Was habt ihr aus unserem Fußball gemacht?

Gebt uns unseren Fußball zurück! So fordern Fans und andere Romantiker häufig. Was soll das sein »unser Fußball«? Achso – der Ehrensport? Das ist eine alte Losung vom Turnvater und später den Nazis. Über den einstmals deutschen Sonderweg des Kickens – und wie der noch immer die Realität vernebelt.

Kürzlich auf einem Bücherflohmarkt stach mir ein Buch ins Auge. Eines über Fußball. Von einem Redakteur des Magazins 11FREUNDE. Der erste Satz im Klappentext lautete: »Noch nie war der Profifußball verabscheuungswürdiger, noch nie war er korrupter, noch nie so weit entfernt von denen, die ihn doch eigentlich erst groß machen …« Schon an dieser allerersten Zeile stimmt eigentlich nichts. Denn der Fußball war immer das, was der Autor ihm nun vorwirft: Ein Business. Und Geld spielte demgemäß stets eine Rolle.

Nur in Deutschland hat man über Jahrzehnte so getan, als könne man das als verabscheuungswürdig geltende Profitum künstlich abwenden. Diesen deutschen Sonderweg spürt man noch allenthalben. Besonders in der Romantik enttäuschter Fans. Aber auch in Mythen wie dem vom Wunder von Bern, in denen die vermeintlichen elf Freunde es der schmucken Profitruppe aus Ungarn gezeigt haben. Doch ein Mythos ist laut Duden nicht mehr als »eine Begebenheit, die legendären Charakter hat«. Wenn übrigens ein Fußballmagazin 11FREUNDE heißt, weiß man, was da mitschwingt: Sehnsucht nach einem Gestern, in dem Kumpels kickten und das Geld nur zweitrangig war. Das ist Nostalgie pur.

»… ein untrügliches Zeichen des Niederganges eines Volkes.«

Sport hatte in Deutschland von Anfang an, als er zu einem Massenphänomen wurde, eine ganz besondere Qualität: Er war nicht als die Kunst gut geschulter Meister angedacht, sondern als nationale Angelegenheit. Man ertüchtigte sich, stählte den Körper, bereitete sich mannhaft und kameradschaftlich darauf vor, in einer Welt voller Feinde zu bestehen. Die Turner verbanden körperliche Betätigung mit vergeistigtem Deutschtum. Als die »Fußlümmelei« langsam aber sicher die Massen begeisterte, rutschte dieser neue Breitensport in jene Tradition hinein.

Die Wirkung des Turnvater Jahn durchsetzte den noch jungen Fußball. Er sollte als Ehrensport betrieben werden, die besten nationalen Geister wecken und schulen. Als Schulung von Brüderschaft und deutschem Zusammenhalt musste er wirken. Schon früh kam dabei das Geld in den Spielbetrieb. Man kickte ja vor tausenden Zuschauern, Eintrittsgelder waren die erste unmittelbare Einnahmequelle von Vereinen, die gute Spieler mit Zahlungen locken wollten. Im englischen Ligabetrieb zahlte man schon recht früh erste Gehälter – schon in den 1890er Jahren. Man durchschaute schnell, dass nur Spieler, die sich auf den Sport konzentrieren konnten und nicht noch nebenher eine körperlich anstrengende Arbeit verrichten mussten, einfach mehr leisteten.

Dem jungen Deutschen Fußball-Bund (DFB), ein national gestimmter, konservativer Verband von Anfang an, war diese Entwicklung ein Dorn im Auge. Galt doch das Profitum als Verweichlichung und Perversion des eigentlichen Grundgedankens dieses Sports. Nur ein Amateur war daher ein wirklicher Fußballer, in ihm steckte die Leidenschaft zum Spiel, die ein Profi quasi kommerzialisiert und damit aufgegeben hatte. Wer bezahlt wird, dem ist der brüderliche und nationale Geist einerlei. Der Berufsfußballer kennt da kein Ehrgefühl mehr.

