Hetzen mit Niveau: Alle 11 Minuten verliebt sich ein Journalist in sich selbst

Attila Hildmann hat offenbar die Kontrolle über sich verloren. Darüber zu sinnieren, wie es dazu kam, verbietet sich, da Ferndiagnosen immer brisant sind. Festhalten lässt sich aber, dass er niemandem einen Gefallen getan hat, der sich kritisch zu der Corona-Politik der Bundesregierung äußert. Und wer Hitler angenehmer findet als Merkel, hat die Berechtigung, auf Augenhöhe angenommen zu werden, endgültig verspielt.

Das spricht einen großen Teil der Medien allerdings nicht frei. Im Gegenteil.  

Im Mai 2020 habe ich einen Text geschrieben, in dem ich dazu aufgefordert habe, sich für Attila Hildmann einzusetzen, für die Meinungsfreiheit und gegen das Denunziantentum. Stand heute würde ich diesen Artikel so nicht mehr schreiben (können), aber im Mai entsprach er dem, was ich meinte sagen zu müssen. Ich distanziere mich also ausdrücklich nicht von meinem Text aus dem Mai.

Seitdem scheint eine Unmenge an Zeit ins Land gegangen zu sein, und das Denunziantentum hat sich nicht etwa zurückgezogen, sondern ist schlimmer geworden. Artikel mit Überschriften wie dieser sind mittlerweile gesellschaftsfähig und beschleunigen die gegenseitige Intoleranz:

Die Corona-Assis: Eure Dummheit zerstört Deutschland

Sieht man einmal davon ab, dass weder Headline noch Text auf intellektuelle Überflieger hindeuten, zeigt beides eine Tendenz auf, die nicht neu ist, aber (einmal mehr) eine neue Qualität bekommen hat.

Attila Hildmann hat die schon vorher verwendeten Diffamierungsbegriffe wie „Verschwörungstheoretiker“, „Antisemit“ oder „Nazi“ in ein neues Licht gerückt. Er hat dafür gesorgt, dass sie noch sorgloser verwendet werden können als vorher schon. Selbst, wenn man von den Drohungen gegen Volker Beck absieht, die schon schlimm genug sind und hoffentlich nicht folgenlos für Hildmann bleiben, bleibt am Ende die Erkenntnis, dass aus einem kritischen Menschen, der sich gegen die Maßnahmen zur Wehr gesetzt hat, die teils extreme Einschränkungen von Grundrechten zur Folge hatten (und zum Teil immer noch haben), ein Extremist geworden ist, der einer ursprünglich guten Idee (so es ihm denn überhaupt je darum ging, was man inzwischen bezweifeln darf) mit voller Wucht gegen das Schienbein tritt.

Auf der anderen Seite hechelt die Medienlandschaft Hildmann hinterher, als hätte er einen köstlichen Knochen im Maul. Jede Hitler-Verharmlosung, jede Drohung, jede Provokation wird dankend entgegengenommen. Hildmann, so wird es wohl sein, bekommt davon kaum noch etwas mit, ist jedenfalls nicht in der Lage, zu erkennen, dass er die Hauptfigur in einem schmutzigen Spiel ist. Und je heftiger er sich zur Wehr setzt, je lauter er wird, desto stiller grinsen jene Journalisten in sich hinein, die mal wieder ihre Reichweite erhöhen können.

Man muss es so deutlich sagen: Speziell der Begriff Verschwörungstheoretiker ist seit Hildmanns Aktivitäten noch anerkannter als Schimpfwort geworden, das eindeutige Aussagen darüber macht, dass man jemandem, dem man dieses Etikett anheftet, nichts, aber auch gar nichts glauben kann.

Verschwörungstheoretiker als Selbstverständlichkeit

Am 20. Juli 2020 war bei Spiegel-Online ein Artikel mit folgender Überschrift zu lesen:

„Aus Halle, Kassel und Hanau hat man offensichtlich nichts gelernt“

Es ging, natürlich, um Attila Hildmann, und gleich im Teaser tauchte das Wort das erste Mal auf:

Der Verschwörungsaktivist Attila Hildmann drohte dem Ex-Abgeordneten Volker Beck massiv, Grünen-Fraktionsvize von Notz warf den Strafverfolgern Untätigkeit vor. Inzwischen wurden mehrere Ermittlungsverfahren gegen Hildmann bestätigt.

