Kein Plan

Bürger, die nicht oder falsche Alternativen wählen. Mangelnder Respekt vor staatlichen Institutionen. Hass auf Medien. Verdrossenheit und Wut gegen das System. Kein Wunder, denn wir haben keinen Plan mehr. Und warum? Na, weil der Gemeinsinn atomisiert wurde.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine philosophische. Man kann sie allerdings auch ökonomisieren. Das wäre dann die Frage nach dem Sinn unseres wirtschaftlichen Treibens. Wohin wollen wir als Gesellschaft eigentlich? Oder: Welche Vision von der Zukunft haben wir? Es handelt sich dabei um Fragen, die komischerweise exakt dort nicht gestellt werden, wo sie ihren Platz hätten: In der Politik. Zwar liest man auf Wahlplakaten stets das Schlagwort »Zukunft«, aber so richtig fassbar wird dabei nie, wie sich die die jeweilige Partei ausmalt. Haben Sie je gehört, dass Angela Merkel, immerhin seit mehr als 14 Jahren die politische Richtlinienkompetenz des Landes, mal ein bisschen über Zukunft und Gesellschaftsperspektiven sprach?

Ein perfider Plan: Die geplante Planlosigkeit

Nicht doch, solche Fragen kommen bei ihr gar nicht vor. Sie ist nämlich viel zu sehr damit beschäftigt, die Gegenwart zu flickschustern, hier was zu drehen und dort was zu kitten. Sparprogramm hier, falsche Anreize dort, verschlimmbessern drüben. Und natürlich aussitzen. Immer wieder aussitzen. Besser als es der große Bimbes je konnte. Aber ein Plan? So eine richtige Vision? Schon klar, Helmut Schmidt empfahl Visionären einen Arzt. Aber auch als Patient kann man ja eine Vorstellung von Gemeinwesen haben oder wenigstens entwickeln.

Ach was, einen Plan hat die Kanzlerin nicht. Sie nicht – und andere auch nicht. Für Perspektiven ist gar keine Zeit, die Sachzwänge, die uns die Märkte auferlegen, erlauben perspektivische Betrachtungen nicht. Als Getriebene unterliegen wir der fortwährenden Eile. Vielleicht wird es ja mal ruhiger, verlangsamt sich die Tretmühle, dann können wir ja mal darüber sprechen, wofür wir das alles über uns ergehen lassen, all die Sparzwänge und Kürzungen, all die Verordnungen zur Wettbewerbsfähigkeit und Deregulierungen. Das muss doch alles irgendwie einem Ziel dienen.

Das Frage nach dem Ziel: Das macht doch menschliche Existenz aus. Man sucht als Mensch Sinn, Camus‘ Felsenwälzer kann auf Dauer auch nicht befriedigen, denn Leere ist kein Antrieb. Doch leider kommen solche Zieldefinitionen gar nicht mehr vor. Eigentlich ist es ein ziemlich trauriger Umstand, dass sich das als real existierender Sozialismus bekannte Projekt da nicht lumpen ließ.

Planspiele der Gemeinsinnstiftung

Ausgerechnet die olle DDR, die wir heute für einen Staat halten, dem die Menschen aus Perspektivlosigkeit davonliefen, hat noch Ziele definiert. Fünf-Jahres-Pläne, an deren Ende etwas stand, was das Leben aller verbessern sollte. Hat es nicht immer – schon klar. Aber immerhin, man wusste ebendort schon: Ein Sinn muss formuliert werden, sonst entsteht Leere. Die Parteibonzen mögen ja verschlagen gewesen sein und sich Pfründe gesichert haben, aber so feige, den Menschen keine Antworten auf ein potenzielles Ziel zu geben, waren sie dann letztlich nicht. Eine bessere, eine menschlichere Gesellschaft sollte das sozialistische Projekt sein. Eine gute Idee – wohlgemerkt Idee.

Mir ist schon klar, dass der Vergleich hinkt. Aber uns fehlt einfach was, eine neue Geschichte, eine sinnstiftende Erzählung – und sei die noch so schüchtern und zurückhaltend. Irgendwas, was uns erdet, uns motiviert und ein Leitmotiv gibt. Ja, was nicht nur sinn- sondern eben gemeinsinnstiftend ist.

