einem die Leute reihenweise umkippen.

Der alte Mann aus der Tram ist da nur der Vorbote für die Monsterhitze, die wir mittlerweile Sommer für Sommer aushalten müssen. Bei nicht ganz so abwegigen neuen Hitzerekorden, bei 35, 37, 38, ja 40 Grad maskiert herumzusitzen: Das ist purer Selbstmord. Zumal in einem Land, in dem die Hitze sich ganz offenbar noch nicht so in die Denkmuster eingebrannt hat, als dass sie Klimatisierung von Räumen und Verkehrsmitteln als Standard begreift; als Standard, den man haben muss – und eben nicht nur kann.

Ramelows Vorpreschen ist im Grunde ein ganz pragmatischer Vorstoß, der sich an den Gegebenheiten orientiert und nicht an dem, was eventuell die Medizin als notwendig empfiehlt. An Arbeitsplätzen mit Publikumsverkehr, in denen 28, 30 Grad Innentemperatur herrschen – in Deutschland keine Seltenheit -, ist ein maskiertes Vollzeitarbeiten undenkbar. Arbeitsmediziner warnen Jahr für Jahr vor den Folgen der Hitze am Arbeitsplatz. Diese Warnungen wussten jedoch noch nichts von einer Maskenpflicht. Mit ihr wird die Situation noch viel schädlicher, als sie es ohnehin schon für Werkstätige war.

Diese »neue Normalität« hat ein Problem: Sie ist nicht menschlich

So wie der Alte werden sich die Menschen in dieser sonnengeplagten Jahreszeit die Masken vom Gesicht reißen. Drohgebärden, Bußgelder, Kontrollen: Das hilft alles nichts mehr, wenn man das Gefühl hat, gleich zu ersticken. Als es mit den Masken losging, veröffentlichte eine große Tageszeitung, ich glaube es war Spiegel Online, einen Artikel zur Maskenmentalität in China. Dort seien sie völlig normal. Schon wegen des Wüstensandes, den es im Reich der Mitte gäbe. Und wer kennt sie nicht, die Asiaten, die auch auf Deutschlands Straßen mit Masken herumlaufen? Es machte den Eindruck, als wollte der Journalist, der das schrieb, ein bisschen eine positive Grundhaltung entfachen mit seinem Text.

Dass man Masken in China auf der Straße trägt und nicht etwa im Laden oder in der U-Bahn, das ändert die Situation und die Gefälligkeit natürlich schon etwas. Diese »neue Normalität«, die man dauernd beschwört, hat ja mit der chinesischen Maskenfreude wenig gemein. Speziell jetzt im Sommer. Bei uns bläst ja auch der Wüstensand zuweilen über die Dächer. In Zukunft noch mehr als jetzt schon. Grüße aus der Sahara. Da mag dann eine Maske wohl oder übel auch im Sommer kurzzeitig Schutz liefern. In den Dampfkesseln, in denen wir sommers leben, arbeiten, kariolen, ist es schier unmenschlich.

Das ist ja überhaupt so ein Problem mit den Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung: Ob nun Abstand einzuhalten oder sich im Gesicht zu bedecken: Das mag alles nachvollziehbar sein. Aber auf Dauer geht es am Wesenskern des Menschen vorbei. Das muss man immer auf dem Plan haben, wenn man mit diesen Maßnahmen haushält. Diese »neue Normalität« ist unmenschlich im eigentliche Sinne dieses Wortes. Sie widerspricht dem, was wir in diesen Breitengrade über den Menschen denken und fühlen.

Bodo Ramelow: Die Maske des Pragmatikers

Wie schon gesagt, die Empörung über das Vorhaben Bodo Ramelows, der alten Normalität langsam wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, sorgte für Empörung. Christian Lindner twitterte noch am selben Abend zustimmend, löschte den Tweet aber schnell wieder. Wahrscheinlich hatte er Angst vor seiner eigenen Courage; lieber gar nicht twittern als falsch twittern, wird er sich gedacht haben. Karl Lauterbach von den Sozialdemokraten, mittlerweile nur noch Mediziner und nicht mehr Abgeordneter, also Politiker, der mehr auf dem Schirm haben müsste, als eben nur medinzinische Kennziffern, wollte den Linken gar stoppen. Die Union empörte sich unisono, wahrscheinlich auch, weil der Vorschlag von links kam und man das in den letzten Jahren so verinnerlicht hat, stets dann besonders empört zu sein.

Ich lasse aus dem Kontext, ob die Maskenpflicht jetzt sinnvoll ist oder nicht, ob mit ihrer Deinstallation Corona mit neuer Kraft zurückkehrt oder nicht. Sie jetzt wieder außer Kraft zu setzen, so kurz vor den warmen Monaten, ist eine sehr pragmatische Lösung. Man ahnt ja, dass die Leute das nicht mitmachen können. Schon jetzt wird es immer schwieriger, die Massen bei Maskenlaune zu halten. Wenn sie im Sommer reihenweise ausscheren, bleibt den Organen doch nur ein Mittel: Härte, Sanktionen, Strafgelder. Will man ein halbes Volk abstrafen?

