Wie die Kontaktsperre mein Leben nicht verändert hat

An sich ist die Kontaktsperre ein schöner Zustand. Wenn auch aus traurigem Anlass. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich eigentlich mehr oder weniger schon immer in einer ganz persönlichen Kontaktsperre lebte. Die anderen nicht. Das ist die Ursache meines Unwohlseins im öffentlichen Raum.

Vor einigen Wochen habe ich mich geoutet. Ja, ich war in einer Eisdiele. Und das in einer Zeit, da man uns schon sagte: Bleibt daheim. Noch hatte die Gastronomie offen. Es sollte später anders kommen. Die Entrüstung ob meines Eises war groß, Unvernunft attestierte man mir. Dabei ging es mir damals nur darum, die Schizophrenie des Augenblicks zu skizzieren: Wenn man wollte, dass die Leute nicht in der Eisdiele hocken, musste man sie schließen. Mit Vernunftbeschwörungen kommt man nicht weit. Auch bei mir nicht – ich bin nur ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd und so weiter und so fort …

Was ich nicht ausdrücklich schrieb: Die Eisdiele war recht leer. Die Corona-Angst griff um sich, vielen war nicht nach Speiseeis. Das ist der Punkt: Ich wäre nie in eine volle Eisdiele gegangen. Wenn da nur ein kleiner Tisch zwischen anderen, schon belegten Tischen frei gewesen wäre, hätte ich mir eine andere Eisdiele gesucht. Oder ein anderes Cafe, eine andere Bar, wo eben weniger Trubel herrschte. Ich hätte auch auf das Eis verzichtet und stattdessen ein Sandwich gegessen. Und das nicht etwa, weil ich Corona-Angst habe. Nein, weil ich das nie anders hielt.

Beklemmung: In der Kontaktsperre aufgehoben

Ich mag diese Enge nicht. Ich mochte sie eigentlich noch nie. Wenn ein Laden voll ist, gibt es nicht viele Gründe für mich, mich trotzdem hineinzuzwängen. Da hole ich mir lieber ein Eis zum Mitnehmen und setze mich draußen irgendwo hin, wo nicht so viele Menschen mir auf die Pelle rücken. Deswegen hasse ich ja den übervollen Nahverkehr. In der Tram bleibt mir allerdings keine Wahl, da muss ich durch. Ich hasse es, aber so ist das Leben: Manchmal muss man es aushalten, wie es gerade ist.

Im Grunde ist also diese Kontaktsperre, diese 1,5- bis 2-Meter-Regelung gar nichts dramatisch Neues für mich. Anfangs war ich verwundert, wie man so eine Regel überhaupt politisch anordnen müsse. Mein Fehler war, dass ich von mir ausging, ich halte diese Distanz ja ohnehin immer so gut es geht ein. Gruppenkuscheln ist mit mir nicht zu haben. Ich umarme Familie und Freunde, aber im öffentlichen Raum halte ich auch in gesünderen Tagen gepflegten Abstand. Viele Menschen sind so aber nicht. Sie setzen sich eng an eng zu Fremden: In der Tram, in der Bar oder eben Eisdiele. Das stört sie nicht.

Wenn sich in einer relativ leeren U-Bahn jemand direkt neben mich setzt, obgleich reichlich Auswahl an einsamen Sitzgelegenheiten geboten ist: Das macht mich sprachlos. Na, fast sprachlos: Meist sage ich schon was. Das muss doch nicht sein! Woher kommt eigentlich dieser Drang bei vielen Menschen da draußen, so sehr auf Tuchfühlung gehen zu wollen? Dass die alle an Frotteurismus zu knabbern haben, schließe ich freundlichst aus. Wenn überhaupt, dann betrifft das eine Minderheit. Mir käme so ein Annäherung gar nicht in den Sinn. Weil ich es nicht leiden mag – und weil ich mir einbilde, dass auch meine Mitmenschen es zu schätzen wissen, wenn man ihnen Luft zum Atmen lässt.

Klar, dass man da Kontaktsperren erlassen muss. Wenn nicht alle so wie ich ticken, dann braucht es das wohl. Wieder einmal sehe ich bestätigt, was wohl jeder Mensch zuweilen denkt: Wenn alle Menschen so wären wie man selbst, dann wäre diese Erde ein besserer Ort. So aber werden Regeln notwendig.

Aber ich liebe doch alle Menschen – die weit weg oder gar nicht erst da sind

Momentan lebe ich in einem bedingten Paradies. Die Bahnen sind leerer, in den Läden wird Abstand gehalten. Gut, Eisdielen haben zu. Irgendwas ist ja immer. Wenn ich mich allerdings im Park auf die Bank hocke, setzt sich keiner zu mir. Man unterhält sich aus der Ferne – wenn man sich denn unterhält. Meine leise Hoffnung ist nun, dass nach Ende der Corona-Krise etwas zurückbleibt. Nicht etwa die Demut gegenüber unseren Helden oder ein bisschen mehr Gelassenheit: Menschen vergessen schnell; Adornos Ausspruch, man könne nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben, litt an einer fundamentalen Verkennung menschlicher Verdrängungskunst. Man macht weiter – und muss es wohl auch.