Und auch der Beginn des eigentlichen Textes beginnt verheißungsvoll:

Seit Monaten fällt der einst als Kochbuchautor zu Ruhm und Wohlstand gekommene Attila Hildmann zunehmend durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien und rechtsextremer Hetze auf – im Netz und bei Veranstaltungen. Dabei bedroht der Corona-Leugner immer offener auch Politiker und Prominente. Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz hat den Strafverfolgungsbehörden in dem Fall nun Untätigkeit vorgeworfen.

Ob und wie untätig die Strafverfolgungsbehörden tatsächlich sind oder ob fieberhaft daran gearbeitet wird, ob und wie man Hildmann das Handwerk legen kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest für Medien wie den „Spiegel“ ist Hildmann aber ein Geschenk. Und – ob er will oder nicht – ein hervorragendes Werkzeug, um Menschen, die der Corona-Politik kritisch gegenüberstehen, pauschal zu verurteilen. Das ist nicht neu, aber dank Hildmann noch einfacher geworden.

Im „Spiegel“-Artikel wird der Begriff Verschwörungstheoretiker unverblümter denn je mit Morddrohungen, Rechtsextremismus, Hitler-Relativierung und dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Und so wundert es auch nicht, dass der Artikel wie folgt endet:

Der Staatsschutz der Brandenburger Polizei hatte bereits im Mai Ermittlungen gegen den Verschwörungsideologen aufgenommen. Dabei geht es um Vorwürfe, er habe sich im Internet antisemitisch oder volksverhetzend geäußert. Binnen einer Woche gingen bei der Polizei Brandenburg über die sozialen Medien zuletzt mehr als 1000 Hinweise aus der Bevölkerung auf die Äußerungen Hildmanns ein.

Verschwörungstheoretiker, -ideologe und -aktivist sind mittlerweile Bezeichnungen geworden wie Busfahrer, Fußballspieler oder Biologe. Der „Spiegel“ verwendet sie mit einer Selbstverständlichkeit, die fassungslos macht.

Doch während man den genannten Berufsgruppen bestimmte Eigenschaften zuordnen kann, die sie haben oder erlernen müssen, ist das beim Verschwörungstheoretiker anders. Zu dem kann jeder werden, und zwar völlig unabhängig von den Eigenschaften, die er mitbringt. Das macht die Sache so undifferenziert. Und so gefährlich.

Hildmann als nützlicher Idiot?

Im Netz machen zahlreiche Gerüchte die Runde, so etwa, Hildmann sei ein „U-Boot“, der bewusst unterstützt wird, um die Corona-Politik der Bundesregierung in ein besseres Licht zu rücken. Das halte ich für unwahrscheinlich und zudem unnötig.

Denn so wie man vorher all jene diskreditiert hat, die in Erwägung zogen, dass ein Dr. Wodarg oder Prof. Bhakdi vielleicht nicht völlig danebenliegen könnten, ist mit der konstruierten Verbindung zu Hildmann eine weitere Stufe erreicht.

Man braucht Hildmann nicht zu bezahlen, damit er seine Provokationen verbreitet. Offenbar ist er Selbstdarsteller genug, um sich dafür zu feiern, in den Medien als Hetzer, Provokateur, Nazi und Verschwörungstheoretiker genannt zu werden, es stachelt ihn nur weiter an, so wirkt es auf mich. Und das macht durchaus einen gefährlichen Eindruck, denn inzwischen kann man nicht mehr ausschließen, dass Hildmann den nächsten Schritt macht.

Gleichzeitig ist die Bedeutung Hildmanns insgesamt und für die gesellschaftspolitische Lage nicht zu hoch zu bewerten. Artikel wie der hier besprochene vom „Spiegel“ gab es schon vor Hildmann, es wird sie auch nach ihm geben, wenn auch mit noch mehr (gefühlter) Berechtigung aus der Sicht der Medien, die sie verfassen. Dennoch: Sollte Attila Hildmann tatsächlich einmal den Anspruch gehabt haben, Menschen durch seine Prominenz und Eloquenz (die er ja unzweifelhaft hat) von einer kritischen Sicht zu überzeugen, so ist er damit kläglich gescheitert und hat sich jetzt eine Fan-Gemeinde geschaffen, die er sich eigentlich nicht wünschen sollte. Es sei denn, das ist genau das, was er wollte.

