Was uns fehlt, sind Erzählungen und Visionen

Dieser kleine Text greift vor. Auf unseren nächsten Podcast und das Thema, mit dem wir uns in diesem beschäftigen werden: Politikverdrossenheit. Genauer: unsere Politikverdrossenheit. Denn schon im Vorfeld haben wir festgestellt, dass der Verdruss, der Frust und die Lustlosigkeit uns erwischt haben. Gehört sich eigentlich nicht für Blogbetreiber und Podcaster, die sich politische Themen auf die Fahne geschrieben haben. Aber es ist, wie es ist.

Was hat uns denn die politische Landschaft schon zu bieten?

Wenig. Sehr wenig. Und da es ganz konkret für viele Menschen im Land auch finanziell immer weniger wird, was sie sich leisten können, muss man schon genau hinsehen, um etwas zu entdecken, das als positiv bezeichnet werden könnte. Und damit sind wir beim Grundproblem, zumindest aber bei einem Teilaspekt dessen.

Denn positiv wird uns alles gemalt. Von der Politik, den Medien, von gut bezahlten Wissenschaftlern oder „Experten“ (was immer die auch auszeichnen mag). Die Wirtschaft ist positiv, die Arbeitslosenzahlen sind positiv, die Beschäftigungszahlen sind positiv, den Menschen geht es gut, das ist positiv, sie kaufen gerne ein, das ist positiv, sie lieben Eigenheime (auch wenn es nicht ihre eigenen sind), das ist positiv, sie stimmen ab über die beliebtesten Politiker, das ist positiv, sie leben womöglich in der Region mit den glücklichsten Menschen, das ist positiv, sie verfolgen die Vorbereitung zur Wahl des oder der neuen CDU-Vorsitzenden, das ist positiv, sie …

… obwohl, Moment mal! Das ist Bullshit!

Denn mit genau dieser Wahl sind wir bereits an einem Punkt, der das ganze Dilemma aufzeigt: Wir verfolgen gezwungenermaßen täglich Medienberichte, die sich mit der Frage befassen, ob Jens Spahn, Friedrich Merz oder Annegret Kramp-Karrenbauer das Rennen macht (letztere wird bereits liebevoll mit dem Kürzel „AKK“ beschrieben, was ein wenig wie ein Sturmfeuergewehr klingt). Wir werden darüber informiert, wer von den dreien die CDU in welche Richtung „erneuern“ könnte. Und reiben uns verwundert die Augen.

Erneuerung? Wohin? Die SPD macht schon seit Jahren vor, dass der Begriff „Erneuerung“ hohl ist, mit nichts Konkretem gefüllt wird, und in den Führungsetagen der SPD selbst wird ja immer wieder lamentiert, dass ihre Politik prima sei, die Strategie stimme aber eben nicht. Oder – was immer mitschwingt – die Wähler verstünden leider nicht, wie großartig die Arbeit der SPD ist.
Böser Wähler, dummer Wähler!

Und jetzt die „Erneuerung“ der CDU. Mit einer neuen oder einem neuen Vorsitzenden. Längst schon unkt das Volk hinter vorgehaltener Hand, dass „neu“ wohl sowieso nur „schlimmer“ bedeutet. Und damit liegt es wahrscheinlich auch richtig. Unabhängig davon, ob der Schreihals Spahn, der Reaktionär Merz oder die Rautenkopie AKK letztlich vorne liegen – es wird zu keiner wirklichen Erneuerung führen. Weil niemand der beteiligten Protagonisten darauf aus ist.
Je häufiger wir seit der Bundestagswahl und diversen Landtagswahlen hören, dass es ein „Weiter so“ nicht geben könne, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass es nun mal genau darauf hinausläuft.

Der Grund sind – das hat kürzlich mein geschätzter Blogpartner am Telefon vermutet – fehlende Erzählungen. Fehlende Visionen, große Ideen, Ziele, die über die kommende Woche hinausgehen. Wir werden darauf im Podcast #mehrwutstropfen demnächst genauer und umfassender eingehen.