Ich hoffe allerdings, dass diese 1,5-Meter-Abstände irgendwie erhalten bleiben. Vielleicht bauen jene Lokale, die ihre Räumlichkeiten mit kleinen Tischen vollstellen, um möglichst viel Umsatz machen zu können, ja ein bisschen zurück. Nehmen hier und da einen Tisch raus und geben dem Raum – und mir als Gast – die Möglichkeit durchzuatmen. Eventuell halten wir uns auch an der Supermarktkasse danach an ein Abstandsmaß.

In den Bahnen wird das schwieriger, aber wenn man mit dem Abstandsgebot im Kopf die Tram betritt und nach hinten durchgeht, statt wie früher üblich, direkt an der Tür auszuharren: Das wäre doch schon ein guter Anfang.

Natürlich liebe ich nicht alle Menschen, wie das die Zwischenüberschrift ausdrückt. Da wäre ich ja schön dumm. So eine Haltung ist was für Heilige oder Spinner. Beides trifft auf mich eher nicht zu. Aber eine Grundsympathie kann ich meinen Mitmenschen nur entgegenbringen, wenn sie sich nicht bei jeder Gelegenheit auf meinen Schoß setzen. Aus der Ferne bin ich ein guter Mitmensch, bei Näherkommen eher nicht. Die Kontaktsperre hat mein Leben nur unwesentlich verändert, mit manchem Freund würde ich gerne grillen – andererseits habe ich das vorher auch nicht ständig gemacht. Ich wünsche mir, dass Abstandhalten in unseren Köpfen und die Distanzlosigkeit geächtet bleibt. Das wäre nämlich immer gesünder – nicht nur jetzt.

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ChrissieR
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ChrissieR

Morsche, lieber Roberto!

Du sprichst mir aus der Seele!!
Vielleicht bin ich in meinem Leben auch zu oft übervolle Busse gefahren, so dass ich immer schon ruhige Rückzugsorte gesucht habe.
Und mit zunehmendem Alter habe ich gemerkt, dass ich absolut WG-inkompatibel wäre…auch schon Urlaub in Hotelanlagen wäre garnix für mich, die Höchststrafe wäre eine Reise mit dem Mumienkutter (Kreuzfahrtschiff).

LG

Christine

Frau Wirrkopf
Gast
Frau Wirrkopf

„Aus der Ferne bin ich ein guter Mitmensch, bei Näherkommen eher nicht.“ – *lach* Ja, ich muss mein Leben auch nicht großartig verändern, derzeit. Mein persönlicher Abstandhalter – BamBam – ist immer dabei. Wo er keinen Platz hat, in Ruhe zu liegen, ohne dass jemand über ihn drübersteigen muss, da bin ich kein Kunde. Das hat Vorteile. Auch in Bussen. Aber im ÖPNV kann ich auch das nicht konsequent ausleben. Auch die Tatsache, dass alles geschlossen ist, und man auf viele Konsumöglichkeiten verzichten muss, war viele Jahre lang gelebte Praxis, dank H4 und Mickerrente. Ich kann das freiwllig. Und ich… Weiterlesen »

politische krokette
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politische krokette

Soll das etwa lustig sein Roberto? Wenn ja, dann weit gefehlt. Wenn nein, dann umso schlimmer. Wenn du für dich entscheidest, einen gewissen Abstand zu anderen zu halten, ist das deine eigene Sache. Wenn der Staat dir Kontakte verbietet und dich ansonsten bestraft, ist das was komplett anderes, nämlich totalitär. Dem Staat geht es hier nämlich nicht um den Abstand oder Kontaktbegrenzung der Gesundheit wegen, sondern es sind Disziplinierungsinstrumente, um die Massen zu zersprengen (wie damals bei den Sozialistengesetzen). Früher hattest du Möglichkeiten und Rechte, die du nicht genutzt hast. Das stand dir zu, es waren ja Rechte, keine Pflichten.… Weiterlesen »

Billy
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Billy

„Wenn sich in einer relativ leeren U-Bahn jemand direkt neben mich setzt“

Das können doch nur Ausnahmen sein, wer macht denn so etwas?
Ob Restaurant, Stadion, Bahn, Kino, Strand, egal wo, versucht doch jeder bei Möglichkeit wenigstens ein Stuhl Distanz zu halten.

Pen
Gast
Pen

@Roberto Schön geschrieben. Schon beim Lesen überkommt einen die Ruhe. Da ich gewöhnlich recht zurückgezogen lebe, wie es Menschen tun, die ihre Zeit hauptsächlich mit Lesen und Schreiben verbringen, hat sich in meinem Leben nichts geändert, und wenn dann höchstens zum Positiven. Zum Beispiel das in der Schlange stehen ist in Deutschland immer ein Problem gewesen, denn es wird gewöhnlich gedrängelt. Während man die Ware aufs Laufband legt, bohrt sich der Einkaufswagen des Hintermannes in den eigenen Rücken. Man begleicht – schon etwas nervös – seine Rechung, und schmeißt die Waren eilig wieder in den Wagen, um dem nächsten Ungeduldigen… Weiterlesen »