Kleinbürgerliche Systemrelevanz

Ärzte und Pflegekräfte sind systemrelevant. Polizisten sicher auch. Supermarktangestellte und Boten ebenfalls. Die Putzkraft nicht? Die Debatte zur Systemrelevanz von Berufen zeugt im Grunde von kleinbürgerlichem Snobismus.

In den letzten Wochen wurde viel von Systemrelevanz gesprochen. Und zwar darüber, welche Berufe systemisch von Tragweite sind – und welche nicht. Obgleich man den Damen und Herren bei Rewe, Penny, Aldi und Co. selbige nachsagte, durften sie ihre Kinder jedoch nicht in einer der wenigen Angebote zur Notbetreuung abstellen. Die waren für Polizisten-, Ärzte- und Pflegekräftekinder reserviert. Auch die Kinder vom Postboten, dem Paketlieferanten und jenen Boten, die bei Bestellung auch ganze Mahlzeiten bis an die Wohnungstür bringen, blieben unbetreut. Als systemrelevant hat man diese Leute zuletzt trotzdem eingestuft.

Klar ist natürlich auch, dass man nicht einerseits Schulen und Kindertagesstätten schließen kann, um andererseits trotzdem die Notbetreuung im ganz großen Stil aufzufahren. Das, was man in den letzten Wochen so vernimmt, lässt allerdings einen Schluss zu: Es sind schon wesentlich mehr Leute nötig als Polizei und medizinische Berufsgruppen, um systemisch nicht abzuschmieren. Schade eigentlich, dass man das erst jetzt bemerkt, wo einem die Krise derart existenzielle Fragen aufzwingt.

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Roberto J. De Lapuente

Roberto J. De Lapuente ist irgendwo Arbeitnehmer und zudem freier Publizist. Er betrieb von 2008 bis 2016 den Blog ad sinistram. Seinen ND-Blog Der Heppenheimer Hiob gab es von Mitte 2013 bis Ende 2020. Sein Buch »Rechts gewinnt, weil links versagt« erschien im Februar 2017 im Westend Verlag. In den Jahren zuvor verwirklichte er zwei kleinere Buchprojekte (»Unzugehörig« und »Auf die faule Haut«) beim Renneritz Verlag.

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Anne
Anne
2 Jahre zuvor

Hallo Roberto, volle Zustimmung. Ich möchte noch der Fairness halber ergänzen, dass zumindest das Jobcenter in meiner Stadt auch Reinigungskräfte in Kliniken und einige andere marginalisierte Berufsgruppen als systemrelevant behandelt und dementsprechend auch einen Bonus bei Arbeitsaufnahme zahlt. Von daher verstand ich nicht warum man das nicht auch bei der Kinderbetreuung genauso gemacht hat.

Anne
Anne
Reply to  Roberto J. De Lapuente
2 Jahre zuvor

Das stimmt natürlich, aber gerade beim Klinikpersonal wäre es wichtig gewesen allen Mitarbeitern von Anfang an Kinderbetreuung anzubieten, denn an Covid Erkrankte verursachen einen höheren Aufwand, z.B. braucht man zwei Reinigungskräfte pro Zimmer und die Sicherheitsmaßnahmen kosten mehr Zeit.
Unser Jobcenter lässt Sanktionen und Zwang ruhen, wer sich freiwillig in systemrelevante Tätigkeiten vermitteln lassen möchte, erhält in den ersten 3 Monaten 100 Euro in Teilzeit und 200 Euro in Vollzeit zusätzlich zum Gehalt, Corona-Mehraufwand-Entschädigung heißt es in jobcentertypischer Sprache. (Was wäre es schön, wenn aus diese Vorgehensweise das zukünftige Standartprozedere werden würde…)

Roberto J. De Lapuente
Roberto J. De Lapuente
Reply to  Anne
2 Jahre zuvor

Sag mal, wo ist denn dieses Jobcenter? 😉

Sukram71
Sukram71
2 Jahre zuvor

Klar sind wir fast alle indirekt systemrelevant. Hier geht es aber um die Frage, wer auf direkte Weise in einer Pandemielage für den Erhalt der öffentliche Ordnung und Gesundheit systemrelevant ist.
Und das gilt für Ärzte und Polizisten halt mehr, als für andere Berufsgruppen.

Ansonsten bräuchte man Kitas und Schulen ja garnicht schließen. Aber bereits da beginnen offenbar schon die Verständnis-schwierigkeiten von Roberto…

Was passiert, wenn man das Virus nicht ernst nimmt und alles normal weiterlaufen lässt, sieht man aktuell zB in New York.

