Die Toten und die Lebenden danach

Von unseren Pflegehelden liest man jetzt häufig. Bürger und Politiker danken ihnen für ihren Einsatz. Auch Corona wird mal vorbei sein – was bleibt dann vom Dank? Ein noch rigiderer Sparzwang!

Eine Milliarde mehr, so sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier vor zwei Wochen bei Plasberg, spiele jetzt auch keine Rolle mehr. Richtig gehört: Auf die komme es gar nicht mehr an. Das ist eine schöne Großzügigkeit, die sich der Mann leistete. Sonst kannte man ihn da verhaltener. Es ging ihm in jener Talkshow um Finanzspritzen für kleine und mittlere Selbstständige. Seither rollt der Rubel, jeden Tag werden neue Milliardenpakete verabschiedet. Wenn auch sicher nicht ausreichend, um wirklich jeden zu retten.

Irgendwie ist das ja auch nachvollziehbar, dass man da was machen muss. Keiner soll schließlich vergessen werden, wie Markus Söder es formulierte. Aber das ist Beteuerung, damit lullt man die Menschen ein, damit sie sich an die Kontaktsperre halten. Vergessen werden aber diejenigen werden, die wir schon vor dieser historischen Krise vergessen haben. Eben auch Pflegekräfte. Denn wenn man mal betrachtet, wer da alles entschädigt sein will, bleibt da nur eine Einsicht: Ohne Spardiktat kriegen wir das nie mehr finanziert. Wie sagten die Neoliberalen einst: Wir leben über unseren Verhältnissen. Nie hat dieser Satz so gestimmt wie heute. Womöglich hat er sogar niemals vorher je so sehr gestimmt.

Reichensteuer und starker Staat: Kommt die große Umdenke?

Die Krise zeigt sich natürlich auch von ihrer klassistischen Seite. Man spricht nur nicht gerne darüber, selbst im linken Milieu schweigt man sich aus. Es geht um nicht weniger als um einen Burgfrieden. Tatsache ist aber, dass Unterschiede gemacht und aufgezeigt werden. Während das Justemilieu von den Besinnlichkeitschancen einer Kontakt- oder gar Ausgangssperre fabuliert, dabei in mit Gärten umsäumten Eigenheimen sitzt, 120 Quadratmeter überdachten und noch etliche Quadratmeter unüberdachten Bewegungsraum beansprucht, pendelt die Kassiererin nach wie vor zwischem ihrem Discounterarbeitplatz und ihrer Zweiraumwohnung.

Sie ist immerhin jetzt systemrelevant. Eine Position, die sie vor der Krise nicht innehatte. Da war sie diese lästige Person, die einen am Ende des Eikaufs ansprach und mit der man nichts zu tun haben wollte. Die Apologeten des Ausgangsdenunziantentums machen Homeoffice, sie können sich eine Welt ohne vor die Tür zu treten vorstellen. Sie handhaben das ja in normalen Zeiten schon mehr oder weniger so, the postman always rings twice.

Der Millionär indes, der im Nobelstadtteil lebt, ist fein raus. Denn von einer Reichen- und Vermögenssteuer war trotz freigesetzter Milliardenbeträge noch gar keine Rede. Man spricht von Solidarität, meidet aber die Metafrage der Solidarität zu stellen: Wer bezahlt das alles? Und: Wie machen wir es sozial finanzierbar? Stattdessen bittet man die Jungen, aus Rücksicht auf die Alten vernünftig zu sein, während man über Jahrzehnte den Jungen einbläute, dass die Alten ihr finanzielles Unglück seien. Die Realität gebiert zuweilen Grotesken, sowas denken sich Autoren nicht aus.

Der starke Staat findet zwar jetzt Anwendung. Er delegiert und setzt Verbote um. Etwas, was man in den letzten Jahren so gut wie gar nicht von ihm kannte. Aber ob diese Haltung nach der Krise bleibt, ob der Staat den Markt überall dort ersetzt, wo er jetzt zu Verwerfung führt: Fraglich! Speziell im Gesundheitswesen bleibt mehr als ein Fragezeichen. Noch tut man ja so, als wollte man danach zur Normalität zurückkehren. Was jedoch nur heißt: Mehr Wettbewerb, der Markt soll es richten.

Menschenleben gerettet! Menschenleben riskiert!

Eines ist gewiss: Irgendwann wird es normal weitergehen müssen. Was dabei »normal« bedeutet, kann man noch nicht ganz genau sagen. Man kann es aber erahnen: Gürtel enger schnallen. Enger denn je. Noch ein Loch weiter, notfalls stanzen wir mit der Ösenzange ein weiteres durchs Kitschleder. Wir müssen schließlich wettbewerbsfähig bleiben. In der Krise sagte die Kanzlerin, dass wir die »Einschränkungen annehmen« sollen. Im Grunde kannten wir solche Reden von ihr zuhauf. Das war stets ihr O-Ton. Gürtel enger schnallen, wettbewerbsfähig bleiben, Maß halten: So sagte sie halt vorher dazu. Und so wird sie es uns noch viel dringlicher nachher nahelegen.

