Nach dem Kater

Der Kater ist verklungen, Karneval ist rum. Vielleicht wäre es das Beste, man ließe ihn für alle Zeit ruhen. In Zeiten wie diesen ist er nicht mehr vermittelbar. Denn schlechte Zoten werden gleich als Generalangriff auf die Lebensart begriffen. Vorbei die Zeiten, da jeder ein Recht darauf hatte, mit Witzchen versehen zu werden. Heute herrscht Pussy Terror.

Der Stelter witzelte über AKK und Doppelnamen und prompt kriegte er es mit einer Doppeltbenamten und ihrer Klicktourage zu tun. Die wegen ihres Doppelnamens zur Abbreviatur reduzierten Chefin der Union machte einen lauen Witz über das dritte Geschlecht und Drittscheißhäuser, faselte noch was von »dazwischen« und kokettierte mit dem Pimmel, den man hat oder nun mal nicht hat, und schon schwappt die große Betroffenheit in jenen öffentlichen Raum, der eigentlich wichtigere Themen zu besprechen hätte. Mensch, dieser Karneval hatte es nun echt in sich. Nicht spaßeshalber, da war er genauso geistlos wie eh und je, eher so bullshithalber, denn mittlerweile übernehmen selbst im Karneval die humorbefreitesten aller Sittenwächter, die Politkorrekten nämlich, das Zepter deutscher Hochkultur.

Ich bin ja ganz bei der Kritik: Die Witze waren schlecht. Aber das ist man von Stelter doch gewohnt – Frau Karren-Kampbauer werden wir in den nächsten Jahren noch verstärkt als schlechten Witz kennenlernen. Dann aber nicht in der Bütt, sondern eventuell in diesem Lobbyistencasino in Berlin, das man wohl aus traditionellen Gründen »Kanzleramt« getauft hat. Trotzdem kann ich, außer dass die Witze nicht besonders geistreich waren, kaum etwas erkennen, was die Aufregung rechtfertigt. Beide Jokusse waren ziemlich harmlos, Stelter beleidigte namensbigamistische (Ex-)Ehefrauen nicht mit zeitgenössischen Hatespeech und Unflat, sondern ganz brav und bieder – und Annegret KK tat ja nun auch nicht so, als wolle sie das Drittgeschlecht kasernieren, ausmerzen oder umerziehen. Man hat der Frau schon lange immer wieder zum Vorwurf gemacht, dass sie seinerzeit nicht für die Homoehe votierte, womit man doch deutlich sähe, wie konservativ sie tickt. Was dabei nie erwähnt wird: Die Frau hat seinerzeit aber auch nüchtern festgehalten, dass es zu einer Demokratie gehöre, getroffene Entscheidungen (wie eben jene gleichgeschlechtliche Ehe), die man selbst nicht so treffen wollte, voll und ganz zu akzeptieren.

Insofern ist doch alles im Butter, sie sieht die Sache mit Schwulen, Lesben und Transsexuellen nun mal anders, auch ein bisschen veraltet wahrscheinlich. Aber das ist ihre Meinung, sie akzeptiert gesellschaftliche Veränderungen ja trotzdem und will sie nicht mit der Kalaschnikow im Anschlag aufhalten. Dass sie jetzt im Karneval witzelte: Wenn es weiter nichts ist!

Achso ja, das darf man nicht, weil es gegen eine Randgruppe gerichtet war. Stimmt ja! Genauso wie bei Stelter, der die massive Gewalteinwirkungen doppelter Nachnamen auf die leichte Schulter nahm und nicht die Sorgen und existenziellen Nöte berücksichtigte, die Frauen mit solche Namen erleiden müssen. Nun mal ganz ohne Flachs, so ernsthaft wie man darauf reagiert hat, das kann sich kein Satiriker ausdenken. Man las, dass Frauen lange Zeit nicht die Wahl hatten, sie mussten doppeln oder nur den Männernamen annehmen. Wer will als Frau aber schon Schwanzlurch oder Fick heißen? Ein Doppelnamen konnte Schlimmeres abfedern. Den Mädchennamen durfte man jedoch bloß behalten, wenn man den Dreamboy nicht ehelichte – und das war für viele patente, toughe, aufgeklärte und selbstbewusste Frauen offenbar nicht drin. Ehe musste schon sein. Frauen mit Doppelnamen seien Opfer von Männerregelungen geworden.

