Bahn zum Abgewöhnen

Das Neun-Euro-Ticket ist da. Endlich für so gut wie kein Geld quer durch die Republik fahren. Grüne und Klimabewegte jubeln — und feiern letztlich den Kollaps des Nah- und Fernverkehrs.

Vergangene Woche Montag, dem 23. Mai 2022, war die B-Ebene an der Frankfurter Hauptwache ziemlich voll. Vor den Geschäftsräumen der Verkehrsbetriebe warteten unzählige Menschen, eine Mitarbeiterin der Verkehrsbetriebe war offensichtlich dabei, mit der Datenerfassung schon während der Wartezeit in der Schlange zu beginnen. Weitere Mitarbeiter versuchten Ordnung in ein sich anbahnendes Chaos zu bringen. Das Treiben bestaunte ich nur kurz, dann ging ich eine Etage tiefer zur S-Bahn. Die kam natürlich wieder in verkürzter Länge. Das tut sie schon seit Wochen. Annähernd allen Zügen mangelt es an Waggons.

Es war genau jener genannte Montag, an dem der Verkauf des Neun-Euro-Tickets anlief. In Berlin gingen an diesem ersten Verkaufstag um die 35.000 Tickets über den Tresen. Der Verkauf alleine, so erklärten die Mobilitätsunternehmen, verursache schon Mehrkosten. Für die komme der Bund allerdings nicht auf. Vermutlich auch nicht für die Kosten der gemeldeten Verspätungen, die verschiedene Verkehrsbetriebe als Entschädigungen auszahlen — so gibt es in Frankfurt beispielsweise eine Zehn-Minuten-Garantie. Für die 2,5 Milliarden Euro, die die Verkehrsbetriebe in ganz Deutschland als Verlust durch Ticketmindereinnahmen kalkulieren, kommt der Bund allerdings auf, wie der Verkehrsminister noch mal klarmachte. Der spendable Bund, das sind nicht irgendwelche Gönnerinnen und Gönner, das sind wir: Nur so viel dazu, wie günstig das Ticket letztlich wirklich ist.

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Roberto J. De Lapuente

Roberto J. De Lapuente ist irgendwo Arbeitnehmer und zudem freier Publizist. Er betrieb von 2008 bis 2016 den Blog ad sinistram. Seinen ND-Blog Der Heppenheimer Hiob gab es von Mitte 2013 bis Ende 2020. Sein Buch »Rechts gewinnt, weil links versagt« erschien im Februar 2017 im Westend Verlag. In den Jahren zuvor verwirklichte er zwei kleinere Buchprojekte (»Unzugehörig« und »Auf die faule Haut«) beim Renneritz Verlag.

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Schwitzig
Schwitzig
6 Monate zuvor

Ich habe die Bahn das letzte mal vor 2 Wochen benutzen müssen, um meine Corvette aus Bayern abzuholen.
Eine Woche vorher reserviert, Sitzplatzreservierung in der 1. Klasse im ICE schon da nicht mehr möglich. Wie erwartet wurde die 1. Klasse dann der Gang. Der Schaffner meinte, dass sie immer nur 2 1. Klasse Wagen haben – auch wenn diese schon eine Woche vorher überbucht ist.
Die Züge waren pünktlich. Ich konnte es kaum glauben, bei der vorherigen Fahrt zum Autohändler ein paar Wochen vorher hatten sie insgesamt 3 Stunden Verspätung.
Als ich vor ein paar Jahren mal 1 Woche von Gelsenkirchen nach Düsseldorf fahren musste, war nicht ein einziger Zug auch nur ansatzweise pünktlich. Aber immer überfüllt. Trotzdem wurde nie ein zusätzlicher Wagen angekoppelt.
Die Bahn ist Scheiße und kommt für mich nur in Frage, wenn ich ein neues Auto abholen muss.
Das war nicht immer so: In der Prä-Mehdorn-Zeit musste ich jeden Tag mit der Bahn zur Schule fahren (80/90er).
Da hat es perfekt funktioniert. Die Züge waren sogar sauber, es gab keine Maskenpflicht und man durfte rauchen.
Bahn heute? Nein Danke – lieber mache ich mir meinen Sprit selbst.

Clarisse
Clarisse
6 Monate zuvor

Immer diese Jammerei, schrecklich. Wir Deutschen sollten endlich lernen das Leben in vollen Zügen zu geniessen !

