Sich einen von dem Palmer wedeln

Herr Palmer hat großes Glück. Er kann sich bewegen. Selbst auf dem Fahrrad hat man ihn schon gesehen. Und seine Arme sind lang genug, um bei sich unter der Gürtellinie zu nesteln. Das ist leider nicht jedem beschieden. Der Geist wäre auch bei solchen Menschen willig, aber ihr Fleisch ist schwach. Oder einfach nur zu kurz gewachsen.

Aus der Warte des gesunden und beweglichen Menschen heraus, ist es eine Leistung großer Arroganz, ein solches Thema wie die Sexualbegleitung in die Schmuddelecke stellen zu wollen, wie es der Bürgermeister des schwäbischen Großdorfs tat. Damit bediente er die typisch bürgerliche Pikiertheit, wenn Themen zur Sprache kommen, bei denen man sich gemeinhin nur heimlich einen runterholt, nach außen aber den prüden Sachwalter des Anstandes gibt. Eine sachliche Behandlung gibt es bei Sujets mit sexuellem Hintergrund schon deswegen nicht, weil man in der ach so liberalen postkolle und postuhse Gesellschaft noch immer so tut, als sei Sexualität zwar gemeinhin sein liederliches Image los. Wenn es aber konkret wird, dann zieht man den Schwanz ein. Dann tut man so, als sei Sexualbegleitung für körperlich Behinderte ein geschmackloser Vorschlag aus dem Utopia linksliberaler Rudimente, die man der Gesellschaft in einem Wahljahr auf keinen Fall präsentieren könne.

Einen sachlichen Bezug zum Thema hat uns Mark O’Brien verschafft. Als Kind erkrankte er an Polio, sodass er während seines gesamten Lebens (1949 – 1999) nahezu gelähmt blieb und in einer »Eisernen Lunge« beatmet werden musste. Mental war der Mann voll auf der Höhe, er studierte Literatur und arbeitete als Journalist und Schriftsteller. 1990 publizierte das Magazin »The Sun« einen Artikel namens »On Seeing a Sex Surrogate« von ihm. In ihm erzählt er, wie er die Leistung einer Sexualbegleiterin in Anspruch nahm und so erstmals in seinem Leben Erfahrung sexueller Natur machte. 1996 machte Jessica Yu diesen Text zur Grundlage ihres Dokumentarfilms »Breathing Lessons: The Life and Work of Mark O’Brien«, der den Oscar in der Kategorie Dokumentar-Kurzfilm gewann. 2012 folgte ein Spielfilm mit dem Titel »The Sessions«, der sich ebenfalls mit O’Briens Erfahrungen beschäftigte. Helen Hunt spielte in dem Film die Sexualtherapeutin – und sie spielt sie so würdevoll und sachlich (Oscar-Nominierung), dass man nie auch nur ansatzweise glaubte, sie würde hier nur eine vielleicht etwas majestätisch agierende Hure mimen.

Denn damit wären wir schon beim Punkt: Das Konzept der Sexualbegleitung ist keines, das von Huren praktiziert wird. Es ist nicht so, dass da junge Frauen auf Rezept vom Straßenstrich geholt würden, um schnell mal Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu einem schnellen Orgasmus zu verhelfen. Um letzteren geht es nämlich auch nur bedingt. Man will dieser Klientel mit diesem Konzept an einer menschlichen Lebenserfahrung teilhaben lassen, für die sie körperlich eingeschränkt sind. Palmers Ablehnung mit Rücksicht auf Wählerstimmen im Bürgertum suggeriert aber genau dieses Bild von einer Prostituierten, die lieblos einen Behinderten befriedigt. Schmuddelig ist nur dieses Kopfkino, die Begleitung selbst ist es nicht. Im Regelfall gestaltet sich eine solche Maßnahme auf einen begrenzten Zeitraum, es werden einige Sitzungen angesetzt (Sessions eben), die nach Ablauf enden und nur in Ausnahmefällen nochmal zeitlich begrenzt verlängert werden. Es geht mitnichten darum, jemanden dauerhaft sexuell zu befriedigen, sondern ihm auf den Weg zur Entdeckung seiner ganz eigenen Sexualität zu begleiten. Die Therapeuten (auch männliche, denn auch »Patientinnen« sind denkbar) dokumentieren den Verlauf in gebotener Distanz im Stile einer psychologischen Anamnese.

Das Thema wurde hier schon letzte Woche behandelt. In den Kommentaren darunter versammelten sich allerlei Gerüchte und Vorstellungen, die dokumentierten, dass eigentlich wenig Wissen von dieser Art psychologischer Hilfestellung mit körperlicher Einführung vorherrscht. In den sozialen Netzwerken war es nicht so viel anders. Irgendwer brachte zur Sprache, dass auch ältere Menschen in Pflegeheimen eine solche Leistung in Anspruch nähmen könnten. Andere fragten polemisch nach, ob denn auch Leute, die keine Chancen auf dem Liebesmarkt (ein ekelhaftes Wortkonstrukt) hätten, vielleicht bald Sex auf Rezept bekommen könnten. Das ist aber nicht die Klientel, die eine Begleitung erhalten sollen. Die beiden erwähnten Gruppen sind ja nicht körperlich eingeschränkt. Die Begleitung ist wie gesagt auch nicht dazu gedacht, jemanden Zweisamkeit zu schenken, sondern ihm seine eigene Sexualität zu ermöglichen und vielleicht – durch Hilfe zur Selbsthilfe – nachhaltig zu gewährleisten.