Ja, gar keine Frage, dies war eine doofe Regelung, aber so richtig schlimm, so richtig derb menschenverachtend, war das für meine Begriffe ja nun nicht. Da stelle ich mir echt was anderes vor. Es ist aber gut, dass man es verändert hat. Dass man allerdings jetzt eine Opferhaltung herausfiltert nach dem Motto »Ach, die armen Frauen!« und »Oh Gottohgottohgottohgottohgottohgott, wie übel muss uns das Leben noch mitspielen?« – sorry, aber dafür fehlt mir nun wahrlich jeder Funken an Empathie.

Kann mir mal einer den Zeitpunkt benennen, an dem wir anfingen solche Pussies zu werden? Ich meine das nicht biologisch, sondern im Sinne von: Weicheier. Können toughe Frauen, die sich für den Karneval kostümieren und zu einer Veranstaltung laufen, denn nicht mal mehr aushalten, dass sie vielleicht auch indirekt mit einem Witz auf ihren Kosten rechnen müssen? Soll man vorher Befindlichkeiten abfragen und über zu machende Scherze abstimmen? Wir waren doch nicht immer solche Weicheier, früher konnte man auch mal über sich lachen. Na, lieber Leser, legen Sie los, machen Sie Dicken- und Bartwitze, ich kann damit leben – wenn sie gut sind, lache ich sogar mit Ihnen. Ich habe mir die schwulen, lesbischen, transsexuellen Aktivisten ja immer als Fighter vorgestellt, als Leute, denen man so schnell nichts vormacht. Dass sie aber dermaßen zimperliche Waschlappen sind, die beim geringsten Anzeichen eines Witzes (mehr als ein Anzeichen war es ja auch nicht) auf ihre Kosten durchdrehen, kann man fast nicht glauben. Wie haben diese weinerlichen Leute ihre Rechte durchgesetzt? Achso, klar, das waren ja ihre Vorgänger, die haben das geleistet. Die nachfolgenden Nutznießer haben sich dann aufs Jammern besonnen.

Im Karneval geben Stadtobere ihren Schlüssel ab, Narren dürfen ab dann das Regiment führen, den Herrschenden den Spiegel vorhalten. So jedenfalls will es die Tradition, so erklärt man das hin und wieder Leuten wie mir, die mit Fasching und Karneval so gut wie gar nichts am Hut haben. In Wirklichkeit hat sich der Karneval natürlich bequem in die bestehenden Verhältnisse eingerichtet, er ist staatstragend, der Spiegel, den er vorhält, ist matt und voller Streifen – wer hineinblickt, erahnt seine Konturen bestenfalls im milchigen Nebel. Aus der Tradition heraus ist es aber in Ordnung, wenn man Politiker verspottet, die Schwachen werden zu Starken, aber über Schwächere scherzt man nicht.

Dieser an sich edle Gedanke war mehr oder weniger dauernder Begleiter der Talkshow von Harald Schmidt. Der hatte auch für jeden etwas übrig, machte Witze über Polen, Juden und andere Randgruppen. Darf er das?, fragten viele erschrocken. Er kokettierte in seiner Sendung gerne mit diesem kleinbürgerlichen Reflex. Was darf Satire und was darf der Witz? Das ist eine Frage, die wir in unserer Gesellschaft stets anders beantworten.

Ich erinnere mich an einen Behinderten, es ist Jahre her, wir haben uns unterhalten. Er saß im Rollstuhl und seine Extremitäten waren verkürzt. Plötzlich sprachen wir über Behindertenwitze. Die meisten seien schlecht, meinte er. Aber im Grunde gehöre es zur gelungenen Integration, dass man auch mal ausgelacht werden darf. Nicht als Person, aber als Mitglied einer Gruppe schon. Diese Samthandschuhe, dauernd spüre er latent die Angst seiner Mitmenschen, die wohl penibel darauf achteten, ihn auch ja korrekt zu behandeln. Nicht, dass da ein falsches Wort fällt und er sich zurückgesetzt fühlt. Alles wägen sie ab, werden strategisch, legen sich so eine Stewardessenhaltung zu, lächeln also viel ohne viel zu sagen. Und falls sie doch mal was sagen, dann unentwegt scheißfreundlich: Solche Leute halte er nicht aus, sie seien nicht authentisch und äußerst unangenehm.