Und wenn ja, wie lange hält sich dann der politisch-mediale Komplex noch? Setzt man damit nicht die Ordnung aufs Spiel? Verliert man den letzten Rest an Legitmität? Ich verstehe, wenn man mir an dieser Stelle falsches Denken unterstellt, weil ich nicht beachte, ob daran medizinische Notwendigkeiten hängen – aber Politik ist eben mehr als die Sachverwaltung medinzinischer Aspekte. Lauterbach hat das in den letzten Wochen nie verstanden. Es geht um wesentlich mehr, um die Gesamtheit, letztlich also auch darum, ob etwas haltbar bleiben wird oder nicht. In diesem Sinne handelt der thüringische Ministerpräsident richtig. Und die Bundesregierung, die die Pflicht ausweiten will, beschließt vielleicht ihr eigenes Ende. Vielleicht ist diese Einschätzung auch nur meinem Sauerstoffmangel geschuldet … wer weiß?

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ChrissieR
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ChrissieR

Morsche zesamme! Hier in Frankreich , allerdings auf dem Land, ist das bisschen entspannter…man sieht Leute mit und ohne Maske…ich kapier bloss nicht, wieso manche Leute allein im Auto mit Maske rumfahren? Vielleicht wegen der Blitzerfotos? Ich ziehe sie nur für die Dauer eines Einkaufs an, danach sofort ab, ich bekomme Nies und Juckreiz unter der Gesichtswindel… A propos de: “ Gesichtswindel“: ich muss in letzter Zeit oft an „Ar*** mit Ohren“ denken… Und…Roberto, was die Klimaanlagen betrifft…die hatte ich in meinem Bus meistens ausgeschaltet, dafür Fenster auf, lässig den linken Arm nach Draussen gehängt und den Fahrtwind genossen! Die… Weiterlesen »

ChrissieR
Gast
ChrissieR

Guude!

Mal ein ganz anderes, ökonomisches Problem des Masken-Zwangs:

Gibt es schon genaue Zahlen, wieviele Lippenstift- Hersteller Konkurs anmelden mussten?
Die sollte man eher retten als die Autoindustrie!

Bisous

Christine

Rudi
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Rudi

Gestern war ich in einem öffentlichen Park (BaWü), dessen Betreten nur mit Maske erlaubt ist. Die Wege sind als Einbahnstraßensystem gekennzeichnet. Beruhigend war zu sehen, dass rund die Hälfte der Gäste sich die Maske vom Gesicht gerissen hatte, also die physisch vorhandene. Diesem Gebaren schloss ich mich an. Keiner suchte einen Konflikt mit den Nichtmaskierten. Ich denke, das wird sich in der Praxis so einpendeln. Schon bei herrschenden 24 Grad wurde der Atem hinter dem Tuch heiß. Dieses Körpergefühl widerspricht dem Tragen kurzer Beinkleider. Untenrum luftig, obenrum stickig und feucht. Das können anscheinend nur Asiaten geduldig ertragen, deren Selbstdisziplin ich… Weiterlesen »

Sukram71
Mitglied
Sukram71

Die Masken müssen nur im ÖPNV und Geschäften getragen werden. Die Masken sind lästig und unbequem aber die wärmen nicht sonderlich. Die hindern auch nicht am Tragen von T-Shirt und kurzer Hose.

Deshalb ist die Jammerei über Schwitzen und Atemnot unter der Maske ziemlich lächerlich. Im Zweifel bringt etwas Abspecken da sicher mehr…

Hinzu kommt:

Ob nun Abstand einzuhalten oder sich im Gesicht zu bedecken: Das mag alles nachvollziehbar sein. 

Dem ist nichts hinzuzufügen.

DasKleineTeilchen
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DasKleineTeilchen

Dass man Masken in China auf der Straße trägt und nicht etwa im Laden oder in der U-Bahn

???? sagt wer?!? ausserdem wurde -soweit ich mich erinnere- explizit die „maskenmentalität“ japans, nicht china, angesprochen. und da trägt man die selbstmurmelnd im öffentlichen nahverkehr.

Marla
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Marla

Da ich finde, dass das PandemiePferd von hinten aufgezäunt und nu wieder falsch über vorne abgezäunt wird….. Händewaschen…super In die Armbeuge schneuzen…. gut Tempo voll rotzen und wech… gut…. Einen gewissen Abstand einhalten….. Ist machbar (Leider wurde in Dt -im Gegensatz zu China übrigens- die Bahndichte verringert als sie normal oder sogar zu erhöhen!) Dat man erwartbare Massenaufläufe verringert…. Gut (warum Zoos nicht durchgängig geöffnet hatten, dafür aber PR wirksame Fütterungen etc komplett einstellte, versteht ich nicht!) Und: Kinderspielplätze sperren finde ich kinderfeindlich und asozial! Die Gesichtswindel für den Alltag finde ich einfach überflüssig! Die neue StarWars Kollektion *Scheibe vorm… Weiterlesen »

t.h.wolff
Gast
t.h.wolff

Drostens Fehlalarm hat schon genug Menschen Leben und Gesundheit gekostet, denken wir an die rund 10.000 nicht diagnostizierten Herzinfarkte und Schlaganfälle pro Monat. Es wäre an der Zeit, den absurden Maskenball zu beenden und die wirre Frau in Berlin endlich nach Chile zu schicken.