Die Helden von heute, die beklatschten, für einen Gotteslohn anerkannten Pflegekräfte, wird man natürlich im Narrativ hochleben lassen. In der Realität fehlen jene Mittel, die vorher schon nicht für eine ordentliche Gewährleistung der pflegerischen Versorgung bereitgestellt wurden, umso mehr. Vielen Dank und gute Nacht!

Reden wir vom Sozialstaat. Von all den rettungslosen Pleitiers, den Unrettbaren und die vom Steuerzahler losgemachten Milliarden, die diese Ausfälle nicht auffangen werden können. Was heißt das für Arbeitslosengelder und Renten, für Leistungen für Eltern oder Freizeitangebote, für Bibliotheken und Schwimmbäder? Was heißt das insbesondere, wenn die jetzt ausgesetzte schwarze Null erneut zum Fetisch der Austeritätspolitiker wird?

Ohne jetzt dramatisch klingen zu wollen, kann man festhalten, dass die gute Absicht, zur Stunden Menschenleben retten zu wollen, in eine Situation mündet, in der Menschenleben riskiert werden. Nicht so direkt wie bei Covid-19, versteht sich. Wohl aber langfristig, mit Ansage. Die neuerliche Schwächung des Staates droht – und damit einhergehend die Privatisierung der Lebensverhältnisse und die Preisgabe sozialen Ausgleichs. Man kultiviert eine Armut, die man noch strikter an jene Sachzwänge verweist, die stets schon sehr beliebt waren, um in der Sache ausweichen zu können. Über Armut und Lebensqualität und Lebensdauer sollten wir reden, jetzt wo wir gerade mit der Rettung zahlreicher Leben beschäftigt sind. Über die Krise hinaus …

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Matthäus 25:29/30
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Matthäus 25:29/30

Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

niki
Mitglied
niki

Ein Umdenken? Unwahrscheinlich! Wenn die Krise denn vorbei sein sollte 2021, kommen pünktlich die BTW und die CDU/CSU wird wohl mit 35%+x als Krisengewinnler dar stehen… Und dann wird sich rein gar nichts ändern… Es wird gefeiert, dass so viel „gespart“ wurde… Die Begründung dazu wird sein, denn nur so hat man sich das leisten können. Was natürlich der größte Unsinn aller Zeiten ist… Trotzdem wird von vielen das denen so abgenommen! Vielleicht gibt es dann kleine aber gesellschaftlich irrelevante Änderungen in der Notfallvorratshaltung für Pandemien oder ähnliches. Aber Grundlegendes wird sich nicht tun. Dafür wird dann wieder an den… Weiterlesen »

reinard
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DAS ist wohl der Artikel, auf den ich gewartet habe. Einer, der sich nicht im Schmäh von Wissenschaftlern ergeht, sich nicht in der Kritik an zweifelsfrei aber zwangsweise faulen Zahlenreihen festfrisst. Klare Ansage!

Defi Brillator
Gast
Defi Brillator

Wo wart Ihr denn bei den Montagsdemos vor 15 Jahren, als es um genau diese Fragen ging? Arbeiten oder?

Pen
Gast
Pen

Weder die EU, noch Deutschland haben in Italien geholfen, sondern Chinesen und Russen, und sie tun es noch. Weit davon entfernt, dankbar oder gar beschämt zu sein, beklagt sich der Westen nun über die Einflußnahme dieser Staaten. Was wollen sie dagegen setzen?

Vielleicht entsteht ja etwas Ähnliches wie zu DDR Zeiten, als Westdeutschland, um sich als das bessere System darzustellen zum Sozialstaat wurde?

Sukram71
Mitglied
Sukram71

Ihr geht reflexartig davon aus, dass die jetzt ausgegebenen Milliarden nach der Krise im Gesundheitssektor eingespart werden. Da ist das letzte Wort aber noch lange nicht gesprochen. Und über ungelegte Eier soll man sich bekanntlich nicht aufregen. Zumal auch die Staatsschulden- und Eurokrise wiederkommen wird. Da werden wir an großen europäischen Lösungen wohl eh nicht vorbeikommen. In Zukunft geht’s eh noch ums Grundsätzliche. Bei der Suche nach vermeintlichen Aufregerthemen dreht ihr sowieso ständig und wirklich alles und jedes mit aller Gewalt ins Negative. Aber weder ist unser Gesundheitssystem in der Vergangenheit kaputtgespart worden – da reicht ein kurzer Blick ins… Weiterlesen »

Drunter & Drüber
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Für die Einen und die Anderen:

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