Es geht also nicht um die schnelle Lustbefriedigung, sondern grundsätzlich darum, körperlich beeinträchtigten Menschen eine Lebenserfahrung zu ermöglichen, die sie so zuvor nie hatten. O’Brien erzählt ja auch, dass er Sehnsucht nach sexueller Erfahrung hatte, er wollte diese Erfahrung aber eben nicht mit einer Prostituierten machen. Im dem oben genannten Spielfilm bestechen besonders die Szenen zwischen Klient und Therapeutin, die ein Wechselspiel zwischen körperlicher Nähe, Peinlichkeit, wissenschaftlicher Sachlichkeit und programmatischer Distanz sind. Der Filmkritiker Roger Ebert bewertete völlig richtig, dass die Szenerie eben nicht wie »countless brainless and cheap sex scenes in other movies« wirkten. Zusammen mit O’Brien bearbeitet die Therapeutin auch seine moralisches (katholisches) Gerüst, das ihm bei den Treffen zunächst blockierte und den Akt selbst als etwas Unsauberes wahrnehmen ließ. Im Grunde teilte O’Brien im Augenblick der sich anbahnenden Sexualerfahrung genau die Ansichten, die Palmer neulich an den Tag legte.

Nein, ich empfehle Herrn Palmer an dieser Stelle sicherlich keine Sexualtherapie. Der Mann kann für sich selbst sorgen. Aber es ist schon ein Trauerspiel, wie da jemand die berechtigten Bedürfnisse von Menschen herunterspielt und sie in die Ecke prostituierter Schauermärchen drängt, nur um damit den Teil des Publikums zu befriedigen, der grundsätzlich und aus falscher Moral heraus so tut, als habe Sexualität immer etwas Anrüchiges an sich. Als sei Sexualtherapie für solche Menschen eine Unterart eines diesigen Sado-Maso-Kellers, den bald jeder behinderte Mensch auf Rezept gratis besuchen könnte. Dabei ist nicht mal das notwendig, denn viele behinderte Menschen erleben ja Sexualität. Mit sich selbst oder mit anderen. Menschen mit Down-Syndrom sind in dieser Sache nicht behindert. Das jedenfalls ist meine Zivildiensterfahrung. Betroffen wäre eine Minderheit, die wie Mark O’Brien in einem Körper gefangen ist, der nicht aus eigener Beweglichkeit zulässt, was der Kopf sich vorstellt.

Der weiße, agile, gesunde Mann mit grünem Anstrich im konservativen Korsett: So einer macht sich halt zwangsläufig mehr Sorgen um den guten Ruf als um die Probleme mancher Randgruppen. Der macht gemeinhin problemlos seine Hose auf und los gehts. Und weil das so einfach, so banal ist und so triebig wirkt, degradiert er halt das, was seine Normalität ist, zu einer Sache, die er moralisch auflädt und verlottert entlädt. Man könnte auch sagen: Herr Palmer hat eine versaute Phantasie. Die Realität des Vorschlags jedenfalls, die ist nicht mal im Ansatz so lüstern, wie es offenbar im Kopf dieses Mannes zugeht.

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27 Kommentare auf "Sich einen von dem Palmer wedeln"

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Wolf
Gast

Ein wichtiger Beitrag. Danke dafür!

Zu Palmer und den BaWü-Grünen: das sind grün übertünchte Konservative die die Rolle der CDU hervorragend ausfüllen. Nicht umsonst sind sie die stärkste Partei im Ländle und koalieren ganz prächtig mit dem Rest der Original-CDU.

ChrisA
Mitglied

Ich musste selten über einen Artikel os schmunzeln wie diesen. Das liegt an der spitzen, aber genauen Formulierung und einem Zorn, den ich immer wieder aufblitzen zu sehen meine.

Der letzte Absatz hätte ( ausschließlich von der Schreibe her! ) auch von Broder sein können… nimm das bitte als Kompliment, weil es mir damit nur um die Stilistik geht.

Warst du zornig beim Schreiben?

Wäre gerechtfertigt, inhaltlich bin ich bei diesem Thema bei dir.

Lappenente
Gast

Ich musste selten über einen Artikel os schmunzeln wie diesen. Das liegt an der spitzen, aber genauen Formulierung und einem Zorn, den ich immer wieder aufblitzen zu sehen meine.

