Eskalationstraining oder Kölner Verhältnisse

Mit einem Tastendruck verließ ich Netflix und landete im Fernsehprogramm. Kabel 1. Eine dieser Kontrolletti-Sendungen. Zwei unmögliche Gestalten in Pelzmützen, die auch sprachlich fatal an Hausmeister Krause erinnerten und sich als Security ausgaben – sie nannten sich selbst allerdings Säkuriti -, machten sich am Kölner Bahnhof zu schaffen. Ich blieb einen Augenblick dabei. Wenn solche in Köln Wache schieben, wundert einen echt nichts mehr.

Müsste man sich Prollos vorstellen, dann genau wie die beiden Kerle. Sie waren laut, redeten wie Figuren aus »Voll normaaal« und schon beim ersten Zugriff, einer kurzen Personenkontrolle, merkte man, was sie an ihrer Arbeit schätzten: Die Reibung und Provokation. Deeskalation hat man denen offenbar nie beigebracht. Noch vergriffen sie sich nicht völlig im Ton, das sollte erst später erfolgen, aber sie kalkulierten damit, gleich einem den Arm auf den Rücken drehen zu dürfen.

Ich schaute den Gestalten wie gebannt zu. Heute kann echt jeder Trottel Kontrollen durchführen. Ich fragte mich ferner, ob das Fake war, machen die hier nach Drehbuch oder könnte das Wirklichkeit sein? Parallel zur Sendung prüfte ich den Namen der Security-Firma, die auf deren Jacken prangte. Die gab es tatsächlich. Und dann rief ich mir ins Gedächtnis, wie der Sicherheitsdienst hier am Frankfurter Bahnhof auftritt. Ganz so dämlich gingen die zwar nicht ihrem Dienst nach, aber auch sie provozierten mit einer gewissen Wonne und schrieben Deeskalation klein. Selbst die Rundschau hatte vor Zeiten mal davon berichtet. Die Bundespolizei war im Gegensatz dazu souverän, nicht sympathisch freilich, aber doch bemüht, die Situation nicht aus dem Ruder geraten zu lassen. Man lernt halt doch was auf der Polizeischule.

Die beiden Honks hatten ganz offenbar keine Schulung erhalten. Jetzt machten sie sich auf den Weg zu einer Baustelle, gleich in der Nähe des Bahnhofs. Dort ertappten sie im Dunkeln eine Gestalt, von der sie behaupteten, sie hätte was entwendet. Ob das zutraf, konnte der Zuschauer nicht wissen, man sah so wenig; die Kamera wackelte und alles war nur schemenhaft zu erkennen. Aber die Stimme aus dem Off erklärte den Mann gleich prophylaktisch zum Dieb. Das auch ja keine Zweifel aufkommen für die Zuschauer. Die Honks hatten in diesem Szenario die Guten zu sein. Und in der Rolle schien wirklich alles erlaubt. Erst filzten sie den Mann, dann erwiderten sie seine Erklärungen oder Ausflüchte auf eine derart unterirdische Weise, dass einem der Mund offen stehen blieb. Er solle jetzt seine Klappe oder Schnauze halten, sonst zögen sie gleich andere Seiten auf, er würde schon sehen, was er davon habe, dann wirste mal sehen, Freundchen. Die Kamera hielt drauf, die Stimme aus dem Hintergrund mokierte sich: Über den eventuellen Dieb, weil der nicht reuig gestand. Dazu lieferte sie Zahlen wieviel Werte in Euro jährlich von Baustellen entwendet würden. Der rüde Ton der beiden Honks störte offensichtlich niemanden. Wer kämpft für das Recht, der hat wahrscheinlich immer recht. Und dass nicht nur im Sozialismus, sondern gerade auch hier, im Austeritätsliberalismus.