»Frevel an unsrer deutschen Jugend«

Die Funktionäre blieben dieser Haltung lange treu. Während des Dritten Reiches wurde jede Diskussion bezüglich des Profitums unterbunden. Deutsche Fußballer hatten Amateure mit Herz und inniger Treue zu sein. Gegen Geld zu spielen: Das sei verjudet. Nach dem Krieg wurde mit Peco Bauwens ein ehemaliger Nazi DFB-Präsident. Er hielt eisern am Amateurstatut fest. Die Wunderelf von Bern allerdings, als standhafte Amateure in die Geschichte eingegangen, verdienten schon verhältnismäßig ordentlich. Allerdings über Umwege: Getürkte Jobs, Prämien und Werbeengagements sicherten das Auskommen. Sie konnten also vom Fußballspielen recht gut leben. Alle wussten das – auch der DFB. Aber der tat weiterhin so, als sei der geldlose Kick der Normalzustand und das Berufsspielertum abnormal.

Schon 1920 stellte das Amateuerstatut des DFB klar: »Wir bekämpfen das Berufsspielertum aus ethischen Gründen. […] Es wäre ein Frevel an unsrer deutschen Jugend, wollten wir das Berufsspielertum in Deutschland auch nur im Geringsten begünstigen.« Bis in die Fünfzigerjahre hatte sich das nicht verändert. Die Helden von Bern wurden noch als eigentliche Amateurtruppe vorgestellt – übrigens unter reger Mitwirkung der Spieler selbst, insbesondere Fritz Walter hielt eisern an dieser Legende fest. Jürgen Bertram arbeitete die Legenden und die Tragik jener Kicker in seinem ausgezeichneten Buch von 2004 auf. Zwischen Dopingfolgen und Legendenstatus rieb sich mancher Held auf.

Dabei zeigt der Autor außerdem auf, dass das Amateurstatut schon damals arg aufgeweicht war und der DFB weiterhin so tat, als sei er der Herr der Lage, als habe er die monetären Bestrebungen der Fußballer voll und ganz im Griff. Selbst ein knappes Jahrzehnt danach noch, als endlich eine einheitliche nationale Liga ins Leben gerufen werden sollte, Bundesliga sollte sie heißen, pochte man noch darauf, dass das Berufsspielertum bestenfalls nur ein »Teilzeitstellenspielertum« sein dürfe. Schließlich gehe es um mehr als nur darum, mit dem Ball am Fuß Geld zu erspielen und zu verdienen.

Edle Ritter statt Profifußballer

Aus diesem Grund gehörte es laut Disziplinarordnung des DFB zu den Pflichten des Spielers, einen »sportlich einwandfreien Lebenswandel, volle Einsatzbereitschaft und Ritterlichkeit gegenüber dem Gegner« an den Tag zu legen. Im Lizenzspielerstatut war ferner geregelt, dass der Spieler »einen guten Leumund haben« muss. Lizenzspieler: Das war übrigens der Kompromissbegriff der Stunde, eine Chimäre aus dem Drang der Branche, endlich das Profitum zu ermöglichen und der Rückständigkeit eines DFB, der noch immer so tat, als habe Sport nur ein nationales Ertüchtigen zu sein.

Bis Anfang der Siebzigerjahre zog sich dieses bizarre Spiel hin, bis der Bundesligaskandal aufkochte und Spieler sich mittels Betrug eine weitere Einnahmemöglichkeit einrichteten. Dann schwand der Widerstand des Verbandes. In den ersten Bundesligajahren verdienten die großen Stars gerade mal 1.800 Mark (mit schwer zu erwirkender Sondergenehmigung des Verbandes waren bis zu 2.500 Mark im Monat möglich), sicherten sich aber über Werbung, besungene Schallplatten und Autorgrammstunden ein respektables Gehalt. Der DFB log sich und die Öffentlichkeit an, als er weiterhin so tat, als sei die oberste Bestrebung der Liga, junge idealistische Männer mit edler Gesinnung zu engagieren, um dann Fußball um des Fußballs willen spielen zu lassen.

Dass das natürlich grober Unfug war, kann man aktuell in Hans Wollers äußerst lesenswertem Buch »Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam« nachspüren. Speziell beim FC Bayern war von Anfang an Schwarzgeld im Spiel – auf Empfehlung übrigens der CSU, die außerdem Schweizer Konten anriet. Die Vereine mussten damals große Freundschaftspieltouren absolvieren, um ihre Kosten zu decken. Offiziell zahlten sie ihren Spitzenleuten wie gesagt nur 1.800 Mark – der Rest lief über inoffizielles Handgeld. Meist als Barzahlung noch im Flugzeug zurück nach der Tour. Aus befreundeten jungen Männern, so arbeitet Woller schön heraus, bestand die legendäre Truppe um Maier, Beckenbauer und Müller ganz sicher nicht.