Ist es denn eine große Idee, den Mindestlohn auf 12 Euro erhöhen zu wollen, wenn das Publikum bereits weiß, dass diese Forderung faktisch gar nicht durchzusetzen ist?

Ist es eine Vision, in der Pflege ein paar Tausend Arbeitsplätze zu schaffen, wenn klar ist, dass diese das Grundproblem nicht ansatzweise lösen können?

Ist es eine vorausblickende Erzählung, das desaströse Rentenniveau auf einem „stabilen“ Satz zu belassen, der längst nicht mehr für eine gute Rente ausreicht?

Es ist alles Stückwerk, ein Teppich mit tausend Löchern, von dem das eine oder andere mit transparentem Stoff und brüchigem Garn geflickt wird. Da ist kein Plan, wie das Gesamtkonstrukt verbessert werden könnte, da sind nur kurzsichtige Einfälle, wie man die eine oder andere Baustelle ein bisschen weniger hässlich erscheinen lässt.

Natürlich gibt es das „Weiter so“! Es ist gewissermaßen alternativlos, weil die politische Führung nichts am Grundsätzlichen ändern will. Hier und da mit populistischen Provokationen ein paar Tage in den sozialen Medien auf der Startseite zu stehen, ist kein Beweis für Handlungsfähigkeit oder einen langfristigen Blick, im Gegenteil. Es ist nicht mehr als eine eitle Geste, um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen und von Dingen wie Visionen, Ideen und Erzählungen abzulenken.

Seit der Neoliberalismus das Ruder übernommen hat, können (und müssen) wir zusehen, wie die Gesellschaft immer weiter auseinanderfällt. Wir beobachten, wie sich Ungleichheit zunehmend verstärkt, die Infrastruktur den Bach runtergeht, durch die privatisierende Fratze des Neoliberalismus Rente, Gesundheit, Pflege, Bildung, das gesamte soziale Gefüge zusammenfällt. Wir erleben die Aggression dieser politischen Richtung, sehen, wie Feindbilder konstruiert und Rüstungsausgaben laufend erhöht werden. Und wir erleben Parteien, die nicht gewillt und/oder in der Lage sind, dieser gefährlichen Entwicklung ein Ende zu bereiten.
Wir sehen all das, die Politikverdrossenheit kommt genau daher. Das Volk, die Wähler, die zu „dumm“ sind, die ach so grandiose „Sachpolitik“ der SPD und der anderen Parteien zu verstehen, begreift sehr wohl, dass diese sogenannte Sachpolitik nichts an der Tendenz ändert, die uns dem Zerfall der Demokratie immer näher bringt, und dass in manchen Bereichen dieses Ende längst erreicht ist.

Immerhin, es fällt dem Regime immer schwerer, der Bevölkerung die perverse und menschenverachtende Politik als Wohltat zu verkaufen. Sie dringen immer weniger durch, weil sie nichts zu sagen, nichts zu erzählen, keine Ziele und Visionen haben.
Ich betrachte das als Hoffnungsschimmer. Auch wenn ich mir selbst nicht mehr recht glauben mag.  [InfoBox]

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RKL
RKL
3 Jahre zuvor

Im Film „Logans Run“ müssen alle Bewohner im Alter von 30 Jahren zur „Erneuerung“.
Die Einwohner leben in der Illusion, dass ihre Exekution mit 30 nur eine Erneuerung ist.

Wenn die SPD – Spitze von „Erneuerung“ spricht, muss ich immer an die Maßnahme im Film
denken. Die Zuschauer rufen „Erneuerung“ und alle Erwählten explodieren in einem Laserblitz.

Gruselig, aber anders geht es wohl nicht …..