Am Frankfurter Bahnhof habe ich auch schon manche Diskussion zwischen Security und kleinen Dealern beobachtet, die B-Ebene ist dort ja ein Biotop halbseidener Gestalten. Die FAZ schrieb kürzlich, es sei ein rechtsfreier Raum. Das stimmt insofern, dass sich die Sicherheitsleute nicht an das Recht eines höflichen Umgangstons halten. Aber trotz allem, eine solche Ausdrucksweise bis hin zu latenter Bedrohung, das konnte ich bislang dort nie beobachten. Das Verhalten mag grenzwertig sein, was man bei dem Aufkommen an Vorfällen in einer Tagesschicht hin und wieder auch als menschlich nachsehen muss. Aber die letzte Grenze der Respektlosigkeit, die überschreitet man dann doch nicht. Die beiden Kölner Säkuritis waren da ein anderes Kaliber.

Ob das gestellt war? Wie gesagt, man kann sich da nicht so sicher sein. Ihren Arbeitgeber gibt es wirklich. Und ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass eine Firma ihren Namen hergibt, um sich dann als Dienstleister zu präsentieren, der zwei völlig desolate Höhlenmenschen zum Außeneinsatz schickt. Wenn es aber gestellt war, tröstet das nur einen Augenblick. Mit solchen Schauspielen zeigt man den potenziellen Zuschauern solcher Sendeformate ganz genau, welchen Stellenwert sie haben. Sollten sie je kontrolliert werden, so impliziert man ihnen, so haben sie jede Frechheit zu dulden. Es ist das mentale Eskalationstraining zur Verrohung des Alltags da draußen. Wenn dann einer sagt, du sollst die Schnauze halten, denkst du dir, dass das schon seine Ordnung habe, das sieht man ja dauernd im Fernsehen. So gehe heute nun mal Sicherheit. Einschüchterung muss man halt ertragen.

Tja, und wenn es nicht gestellt ist, dann habe ich mir gesagt, dann wundert mich nicht, dass am Kölner Bahnhof manche Situation aus dem Ruder läuft. Die beiden Kerle sahen nicht so aus, als hätten die je was im Griff. Nicht mal sich selbst. Und wenn die so auftreten, wenn sie den Menschen, die ihnen in die Hände fallen, stets mit dieser Respektlosigkeit begegnen, kann man schon verstehen, dass vor dem Bahnhof aggressive junge Männer ihr Unwesen treiben.

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61 Kommentare auf "Eskalationstraining oder Kölner Verhältnisse"

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anton
Gast

Die Sicherheit wird den Wahlkampf dominieren, natürlich auch die soziale, aber eben nicht nur!

Robbespiere
Mitglied

@anton

Die Sicherheit wird den Wahlkampf dominieren, natürlich auch die soziale, aber eben nicht nur!

Der war gut!

Lazarus09
Gast

Hi Rob ….

Die Sicherheit wird den Wahlkampf dominieren, natürlich auch die soziale, aber eben nicht nur!

Ein echter Schenkelklopper … !! 😂😂

Robbespiere
Mitglied

Lazarus09

Ein echter Schenkelklopper … !! 😂😂

Ja, unser Anton ist ein echter Anwärter auf die Karl-Valentin-Medaille.:-)

wschira
Mitglied

Sind Sie jeck? Das wäre eine Beleidigung für Valentin.

Robbespiere
Mitglied

@wschira

Das war nicht ganz ernst gemeint, aber antons Aussage war für mich so urkomisch wie Valentins Humor.

anton
Gast

Rob: Im Ostblock hattet ihr natürlich ein bessere Leben und , mehr soziale Sicherheit, Multi-Kulti ohne Ende, Reisefreiheit, es ging euch echt Bombe!! Ausser dem Vorteil, dass es wohl keine Wohnsitzlosigkeit gab, sehe ich dort keinerlei Vorteile gegenüber der BRD! Ihr werdet, dank eurer Gegen-Alles-Opposition, kaum eine Rolle spielen! Naja, wer behauptet, dass wir hier in afrikanischen Verhältnissen leben, muss so argumentieren, viel Spass in eurer Blase!

seyinphyin
Gast

Das Problem der DDR war der Kalte Krieg (wegen diesem gab es Stasi und Mauer – und die DDR überhaupt) und dass sie vor allem ewig lange Reparationen zahlen musste (durchaus zurecht). Was da allein alles abmontiert worden ist.

Wir dagegen konnten uns aus fast allem rausstehlen, bis heute, und all unsere Nazis sogar weiter im Sinne ihres alten Glaubens Politik machen. Böse Russen, böse Linke und Party mit den alten Oligarchenbuddies.