Deutschnationaler Sonderweg: Ein Romantizismus – bis heute

Es waren Geschäftsleute, Unternehmer in eigener Sache. Sie wollten Geld verdienen; was der DFB dazu meinte, kümmerte sie herzlich wenig. Warum auch? In England, Spanien und Italien konnte man viel besser verdienen, teilweise sogar Millionen. Wer sich als Spieler für das Ausland entschied, wurde allerdings als Vaterlandsverräter gewertet. Früher oder später musste das Ideal vom armen Kicker einfach fallen, man wäre so nicht konkurrenzfähig gewesen. Ab 1972 fielen die Gehaltsobergrenzen, der Vollprofi war nun Wirklichkeit.

Seit jener Zeit beklagen sich die Zuschauer über das Geld, das in den Fußball kam.  Man kann das natürlich nachvollziehen. Selbstverständlich ist es wahnwitzig, jungen Menschen nur für den Kick Millionen zu überweisen, sie zu Kultfiguren aufzuladen. Gleichwohl nährt sich in Deutschland diese Kritik aus Nostalgie, aus zur Legende gewordenen Zeiten, da elf Freund Titel holten und auch mit wenig Geld erfolgreichen Fußball zelebrierten. Dieser verklärte Blick zurück entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Spieler wurden damals schon finanziell gut ausgestattet. Nach langer Schicht noch drei Tore in einem Spiel zu schießen: Solche Erzählungen waren meist nur Märchen. Spieler mussten in ihren vom Verein zugeschanzten Stellungen meist nicht viel und schon gar nicht hart arbeiten.

Fußball gilt vielen noch als eine Art nationales Kulturgut. Daher sollte es vom Geld nicht verschmutzt werden. Aber das war dieser Sport nie. Fußball war von Anfang an ein Geschäft. Das sollte man berücksichtigen. Die ganze Romantik ist unangebracht. Mit dieser antiquierten, noch von Deutschnationalen initiierten Haltung, bewertet man die Situation völlig falsch. Daher ist es auch – wie ich an anderer Stelle schrieb – vollkommen irre, Fußball als etwas zu betrachten, woran jeder Teilhabe erfahren muss. Er muss also nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Niederschlag finden. Es handelt sich mitnichten um ein Allgemeingut. Diese Denke beinhaltet noch die Vorstellung derer, die Fußball als Grundwehrübung einstuften. Man kann nicht das Geschäft aus dem Fußball ziehen – aber man kann sich als Zuschauer und Konsument herausziehen.

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niki
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niki

Interessant ist so viel an Fußball, dass ich absolut keinen blassen Schimmer von habe… Das beste an einer Fußball WM ist, dass während die deutsche Nationalmannschaft spielt, habe ich zum Rennradtraining extrem wenig Verkehr der mich stört… Wichtig ist aber beim Abpfiff möglichst zu Hause zu sein… Denn danach wird es gefährlich… Egal wie das Spielergebnis lautete! Soweit ich mitbekomme sind Profi-Fußballclubs so etwas wie Konzerne … Einzig die Gewinnabsicht steht im Vordergrund. Der Sport und die Gemeinschaft spielen allerhöchstens nur noch eine Untergeordnete Rolle… Mit einem wirklichen Vereinsleben hat das rein gar nichts mehr zu tun. Bei anderen Sportarten… Weiterlesen »

Drunter & Drüber
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Drunter & Drüber

Was an dem Präfix „Profi“ an Sportvereinen ist erklärungsbedürftig? Der Kapitalismus ist mitnichten irre geworden, er funktioniert eben, wie Kapitalismus funktionieren muss. Irgendwann sollte man das auch realisieren und sich entscheiden: Will man Kapitalismus, dann kriegt man genau das, oder will man ihn nicht, dann muss man Alternativen entwickeln und auf ihn verzichten. Denn Eines ist klar: Kapitalismus duldet keinen Gemeinsinn, der ihm Schranken auferlegt. Vorher stürzen Imperien!

Mordred
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Mordred

Was an dem Präfix „Profi“ an Sportvereinen ist erklärungsbedürftig? Der Kapitalismus ist mitnichten irre geworden, er funktioniert eben, wie Kapitalismus funktionieren muss.

Sicher. Dann wäre es aber zumindest schön, wenn man diese „Vereine“ rechtlich privaten Unternehmungen gleichsetzt.