Sehr aufschlussreich warum Lehrerkinder lachen. Lehrerkinder lachen also nicht spontan weils lustig ist, sondern erst nach abgeschlossener Analyse des Gelachten.

Ditt is die Elite von morgen, gute Nacht !

ChrisA
Mitglied

Erst lachen, nachdem Gelachtes analysiert wurde? Wie geht das?

Bin zwar kein Lehrerkind, aber wäre ich du, wäre ich lieber ich!

Du kannst nur „Ischi“ vom SF drüben sein. Keiner stolpert beim Beleidigen so gekonnt über die eigenen Füße. Irgendwas kann ja jeder.

Lappenente
Gast

Erst lachen, nachdem Gelachtes analysiert wurde? Wie geht das?

Erklär du es uns als Lehrerkind und Personifizierung des postanalytischen
Doppellachers !

wschira
Mitglied

Also ich weiss ja nicht, wie Herr Lapuente in diesem Fall tickt, aber für mich wäre ein Vergleich mit dem Hassprediger Broder eine üble Beleidigung.

The Joker
Gast

OT:
Immer diese offiziellen Fakenews!
Für drei Minuten war die NPD verboten.

hart backbord
Gast
Lappenente
Gast

Helmut Kohl war auch schon mal tot.

Politisch auf jeden Fall im letzten Drittel seiner Amtszeit.

Lappenente
Gast

Man dachte es könnt kanzlermäßig nicht schlimmer werden.
Doch es irrt der Mensch, solang er strebt.

Sukram71
Mitglied
Eine Sexualbegleitung für Behinderte und alte Menschen wäre sicher gut und wünschenswert. Allerdings denke ich nicht, dass es in absehbarer Zeit dazu kommt. Das ist völlig unrealistisch, deshalb ist es auch nicht sonderlich von Belang, was Provinz-Politker dazu sagen. Selbst Männern mit medizinischer Indikation, bezahlt die Krankenkasse kein Viagra. Und eine Sxualbegleitung für Alte und Behinderte wäre noch sehr viel teurer. Schon die Kosten für eine normale Altenbetreung ist extrem teuer und wird die Gesellschaft bald vor extreme Probleme stellen. Ich war vor Jahren auf Gran Canaria in Urlaub und war in der Construction Bar im Yumbo Center in Playa… Read more »
plingplang
Mitglied

Auch hier wieder: Es geht doch gar nicht um ALTE, sondern um KÖRPERLICH EINGESCHRÄNKTE, sprich Behinderte. Daher finde ich den Verweis auf die Kosten irrelevant.
Abgesehen davon: Wie viele würden denn realistisch betrachtet von der Sexualbegleitung Gebrauch machen?

Noch eine letzte Frage: Dein letzter Absatz hat mich etwas irritiert:

Ich habe ihm gerne etwas Freude bereitet. 🙂

Warst du der Betreuer?

Sukram71
Mitglied

Ursprünglich ging es bei dem Thema um Sexualbegleitung für alte Leute in zB Altersheimen.

Es gibt Frauen, die sich darauf spezialisiert haben. Zu Geschlechtsverkehr kommt es dazu idR nicht.
Das ist zwar genau genommen Prostitution, das kann man aber nicht so einfach mit den Frauen aus nem Bordell vergleichen.

Wie gesagt wäre das für Alte Menschen und Behinderte sicher oft wünschenswert. Außerdem für an Depression erkrankte Menschen usw.. Aber so lange noch nicht mal Viagra von der Krankenkasse bezahlt wird und die Kosten der Altenpflege eh schon astronomisch hoch werden, sehe ich da wenig Chancen.

Sukram71
Mitglied

Hier gibt es einen schönen Bericht dazu. Das gibt es auch für alte Leute.

https://youtu.be/7gNEZS0h1JU

jowi
Mitglied

Der größere Aufreger ist für mich mal wieder, wie unsere Medien desinformieren, statt informieren.
Die Grünenpolitikerin sagte „Eine Finanzierung für Sexualassistenz ist für mich vorstellbar.„.

Daraus machte nicht nur die BLÖD-Zeitung, sondern auch – z.B. – der MDR, die Überschrift „Grüne fordern Sex auf Rezept„:
http://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/gruene-fordern-sex-auf-rezept-100.html

Aus Sexualassistentinnen wurden Prostituierte.

Die Presse-Prostituierten auf der Suche nach dem schnellen Fick, äh Klick. Sex sells.

Wie viel Prozent/Promille der Bevölkerung benötigt denn tatsächlich so eine Assistenz? Nicht gerade ein extrem drängendes Problem, oder?

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[…] auch bei solchen Menschen willig, aber ihr Fleisch ist schwach. Oder einfach nur zu kurz gewachsen. Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Gesunder Realismus oder Bedeutungslosigkeit Ist das wirklich eine Kampagne der […]

Lappenente
Gast

OFF OFF

Alain Gachet: (Die Entdeckung und Nutzung unterirdischer Wasservorkommen in Wüstengebieten: Fallstudien Kenia und Irak, B.S.) :

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