Fascho-Ossis und Demokratie-Wessis

Die Ossis ruinieren unser Land. Alles Nazis. Oder fast alles Nazis. Also doch blühende Landschaften im Osten: Aber nur für die AfD. Es tut dem westdeutschen Gemüt so gut, alles den Ostdeutschen in die Schuhe schieben zu dürfen. Das ist Psychohygiene auf Wessi-Art.

Nach den beiden letzten Landtagswahlen in den neuen, aber an sich nicht mehr sonderlich ganz so neuen Bundesländern, war die Lage wieder schnell eingeordnet: Die Ossis waren es! Sie waren es wieder mal. Jede Zeitung, jedes Magazin, im Grunde jeder der was auf sich hielt, publizierte einen Artikel zum Thema. Dass dazu aktuell auch noch der 30. Jahrestag des Mauerfalls lauert, verursacht zudem einige Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt mit dieser thematischen Ausrichtung. »Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde« des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk ist eine davon. Obwohl das Buch im Geleitwort etwas lax von der Prämisse ausgeht, dass die Demokratie heute so sehr um ihr Selbstverständis ringen muss, weil die Ossis nicht richtig in ihr angekommen seien, so lohnt sich die Lektüre auf alle Fälle.

Denn es gelingt Kowalczuk, manchen vergessenen Fakt in die Erinnerung zurückzuholen. Zum Beispiel, wie die Intellektuellen der DDR nach dem Mauerfall genauso mit ihren ostdeutschen Mitbürgern haderten, wie heute das liberale Bürgertum des Westens. Die klugen Köpfe der schwindenden Republik waren der Ansicht, dass sich die Masse für eine falsche Alternative entschiede: Für eine Wiedervereinigung – wo doch die Reform eines neuen Sozialismus zunächst sehr viel angebrachter wäre.

Die Wessis halten es im Augenblick genauso. Sie mahnen vor einer falschen Alternative, der der »gemeine Ossi«- und Ossis sind immer irgendwie gemein! – erliegt. 1,4 Millionen haben die AfD gewählt. Nein, wo denkt ihr hin! Nicht etwa 1,4 Millionen Sachsen und Brandenburger Anfang September. Nein, im Oktober des letzten Jahres wählten knapp 1,4 Millionen Bayern die AfD. 1,432 ostdeutsche Wähler haben in den letzten Jahren zusammen der AfD ihr Vertrauen ausgesprochen. Es waren hingegen 4,345 Millionen Westdeutsche, verteilt über elf Bundesländer und einige Jahre, die eine Alternative in der AfD suchten.

Auf einen Ossi kommen folglich drei Wessis, die sich für die AfD entschieden haben. Nicht ganz richtig heißt das also: Wessis sind dreimal so gefährlich. Achso, prozentual sieht es im Osten ganz anders aus, meint ihr? Natürlich! Richtig! Die entvölkerten Landstriche des Ostens, in denen kaum eine Firma investieren will, machen einen hohen Prozentsatz auch bei zählbar weniger realen Wählern wahrscheinlich. Da hat man schnell mal 23, 24 oder 27 Prozent zusammen. In Mecklenburg-Vorpommern gab es 2016 weniger Wahlberechtigte als AfD-Wähler bei der Landtagswahl 2018 in Bayern. 415.000 Stimmen haben den Linken 2017 in Nordrhein-Westfalen nicht für den Einzug in den Landtag gereicht – neulich in Brandenburg wählten keine 300.000 die AfD zu zweitstärksten Fraktion im Länderparlament.

Aber warum zum Henker verleiht die öffentliche Wahrnehmung einer Gegend, die kaum Einfluss hat, sonst gleichgültig liegengelassen wird, plötzlich so viel fadenscheinige Ehre? Gerade wenn im Westen, aus dem diese Schau der Ereignisse herauspubliziert wird, viel dramatischere Zahlen anstehen. Es ist so billig, es den Ostdeutschen in die Schuhe schieben zu wollen, dass sich da eine Rechtsalternative formiert. Die Demokratie-Wessis sind ebenso ein Konstrukt einer komischen westlich-publikativen Psychohygiene, wie es die angeblichen Fascho-Ossis für sie sind.

