Die Wut auf die Anderen

Der Impfvordrängler oder Impfschmarotzer hat den Coronaleugner als meistgehasste Person des Moments abgelöst. Auch das wird vergehen, sage ich Ihnen als ehemaliger Sozialschmarotzer.

Kennen Sie einen? Na, ich meine einen, der es nicht erwarten konnte und der sich beim güldenen Serum übervorteilt und vorgedrängelt hat? Nicht? Ich schon. An sich keine üble Type. Und aus seiner Warte kann ich ihn sogar verstehen. Er war voller Angst, konnte kaum noch schlafen. Es musste was geschehen. Da hat er dann von hinten geschubst und sich vorbeigeschummelt und saß flugs mit hochgekrempelter Manschette beim Stecher. Jetzt schläft er besser. Besonders nachdem die Nebenwirkungen abgeklungen sind. Angst hat er sicher bald wieder, aber für den Augenblick haben seine Ängste Urlaub: Er wähnt sich als Privilegierter. Das macht ein bisschen übermütig.

Die Öffentlichkeit sieht solche Leute nicht ganz so entspannt wie ich. Sie nennt sie Impfvordrängler oder Impfschmarotzer. Die werden geächtet, als schlimmster Virus seit dem Virus betrachtet, als Ressourcenegomanen, vollkommen asozial. Bis neulich galten noch die Impfskeptiker oder Impfhintenansteller als asozial. So ändern sich die Zeiten immer schneller, man kommt kaum noch mit. Was heute richtig ist, gilt morgen schon als Frevel. Das war immer so. Nur nahmen sich der Zeitgeist und die Moden da gerne mal ein Jahrhundert Zeit. Innerhalb einer Wochenfrist änderte sich früher tendenziell eher wenig. Daher braucht man jetzt immer öfter stigmatisierende Gruppenbezeichnungen.

Die Geschichte deutschen Journalismus‘ ist eine Geschichte voller Stigmatisierungen

Was war denn eigentlich die Gruppe der letzten Saison? Ach ja, der Corona-Leugner. Nicht verunsichern lassen: Der Begriff vereinte mehr als Leugnung. Schon Kritik und zögerliches Hinterfragen gehörte dort hinein. Ja, bereits ein stiller Zweifel im abends im müden Nachtlager, so kurz vor dem wegdösen, konnte man als Einstieg in die Leugnung interpretieren. Daher galt: Lieber nicht denken. Augen zu, schnell einschlafen und durch. Seitdem keiner mehr auf die Straße geht und demonstriert, hat sich auch dieses Stigma aufgebraucht. Corona-Müde nennt man jetzt Leute, die nach Schneefall rodeln und nicht lieber ein sozialverträgliches Mittagsschläfchen auf dem Sofa halten. Auf wen hat man es eigentlich vor der Pandemie abgesehen?

Na klar, da gab es viele: Umweltsäue, besorgte Bürger, alte weiße Männer, Kritiker der Flüchtlingspolitik, Rechtsoffene und AfDler – rechtsoffen war begrifflich auch nicht ganz klar definiert. Schon die Leibspeise Kalbsschnitzel konnte ein Indikator für eine offene Flanke rechts sein. Eine Weile galten Montags- oder Friedensdemonstranten als Gefährder, als Leute, die man besser im Auge behalten sollte. Nochmal vorher waren es Menschen, die leider Arbeitslosengeld benötigten, um die leidigen Alltagsrechnungen bezahlen zu können.

Fragen Sie mal mich. Ich war so ein Sozialschmarotzer. Jedenfalls wenn man den Gazetten dieses aufgeklärtesten Deutschland aller Zeiten glauben mochte. Gut, da stand jetzt nicht drin, dass der De Lapuente die Sozialkassen behumst hätte. So dezidiert ging das nicht. Aber dass es Leute wie mich sind, das las man täglich. Arbeitslose halt, die nicht wollen, die keinen Bock haben und nie wieder da rauskommen möchten, weil die Stütze nämlich so bequem und erquicklich ist. Aus diesem Paradies bin ich vor Jahren entkommen, ich habe dann doch gewollt. Entschuldigt hat sich bei mir freilich niemand. Aber es wurde ruhiger um die Sozialschmarotzer. Irgendwann ist man mit jeder Randgruppe mal fertig. Jedes Opfer wird irgendwann mal langweilig.