ChrissieR
ChrissieR
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

Wenn es denn möglich wäre, nur die Elite und die übrigen Gierhälse zu verdampfen….da wäre ich gern dabei!!! Man müsste eine KI erfinden, die gezielt plattlasern kann! Aber egal….irgendein Vollhorst spielt sich dann wieder zum Führer auf…
Meine einzige Vision ist die, dass die Evolution den Schädling Mensch irgendwann ausmerzt…
Ups…da steckt ja “ Merz“ in “ ausmerzen“….isses schon soweit? ( Verschwörungstheorie- Modus…)
No dope no hope

Prösterchen denne
Christine

RKL
RKL
Reply to  ChrissieR
3 Jahre zuvor

„Erst wenn die ganze Welt dir fremd ist, bist du ein freier Mensch“ ( Ilija Trojanow )

Prost und nen schönes Wochenende !

ChrissieR
ChrissieR
3 Jahre zuvor

Da passt eigentlich folgender Rubikon Artikel genau wie „Arsch auf Eimer“!:
https://www.rubikon.news/artikel/der-wahnsinn-der-milliardare

Hoffnung sieht anders aus…

Schweigsam
Schweigsam
Reply to  ChrissieR
3 Jahre zuvor

Danke, sehr interessanter Artikel!

Pentimento
Pentimento
Reply to  ChrissieR
3 Jahre zuvor

Danke für den link. Dieser Artikel ist ein Augenöffner. Eine genaue Beschreibung, dessen, was hier abläuft. Es gibt nur Revolution oder Verderben. Freiwillig werden die Reichen nichts ändern. Daß sie die gesamte Daseinsfürsorge privatisieren und Bildung kaputt sparen, gehört dazu. Es läuft alles nach Plan.

wolli
wolli
3 Jahre zuvor

Wenn die politische Demenz in diesem Land weiter um sich greift, werden die Politparteien auch mit diesen Plattitüden weiterhin politik machen können.

Ist es denn eine große Idee, den Mindestlohn auf 12 Euro erhöhen zu wollen, wenn das Publikum bereits weiß, dass diese Forderung faktisch gar nicht durchzusetzen ist?
Ist es eine Vision, in der Pflege ein paar Tausend Arbeitsplätze zu schaffen, wenn klar ist, dass diese das Grundproblem nicht ansatzweise lösen können?
Ist es eine vorausblickende Erzählung, das desaströse Rentenniveau auf einem „stabilen“ Satz zu belassen, der längst nicht mehr für eine gute Rente ausreicht?

ronaldo
ronaldo
3 Jahre zuvor
Pentimento
Pentimento
Reply to  ronaldo
3 Jahre zuvor

Post, Telefon, Bahn, Wasserversorgung, Krankenhäuser usw. sollten nicht in privater Hand sein. Daseinsfürsorge ist Aufgabe des Staates. Wenn es so weitergeht, müssen wir bald für das Atmen bezahlen.

RKL
RKL
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

comment image

23 Pfennig pro Minute BTX

Wollten wir das damals wirklich ?

Abgesehen davon, ist der verlinkte Artikel 10 Jahre alt und ziemlich faktenverdreht.

ronaldo
ronaldo
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

wasserversorgung liegt bei den Kommunen, wenig und schlecht bezahlte Beamte! Moderner Staat braucht keine reine Staatspost, die hoch bezahlte Bundesbeamte hat( im Vergleich zu den Landebeamten, die oftmals hoheitlicher agieren ).

Mordred
Mordred
Reply to  ronaldo
3 Jahre zuvor

Also Verstaatlichung geht nur nicht, weil Beamtenstellen entstehen könnten?

wasserversorgung liegt bei den Kommunen, wenig und schlecht bezahlte Beamte!

Die Wasserversorgung liegt bei kommunalen Betrieben in verschiedenen Gesellschaftsformen. In den allerwenigsten gibt es (noch) Beamte.

Moderner Staat braucht keine reine Staatspost, die hoch bezahlte Bundesbeamte hat

Ich sehe keinen Grund, warum hier ein Beamtenapparat aufgebaut werden sollte.

ronaldo
ronaldo
Reply to  Mordred
3 Jahre zuvor

morderd: weil vorher , bis 1994 dort auch verbeamtet wurde- german krankheit!Wäre eine Volksabstimmung dazu angesagt, würde ich dagegn stimmen, Wasser gehört allerdings immer in Allgemeinhand

R_Winter
R_Winter
3 Jahre zuvor

Was hat uns denn die politische Landschaft schon zu bieten?