Man spielt mit Stereotypen und Selbstwahrnehmungen – wider aller Zahlen. Hält sich schadlos, indem man eine Mär konstruiert, die noch immer, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, dem Besserwessi als Kolonialherrn im wilden Osten zu Ehren gereicht. Dass nebenher die Etablierung einer rechten, wirtschaftspolitisch aber libertären Alternative kein geographisches Problem darstellt, sondern das Resultat verfehlter, arroganter und elitaristischer Politik ist, kann dabei ganz nebenher als Narrativ gepflegt werden.

Islamistische Gefährder werden in unserem an Statistiken reichen – aber Reichenstatistik armen – Land selten prozentual erfasst. Man zählt sie durch und nennt die Stückzahl. 700 sollen es im Augenblick sein. Die Zahl ist leicht rückläufig. Zu viele sind es immer noch. Kaum jemand würde anmerken, dass wir es hier mit nicht mal einem Promille der hier lebenden Menschen zu tun haben. Nur die nominale Zahl zählt. Warum nicht bei denen, denen wir heute alles nur denkbar Boshafte nachsagen, weil sie die AfD wählen?

Wahrscheinlich weil nur so die Geschichte von einem Ostdeutschland, das noch immer nicht gezähmt ist, aufrechtzuerhalten ist. Die Wiedervereinigung als Geschichte des selbstlosen Westens gegen das östliche Mordor: Sie darf einfach nicht enden. Dreißig Jahre sind noch nicht lang genug.

Diesen Beitrag ausdrucken
Unterstütze uns und hilf dabei, die neulandrebellen besser und wirkungsmächtiger zu machen

63
Hinterlasse einen Kommentar

Bitte Anmelden um zu kommentieren
avatar
15 Kommentar Themen
48 Themen Antworten
1 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
24 Kommentatoren
bienenchrischanPenTvMarxistWegwerfer Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
aquadraht
Gast
aquadraht

Guter Beitrag Roberto, und Zustimmung. Wir wollen ja auch nicht fragen, wie viele der „Gefährder“ auf der IM-Liste von Verfassungsschutz und dergleichen stehen. Aber 0,85 Promille Gefährder, das ist schon lustig. So eine Gefahr aber auch.

niki
Mitglied
niki

Hast du dich verrechnet?
Ich komme auf 0,0085 Promille Gefährder!

Molle Kühl
Gast
Molle Kühl

Olle Kamellen.

Schon kurz vor der deutschen Einheit wussten West-Nazis wie Michael Kühnen, Gottfried Küssel, Arnulf Priem, Christian Worch usw. usw. sehr genau was zu tun war. Diese westdeutschen Reisekader leisteten spätestens ab 1989 die Aufbauarbeit unter den meist unorganisierten ostdeutschen NS-Sympathisanten. Ob GdNF, FAP, NPD, REPublikaner – die führenden Kader kamen damals alle aus den gewachsenen und schon immer geduldeten neofaschistischen Strukturen der alten Bundesrepublik.

pen
Gast
pen

Sehr guter Artikel, Roberto. Wer kommt denn schon auf die Idee, tatsächlich mal nachzurechnen, was die Zahlen prozentual bedeuten. Reine Propaganda und Panikmache seitens der Politik und der Medien. Die Rechten sitzen nur im Osten und die Gefährder sind so bedrohlich, daß laufend an den Bürgerrechten gedreht werden muß. Überwachung ist nötig zu unserem Schutz, und die Bürger gruselts. Der Umgang des Westens mit dem Osten, angefangen vom Wirken der Treuhandgesellschaft bis jetzt zu billigsten Verleumdungen, ist erbärmlich. Der Michel braucht halt imme einen Geringeren, auf den er hinabsehen kann, um sich gut zu fühlen. Das Foto sagt das alles… Weiterlesen »