Rudi K
Rudi K
6 Monate zuvor

Also der Kauf des Ticket war für mich recht entspannt, weil dies an vielen Automaten in München geht. Und es gab am 31.5. keine großen Schlangen. Mal sehen, wie voll jetzt die U- und S-Bahnen sind.

Last edited 6 Monate zuvor by Rudi K
Wütender Bürger
Wütender Bürger
6 Monate zuvor

Das Geweine und Mimimi um den Verkauf des Tickets fand und finde ich einfach nur hochpeinlich. Zum einen leben wir in einem (nach eigener Aussage) Hochtechnologie-Land, da ist es einfach unverständlich, wieso das Programmieren der Automaten für den Verkauf eines Sondertickets länger als 5 Minuten dauert, unabhängig von der Zahl der beteiligten Unternehmen.

Zum anderen gibt es in diesem Land Firmen, die sich auf den Verkauf von Tickets spezialisiert haben, und die in den letzten 2 Jahren arg gelitten haben, da fast alle Veranstaltungen verboten wurden. Es wäre sogar gerecht, gut und für jeden Bürger zu stemmen gewesen, wenn für diesen Dienst dieser Branche auf den Preis des Tickets 1 oder 2 Euro obendrauf gekommen wären.

Rudi K
Rudi K
Reply to  Wütender Bürger
6 Monate zuvor

Also in München ist es kein Problem bei den Automaten mit „touchscreen“ das Ticket zu kaufen.

Wütender Bürger
Wütender Bürger
Reply to  Rudi K
6 Monate zuvor

Ja, jetzt läuft es. Aber erinnerst Du Dich noch an das Gejamer der Verkehrsverbünde, als das Ticket angekündigt wurde? „Buhuhu, viel zu wenig Zeit! Wie sollen wir uns auf den Ansturm vorbereiten? Unsere Automaten können kein solches Ticket drucken! Buhuhu!“

So oder ähnlich meldeten sich die Verbünde zu Wort.

Rudi K
Rudi K
Reply to  Wütender Bürger
6 Monate zuvor

Dies habe ich hier in München nicht so mitbekommen. Eventuell lebe ich doch „hinter dem Mond“. ;

Wobei ch hier sagen muß, daß die Automaten hier schon seit einiger Zeit umgestellt wurden, um die IsarCard S ausgeben zu können. Diese hat eine Kontrollnummer mit dem „München-Pass“, der für Menschen mit niedrigem Einkommen gedacht ist.

Atalante
Atalante
6 Monate zuvor

9-Euro-Ticket: Tolle Idee-im Prinzip (wegen der Einheitlichkeit des Tarifs, praktisch für Leute, die im Tarifdschungel von Waben-, Ring- und Zonentarifen komplett verloren sind)- wird nur schnell zum Rohrkrepierer werden, wenn nicht zusätzlich Fahrzeuge eingesetzt werden (dann kommt aber die berechtigte Frage: Wer soll das bezahlen?) … die Busse hier waren gestern schon dermaßen voll, dass ich mich nur wundern konnte… ich dachte, es ist immer noch Pandemie?
Ist etwas widersinnig, die Fahrzeuge jetzt über solche Angebote dermaßen vollzustopfen, ohne für Entlastung zu sorgen… man kommt sich noch mehr vor wie die Sardine in der Büchse.. ich mein mit Abstand war es ja vorher im Bus schon so lala, aber jetzt?

SO kann man die Leute nicht vom ÖPNV überzeugen (was angeblich das Ziel dieser ganzen Chose ist)
Ich werde das Gefühl nicht los, dass es mit dieser Aktion genau nur darum geht, dass die Leute in den 3 Monaten merken, wie besch…eiden der ÖPNV stellenweise ist und dann doch wieder das Auto nehmen werden, somit bleibt dann bei den Verantwortlichen nur ein Schulterzucken, nach dem Motto: „Sehen Sie, der ÖPNV wird NICHT angenommen, also brauchen wir ihn nicht!“ um ihn dann gänzlich abzuschaffen. Gekniffen sind die, die wirklich auf einen funktionierenden ÖPNV angewiesen sind und eben- aus welchen Gründen auch immer- NICHT das Auto wählen können. Aber hey, wer sich kein Auto leisten kann, ist hierzulande eh nichts wert, weil nicht „verwertbar“, wenn Du zu einem Job jwd nich hinkommst, morgens um 4, weil es keinen ÖPNV dahin gibt, dann Pech gehabt, findet sich sicher einer mit Auto, der das sehr gerne macht.
Scheiß auf Umwelt, gibt ja bald Elektro-Autos für alle ( die mal eben X0.000 Euro locker machen können, die anderen: Pech gehabt)
Mag mein Eindruck sein, aber so PKW-Lobby-verseucht, wie dieses Land ist, würde mich das nicht wundern.

flurdab
flurdab
6 Monate zuvor

Ich habe den Text noch nicht zur gänze gelesen…
Muss aber meinen Unmut über die 9 Euro- Offerte schon jetzt offenkunden.