Drunter & Drüber
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Drunter & Drüber

Ich bin gerne bereit, das zu erweitern. Schön ist am und im Kapitalismus der Gewinn, ob nun mit öffentlichen Toiletten oder impressionistischen Ölschinken erwirtschaftet. Es wäre schön klingt nach Bettelei. An Leo Kirch oder Franz Josef Strauß war absolut nichts schön, aber sie konnten dem Fußballgeschäft unendlich viel Geld abpressen. Ist das nicht schön? Wenigstens das?

Abgesehen davon leisten die Vereine ja auch auf dem Gebiet der Adoleszenzbildung einiges mit ihren Abteilungen für zum Beispiel Mädchenturnen und Schwimmen für Knaben.

Schön wäre eine andere Welt

Mordred
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Mordred

Es wäre schön klingt nach Bettelei.

War so aber nicht gemeint.

Ronaldo
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Ronaldo

In Italien gibt es jetzt extra Vergünstitgungen für Profifussballet, muss Euch nicht gefallen!

Mordred
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Mordred

Das ist mir völlig egal. Wieviel ein Bundesliga-Profi verdient ist mir auch egal. Ich fände es aber ganz nett, wenn die Korruption stark eingedämmt würde und der Steuerzahler diesen „Vereinen“ nicht auch noch Kohle in den Rachen stopfte.

Ronaldo
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Ronaldo

Ich halte manchen Durchschnitt in diesem Bereich auch für überbezahlt, Ronaldo würde in China aber noch mehr verdienen!Dies sollte bei aller Kritik bedacht werden! Fußball ist ein Stück Volkskultur!

Ronaldo
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Ronaldo

Keine Neiddebatte gegenüber Progifussballern
Lieber arm mit Maradona als ohne

Mordred
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Mordred

Ich bedanke mich für diesen historischen Verriss. Ich lehne die Natur des sog. Profifußballs auch ab, allerdings gar nicht aus der von Dir skizzierten braunen Ethik heraus.
Ich habe da eher soziökonomische Gründe.

Ronaldo
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Ronaldo

Ich lehne eine Verstaatlichung der Post ab
Fußball ⚽️ macht Freude und verbindet

Brian DuBois-Guilbert
Gast
Brian DuBois-Guilbert

Was hat das Thema Profifussball mit der Verstaatlichung der Post zu tun, du Holznase ?
Frei nach dem Motto „Nachts ists kälter als draußen“ ?

Ronaldo
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Ronaldo

Brian, auch Dir angeblichem Buchhändler muss mein Privatstreit mit Staatsmordred nichts sagen!!

Mordred
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Mordred

Hä? Streit? Und den führst Du, indem Du sinnlose Kommentare schreibst? Lustiges Hobby 🙂

Ronaldo
Gast
Ronaldo

Du bist mich mehrfach angegangen! Ich bekenne mich zu sehr hohen Gehältern im Profifußball , sollte dies mit sinnlos gemeint sein!

Mordred
Mitglied
Mordred

Mein Angehen bestand darin, Dich dafür zu kritisieren, dass Du sehr oft nichts zum Thema postest. Worüber sich jetzt hier Brian und Roberto auch lustig machten.
Zum Thema:
Ich habe auch nichts gegen die hohen Gehälter. Die sollen nur nicht noch durch den Steuerzahler subventioniert werden.

Ronaldo
Gast
Ronaldo

Dies in Italien kann man kritisieren, da es nur Spieler betrifft, welche bereits seit längerer Zeit in Italien spielen! Die Moralpinsel des FC Barcelona , die jetzt das Mäulchen öffnen, sind nur sauer, dass sie sich mit deutlich überteuerten Spieler belastet haben!!

Folkher Braun
Gast
Folkher Braun

Vor 35 Jahren habe ich bei DJK Milte-Alte Herren in der Verteidigung gespielt. Zu der Zeit war der Pfiff des Schiedsrichters noch Gesetz. Da wurde nicht diskutiert. Meine damaligen Mitspieler sind heute Jugendtrainer und/oder Schiedsrichter. Die tun sich den heutigen Stress zunehmend nicht mehr an, weil sie immer mehr von Spielern und Zuschauern angegriffen werden.
Der Mannschaftssport Fußball, der ja die Fortführung der Kooperation am Arbeitsplatz war, wird heute von Egomanen, die sich für unangreifbar halten, auf null gedreht. In ein paar Jahren wird es Fußball als Breitensport nicht mehr geben. In Essen gab es deswegen schon einen ersten Ausschluss.