Sehr viel und es wird von sehr „Wenigen“ voll genutzt

Fehlende Visionen, große Ideen, Ziele, die über die kommende Woche hinausgehen.
Da ist kein Plan, wie das Gesamtkonstrukt verbessert werden könnte,

Die Visionen, die Pläne gibt es, aber die „Wenigen“ wollen sie nicht, denn es schmälert ihre Macht und ihrVermögen.

Es ist gewissermaßen alternativlos, weil die politische Führung nichts am Grundsätzlichen ändern will.

Alternativlos ist nichts, nur es wird immer schneller und mehr von den „Wenigen“ Geld geschöpft. Dieses ist eine geplante Enteignung der „Mehrzahl“, denn sie können nicht mehr mithalten und werden damit Champagne unfähig und resignieren.
….Und hier setzt „#aufstehen“ an, denn es muss schnell etwas geändert werden, Es muss Druck erzeugt werden, der gerade noch im Rahmen der z-Z. geltenden Gesetze liegt.

Immerhin, es fällt dem Regime immer schwerer, der Bevölkerung die perverse und menschenverachtende Politik als Wohltat zu verkaufen.

Ein Volk kann eine Zeit betrogen werden (wie zur Zeit) – aber nicht auf Dauer.

ChrissieR
ChrissieR
Reply to  R_Winter
3 Jahre zuvor

Leute, holt endlich die Mistgabeln aus dem Schuppen!!!!

Nahles fordert Abschaffung von Hartz IV
Nahles fordert Abschaffung von Hartz IV
3 Jahre zuvor

OFF – Wenn die Hose brennt – Spätestens seit 2013 hätte H4 mit RGG Geschichte sein können

Andrea Nahles fordert Abschaffung von Hartz IV

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/grundsicherung-hartz-iv-spd-andrea-nahles-abschaffung-sozialstaatreform

Die SPD hat den Point Of No Return überschritten – Wer einmal lügt dem glaubt man nicht ………………….

Pentimento
Pentimento

ZU SPÄT!

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

Bei dem fortgeschrittenen Grad der Ver-Kohl-ung der SPD hilft auch diese Löschwasser nicht mehr.

Pentimento
Pentimento
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

@Robbespiere

Ich find es immer so witzig, wenn die nie etwas tun, und dann das fordern, was die Wähler schon seit langem fordern. Von WEM fordern sie das denn? Hatten sie denn nicht jahrelang Zeit, etwas zu ändern? Die halten uns doch für die letzten Deppen.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

Ich find es immer so witzig, wenn die nie etwas tun, und dann das fordern, was die Wähler schon seit langem fordern. Von WEM fordern sie das denn?

Sie fordern von uns, dass wir glauben, sie würden ihre Forderung auch umsetzen.

Die halten uns doch für die letzten Deppen.

Verständlicherweise, denn in diesem System der Pseudodemokratie und mit einer ihnen genehmen Gerichtsbarkeit können sie nicht auf legalem Weg zur Rechenschaft gezogen werden.
Den notwendigen Einsatz, dieses System zu kippen, sind die Bürger mehrheitlich nicht bereit zu erbringen.
Zu Vielen geht es noch passabel und sie hoffen, dass der Kelch der Verelendung an ihnen vorüber geht.
Erst wenn eine kritische Masse an Menschen mit dem Rücken zur Wand steht, kommt auch bei dieser Klasse das Fressen vor der Moral und dann wehe dem, der noch nach Wohlstand riecht.

Robbespiere
Robbespiere
3 Jahre zuvor

Im Kontext zum Artikel ein Beitrag auf Sputnik heute.

https://de.sputniknews.com/wissen/20181110322917249-darmbakterien-zweites-zuhause-entdeckt/

Könnte es sein, dass dieses Phänomen bei Politikern besonders augeprägt auftritt und erklärt sich daraus evtl. ihr geistiger Dünnpfiff?

