Wissen, wo sein Platz ist

Deutschlands Geringqualifizierte landen und verharren nachhaltig im Niedriglohnsektor. Im Ausland wird dieser Effekt unter anderem durch einen höheren Mindestlohn erschwert. Deutsche Wirtschaftspolitik versteht sich aber als Gesindeordnung: Billige, jederzeit verfügbare Arbeitskraft ist das bürgerliche Ideal.

Wer nur einen Hauptschulabschluss hat, muss mit wenig Lohn rechnen. Geringqualifizierung sorgt nämlich für Mindestlohn. Das hat – Überraschung, Überraschung! – eine Studie ergeben, die von der Bertelsmann Stiftung beauftragt wurde. Man könnte den Umstand noch ein bisschen anders, in der Sache treffender umschreiben: Wer ist Deutschland keine hohe Qualifizierung erhalten hat, darf schamlos im Niedriglohnsektor ausgebeutet werden. Ob er davon leben kann, spielt überhaupt keine Rolle. Denn am Ende badet es die Allgemeinheit aus, weil man den Geringverdiener in den aufstockenden Hartz-IV-Bezug schickt etwa. Der Unternehmenssozialismus klappt bisweilen ganz gut.

Das vermeintliche Grundrecht auf billiges Hilfspersonal

Ohne Hochschulabschluss, mit einer ganz ordinären Schulkarriere, in diesem sozialisierten Niedriglohnsektor zu landen, ist allerdings keine Naturgewalt. Das hat man selbst im Wirtschaftsressort von Spiegel Online eingesehen. Normalerweise war man stets dort recht unverdächtig für einen offenen Diskurs in Fragen, die die herrschende Angebotsökonomie betreffen. Bis neulich eben. Im europäischen Ausland fängt man die geringe Qualifizierung mit Mindestlöhnen ab, die den Namen auch verdienen. Dort wirken sie nicht nur als Alibieinrichtung, um soziale Gewissensbisse ein wenig zu lindern. Sie wollen eben ein Mindeststandard sein, von dem man auch leben kann.

Für deutsche Verhältnisse ist das ein unverfrorener Gedanke. Denn gewisse Tätigkeiten hat man in unserer Republik im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte, mit purer Absicht in die Prekarität verfrachtet. Dahinter steckte ein elitaristischer Grundgedanke: Wer mir was liefert, wer für mich putzt, kocht oder aufräumt, wer meine Kinder betreut oder meinen Garten in Schuss hält, soll als billiges Hilfspersonal zur Verfügung stehen. Damit der Lebensplan finanzierbar bleibt – für die Nachfrageseite, versteht sich.

Das hat sich gewissermaßen als das Grundrecht der neuen Snobs, der neoviktorianischen Hautevolee manifestiert. Die glaubt nämlich, dass es ein Privileg ist, für sie tätig zu sein. Weshalb es ganz okay zu sein hat, dass diese Hiwis für einen Selbstkostenpreis arbeiten. Besser so eine Arbeit, als gar keine Arbeit. Hauptsache überhaupt Arbeit! Mit diesen doofen Sprüchen hat man einst die Prekarisierungswelle als neue Agenda eingeleitet. Haushaltsnahe Leistungen wurden vergünstigt, ehemalige Gesindestellen liberalisiert und flexibilisiert. Alles nur für dieses vermeintliche Grundrecht auf günstige Arbeitskraft.

Neoviktorianismus: Über handymen und cleaner, boot boys und gardener

Gerade bei diesen Jobs, die die moderne Konsumwelt zum Massensymptom gemacht hat, bei Liefer- und Bringdiensten etwa, kehrt sich das gesamte Menschenbild der herrschenden Ökonomie hervor. Es ist ein spätviktorianischer Drang, die Welt wieder in Herren und Gesinde zu teilen, wobei die Kaste der Herren freilich größer wurde – denn jeder bezahlende Kunde kann kurzzeitig eine »Herrschaft auf Zeit erwerben«. Eine, die eine Dienstleistung »als gutes Recht« in Anspruch nimmt, für die realen Kosten aber nicht aufkommen will. Soll doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass der Laufbursche seine Miete zahlen kann. Wofür gibt es denn Hartz IV?