Wer hat denn je einen Wirtschaftspolitiker in den letzten Jahren davon reden hören, dass das Ziel des neoliberalen Projektes sei, eine bessere Gesellschaft zu schaffen, glückliche Leben zu ermöglichen oder den Menschen eine gewisse Planungssicherheit zu garantieren? Also ich nicht! Wenn man überhaupt mal über Perspektivisches spricht, dann wird man ganz gedankenschwanger und deutet an, dass nichts mehr sicher sei, man müsse flexibel bleiben, damit man bestehen kann auf dem Markt. Weshalb diese Wettbewerbsfähigkeit wichtig ist, zum Beispiel, damit wir unseren Kindern eine glückliche Gesellschaft hinterlassen, neue Menschheitschancen eröffnen: Darüber dann schon kein Wort mehr.

Der Marschallplan der Planlosigkeit: Entsolidarisierung

Nein, wir müssen schließlich ganz sinnbefreit dranbleiben, auf Habachtstellung ausharren, um wettbewerbsfähig in einem Wettbewerb der vermeintlichen Sinnlosigkeiten zu bleiben. Je länger man darüber nachdenkt, je zweifelhafter man die Hohlheit, die Öde dieses Umstandes hält, desto deutlicher wird, dass der Verlust eines gemeinsam fixierten Ziels, ganz konkret etwas voraussetzt, das nicht mehr wirklich beliebt ist: Der Gemeinsinn. Gemeinschaft eben. Relativen Zusammenhalt. Und ja: Gemeinsamkeit auch.

Exakt an der Stelle kommen wir auf was zu sprechen, was wir seit Jahren beklagen. Den Verlust der Solidarität nämlich. Und das nicht etwa als Nebeneffekt des Zeitgeistes, sondern ganz kalkuliert, als Maxime des neoliberalen Gesellschaftsumbaus. Nun haben die Reformer so viele Jahre erfolgreich an der Atomisierung der Solidargesellschaft, des Gemeinsinns an sich herumgepfuscht, da kann man jetzt nicht aufkreuzen und von einem Ziel, einen Plan sprechen. Spricht man nämlich davon, könnte das – uiuiui, Gefahr! – Gemeinsinn beinhalten.

Mit ziemlicher Sicherheit sogar. Doch der ist – wie gesagt – nicht ökonomisch und ebenso wenig politisch vorgesehen. Nur bei Sonntagsreden quasselt man davon, wenn mal wieder der Zusammenhalt beschwört wird. Aber eine Geschichte, die uns mit Sinn erfüllen könnte, eine andere als »Sparen, wettbewerbsfähig bleiben, abwarten«, muss zwangsläufig auf einen Rohstoff namens Gemeinschaftlichkeit bauen. Und auf Gemeinsamkeiten aller – etwas, was den identitätspolitisch modifizierten Neoliberalismus momentan so gut aufzulösen gelingt. Gemeinsinn stört die Geschäfte, eine Geschichte aller für alle: Das schafft ein Bewusstsein für Unrecht. Und dann wirds eng für die Planlosen.

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Nashörnchen
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Nashörnchen

Na solche Gemeinschaften und Pläne für den „Sinn des Lebens“ gibt es nun aber wirklich genug: Manche träumen vom Paradies, manche vom Kommunismus, manche wollen noch 72 Jungfrauen obendrauf – die Auswahl ist aber sicher groß genug für alle, die sowas wünschen und jeder kann da nach Belieben mitmachen. Da braucht man keinen extra Minister dafür. Und bei allen Unterschieden haben die sogar alle eins gemeinsam: All diese Himmelreiche sind prinzipiell erst post mortem avisiert. Bis dahin ist Mühsal und Plage angesagt – außer für eine jeweils recht überschaubare Kaste an Bonzen und Hofschranzen, denen die große Masse stets gemeinschaftlich… Weiterlesen »

Drunter & Drüber
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Drunter & Drüber

ICH geh mit MEINER Laterne. Rabimmelrabammelrabumm!