Roberto J. De Lapuente
Roberto J. De Lapuente
Reply to  Sukram71
2 Jahre zuvor

Ich hoffe, dich bezahlt einer dafür, so einen staatstragenden, unkritischen, ideologisch verblendeten und intellektuellen Käse zu verbreiten. Wenn ja, kann ich es verstehen, für Geld macht man ja vieles. Falls nicht, habe ich keinen Restfunken Respekt mehr von dir.

Sukram71
Sukram71
Reply to  Roberto J. De Lapuente
2 Jahre zuvor

Ohne Maßnahmen würde sich das Virus – nach allem was wir wissen – explosionsartig verbreiten und das Gesundheitssystem so stark überlasten, dass nicht alle Menschen mit lebensbedrohlicher Komplikationen intensiv behandelt werden und überleben könnten.

Was für Sachargumente sprechen denn dagegen? Da habe ich noch kein überzeugends gehört. Von Roberto auch nicht. 🙄

„staatstragenden, unkritischen, ideologisch verblendeten und intellektuellen Käse“ ist kein Sachargument, sondern allenfalls ein Eingeständnis der eigenen Unwissenheit. 🤣

Sukram71
Sukram71
Reply to  Roberto J. De Lapuente
2 Jahre zuvor

Jepp, Sturheit und Trotz. 🤣

niki
niki
Reply to  Sukram71
2 Jahre zuvor

Wer meint die Situation in den USA wäre auf uns auch nur ansatzweise übertragbar, hat sie nicht mehr alle am Sender…. Es gibt so viel Faktoren warum das Virus sich dort viel schneller und weiter verbreitete als hier…

a.) fehlende Lohnfortzahlung im Krankheitsfall… Erst wenn man halb am Verrecken ist gehen die US-Amerikaner nicht mehr zu Arbeit. Sie können es sich schlicht nicht leisten krank zu sein.
b.) Viele Amerikaner sind dazu nicht krankenversichert und gehen nicht zum Arzt… Aber selbst viele Privatkrankenkassen haben einen Test nicht bezahlt… Und die Kosten waren VIERSTELLIG…
Also laber mal nicht so einen Müll…

Sukram71
Sukram71
Reply to  niki
2 Jahre zuvor

Es gibt so viel Faktoren warum das Virus sich dort viel schneller und weiter verbreitete als hier…
a.) fehlende Lohnfortzahlung im Krankheitsfall… Erst wenn man halb am Verrecken ist gehen die US-Amerikaner nicht mehr zu Arbeit. Sie können es sich schlicht nicht leisten krank zu sein.
b.) Viele Amerikaner sind dazu nicht krankenversichert und gehen nicht zum Arzt… Aber selbst viele 

Das ist nur ein Argument und nicht 2, aber geschenkt. 😉
Das Virus ist schon dann ansteckend, wenn man sich noch garnicht krank fühlt und garnicht auf die Idee kommt, zum Arzt zu gehen oder von der Arbeit fern zu bleiben.

Die vollen Restaurants, Geschäfte und Bars, der Lebensstil in der Freizeit ist dagegen praktisch identisch. 🙄

niki
niki
Reply to  Sukram71
2 Jahre zuvor

Du hast ja so die Ahnung… Wow… Unser Bonner Hillbillie!

Rudi
Rudi
2 Jahre zuvor

Dann gibt es da noch Tätigkeiten, die man üblicherweise nicht als Beruf ausweist. Trotzdem sind sie systemrelevant: Hausmänner, Jugendgruppenleiterinnen, Sporttrainerinnen im Amateurbereich, Tafelmitarbeiterinnen. Die Liste könnte nahezu beliebig fortgesetzt werden. Jetzt erst in der Krise wird vielleicht sichtbar, dass die Abgrenzung systemrelevant und -irrelevant nicht sonderlich taugt, Börsenheinis ausgenommen. Merkwürdig, dass die Unterscheidung gerade in dieser Zeit an Bedeutung gewinnt und trotzdem den Blick trübt.

Deutschland hat den größten Billiglohnsektor Europas. Ohne diesen wären die vielgerühmten Exportüberschüsse, die „uns“ angeblich den Wohlstand bringen, nicht möglich. Bezahlt wird er von den Outgesourcten, den Leiharbeitern, den Saisonarbeiterinnen und ähnlich Herabgestuften. Sie sind alle systemrelevant, gerade weil sie Opfer sind.