Von Florida-Rolf bis Impfstoff-Klausi: In der Empörung vereint

Früher gab es noch die Langhaarigen, die Techno-People, Gammler, Studenten, die, die »nach drüben gehen« sollten, Sozialisten oder irgendwelche anderen Menschen, die gerne Wohlstand fairer verteilt hätten – dann noch Hippies, Grüne, Gothics. Eigentlich kam man im öffentlichen Raum nie ohne irgendwelche Gruppen aus, die man als so anders als die Allgemeinheit skizzierte, die daher fremd waren und denen man eine Gefahr anheften konnte. Solche Gruppenstigmatisierungen heben die Verkaufs- und Klickzahlen, suggerieren dem Leser, dass er auf der richtigen Seite steht, ein ordentliches Leben führt. Das hebt die Stimmung einerseits und lässt andererseits klar erkennen, wo die Grenzen zu verlaufen haben.

Die Empörung ist der soziale Kitt der deutschen Mediokratie. Sie ist der Schmelztiegel des Justemilieu, der bürgerlichen Mitte, des Mainstream. Sie schmiedet den Zusammenhalt, der nicht aus dem Nichts entsteht, sondern »die Anderen« braucht, um eine Form des Gemeinsinns zu entwickeln. Die Wut auf die Machthaber, einst solidarisierendes Mittel, hat abgewirtschaftet. Sie wurde verlagert, auf zuweilen recht belanglose, machtlose, einflusslose Gruppierungen, auf die man wütend sein soll, über die man sich empört. Wut auf die Anderen: Soziologen oder Politologen würden es mit divide et impera latinisieren.

Florida-Rolf und Impfstoff-Klausi haben insofern mehr für den Zusammenhalt getan, als eine diese trögen Sonntagsreden von Bundespräsident Schnarchmeier. Der Sozialhilfeempfänger, der irgendwo in Florida lebte und für eine ganze Gruppe solcher vermeintlicher Schmarotzer stand, vereinte die Öffentlichkeit in ihrer Zustimmung zur Agenda 2010 und Hartz IV. Da konnte der Bundeskanzler salbadern was er wollte: Erst die Stigmatisierung einer Gruppe leistete die beste Überzeugungsarbeit und machte Hartz IV salonfähig..

Unerklärliche Stigmatisierungsgruppen

Das Motiv dieser Leute interessiert indessen keinen. Rolf lebte aus gesundheitlichen Gründen in Florida. Das wurde medial erwähnt – aber ignoriert. Der Neid auf sonnige Tage in Florida war größer. Waren Sie da schon mal? Tampa Bay soll grauenhaft sein. Da will echt keiner hin. Motive interessieren niemanden. Warum warfen sich Technoheads zum Beispiel Ecstasy ein? Christiane F. stand für junge Menschen, die auf Abwegen waren und die man verachtete. Warum sie so wurden? Darüber gab es ein Buch, aber Erklärungen polarisierten weniger als die widerlichen Umstände. Wie wird einer rechts oder gar rechtsradikal? Warum drängelt sich einer beim Impfen vor? Fragen über Fragen.

Der ich noch eine anschließend als ehemaliger Sozialschmarotzer nachschiebe: Warum kriegt man zuweilen echt den Arsch nicht hoch? Fiel mir wirklich schwer. Aber Teile der Antwort könnten verunsichern. Vielleicht erzähle ich wann anders davon. Antworten sind ohnehin für Skandalisierungen irrelevant. Was früher der Kniff der Skandalpresse war, polarisiert nun auch die Qualitätsmedien. Sie hinterfragen nicht, sie präsentieren: Nämlich irgendwelche Bösewichte, die die Kontur des guten Mainstream schärfen und die einen Gemeinsinn herbeischreiben, den die Politik nicht mehr herzustellen imstande ist.

Letztlich wird der Impfschmarotzer verschwinden und einer neuen Gruppe wird diese fragwürdige Ehre zuteil. Impfverweigerer werden sicherlich bald wieder thematisiert. Danach vielleicht jene Menschen, die im Sinne des Seuchenschutzes und der Gesundheitsfürsorge nicht allzu gläsern werden wollen. Man wird sie sicherlich Gesundheitsverweigerer nennen. Der Begriff wäre Unsinn, aber als Corona-Leugner, der nichts leugnet, sage ich Ihnen: Macht nichts. Genau so wird man sie taufen. Das muss so.

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Roberto J. De Lapuente

Roberto J. De Lapuente ist irgendwo Arbeitnehmer und zudem freier Publizist. Er betrieb von 2008 bis 2016 den Blog ad sinistram. Seinen ND-Blog Der Heppenheimer Hiob gab es von Mitte 2013 bis Ende 2020. Sein Buch »Rechts gewinnt, weil links versagt« erschien im Februar 2017 im Westend Verlag. In den Jahren zuvor verwirklichte er zwei kleinere Buchprojekte (»Unzugehörig« und »Auf die faule Haut«) beim Renneritz Verlag.