Die ganze Nummer ist doch nur ein schlecht gemachtes Ablenkungsmanöver.
Was nützt es einem Menschen, der jetzt schon kein Geld zum reisen hat, „preiswerter“ reisen zu können?
Kann ich „mein“ 9 €- Ticket bei meinem Stromanbieter zwecks Berechnung einens Rabatts einreichen?
Mann könnte genauso gut die Lebensmittelpreise in der Stadt Flensburg für drei Monate auf ein Drittel senken. Schön für die Flensburger, der Rest der Bevölkerung, vor allem die, die es bräuchten, gingen troztdem leer aus.

„Wenn Sie kein Brot haben, sollen Sie doch „billig“ reisen“

Aber es ist natürlich ein Event, und was braucht es heute anderes als ein Event…

Rudi K
Rudi K
Reply to  flurdab
6 Monate zuvor

Im Prinzip stimmt das. Ich denke eher, daß man in der Ferienzeit die Züge besser auslasten will.

flurdab
flurdab
Reply to  Rudi K
6 Monate zuvor

Ich denke man will lieber von den 100.000.000.000 € „Sondervermögen“ (Extra- Schulden) ablenken, für die es keinerlei Ausgabenplan gibt. Also eine Liste von Dingen die notwendigerweise beschafft werden sollen. Was eigentlich nichts anderes bedeutet als das kein Bedarf besteht.
Ebenso von den 10 Mrd. € die nach Indien gehen wegen der „Energiewende“ und der Entwicklungshilfe für China. Und was die Ukraine uns kostet wurde meines Wissens nach bisher auch noch nicht verlautbart.

Aber die Asylanten und die Arbeitslosen ruinieren uns. 😉

Die Deutschen können ruhig mal frieren und hungern für den Sieg der Ukraine“

Wütender Bürger
Wütender Bürger
Reply to  flurdab
6 Monate zuvor

Was nützt es einem Menschen, der jetzt schon kein Geld zum reisen hat, „preiswerter“ reisen zu können?

Es ist nun mal ein großer Unterschied, ob Du für 200 Euro nicht reisen kannst, oder ob Du für 9 Euro nicht reisen kannst!

😁

flurdab
flurdab
Reply to  Wütender Bürger
6 Monate zuvor

Da hast du natürlich auch recht.
Wobei ich es nicht gut finde das menstruierende Menschen genau den selben Preis bezahlen müssen. 😉

niki
niki
6 Monate zuvor

Als jemand der wg. Schlechtwetter ab und an Mal mit dem Bus zur Arbeit fahren muss, ist das ganze eine Ersparnis ab der 2. Fahrt im Monat.
Sonst nehme ich das Fahrrad für die knapp 30km (hin und zurück)
btw: ich bin mit dem Rad rund 10 min pro Strecke schneller und flexibler…

Auto habe ich nicht.

Nun zur Kritik: natürlich ist das ganze extrem abenteuerlich, da vor allem die Deutsche Bahn gelinde gesagt ihren Betrieb voll auf Kante genäht hat und jegliche Mehrbelastung kaum verträgt. Das sieht mit vielen anderen lokalen ÖPNV-Betrieben mit Sicherheit nicht anders aus…
Da kann ich mich glücklich schätzen das in meiner Heimatstadt die Situation vergleichsweise gut ist und diesbezüglich eher kaum Probleme zu erwarten sind.

Und so viel teurer ist ein Monatsticket hier auch nicht …. 25€ für das gesamte Stadtgebiet und 35€ für den Landkreis ist doch in dem Bereich welchen ich als angemessen empfinde…

flurdab
flurdab
Reply to  niki
6 Monate zuvor

Du sollst nach Sylt reisen!

niki
niki
Reply to  flurdab
6 Monate zuvor

ich muss ackern…

FSC
FSC
6 Monate zuvor

Noch bevor mir das Grauen vor überfüllten Zügen, Verspätungen und schlechten Service kommt, schreckt mich allein schon die andauernde und jeder Logik entbehrende Maskenpflicht in Bus und Bahn ab, dieses Ticket intensiver zu nutzen als nötig. Obwohl ich hier und da profitieren könnte, werde ich den ÖPNV so schon gar nicht mehr als nur sporadisch nutzen als ich es ohnehin tue. Einzig spare ich mir die paar Einzeltickets im Monat, die mich nach spätestens drei Fahrten mehr kosten würden als dieser plan- und konzeptlose Wurf.