Wenn wir schon beim Hetzen sind …

Hetzen können auch andere. Zum Beispiel die Autorinnen des oben verlinkten Textes „Die Corona-Assis: Eure Dummheit zerstört Deutschland“. Die schreiben in ihrem „Aufklärungsartikel“:

Eines fällt auf: Es sind oft genau die Menschen, die noch vor kurzem gegen Flüchtlinge und Zuwanderer gehetzt haben, die nun an die Corona-Verschwörung glauben. Nur, dass sie jetzt erst richtig gefährlich werden. Angesichts der weltweiten Covid-19-Pandemie drehen diese Menschen durch. Es scheint, als wären die letzten Schleier der Zivilisation gefallen und sie könnten jetzt ungeniert ihr paranoides Weltbild ausleben.

Wo der „Spiegel“ aufhört, fangen die Autorinnen erst an. „Corona-Verschwörungstheoretiker“ sind die gleichen, die gegen Geflüchtete und Zuwanderer hetzen, und es verwundert, dass ihnen nicht gleich unterstellt wird, Häuser anzuzünden. Und einmal mehr werden kritische Menschen in eine Ecke gestellt, die eine reine Gedankenkonstruktion ist.

Apropos Gedankenkonstruktion: Was mögen die Autorinnen wohl mit dieser Aussage gemeint haben?

Aus 450.000 Corona-Toten weltweit könnten viele Millionen werden. Schuld wären die Ignoranz, die Überheblichkeit und ja auch die Dummheit einiger Unbelehrbarer. Es wird Zeit, ihnen etwas entgegenzusetzen.

Ich glaube, ich möchte nicht wissen, was genau sie den „Dummen und Unbelehrbaren“ entgegensetzen wollen.

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Mordred
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Mordred

Ich kann mich noch an den Beginn der Eurokrise erinnern, wie ich zufällig über die NDS und den SF stolperte, dort alternative Sichtweisen auf die gleichen Fakten dargestellt bekam. Damals empfand ich es schon als extrem, wie Sachverhalte jenseits des sog. Mainstreams verleugnet oder einfach totgeschwiegen wurden. Bspw. die Denke der „Schwäbischen Hausfrau“, welche sachlich völlig an der Realität vorbeigeht, gibt es heute immer noch im Mainstream. Was aber heutzutage abgeht, hätte ich mir da nicht träumen lassen. Der Mainstream wird von immer mehr Fronten bzgl. immer mehr Themenkomplexen angegriffen und versucht sich mit immer krasseren Mitteln zu verteidigen. Ich… Weiterlesen »

Heldentasse
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Heldentasse

Angeregt durch diesen aktuellen, und m.E. sehr gelungen Beitrag in KenFM (Literarische Vorboten | Von Stefan Korinth), habe ich mir das Vergnügen bereitet, eine treffende Textstelle zu finden, die die im Artikel beschrieben Situation möglichst gut beschreibt, und bin dabei auf folgendes Zitat gestoßen: Aber ich wollte froh sein, wenn das Plagiat die größte Unredlichkeit wäre, welche die Deutsche Literatur befleckt: es gibt deren viel mehr, viel tiefer eingreifende und verderblichere, zu welchen das Plagiat sich verhält wie ein wenig pickpocketing zu Kapitalverbrechen. Jenen niedrigen, schnöden Geist meine ich, vermöge dessen das persönliche Interesse der Leitstern ist, wo es die… Weiterlesen »

Pen
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Pen

Toller Tex, Dankeschön. Trifft den Nagel auf den Kopf.

Schopenhauser ist mir der Liebste unter den deutschen Philosophen – wegen der im vorigen Artikel erwähnten Ausgewogenheit.

Robbespiere
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Robbespiere

Umso erfreulicher ist diese Statistik:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72084/umfrage/verkaufte-auflage-von-tageszeitungen-in-deutschland/#professional

Jeder qualitätsbefreite Artikel treibt die Verkaufszahlen weiter in den Keller und das ist gut so.

