Barbaren und andere Menschenfresser

Die Beiträge in den konservativen Blättern haben was von Tacitus. Nur andersherum. Sie sind Antitacitusse, die ihr Germania zwar auch loben, aber damit andere Absichten hegen als der alte Römer.

Nehmen wir doch nur mal Reinhard Müller, nehmen wir seinen Text aus der FAZ. Er sieht in seinem »Kommentar zur Türkei und Trump« die unabhängige Justiz in der Türkei in Gefahr. In einem anderen Maßstab sorgt er sich auch um die amerikanische Justiz. Seine Sorgen in allen Ehren, berechtigt ist sie allemal: Aber weiß der Mann eigentlich, dass er in einem Land lebt, in dem Staatsanwälte in Fällen mit politischer Dimension den Justizministerien meldungspflichtig sind? Weiß er, dass Staatsjuristen unter der Kuratel der Landesjustizminister stehen und weisungsgebunden agieren?

Wer in Deutschland vor Gericht geht, weil er im Clinch mit seinem Nachbarn liegt, der hat gemeinhin mit guten Argumenten auch gute Chancen. Da ist alles im Butter. Aber sobald ein politischer Faktor hineinspielt, und so ein politischer Faktor kann mannigfaltige Erscheinungen haben, wird es schwierig – auch mit guten Argumenten. Es reicht zum Beispiel schon, wenn jemand unternehmerische Steuerhinterziehung im großen Stil der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis bringt, damit diese den Justizminister Meldung macht. Und ab da ist die juristische Unabhängigkeit mindestens gefährdet. In Bayern soll es hin und wieder schon als politische Dimension gelten, wenn ein Parteispezl mit überhöhter Geschwindigkeit und leicht alkoholisiert von der Polizei erwischt wurde – da kriegt der Parteispezl im Justizministerium gleich Meldung und alles geht seiner Wege. Oder besser gesagt: Geht keiner Wege.

Dass der NSU-Prozess so eine Farce ist, hat ganz sicherlich viele Dimensionen. Die Angelegenheit ist ja auch ein komplexes Geflecht. Dass diese Geschichte aber wie Stillstand aussieht, hat ganz wesentlich damit zu tun, dass der Staatsanwaltschaft die Hände gebunden sind, wenn Justizministers das so anweisen. Ergebnisoffenheit ist da nicht gefordert. Wer als Staatsjurist befördert werden will, passt sich an und hält seine Neugier in Zaum.

Aber davon keine Rede bei Müller. Die abhängige Justiz im Ausland bereitet ihm Bauchschmerzen. Die Justiz in dem Land, in dem er lebt, die hält er aus der Sache heraus. Und das als Journalist im schönen Hessen mit seinen unschönen Justizskandalen. Das hat natürlich einen Grund: Er braucht die Fremde als Instrument zur inneren Befriedung, als Erbauungssujet, um seinen Lesern ein wohliges Gefühl darüber zu vermitteln, dass in diesem Land alles ausgezeichnet läuft, dass es ferner keine strukturellen Ungerechtigkeiten und Unrechte gibt. Dieser Blick in die Fremde ist gewissermaßen eine Introspektive in die Verdrängungsmechanismen des deutschen Wesens. Und von solchen Versuchen gibt es viele in der konservativen Presse.

Solche publizistischen Erzeugnisse sind die von Antitacitussen. Der römische Tacitus, so jedenfalls hat man ihm zuweilen unterstellt – vielleicht nicht ganz richtig, wer weiß -, hat in seiner Germania die Völkerschaften jenseits des Rheins und der Donau ein wenig geschönt und idealisiert skizziert. Vermutlich wollte er seinen dekadenten Landsleuten so den Spiegel vorhalten. Was Rousseau Jahrhunderte später als den edlen Wilden präsentierte, dieses Stereotyp des ursprünglichen Menschen, das so viele Generationen (auch Linke) geprägt und auf eine falsche Fährte gelotst hat: Bei Tacitus kam er schon vor als Idealtypus. Das war neu, denn die Griechen hatten noch alle jenseits Griechenlands als Barbaren und Menschenfresser angesehen. Dass da was Edles schlummern könnte, kam ihnen eher nicht in den Sinn. Der hellenistische Internationalismus kam dann bezeichnenderweise auch unter einem Makedonen über die damals bekannte Welt.