Er weiß, wie alle anderen kann er nicht behandelt werden. Schon wenn er mit dem Bus fahren will, benötigt er Hilfe. Aber warum sollte man über ihn nicht lachen dürfen? Es nicht zu tun, klammert ihn von der menschlichen Gemeinschaft aus, denn fast über jeden Menschen und über jede soziale Gruppe wird gemeinhin gelacht.

Wir sind so schrecklich verspannt in allem, was wir momentan anfangen. Ich glaube, wenn wir diese Verspannung weiter kultivieren, ist ein friedliches, ein höfliches Zusammenleben auf keinen Fall mehr möglich. Was wir uns hier in unserem Übereifer politischer Korrektheit ausgestalten, das ist eine Hölle. Ein Gemeinwesen, in dem jederzeit und überall das, was man mal gesagt hat oder auch nur gesagt haben könnte, zu einer Generalabrechnung und zu Konsequenzen führt. So wie bei Kevin Hart. Der Schauspieler sollte die diesjährige Oscar-Verleihung moderieren. Kurz nachdem die Akademie das bekanntgab, fielen Hart einige Schwulenwitze (schlechte, Hart ist nicht sonderlich lustig) von früher auf die Füße. Er kam der Peinlichkeit zuvor und trat zurück. Ob der Mann schwule Bekannte und Freunde hat, wurde nicht thematisiert. Über Schwule lacht man nicht, sie sind unantastbar. Heteros allerdings nicht.

In Zeiten wie diesen gibt es wohl nur ein probates Mittel, um nicht falsch zu liegen, nicht anzuecken und Ärger zu erzeugen: Den Karneval abschaffen. Besser ist es wohl. Nach jedem Terrorangriff treten Politiker vor die Presse und sagen unbeugsam: Unsere Art zu leben lassen wir uns nicht nehmen. Auch nicht von Terroristen. Es wird reichlich weniger brauchen, die Latte-Chai-Fraktion oder die postfeministischen Opferverbändinnen kriegen hin, dass wir diese Art zu leben abstellen. Wegen Nichtigkeiten. Die großen Themen derer, die unsere Art zu leben brutal aus dem Leben schaffen wollen, indem sie so auf das Unrecht in ihrer Heimat verweisen, auf Wirtschaftskrieg, Ausbeutung, Umweltzerstörung und Drohneneinsätze, haben nie auch nur so viel Beachtung gefunden wie dieser flapsige Sparwitz von Frau KK. Das sagt viel darüber aus, wie wir intellektuell aufgestellt sind. Die Dekadenz ist im vollem Gange.

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dors Venabili
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dors Venabili

„Die Dekadenz ist im vollen Gange.“
Es scheint ein Grundgesetz zu sein, dass die nachfolgenden Generationen der Erstkämpfenden gegen Ungerechtigkeiten eine steigende Quote von „posttraumatisch Gestörten“ generieren, die mit ihrer Instantempörung und permanenten Nachteilsausgleichbegehren einer vorwärtsgewandten Lebensentwicklung mit selbstbeschädigendem Hass begegnen!

Puppsburger Augenkiste
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Puppsburger Augenkiste

Wir erleben den Phasenübergang des autoritätshörigen Kleinbürgers zum Widerständler.
Übung Nummer 1: Ganz allein vor vielen Leuten aufstehen und sich beschweren
Pech für den dicken Witzeverkäufer mit der Gitarre.