Eine Popkultur der hierarchischen Prüderie ist im Begriff, den Snobismus der Vergangenheit neu zu reaktivieren. Lesenswert dazu ist etwa Christoph Bartmanns »Die Rückkehr der Diener«. Fortschritt ist dabei wie gesagt nur, dass der Laufbursche auch Herr sein kann, wenn er die Dienste eines Paketzustellers in Anspruch nimmt. Aber selbst das entspricht in trauriger Weise dem Urvater des Gedankens, dem Viktorianismus. Denn schon damals hatten manchmal Diener Diener. Bill Bryson schrieb in seiner »Kurzgeschichte der alltäglichen Dinge« deshalb auch, dass damals das »Zeitalter der Diener« herrschte.

Wer mehr über die verschiedenen Posten jener Zeit erfahren möchte, über das Gesinde und den Umgang mit diesen rastlosen Hilfarbeitern, dem sei Brysons Buch übrigens zur Lektüre empfohlen. Wie handymen, cleaner, boot boys und gardener damals als lästiges Übel einer Elite betrachtet wurde, die kostengünstige Dienste als angestammtes Grundrecht einschätzte, kann man bei Bryson nachverfolgen. All diese emsigen Hände nahm man stark in Anspruch, sie sehen, wahrnehmen, schon gar als Mensch, wollte man sie allerdings nicht. Sollten sich bei der Schilderung gewisser ausbeuterischer Praktiken von damals Ähnlichkeiten mit den Praktiken des heutigen Arbeitsmarktes ergeben, so sind diese Ähnlichkeiten weder unbeabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

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niki
Gast
niki

Die Deutschen sind ein Volk von obrigkeitshörigen Dienern… Und vor allem: Gönne bloß den anderen nicht mal das Zahnweh, wenn dieser sich nicht mal für ein paar Euro fünfzig nicht ausbeuten lässt… Es sei denn man ist Millionenerbe! Dann wird sich Informiert und beratschlagt, wie man das ach so schwere Leben denen noch erleichtern kann… (Natürlich ist das ganze komplexer,…) Das hat sich gewissermaßen als das Grundrecht der neuen Snobs, der neoviktorianischen Hautevolee manifestiert. Die glaubt nämlich, dass es ein Privileg ist, für sie tätig zu sein. Weshalb es ganz okay zu sein hat, dass diese Hiwis für einen Selbstkostenpreis… Weiterlesen »

Mausi
Gast
Mausi

Wer möchte nicht Millionenerbe sein?
Kein Neid
Arbeit ehrt uns Menschen?

aquadraht
Gast
aquadraht

Arbeit ist der Stoffwechsel der Menschen mit ihrer natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt, Arbeit, also die schöpferische und planvolle Gestaltung und Umgestaltung der natürlichen Umwelt, lässt den nackten Affen erst zum Menschen werden.

Müssiger Konsum hirnlos fressender, saufender und unkreativ konsumierender Menschen unterscheidet den Menschen nicht vom fressenden Tier, vom Schwein oder vom Anton.

Schwabbel
Gast
Schwabbel

Wer ist Deutschland keine hohe Qualifizierung erhalten hat, darf schamlos im Niedriglohnsektor schreiben.

flurdab
Gast
flurdab

Ha ha, Niedrighohnsektor.
Da solltest du mal deren Villen im Tessin sehen.
Ich frag mich ja immer wo die beiden Finanz- und Börsenheinis noch die Zeit für einen Blog hernehmen.

Marlene
Gast
Marlene

1. Ist das nicht ein Problem der Geringqualifizierten, sondern ein Problem der Alten, der Frauen, der Mütter …. auch Alte Studierte kriegen nur noch Low Budget Jobs! 2. Es gabs in der WWG schon immer: Frauen und Kinder die dem Manne zur Verfugung standen und ihm zu dienen hatten! 3. Es hat mich geärgert, als die Frauenbewegung zum CoTäter des Systems wurde (und die neue Vätergruppierungen tatkräftig mitwirkten) Denn, um im Männerland Cash in the tash zu aquirieren müssen Männer ( und nun auch Frauen) andere ausbeuten! Grundsätzlich hätte ab den 80ern die Frage gestellt werden müssen, 1.was ist Arbeit?… Weiterlesen »