Rudi
Gast
Rudi

Roberto Die Wiedervereinigung als Geschichte des selbstlosen Westens gegen das östliche Mordor: Sie darf einfach nicht enden. Dreißig Jahre sind noch nicht lang genug. Was für eine Widervereinigung? Ich dachte immer, es handele sich um einen Anschluss an den kapitalistischen Westen, der mit seinem Geld und seiner Umeignungsmaschinerie namens Treuhand einen neuen Absatzmarkt generierte. Dass sich dann noch weitere Länder, wie etwa Polen oder die Staaten des Baltikums, dem Raubzug unterwarfen – äh Demokratie und Freiheit wählten -, hat dieser Art des Wirtschaftens einen neuen Schub gegeben. Was jetzt noch fehlt, ist Russland mit seinen riesigen Rohstoffreserven, das einem Demokratie-… Weiterlesen »

Marlene
Gast
Marlene

Danke @Roberto…
Diese „die schlecht, also ich gut“ Mentalität hat wieder komplett Boden gewonnen.
Konnte man gut ab Pegida beobachten: da ging es schon „hier der gute, demokratische, weltoffene -besser gebildeten- Westen“ gegen die „abgehängten, zurückgebliebenen, ungebildeten Ossis“
Schon da wurde geflissen übersehen, wo Asylbewerberheime angegriffen wurden und dass AfD in BW im Landtag saß als sie im Osten noch suchten!

Echt: mich interessiert, warum man sich nur besser fühlt, wenn man anderen fertig macht!

(Und bzgl Geschichte Verfälschung findet gerade der Osten gg Russland ihr Pendant! Die Russen gemein und doof…. wir demokratisch und gut!
https://www.nachdenkseiten.de/?p=55273)

Deswegen DIE Frage: warum braucht mensch das?

Marlene
Gast
Marlene

Und: wieso werden die Grünen nicht angegriffen? Die haben sich mit Bündnis 90 verchwurbelt und diese platt gemacht!

Bohley sagte richtig:
„Wir wollten Demokratie und bekamen den Regierung.“
„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“

PS: die ganze Regierung Barschels ist in MeckPov abgeschoben und versorgt worden! Die Überversorgung mit Rechtsanwälten in der BRD wurde mit DDR-Überversorgung gelöst.

PPS: monatelang habe ich vorm TV gehangen und mit mir gewettet, wann sich Sprecher mal verhaspelt: die SED Nachfolgepartei, die PDS hat…. blabla
Ich lernte: so sieht Manipulation aus, denn nach den Blockparteien wurde nie geforscht, gefragt, gelästert!

Marlene
Gast
Marlene

Und was mich immer noch stinkwütend macht:
1. Ich wollte den 09.November zum Feiertag! Nicht nur der 17.06.ging still und heimlich unter…auch der 09.11. fiel zum Opfer…dafür gab es den Machtelitenfeiertag 03.10. mit Bildern vom November!!!! grrr

2. Ich wollte eine neue Nationalhymne (und nicht diese den Alt-und Neunazis nicjt auf die Füsse tretende 3.Strophe!) grrrr

3. die Salonlinken ließen ihre Ossis fallen! Klar waren sie doch nur Vorzeigeorte, wahrend man selber im kapitalistischen Vorortmilieu angekommen war! Blöd als die dann nicht nur rüber machten, sondern „igitt“ Bananen, Malorca und auch ‚haben wollen‘ wollten! Empathie mit den Ossis seitens der linken Wessis? Fehlanzeige!