Apropos „Der Spiegel“

Man wundert sich bei Spiegel-Artikel weniger, wenn man weiß, dass dort Bertelsmann über sein Verlagshaus Gruner+Jahr mit 25,5% über eine Sperrminorität verfügt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Spiegel#Gesellschafter

https://de.wikipedia.org/wiki/Gruner_%2B_Jahr

Heldentasse
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Heldentasse

Moin Rob. Oft sind die Verlage in der Hand von Pharma und Rüstungskonzernen etc. Denen ist augenscheinlich der Umsatzrückgang wegen mieser Leistung und Qualität egal, bzw. nicht ganz so wichtig. Propaganda ist ja ein Geschäft, was nicht unmittelbar Profit bringen muss. Das ist IMO u.a. auch der Grund warum noch so unsägliche Zeitungen und Magazine gibt.

Robbespiere
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Robbespiere

@Heldentasse Die meißten Verlage sind immer noch in der Hand von Eigentümerfamilien. Dazu gab es auch mal eine Sendung der Anstalt. Entsprechend werden da die Intressen der Oberschicht vertreten, zu denen die Eigentümer ja auch gehören, genau wie ihre Anzeigenkunden. Propaganda bringt zwar nicht direkt Gewinne, aber über die Beeinflussung der Öffentlichkeit schon. Wenn man Panik vor dem bösen Russen streut, läßt sich z.B. Aufrüstung besser verkaufen und davon profitieren natürlich Konzerne dieser Branche.Wenn für CoronaImpfungen medial getrommelt wird, profitiert die Pharmabranche usw.. Möglicherweise gibts ja auch ein Sponsoring für entsprechende Artikel, wer weiß? Auf irgend eine Weise muss sich… Weiterlesen »

Frau Lehmann
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Frau Lehmann

@ Robbespiere

„Auf irgend eine Weise muss sich diese Gefälligkeitspresse ja bezahlt machen.“

Kann es nicht sein, dass diese Journalisten einfach glauben, was sie schreiben (ohne dass ich das jetzt richtig finde)? Da muss es gar nicht um Gefälligkeiten gehen. Wer sich zur Elite zählt, repräsentiert die Weltsicht der Elite. Abweichende Meinungen sind dann eben falsch, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen.
Ich persönlich finde diese Arroganz besonders schlimm, weil sie die Medienkonsumenten prinzipiell für dumm hält.

Robbespiere
Gast
Robbespiere

@Frau Lehmann Kann es nicht sein, dass diese Journalisten einfach glauben, was sie schreiben (ohne dass ich das jetzt richtig finde)? Da muss es gar nicht um Gefälligkeiten gehen. Wer sich zur Elite zählt, repräsentiert die Weltsicht der Elite. Abweichende Meinungen sind dann eben falsch, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen. Das ist sicher ein Teil der Wahrheit, wie hier nachzulesen: https://www.heise.de/tp/features/Plebejer-muessen-draussen-bleiben-3393433.html Ein weiterer Faktor ist die Abhängigkeit vom Einkommen. Wer sich nicht anpasst, verliert seinen Job und findet in der Branche auch eher keinen neuen, da andere Medien ebenfalls Wert auf Konfomität legen und die Abweichler anhand ihrer… Weiterlesen »

Billy
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Billy

„Abweichende Meinungen sind dann eben falsch, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen.“

Das gilt auch für die meisten Foristen hier umgekehrt genauso. Das beste Beispiel heute war doch wieder die alte Dame und Putin. Hier werden Argumente ausgetauscht, das ist teilweise so unfassbar. Hier sind drei am Start, wenn du die im Sack steckst und drauf haust, triffst du nie den falschen. Aber zum Glück sind das nur 0,000000 irgendwas %, die dessen Weltanschauung teilen.

Pen
Gast
Pen

@Rob

naja, und er wird von Bill Gates unterstützt. Den Spiegel kann man doch nicht mehr lesen. Keines unserer ehemals gern gelesenen kritischen Blätter ist noch lesenswert.

Robbespiere
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Robbespiere

@Pen

Umso positiver, dass die Zahl der Münchhausen-Fangemeinde immer kleiner wird.
Anders als bei den ÖR kann man sich ja hier verweigern.
Für das Geld kann ich reichlich Brot backen und dann les ich die Zukunft aus der Kruste. 😀

niki
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niki

und dann les ich die Zukunft aus der Kruste.

Da steckt bestimmt mehr dahinter, als man so von manchen MSM-Journalisten erwarten kann.

Drunter & Drüber
Gast
Drunter & Drüber

Lebenszeichen sind die schönsten.