Heute liest man wieder viel vom Idealwert der Nachgermanen. Da sind die Schreiber solcher Elaborate ganz bei Tacitus. Aber sie tun es nicht, um der eigenen Dekadenz etwas als Gegenentwurf vorzusetzen: Sie tun es, um sich selbst zu adeln, sich mit dem Schlechten in der Welt als die Guten zu definieren. Denn wenn man den Holzweg der Anderen betitelt, merkt man vielleicht gar nicht mehr, dass jeder eigene Schritt klingt wie auf Holz geklopft. Was das betrifft, sind sie das Gegenteil von Tacitus. Da sind sie ein bisschen so wie die alten Griechen. Alle anderen sind die Barbaren. Auch die neuen Griechen, diese Kreditfresser. Wenn es die und andere nicht gäbe, Mannomann, man würde Deutschland am Ende nicht glauben, dass es die zivilisatorische Krone darstellt.


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35 Kommentare auf "Barbaren und andere Menschenfresser"

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Robbespiere
Mitglied
Sehr treffender Artikel, aber ich weiß nicht, ob ich über das Geschriebene lachen oder weinen soll. Einerseits hat es etwas Komisches, mit welcher naiven Vehemenz sich die deutsche Journaille einen Nimbus zurechtschreibt, den es ganz offensichtlich gar nicht gibt. Andererseits ist es erbärmlich, so vollkommen unfähig oder zu feige zur Selbstreflektion zu sein und sich damit den Weg des „Heilwerdens“ selbst zu versperren und sich dann auch noch darüber zu wundern, daß das Vertrauen der Leser ob des Realitätsverlustes immer mehr schwindet. Natürlich spielen da die Konzentration der Medien, die Vosrgaben der Eigentümer und die Angst vor dem Einkommensverlust bei… Read more »
GrooveX
Mitglied

ganz kurz: wir schützen die meinungs- und versammlungsfreiheit aufs schärfste. wir können uns jedoch nicht den sicherheitsvorschriften der örtlichen feuerwehren entziehen.

#lol_hard

Rainer N.
Gast

Aber sobald ein politischer Faktor hineinspielt, und so ein politischer Faktor kann mannigfaltige Erscheinungen haben, wird es schwierig – auch mit guten Argumenten.

STIMMT. Eigene Erfahrung. Und zur Zeit wieder das Problem. Habe nach dem geltenden Gesetzen Recht …

und da Krähen sich gegenseitig keine Augen …

und über Rechtsschutz nach GG Artikel 20 (3) in Verbindung mit Artikel 103 … haben sich die Senate des BVerfG ja nicht einigen können. Richterschutz statt Rechtschutz des Bürgers.

Sukram71
Mitglied
Aber weiß der Mann eigentlich, dass er in einem Land lebt, in dem Staatsanwälte in Fällen mit politischer Dimension den Justizministerien meldungspflichtig sind? Weiß er, dass Staatsjuristen unter der Kuratel der Landesjustizminister stehen und weisungsgebunden agieren? Das weiß er mit Sicherheit, weil ja schon die Bezeichnung „Staats-Anwalt“ ausdrückt, dass es sich um den Anwalt des Staates handelt. Und der Anwalt der Verteidigung steht im Diensten des Angeklagten. Entscheidend für eine unabhängige Justiz ist, dass die Richter unabhängig sind. Es ist sinnvoll, wenn Staatsanwälte Anklagen mit politischer Dimension an die Politik melden müssen. Manchmal ist es ja außenpolitisch wichtiger zB den… Read more »
schwitzig
Gast

Oh, wie schön! Der Sukram71/smukster-Komplex hat wieder ins Forum geschissen.

Sukram71
Mitglied

Danke! Ich schlage vor, wenigstens mal ne Sekunde darüber nachzudenken, warum ein Staatsanwalt wohl Staatsanwalt heißt…

schwitzig
Gast

Sukram71/smukster-Komplex = Das real existierende Perpetuum Scheißilum.