Übung Nummer 10: Einem Bundespolitiker nach Wahl, einen Farbbeutel mitten in die Fresse werfen

ChrissieR
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ChrissieR

Guude, liebe Leit! Un warn die Witz aach zimmlisch dumm- jetz is die Fassenacht erumm!!! Tusch Umm-dääh! Narhallamasch ! Ich komme ja bekanntermassen aus nem kleinen Ort bei Mainz und normalerweise auch eine Frohnatur. Und ja, Roberto, ich geb Dir da 100% Recht, viele Leute sind richtige Pussies geworden, aber das ist doch wohl die Folge unserer Umerziehung zur Angstgesellschaft ! Alles schreit nur noch nach Sicherheit : „Wie, Du fährst Ente? Is doch total unsicher ohne Airbags…“ oder nach verbaler Gerechtigkeit, sprich gendersprache.Oder political correctness…Ja leckt mich am Arsch, geht’s noch? Am Besten garkeine Gefühle mehr äussern?? Schöne Erlebnisse… Weiterlesen »

Rudi
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Rudi

Roberto, das hast du schön gesagt: „…Lobbyistencasino in Berlin, das man wohl aus traditionellen Gründen »Kanzleramt« getauft hat.“ Wir werden oft auf die Nebenspur gesetzt, um das Zentrale, was Macht und Einfluss ausmacht, zu vernebeln. Über gesellschaftliche Entwicklungen wurde jahrelang gestritten und diskutiert, wenn es um die Bereiche ging, die im Prinzip nix kosten und an dem Machtgefälle nix ändern. Zwar sind solche Diskussionen, etwa um die gegenderte Sprache, nicht unwichtig, jedoch nicht so wesentlich, als dass die versammelte Linke sich darüber jahrelang zerstreiten müsste, während die wirtschaftlichen Strukturen so gestaltet werden, dass das monopolistische Kapital in Form von Banken… Weiterlesen »

ChrissieR
Gast
ChrissieR

Komplett OT…
eben in den ZDF Nachrichten sagt der Depp, dass man Umfragen ja net immer trauen sollte, vor Allem in Russland..AAABER… Und dann kam es wieder, die Leute seien unzufrieden mit Medhedew und sogar Putin!
Eigentlich wollte ich jetzt essen…geh besser kotzen!!!!

Nashörnchen
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Nashörnchen

Hach ja, der Karneval. Das waren noch Zeiten…
Inzwischen haben wir schon längst blöde Sprüche zum Frauentag. Lacht auch keiner. Und heute abend kommt wieder die heute-show. Das Leben ist halt nicht immer lustig…

Rough Trade
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Rough Trade

Hätte AKK mal besser über die faulen Arbeitslosen gelästert, die den ganzen Tag mit der Bierflasche in der Hand und der Kippe im Mund vor der Kiste sitzen und sich nicht um ihre Kinder kümmern, dann hätte niemand daran Anstoß genommen, auch nicht die Grünen, die sich jetzt künstlich empören und aufplustern. Wahrscheinlich hätten sie noch herzlich mitgelacht.

Jane Doe
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Jane Doe

Unsere Art zu leben lassen wir uns nicht nehmen.

Das macht der gemeine Deutsche doch lieber selbst. Dann is‘ glei‘ g’scheid g’macht! 😀

Defi Brillator
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Defi Brillator

„Kann mir mal einer den Zeitpunkt benennen, an dem wir anfingen solche Pussies zu werden?“

Vor 19 Jahren, im Zuge der Amerikanisierung. Das haben die Leute von ihren Fernsehformaten gelernt. Nur anders, als dort, gibt`s halt keine Million, wenn man da wen verklagt.

Das Schönste am Karneval bleibt halt DER Aschermittwoch.

Angelas KanzlerKlon bekommt schon jetzt zu viel Aufmerksamkeit und das auch noch gratis. Läuft das noch unter vorauseilendem Gehorsam oder ist das schon ein Anbiedern zwecks künftigen Groko Harams?

Musil
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Musil

Der Gipfel der Scheinheiligkeit ist ja. dass so getan wird, als ob während des Karnevals ausschließlich nur sexistische „frauenfeindliche“ Witze gemacht werden und wurden. Bösartige Witze gegen Männer hingegen hat es nie gegeben, neeeee.
Künftige Regel für Witzeerzähler und Karnevalisten: Es sind nur mehr Witze über weiße, alte, nichtbehinderte, heterosexuelle, Männer aus der Mittel- und Unterschicht erlaubt. Darüber darf auch gelacht werden.
Witze, aber auch kritische Äußerungen, über andere Bevölkerungsgruppen werden mit dem Verbrennen auf dem medialen, öffentlichen Scheiterhaufen bestraft. So geht (neo)liberale lifestylelinke bürgerliche Gesellschaft.