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Nureinmensch
Nureinmensch
1 Jahr zuvor

Lieber Roberto,
für mich der wichtigste Text, der in dem zwar noch jungen Jahr geschrieben und öffentlich gemacht wurde.

Schade, dass die zum Nachdenken anregenden und vielleicht gar zum Umdenken bewegenden Worte, vermutlich viel zu wenige Menschen erreichen wird 🙁

Leselotte
Leselotte
Reply to  Roberto J. De Lapuente
1 Jahr zuvor

@ Roberto
Naja, ganz ungehört bist Du nu wirklich nicht.

Wie Du Dich balsamisch der Stigmatisierten annimmst, gefällt mir außerordentlich und auch, weil ich mal zu den °Sozialschmarotzern° gehörte, mich die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit traf und nun aus anderen Gründen treffen könnte.

Aber ach, sollen „sie“ sich doch die Etiketten hinstecken, wohin sie wollen.
https://www.corodok.de/es-muss-nicht-immer-hochsprache-sein/

Im Anhang Huflattich; wenn die Blüte verschwunden ist, erscheinen die hufeisenförmigen Blätter, die mild balsamisch (von wegen balsamisch)duften.

Huflattich.jpg
Brian
Brian
Reply to  Roberto J. De Lapuente
1 Jahr zuvor

Wie es schon mal jemand anderes sehr schön formuliert hat : ab und zu bin i ganz gern recht ’soffen. Vor allem nach einem guten Roten…

Pen
Pen
Reply to  Leselotte
1 Jahr zuvor

Die Stiegmatisierungen bin ich auch lange gewöhnt
Die grünen Blätter des Huflattichs wirken balsamisch entzündungshemmend bei Blasen etc. die ziehen den Dreck aus der Wunde. Vor langer Zeit gab es daraus eine goldgelbe Salbe von schmalzartiger Konsistenz, die alle Kinderunfallwunden heilte.

Klasse Kommentar zu den Ma§nahmen 😉 Eine Menge solcher Lautsprecher wagen könnten das Coronatheater decouvrieren.

Last edited 1 Jahr zuvor by Pen
Pen
Pen
Reply to  Pen
1 Jahr zuvor

P.S. tiefsitzende Splitter könnten mit der Salbe entfernt werden. Sie wurden herausgeeitèrt. Es bildete sich Eiter, der den Fremdkörper nach außen drückte.

Bin gespannt, wie weit die Stigmatisierungen für Nichtgeimpfte gehen werden. – sämtliche zum Teil schwere
ü hysisische Beeinträchtigungen verdanke ich pharmazeutischen Präparaten, bzw. den sogenannten Nebenwirkungen.

Last edited 1 Jahr zuvor by Pen
Robbespiere
Robbespiere
1 Jahr zuvor

Tja Roberto, des Deutschen liebstes Haustier ist eben nicht der Hund, sondern der Sündenbock, vorzugsweise der mit gestutzten Hörnern, also ohne Lobby.
Dessen Slhouette verdeckt nicht nur die kriminellen Machenschaften Derer, die am großen Rad drehen, sondern auch die eigene Feigheit, sich auf die Seite einer Minderheit zu stellen, welche gnadenlos niedergetrampelt wird.

Es fühlt sich halt bedeutend besser an, in der Herde mitzulaufen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, auch wenn diese sich auf einen Abgrund zubewegt.
„Augen zu und durch“ ist die Devise,in der vagen Hoffnung, dass man selbst nicht zur Randfigur wird.
Die Wenigsten realisieren, dass sie mit dieser Haltung zielstrebig am Zerplatzen dieser Hoffnung mitwirken.

Ein guter Artikel,der, wie Nureinmensch bereits schrieb, leider zu wenig Verbreitung findet.

Pen
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Reply to  Robbespiere
1 Jahr zuvor

#Roberto,

Diesmal hast Du mir mit jedem Satz aus der Seele gesprochen. Sehr guter Artikel. Langsam entwickelst Du Dich zum Psychlogen. Danke.

@Rob

…der Sündenbock als Haustier ist genial. Paßt
. :- ))

Last edited 1 Jahr zuvor by Pen
Pen
Pen
Reply to  Roberto J. De Lapuente
1 Jahr zuvor

können wir privat machen 😉