Sukram71
Mitglied

Es ist sogar noch alles viel schlimmer! Sogar die Polizei untersteht den Innenministern und wird sogar von diesen bezahlt!!!!!11!!!1!!

schwitzig
Gast

Und wieder hat der Sukram71/smukster-Komplex ins Forum geschissen. Kann die Quantentheorie erklären, wie es möglich ist, einen höheren Output an Scheiße im Vergleich zum totalen Input zu haben?
Fragen über Fragen. Man weiß so wenig!

Robbespiere
Mitglied
@schwitzig Möglicherweise gibt es so etwas wie einen „Schaumschlägereffekt“. Wenn du in Sahne oder Eiklar ordentlich luft ( Gas ) unterschlägst, vergrößert sich das Volumen. Möglicherweise löst die Schnappatmung bei SPD-Fans ahnliche Phänomene im Gedärm aus.:-) Ausgelöst wurde die möglicherweise durch die Fehlinterpretation Staat in dem Wort Staatsanwalt, denn Staat sind nicht korrupte, interessengeleitete Politiker,welche Einfluß auf die Justiz zu ihren und ihrer Klientel Gunsten nehmen, sondern alle Bürger des Landes, deren Interessen sich von denen der sog. Eliten diametral unterscheiden. In einer unabhängigen, dem GG verpflichtetern Justiz darf Niemand einen Sonderstatus genießen, der es ihm ermöglicht, das Gesetz nach… Read more »
schwitzig
Gast

@Robbespiere

Sukram scheint sich nicht im Klaren über die Konsequenz

Der ist sich so über einiges nicht im Klaren. Selbst dass ich nicht mit ihm diskutiert, sondern ihn nur bemerkt – folglich auch keinerlei Argumentation zum Besten gegeben – habe, ist ihm nicht klar, wie er dadurch belegt, dass er reine eingebildete Argumentationsstränge aufgreift :-).
Der ist so hohl, dass er noch nicht einmal mehr begreifen kann, dass er hohl ist :-).

wschira
Mitglied

Die armen Innenminister, wo bekommen die denn das ganze Geld her? Kein Wunder, dass die meisten am Hungertuch nagen.
Und ich dachte immer, die Polizei wird vom Volk (via Steuern) bezahlt.

Abraham
Gast

Aus was für einer kaputten Familie kommst du ? Papa Alki, Mama auch ?
Ich frage wegen deinem Fäkaldeutsch. Soll es nur in Asi-Familien geben.

schwitzig
Gast

@Abraham

Aus was für einer kaputten Familie kommst du ? Papa Alki, Mama auch ?

Ja, so isses – beide. Aber ich bin davon ‚runter; ich nehme jetzt Crystal Meth, H und Krok. Ab und zu saufe ich mir aber auch einfach nur einen. Ich habe gehört, dass man das als echter Deutscher so machen muss.

Ich frage wegen deinem Fäkaldeutsch. Soll es nur in Asi-Familien geben.

Ja, das ist der Unterschied zwischen Asis und einigen Regierungsmitgliedern und deren Unterstützern: Bei den einen diffundiert die Scheiße hinaus, bei den letzteren bleibt sie im Kopf.

Robbespiere
Mitglied

@Abraham

Ich frage wegen deinem Fäkaldeutsch. Soll es nur in Asi-Familien geben.

Da kennst du aber deine Mitmenschen aus den „besseren Kreisen“ schlecht.
Nimm ihnen die Kulturmaske, und du kannst was erleben.

Und bei Sukrams realitätsferner Dauerberieselung Haltung zu bewahren, muß man schon Nerven wie Drahtseile besitzen.

Schweigsam
Gast

Glaubst du wirklich, dass dieser Typ aus „besseren Kreisen“ kommt? Schau dir doch mal seine Sprache an, sowas hat man nur in rechten/unionisten Kreisen. Und das sind keineswegs „bessere Kreise“. Da ist Abscheulichkeit und Menschenverachtung an der Tagesordnung.