Pentimento
Pentimento
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

@Robbespiere

Das kann gut sein. 🙂

Danke für den link. Das ist nicht ganz neu. Man sagt auch, der Darm sei das zweite Gehirn. Sicher ist, daß die Darmflora einen starken Einfluß auf das Gehirn und die Gefühle hat. Klinische Depressionen und Schizophrenie werden vielerorts schon mit Probiotika und Ernährungsumstellung behandelt, zusammen mit deutlich reduzierten Medikamenten. Dies ist nun ein Schritt weiter. Spannende Entdeckung!

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

Klinische Depressionen und Schizophrenie werden vielerorts schon mit Probiotika und Ernährungsumstellung behandelt

Wenn es bei Psychopathen genau so wirkt, sollten wir die Diäten künftig in in Form von Joghurt und Kefir auszahlen.

Folkher Braun
Folkher Braun
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

Wir brauchen keine Erzählungen und keine Visionen.Wir brauchen eine konkret nützliche Politik für die produktiven Kräfte der Gesellschaft. Also die, die den Mehrwert schaffen.
Deren ökonomische Grundlagen sind von den Neocons ja , wie gerade von Chris Hedges auf rubikon.news erläutert wurde, systematisch zerlegt worden.
Da können wir uns noch so aufregen über kranke Kassen, kranke Renten, Infrastruktur, Bildung, Gesundheitssystem etc., die Elite zieht ihren Film durch. Das Ziel wird sein, alle Netze in Privatbesitz zu bekommen (Internet, Wasser, Straßen, Gesundheit), um dann Monopolrenten zu kassieren.
Dass einzurichten ist die Funktion solcher Charaktermasken wie Spahn, Scheuer und Merkel.

Offenbar hat unsere Elite nicht mehr viel Vertrauen zu den bisherigen Parteihirten und hat deshalb den Berdelsmähn-Brinkhaus direkt installiert und das Kapital ( nach Marx das „automatische Subjekt“) hat den Automaten Merz ausgewählt.

Wir gehen herrlichen Zeiten entgegen. Unsere Herren demonstrieren uns derzeit, wo wir zu laufen haben.

Pentimento
Pentimento
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

@ Robbespiere

Nichts für ungut, aber mein Beitrag war ernst gemeint. Das, was wir allgemein unter Psychopathen verstehen, ist nicht mit seelisch Kranken zu verwechseln. Psychpathen denken nur an sich, sie haben keine Empathie und auch kein Unrechtsbewußtsein. Sie sind extreme Egoisten, voller Gier, und nur auf ihren Vorteil bedacht. Sie lügen, ohne rot zu werden und ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Eigentlich haben sie gar kein Gewissen. Deswegen kommen sie gut in der Welt zurecht, sind selten krank, können alles in sich reinstopfen und verachten die Schwachen. Sie kennen keine Gnade. Das sind, wie man sieht, ideale Voraussetzungen für neoliberale Politiker und Verbrecher. Sie sind in dem von ChrissieR verlinkten Artikel auf Rubikon-news treffend beschrieben.

Die wirklich Kranken sind dagegen besonders sensibel und gewissenhaft. Sie sind von einer gesteigerten Offenheit, sie achten oft mehr auf ihre Mitmenschen und deren Wohl, als auf sich selbst und ihr eigenes Befinden. Sie haben ein besonders ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, und reagieren heftig, wenn ihnen oder anderen ein Unrecht geschieht. Die Welt stellt für sie oft eine große Herausforderung dar, weswegen sie oft Einzelgänger sind, oder gar hospitalisiert werden müssen bzw. auf Hilfe angewiesen sind. Man kann fast sagen, daß viele von ihnen an einem Übermaß dessen erkranken,, was den Psychopathen, Politikern und Schwerstkriminellen völlig abgeht.