Juergen
Mitglied
Juergen

Wichtiger und richtiger Beitrag, danke! Es ist so billig, es den Ostdeutschen in die Schuhe schieben zu wollen, dass sich da eine Rechtsalternative formiert. Die urbane linksliberale Schickeria braucht eben einen Sündenbock über den sie sich echauffieren kann. Prinzip maximale Abgrenzung. Analyse ist nicht mehr zeitgemäß, Gesinnung und Haltung sind gefragt und deshalb ist Beschäftigung mit den Ursachen praktisch unerwünscht. Noch schlimmer: die wenigen Intellektuellen, die sich noch rational mit den Ursachen beschäftigen, werden ebenso schnell ausgegrenzt und als Paria auch an den rechten Rand gerückt. Man spielt mit Stereotypen und Selbstwahrnehmungen – wider aller Zahlen. Ja. Und die Zahlen… Weiterlesen »

Drunter & Drüber
Gast
Drunter & Drüber

Ich fasse jetzt mal ein bisschen zusammen: Die Westlinken Gutmenschen tragen die Verantwortung für den rechtsradfikalen Ostschrott, einschließlich Thüringer Heimatschutz.

Warum ist man nicht früher und konsequenter gegen diese Westlinken vorgegangen? Hat der Verfassungsschutz bei den Linken versagt?

Marlene
Gast
Marlene

Aus meiner Sicht war die BRD auch am Straucheln! Das Aussitzen Kohls hatte die „linken“ lethargisch gemacht. (Die haben den Kohl nicht überstanden) und der Kapitalismus Thatcher, Reagan, Kohl, Lambsdorff war durch die Umweltschutzbewegung und die damalige Frauenbewegung arg in Bedrängnis! Dann kam Zusammenbruch der DDR und die BRD gerierte sich als strahlende Gewinnerin! „Es ist“, so ich damals schon, „so als würde ich im Degenkampf mit X sein, der kriegt nen Herzinfarkt und ich stell mich als Gewinnerin mit einem Fuss auf ihn und lass mich als Heldin feiern!“ „Würde ich das machen? Nein!“ PS: die USA war damals… Weiterlesen »

Drunter & Drüber
Gast
Drunter & Drüber

ARD-Terrorismus-Experte Stempfle sagt dazu sinngemäß: „Es ist möglich, dass es Tendenzen gibt, es war wohl eine Einzeltat.“
Puh, Glück gehabt… Tendenzen, aber Einzeltat. Alle fühlen sich sicher (ja, haben sie ins Mikro diktiert). Das Hashtag des heutigen Tages lautet #tendenzen

CDU-Büro besetzt
Gast
CDU-Büro besetzt
Pen
Gast
Pen

Halb OT Aus einem Interview mit Christa Luft, letzte Wirtschaftsminiisterin der DDR. „Auf Ihre Frage, wie ich das zusammenfassen würde: Für mich ist die Treuhand eine Einrichtung, die unter den Augen und mit Billigung der Bundesregierung die größte Vernichtung von Produktiveigentum in Friedenszeiten verantwortet. Das ging zu Lasten vieler Millionen Menschen in der DDR, hat Wirkungen bis heute. Und es hat die westdeutschen Steuerzahler unerhört viel Geld gekostet. Wenn diese Mittel gleich für andere Maßnahmen eingesetzt worden wären – für Strukturanpassungen, für Umschulungen usw. – und nicht nur für die Bezahlung von Arbeitslosigkeit, dann wäre das auch für die westdeutschen… Weiterlesen »

bienenchrischan
Mitglied
bienenchrischan

Danke für den interessanten Beitrag.Da ich aus MV komme, betrifft es mich auch direkt.Die Prozentzahlen in den Bundesländern an AfD Wählern geben deren Prozente an.Die Gesamtwähler in Deutschland den innerdeutschen Anteil an.Mir erschließt sich da keine Neuigkeit in Bezug auf die einzelnen Bundesländer.Mal ganz davon abgesehen,dass hier in meinem Heimatort neue AfD früher NPD Kader von westdeutschen Mäzen ausgebildet werden.Nächstgenannte Namen haben hiermit ausdrücklich nichts zu tun.Das kann man leicht nachgoogeln. Udo Pastörs und Philip Steinbeck und Dennis Augustin.