Das merkt man! Nur scheinen Sie irgendwie nicht von der Stelle zu kommen. Vielleicht sollten Sie mit Ihrer Laterne weniger im Kreis gehen… Mein‘ ja nur.

Pen
Gast
Pen

Danke für den Artikel.

Gemeinsinn stört die Geschäfte, eine Geschichte aller für alle: Das schafft ein Bewusstsein für Unrecht. Und dann wirds eng für die Planlosen.

Wenn es das Ziel ist, Deutschland aufzurippeln, dann hängt man den Plan doch nicht an die große Glocke.

Merkel hat einen Plan, aber den verrät sie besser nicht, sonst könnte es hier vielleicht doch noch eine Revolution geben.

Nicht nur Dein letzter Satz ist voller Wahrheit.

ChrissieR
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ChrissieR

Mc Gyver an die Macht!

Es wird Zeit für Plan B!

….ich geh besser wieder ins Bett…hier in Frankreich is heut Feiertach…

Juergen
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Juergen

Der Gemeinsinn. Gemeinschaft eben. Relativen Zusammenhalt. Und ja: Gemeinsamkeit auch. Du outest Dich ja hier als richtiger Konservativer, Roberto! Bravo, ich habe eine Schwäche für diese Art des Konservativismus. Böse Zungen werden allerdings sagen, dass die Wörter Gemeinsinn, Gemeinschaft, Zusammenhalt und Gemeinsamkeit heute eher völkisches oder nationales Vokabular sind. Damit haben die bösen Zungen leider sogar Recht, und zwar gleich doppelt. Denn erstens hört man diese Begriffe von progressiver Seite nicht mehr, da geht’s über Individualität, Identität, Ego, Eigeninteresse und Selbstverwirklichung. Und zweitens weil jede Definition von Gemeinschaft auch eine Definition derer ist, die Teil dieser Gemeinschaft sind oder eben… Weiterlesen »

Drunter & Drüber
Gast
Drunter & Drüber

Man kann schon sagen, dass ‚Gemeinschaft‘ in unserem Sprachraum ein ideologisch verseuchter Begriff ist, der im Gegensatz zum englischen ‚community‘ nicht vereint, sondern vereinnahmt und ausschließt. Dasselbe gilt für ‚Gemeinsinn‘ versus ‚common sense‘. Da wird eben Individualismus negativ konnotiert. Wobei der schlechte Witz ja der ist, dass wir im 21. Jahrhundert angeblich eine Gemeinschaft von Individualisten sein wollen. Nur die Anderen, die sollen ’sich integrieren‘.

Für diese Art Konservatismus habe ich persönlich keinerlei Sympathie. Die ist mir zu bigott!

Pen
Gast
Pen

Ob eine Gemeinschaft ein verseuchter Begriff ist, ob sie vereinnahmt und auschließt, sei mal dahingestellt. M.E. alles etwas übertrieben, was Sie da schreiben.

Und:
„Common sense“ würde ich eher mit „gesunder Menschenverstand“ übersetzen.

:- ))

Drunter & Drüber
Gast
Drunter & Drüber

Es hindert Sie niemand an Ihren Übersetzungsversuchen, na ja, zumindest ich nicht. Eher würde ich an meinem gesunden Menschenverstand zweifeln. Übertrieben ist nur, was Sie glauben, dass ich da rein interpretiere. Ich schrieb „ideologisch verseucht“ und meinte damit ideologisch verseucht. Alles klar so weit?

Folkher Braun
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Folkher Braun

Seit Kohl haben wir die Abschaffung der Politik. Dazu kommen die erfolgreichen Maßnahmen zur Verblödung in Schulen und Universitäten, das Veröden von ärztlicher Versorgung, Enteignung der Rentner, Demolierung der Verkehrsnetze, Milliardeninvestitionen in blödsinnige Verkehrsprojekte wie Ber und S21.
Und was macht der wahlberechtigte Bundesbürger? – Er wählt rechts, genau die Figuren, die für die Auflösung des Rechtsstaates angetreten sind. (Was vorher eher das Projekt von CDU/CSU war.). Die SPD gehört auch in diese Rubrik.