Deutschland deine Täler – heute: Das verschlafene Digi-Tal

Jetzt aber – gleich hinter Banya, da war doch kurz der Empfang weg. Oder nein, doch nicht, ich habe mich getäuscht: Nur zwei Balken weniger zeigte mein Handy hier im Balkangebirge an, aber online war ich immer noch. Ob Berg oder Tal: Überall digital. In Deutschland gibt es das bloß als verschlafenes Digi-Tal.

Wer sich von bulgarischen Warna Richtung Burgas bewegen will, muss über den Obsor-Pass, um die Ausläufer des Balkangebirges zu überqueren. Nach dem Ort gleichen Namens quält sich die ohnehin buckelige, kurvenreiche und enge Straße mehrere Serpentinen hinauf. Nichts als Wald flankiert die Straßenränder. Hier soll es Bären geben. Und Internetverbindung. Und das, obgleich in diesem grünen Ödland nur ein winziger Ort liegt. Banya heißt der, mehr als 150, 200 Einwohner dürften die verstreuten Häuser nicht zählen. Banya kennt niemand in der weiten Welt. Aber die weite Welt kommt hier gestreamt. Und selbst wenn der Bus schlapp machte, man hätte Empfang und könnte posten, dass einen gerade ein Bär anfällt. Egal wo man sich da bewegt, man kann telefonieren und surfen. Mitten im ärmsten Land der Europäischen Union lässt es sich digital gut an.

Selbst in einem so trostlosen Zipfel Erde kann man posten und tweeten, Apps benutzen und sich so vielleicht ein bisschen Trost auf das Display holen. Das ist insofern erstaunlich, weil der Gang zum örtlichen Rewe in Frankfurt nach wie vor mit fehlendem Netz begleitet wird. Was blöd ist, wenn man zum Beispiel eine App benutzen will, die die Laktosehaltigkeit von Produkten erläutert. Aber ohne Netz kein Zugriff auf die Datenbank und der Laktoseintolerante kann nur raten und hoffen.

Klar, ein Weltuntergang ist das sicher nicht. Da draußen gibt es Menschen, die wirkliche Schicksalsschläge erleiden müssen. Eine nicht benutzbare App ist da ein Klacks. Aber dass ausgerechnet das reichste Land der EU weniger digital aufgestellt scheint, als das Armenhaus des Kontinents, das überrascht ja dann doch. Da haben wir ihn, den deutschen Investitionsstau. Wo was rumkommt, in den Ballungsräumen und Großstädten halt, da ist man einigermaßen gut aufgestellt. Da kann man was verdienen. Aber schon im Odenwald ist Schluß. Dort fährt man manchmal minutenlang mit dem Auto herum und kriegt keine Verbindung. Dabei ist der Odenwald im Vergleich zum Obsor-Pass fast schon von Menschen überlaufen.

Gottlob wird die FDP ja nun bald Teil einer Regierung sein und die digitale Revolution wird exakt ab dann eingeleitet. Von Leuten übrigens, die vor einigen Monaten noch nicht mal richtig Skype bedienen konnten. Aber jeder kann dazulernen, selbst der analoge Cro-Magnon-Zahnarztparteienmensch braucht nur richtige Anleitung wie er wo wie oft klicken muss, dann kriegt er das auch hin. So kommt er aus dem Tal heraus, das gute Chancen hat, zu einem Weltkulturerbe zu werden, wenn es weiter so unberührt bleibt: Das deutsche Digi-Tal nämlich. Das letzte von der Welt abgeschnittene Tal dieser Erde. Einsam wie das Örtchen Banya, wo Hase und Igel sich leck mich am Arsch sagen – nur ohne richtiges Netz.

Mancher fährt weiterhin nach Ungarn um sich günstig die Zähne richten zu lassen und macht einen Abstecher nach Bulgarien, um endlich mal lückenlos zu surfen mit seinem Smartphone. Roaming ist ja abgeschafft, kann man also machen. Danach zurück in ein Deutschland, in dem alle gut und gerne sparen. Solange, bis man den Anschluss mal wieder verpasst hat.

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7 Kommentare auf "Deutschland deine Täler – heute: Das verschlafene Digi-Tal"

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Hoax
Gast

Bei den Bulgaren ist Internet via Satellit sehr beliebt und preiswert.
Das hat den Vorteil, dass nicht zu jeder Hütte nen Kabel gelegt werden
muss. Warum ist diese Lösung in Deutschland so teuer ?

Die Knotenpunkte, wie z.B. der in Frankfurt, werden von den Amerikanern
abgehört. Wenn die das Ohr auf dem Internetkabel haben, kann dies zu
Datenstaus und Geschwindigkeitsverlusten führen.

Laktoseintolerante ohne App sollten Verbraucherhinweise direkt dem
Verpackungsaufdruck entnehmen – Für Doofe stehts drauf !

niki
Mitglied

weil der Gang zum örtlichen Rewe in Frankfurt nach wie vor mit fehlendem Netz begleitet wird

Soweit ich den weiteren Artikel zu 100% zustimmen kann, ist ausgerechnet hier im niedersächsischen Hinterland beim hiesigen REWE ein öffentliches WLAN verfügbar… Aber ansonsten ist das Netz hier eine einzige Katastrophe. Ein Flickenteppich der seines gleichen sucht…

niki
Mitglied

Gottlob wird die FDP ja nun bald Teil einer Regierung sein und die digitale Revolution wird exakt ab dann eingeleitet.

Ich habe noch rein gar nichts von einem Konzept der FDP diesbezüglich gehört.Das Parteiprogramm ist absolut nichtssagend und strotzt nur so von Allgemeinplätzen. Offensichtlich reicht es heutzutage in der Politik aus, nur das Thema als Schlagwort anzusprechen um als kompetent zu gelten.

Mordred
Mitglied

Ich wohne im Ruhrgebiet in einer Kommune mit 115.000 Einwohnern am Rande der Stadtmitte. Seit 12 Monaten haben wir dann doch tatsächlich mal 100 MBit downstream. davor war 16 MBit das Maximum.

Auf Strecken zwischen Duisburg und Düsseldorf (!) gibts ohne Ende Funklöcher mit O2. Wenn man innerorts Düsseldorf im Hardcorestau steht (jeden Tag mind. 2mal), geht nix in Sachen Inet.

Über Besuche aufem „Dorf“ mit 12.000 Einwohnern innerorts wollen wir besser garnicht erst anfangen.

DAS ist Deutschland.

Warum fahren eigentlich viele beruflich nicht mit der Bahn?
– meistens langsamer als Auto
– Inet zum arbeiten is inner Bahn auch scheiße

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