Robbespiere
Mitglied

@anton

Im Ostblock hattet ihr natürlich ein bessere Leben und , mehr soziale Sicherheit

Wie kommst du eigentlich darauf, daß ich aus dem Osten stamme?

viel Spass in eurer Blase!

Viel Spaß mit deiner Blase, die scheint mir übervoll und das schränkt das klare Denken merklich ein.

anton
Gast

Rob: Ich glaube nicht, dass man sich vor dem Einstieg in eine Regierung drücken sollte!

Lappenente
Gast

Das Format nennt sich Scripted Reality
https://de.wikipedia.org/wiki/Scripted_Reality

und Miet-Honks dafür bekommt man hier gegen Honoar:
http://www.komparse.de

Jan N
Gast
Mein Nachbar ist Polizist, mit dem habe ich mich mal über eine Scripted Reality Doku unterhalten, in der Polizisten auf der Autobahn Raser und Drängler anhalten. „Lass mich raten“ sagte er „je dicker das Auto, desto uneinsichtiger waren die Fahrer.“ Genau so war es und es deckte sich mit seinen Erfahrungen, dass Raser fast immer uneinsichtig sind. Mit diesen „Säkuritis“ verhält es sich wohl ähnlich, denn wer hat mit denen denn schon mal gute Erfahrungen gemacht. Entweder sind sie nur da, kontrollieren und es sind einfach nur Leute die einem die Zeit stehlen oder sie werden pampig, wenn man nicht… Read more »
Bruder Johannes
Gast

Und wenn die so auftreten, wenn sie den Menschen, die ihnen in die Hände fallen, stets mit dieser Respektlosigkeit begegnen, kann man schon verstehen, dass vor dem Bahnhof aggressive junge Männer ihr Unwesen treiben.

Wieso? Warum müssen sich vor dem Bahnhof junge Männer aufhalten? Warum müssen die aggressiv sein? Weil Dir die Security-Leute nicht gefallen? Versteht noch jemand die Logik? Ja? Da wundert mich aber gar nichts mehr in D.

seyinphyin
Gast

Actio-Reactio nennt sich das.

Menschen bekommt man mit entsprechende Anpassung des Umfeldes dazu sogar ihr eigenes Leben für irgend welche Führer, Kanzler/innen und Co wegzuschmeißen und da gibt es noch eine Menge dazwischen.

Ja, beim Bahnhof sollten an sich keine perspektivlosen Jugendlichen etc rumhängen, die in hilfloser Aggression um sich schlagen (mal bildlich, mal physischer). Dazu bräuchte es aber eben eine andere Gesellschaft, die nicht auf Menschenleben scheißt, sondern ihre linksradikale Grundordnung ernst nimmt, statt sie zu bekämpfen.

Robbespiere
Mitglied
@Bruder Johannes Roberto hat dir die richtige Antwort gegeben. Von Nichts kommt Nichts. Warum müssen wir immer erst rumlamentieren, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist? deutschland ist doch bei Leie nicht so hilflos auf internationaler Bühne, wie immer getan wird. Wir sind eine führende Wirtschaftsnation und dominieren Europa. Warum diese Macht nicht im positiven Sinne nutzen um gegen Kriege und wirtschaftliche Ausbeutung schwächerer Staaten vorzugehen? Warum jeden Schwachsinn der Nato mitmachen und der Rüstungsindustrie fette Gewinne bescheren? Unter Willy Brandt haben wir doch gezeigt, daß wir mit unserer Geschichte auch konstruktiv umgehen können. Wäre es nicht ehrenvoller… Read more »
flurdab
Gast
Das war jetzt aber mal ein an Oberflächlichkeit protzender Beitrag. Zu der „Willkommenskultur“ die die Wolga- Deutschen oder auch die Donau- Schwaben empfing, gibt es eine historisch verbürgte Spruchweißheit: „Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot“. Und von welcher führenden Wirtschaftsnation sprichst du? Die, deren Besitzer nun bereits seit 1998 auf den größten Teil ihrer eigenen Bevölkerung pisst, und ihnen erzählt es wäre Regen? Und die Knallchargen die ihr angebliches „Glück“ in Europa suchen, dem Kontinent in dem Honig und Milch fließt, wäre viel erspart geblieben, wenn ihre Eltern nur soviel Kinder in die Welt… Read more »
GrooveX
Mitglied

ich allerdings kann dinge bewegen, kleinklein & wenige, ohne mich dabei als teil einer führ… blablubber betrachten zu müssen. das ziel ist tatsächlich nicht mal humanistisch oder vernunftbegabt. wenn ich genauer hingucke, diene ich gar keinem ziel (ganz ab von der schröcklichen sprachhunz) – ich tu es einfach.