Sukram71
Sukram71
Reply to  Rudi
2 Jahre zuvor

Es geht halt darum, Kitas und Schulen zwecks Viruseindämmung zu schließen und eine Notversorgung ausschließlich den aktuell wichtigsten – auf direkte Weise systemrelevanten – Berufsgruppen zukommen zu lassen. ☺️

Heike
Heike
Reply to  Rudi
2 Jahre zuvor

Die Dame in der Leistungsabteilung ist systemrelevant, die Arbeitsvermittlerin ist es halt nicht

Pen
Pen
2 Jahre zuvor

Ich finde, was hier steht, sehr beruhigend.

Sukram findet, das sei toaler Unsinn. Entscheidet selbst. LG :- ))

https://swprs.org/covid-19-hinweis-ii/

Sukram71
Sukram71
Reply to  Pen
2 Jahre zuvor

Selbstverständlich ist es beruhigend, dass es dank der Maßnahmen bisher nicht so viele Covid19-Tote gab.

Aber für eine Risikobeurteilung kommt es auf die potenzielle Tödlichkeit einer Infektion an. Also darauf, wieviele, wie schnell, gleichzeitig (!) ohne besondere Maßnahmen schwer erkranken und ohne Intensivstation sterben würden.

Das SARS-CoV-2 Virus verbreitet sich deutlich schneller als ne Grippe und führt häufiger zu Komplikationen wie beidseitiger Lungenentzündung.

Nur *weil* Maßnahmen ergriffen wurden, reichen die Behandlungsplätze und die meisten können auf den Intensivstationen überleben.

leo_t
leo_t
Reply to  Pen
2 Jahre zuvor

Tja, es ist etwas Bemerkenswertes bei vielen der beruhigenderen Infos: Die Autoren stolpern oft über ‚Tod mit Corona‘ versus ‚Tod an Corona‘.

Nun haben die Chinesen schon sehr früh sehr viel untersucht und -Ähre wem Ähre gebührt- sciencefiles.org hat diese Ergebnisse, auch schon früh, zugänglich gemacht.

Eines der wichtigsten Ergebnisse war:

Man stirbt NIE an Corona.

Das Virus legt die Abwehr lahm, der Tod tritt dann durch Lungenentzündung, Nierenversagen, Herzversagen, Sepsis/multiplem Organversagen oder ähnliche böse Scherze der Natur ein.

Es fällt auf, daß dieser Hintergrund vielen Mitgliedern der ist-doch-nur-eine-Influenza-Fraktion nicht bewußt zu sein scheint.

UND zwar sogar (pensionierten) Ärzten und (emeritierten) Professoren nicht.

leo_t
leo_t
Reply to  Roberto J. De Lapuente
2 Jahre zuvor

Netter Versuch, aber ohne Chance.

:-

Ohne den Typen wärst Du nicht tot und ohne das Virus würde der Kranke noch leben.

Beide werden ‚mißbilligt‘, juristisch oder mikrobiologisch.

leo_t
leo_t
Reply to  Roberto J. De Lapuente
2 Jahre zuvor

Nein, ist es absolut nicht, Dein Vergleich hinkt einfach zu sehr.

Vergleichbar wäre es so:

M. sitzt abends in seiner Wohnung, als plötzlich die Wohnungstür aufspringt.

Ein gewisser OV dringt ein, schlägt den M übel zusammen, schleift ihn aus der Wohnung und läßt ihn bewußtlos auf einer dunklen Straße liegen.

Der M kann jetzt:

– auf der Straße erfrieren
– von einem Bären angefressen werden
– von einem Auto überfahren werden
– in einem Platzregen ertrinken

…und noch einiges Andere mehr.

Alles das kann ihm jetzt passieren, WEIL ihn der ruchlose OV in eine vollständig hilflose und gefährliche Lage gebracht hat.

Ohne den OV säße er sicher zu Hause.

Heldentasse
Heldentasse
2 Jahre zuvor

Nur meine zwei Pfennige: Kein Mensch ist systemrelevant, jeder Mensch kann in diesem System ersetzt werden. Einzig und alleine relevant ist der Tanz ums goldene Kalb, und das wir dies als alternativlos verinnerlichen.

Alles andere ist m.E. Kosmetik.

Sukram71
Sukram71
Reply to  Heldentasse
2 Jahre zuvor

Ein Arzt muss jahrelang ausgebildet werden, ein Straßnfeger nicht. 🤔