Ich finde, dieses Ticket ist wie auch die Bundeswehrmilliarden ein Aushängeschild für die Politik dieser Regierung. Fähig allein dazu, im Dienste der Machteliten zu stehen.

Last edited 6 Monate zuvor by FSC
Art Vanderley
Art Vanderley
6 Monate zuvor

„der Bahn unübersehbar zum Vorschein kommt. “
Und nicht nur der Bahn, belastete Luft in U-Bahnen, Sitze, die mit Urinrückständen versetzt sind, auch der innerstädtische ÖPNV ist oft ein Desaster.
Dennoch ist gerade deshalb das Ticket eine Chance, daß solche Mißstände mal ans Licht kommen, einfach weil es mehr mitbekommen.
Die fehlenden Fahrzeuge aller Art begründen nicht die Ablehnung, zumal sowieso massiv investiert werden muß in den ÖPNV, Ticket hin oder her, hier gibt es kein entweder oder.
Es macht nichts, sich jetzt einfach mal reinzustürzen in so ein Abenteuer, Stillstand hatten wir lange genug, das Ticket ist eine gute Idee und man sollte sich überlegen, es zu verstetigen, vielleicht als 19-Euro-Ticket.
Die Kosten von 10 Milliarden jährlich betrügen dann gerade einmal ein Zehntel dessen, was im Land- nach geltendem Recht- verschenkt wird als Steuereinnahmen der öffentlichen Hand insgeamt, und von der massiven Subventionierung des Straßenverkehrs will ich gar nicht erst anfangen.
Die Kritik an den außerbahnlichen Geschäftsfeldern ist berechtigt.

Jel
Jel
6 Monate zuvor

Phhh, hört mal auf zu meckern. Wer damals mit dem Interrail unterwegs war, weiss doch wie es geht: fettes Stullenpaket, billigen Rotwein und auf dem Gang hocken.
Meine Armutsrentner Freundinnen und ich freuen uns jedenfalls schon auf das Bahn Lifting, haben uns einige schwach befahrene Strecken mit grandioser Landschaft herausgesucht und sind wild entschlossen zum Amüsemang.
Wenn alle Sicherungen durchbrennen, nehmen wir auch noch die Klampfe mit und singen „roter Wedding“ rauf und runter.

zoppo trumq
zoppo trumq
6 Monate zuvor

Durch das 9euro Ticket ist von einem Verlust von 2,5Mrd Euro für den ÖPNV die Rede in diesen 3 Monaten.

Eine (milchmädchen?)-Rechnung dazu: (kann man den Begriff eigentlich gendern?)
das wären bei 12 Monaten 10Mrd Euro.

10Mrd Euro / 60 millionen Bundesbürger (ohne Kinder) = 167 Euro pro Nase und Jahr.

Warum zieht man das nicht einfach wie eine GEZ-Flatrate verpflichtend ein, dann kann jeder das ganze Jahr machen was er will, schont die Umwelt und der Porsche- und AMG-Fahrer beteiligen sich auch solidarisch daran.
Als nicht-fernsehzuschauer muss ich ja auch GEZ bezahlen, denn ich könnte fern sehen, so könnte jeder den ÖPNV nutzen.

mit 42 Euro alle 3 Monate billiger als GEZ und für viele sicherlich sinnvoller.
für die Verkehrsbetriebe erhebliche Kostenersparnisse, denn der ganze Ticket-Verkaufsaufwand und die Kontrollen fallen faktisch weg.

Wütender Bürger
Wütender Bürger
Reply to  zoppo trumq
6 Monate zuvor

Eine (milchmädchen?)-Rechnung dazu: (kann man den Begriff eigentlich gendern?)

Klar:

Milch:in-Mädchen:in-Rechnung

Oder ganz „woke“:

Sich verrrechnende Person aus dem Umfeld einer Molkerei.

Rudi K
Rudi K
Reply to  Wütender Bürger
6 Monate zuvor

Dieser Begriff ist ja schon „sexistisch“, weil man von jungen Menschen mit weiblichen Geschlecht spricht. Immer diese „alten weissen Männer“. 🙂