Robbespiere
Mitglied
@flurdab Das war jetzt aber mal ein an Oberflächlichkeit protzender Beitrag Ganz und gar nicht! Mir geht es um eine sinnvolle Alternative zum Ist-Zustand, den ich genauso verabscheue wie du. Daß dem zuerst eine radikale Änderung der Politik ggü. den eigenen Bürgern erfolgen muß, setze ich als selbstverständlich voraus. Zu der „Willkommenskultur“ die die Wolga- Deutschen oder auch die Donau- Schwaben empfing, gibt es eine historisch verbürgte Spruchweißheit: „Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot“. Ich weiß zwar nicht, wie dieser Spruch zustande kam, aber es wären nicht massenhaft deutsche Bauern und ihre Familien ausgewandert,… Read more »
anton
Gast

Rob: Die BRD ist gegen die USA ein kleines Kind, heute selbst militärisch!

Mordred
Mitglied

also dass an bahnhöfen allgemein rumgelungert wird, ist doch wohl konsens? wie man das ändert, ist aber nicht thema des artikels gewesen.
die rumlungernden werden nicht nur, sondern auch durch schlecht arbeitende/geschulte security aggressiver.

flurdab
Gast

Hahaha, das jetzt ein großer Teil des Kommentariats selber der Fiktion von RTLII auf den Leim gegangen ist merkt ihr garnicht. 🙂
Ich möchte behaupten das kein Security- Mitarbeiter so auftritt, wie in diesen Dokumenterys gezeigt.

Mordred
Mitglied

Hahaha, das jetzt ein großer Teil des Kommentariats selber der Fiktion von RTLII auf den Leim gegangen ist merkt ihr garnicht.

inwiefern?
ich sah bisher in münchen, berlin, essen, oberhausen, köln, düsseldorf…. leute herumlungern.

Ich möchte behaupten das kein Security- Mitarbeiter so auftritt, wie in diesen Dokumenterys gezeigt.

schön. der artikel erwähnt gefühlt in jedem zweiten satz, dass die darstellung so wahrscheinlich nicht die realität widerspiegelt.

flurdab
Gast

Der Artikel stellt dies klar.
Aber die Kommentare biegen ab.

trackback

[…] blieb einen Augenblick dabei. Wenn solche in Köln Wache schieben, wundert einen echt nichts mehr. Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Die Mär von der Flüchtlingsversteherin Erika Steinbachs Austritt aus der Union […]

seyinphyin
Gast

Es gibt bei Sicherheitsfirmen noch weniger Kontrolle als bei der Polizei (die ja seit Jahrzehnten ein massives Problem mit rechtsradikalem und damit rechtsextremitischen Gedankengut in der Truppe hat).

Der Sohn einer Freundin hat zB massive Alkoholprobleme, wozu auch noch psychische hinzukommen, er hat sein Leben schlichtweg nicht unter Kontrolle. Kein Problem, für Sicherheitsdienst samt Ausbildung an und damit potenziellen Einsatz von Schusswaffenm, alles kein Ding.

Probleme gibt’s da eher, wenn man Marx liest oder dergleichen.

The Joker
Gast

Für die allermeisten Security-Würstchen gilt das Motto:
„Ich bin nichts, ich kann nichts. Gebt mir eine Uniform.“

flurdab
Gast

Man könnte aber auch sagen, für die allermeisten Security-Würstchen gilt das Motto: “ jeder Job ist besser als das Jobcenter“ oder „ich hole mir hier den Respekt den mir andere verweigern“.
Die Kapos im KZ haben zum Teil ähnlich getickt.

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