Besten Gruß an Robbespiere… 🙂

Rainer N.
Gast
Ach 17Markus, Ignorant, Naivling, oder … Richter sollen zwar unabhängig sein, aber sie sollten sich auch an geltende Gesetze halten. DAS tun sie oft nicht. Da auch noch die Berufungsgrenzen gegen Artikel 3 GG verstoßen, denn es ist ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz, wenn bei Amtsgerichten eine Grenze von 600 € und bei Sozialgerichten eine Grenze von 750 € gilt, wird den Richtern der ersten Instanz ein Götterstatus zugeschoben. Denn leider wird bei einer Unterschreitung der Berufungsgrenzen nicht nach ZPO § 511 Abs. 4 die Berufung zugelassen, es würde den Götterstatus verletzen. Dabei wäre das oft zwingend erforderlich, wenn so… Read more »
Sukram71
Mitglied

Richter sollen zwar unabhängig sein, aber sie sollten sich auch an geltende Gesetze halten. DAS tun sie oft nicht. Da auch noch die Berufungsgrenzen gegen Artikel 3 GG veroßen…

Gesetze werden von der Regierung und dem Parlament gemacht. Dazu gehört auch, ab welchem Streitwert man in Berufung gegen kann. Die Richter müssen sich an die Gesetze halten und das tun sie ja auch.

Das hat nichts damit zu tun, ob Richter unabhängig sind und unabhängig anahnd der geltenden Gesetze Urteile fällen.

Rainer N.
Gast
Ich habe an eiben Problem belegt, Richter halten sich NICHT an Gesetze. Ein Richter hat ein Urteil gegen mich gefällt, obwohl ich nach dem Gesetz und der gängigen Rechtsprechung RECHT habe. Der Vermieter ist gemäß § 556 Abs. 3 S. 1 BGB nur berechtigt, Betriebskosten, die den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit entsprechen, umzulegen. Die ergibt sich bereits aus § 242 BGB und ist nur zur Klarstellung noch einmal in § 556 BGB festgehalten worden. — Gem. Urteil des Amtsgericht Dortmund vom 27.09.1999 – Az. 108 C 6352/99 – darf ein Vermieter über den notwendigen Bedarf hinausgehende Müllkosten nicht geltend machen. —… Read more »
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[…] die ihr Germania zwar auch loben, aber damit andere Absichten hegen als der alte Römer. Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: IS Total Bei einer Tasse Kaffee die Kanäle sondieren, sich durch das Programm […]

jowi
Mitglied
Schon richtig, mit der Gewaltenteilung steht es auch in Germania nicht zum besten, da fällt mir auch gleich der Stamm der Bajuvaren ein, die Flick-Affäre und die Strauß-Familie mit ihrer Stammesführerrolle, deren Bestechlichkeit einen echten CSU-Anhänger so wenig juckt, wie es einen echten AKP-Anhänger kümmert, was der Erdogan-Führerclan sich so alles gönnt. Oder wie war das mit Gustl Mollath? ABER, man kann es auch mit der Selbstkritik übertreiben. Viele demokratischen Funktionen könnten und sollten hier verbessert werden, aber es gibt da doch noch einen Unterschied, zwischen dem, was sich gerade in der Türkei abspielt und den Mängeln hier. Ich denke,… Read more »
Tom Wellbrock
Webmaster

Ganz ehrlich:

Ein Artikel speziell über „unseren“ Sukram71 wäre wirklich schon fast (aber eben nur fast!) eine Herausforderung.

Mögliche Headline:

„Warum tut sich jemand einen Blog an, dessen Kommentatoren ihn verabscheuen?“

Aber vielleicht hat ja der gute Markus auch eine Erklärung, die in einem Satz seine Motivation zusammenfasst?

Sukram71
Mitglied

Auf allen Seiten Hassliebe. 😀

Außerdem habe ich in diesem speziellen Fall hier nun Mal eindeutig auch nicht ganz unrecht:
Natürlich könnte man die Staatsanwalt auch der Judikative zuordnen und unter die Selbstverwaltung der Justiz stellen. Ob das aber uneingeschränkt besser wäre, wage ich zu bezweifeln. Gründe oben.

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