Psychopathen und psychisch Kranke haben überhaupt nichts gemeinsam.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

Mir sind die Unterschiede zwischen Psychopathen und diversen Formen psychicher Erkrankungen auf Grund menschlicher Sensibilität und deren Ignoranz durchaus bewußt, wiewohl ich auch Psychopathen nicht als psychisch gesund ansehe.
Bissiger Humor ist zeitweise mein pesönliches Ventil, um nicht wie ein Berserker wutschäumend mit der Axt in der Hand auf die Verbrecher loszugehen, die unsere Gesellschaft und Solidarität zerstören, indem sie Angst vor Existenzverlust schüren und im Sinne einer gierigen Oberklasse und um des eigenen Vorteils Willen entsprechende Maßnahmen anwenden.
Ich weiß sehr genau, wie es sich anfühlt, in dieser Gesellschaft an den Rand gedrängt und als überflüssig abgestempelt zu werden.

Das kommt auch in diesem kurzen Vortrag von Prof. Bontrup gut zum Ausdruck:

https://www.youtube.com/watch?v=Jdxa6IhuuxY

Pentimento
Pentimento
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

@Robbespiere

Wenn alle, denen die neoliberale Katastrophe Angst machen würde, links wählen würden, wäre wohl eher eine Lösung des Problems in Sicht, aber leider bewegen sie sich nach rechts, und spielen den Psychopathen in die Hände. Mein Beitrag war keine Kritik. Bitte entschuldige, wenn das anders ankam! No offence intended! Mir ist bewußt, daß unser Humor hier oft bissig und eine Art Galgenhumor ist. Das ist nun mal die beste Art damit umzugehen.

Psychopathen sind nicht normal, aber sind sie krank in dem Sinne, daß sie leiden oder Hilfe brauchen? Wohl eher nicht. Auf jeden Fall sind sie anders.

Wann ist jemand psychisch krank? Für den Orthomolecular Mediziner Dr. Abram Hoffer, der in den 50er Jahren begann, psychisch Kranke und Schizophrene mit gesunder Ernährung und hochdosierten Vitaminen zu heilen oder zumindest lebensfähig zu machen, galt als geheilt, wer fähig war, wieder zu arbeiten, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen und – das war sein ausdrückliches Kriterium – Steuern zu bezahlen.

Nun zahlen Psychopathen keine oder zu wenig Steuern, aber sie leiden nicht, also sind sie nicht wirklich krank. Es geht ihnen ausnehmend gut. Wir bezeichnen sie zu recht als krank, aber sie sind nur anders. Sie sind vor allem völlig ohne Empathie. Sie haben kein Unrechtsbewußtsein. Sie können nicht zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden. Lange nach der Watergate Affaire hat man festgestellt, daß Richard Nixon nicht bewußt gelogen hat. Er glaubte selbst fest an seine Lügen. Psychopathen leiden an Realitätsverlust bzw. sie leben in ihrer eigenen Realität.

http://orthomolecular.org/history/hoffer/index.shtml

RKL
RKL
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

Nur am Rande erwähnt.Du schreibst Psychopathen, meinst jedoch Soziopathen.

Pentimento
Pentimento
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

O verdammt, das stimmt.Danke für den Hinweis. Da sich das nicht korrigieren läßt – es sei denn, Tom oder Roberto sind so nett.
. . kann ich nur hoffen, daß Dein Beitrag gelesen wird.

Einen schönen Sonntag 🙂

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

Wenn alle, denen die neoliberale Katastrophe Angst machen würde, links wählen würden, wäre wohl eher eine Lösung des Problems in Sicht, aber leider bewegen sie sich nach rechts, und spielen den Psychopathen in die Hände.

Diese Tendenz, ab einer bestimmten Phase verfestigter sozialer Angst rechts zu wählen, hat Bontrup in seiner Rede auch angesprochen.
Das scheint vorhersehbar zu sein, auch wenn es irreal ist und an der Ursache der existenzbedrohenden Situation nichts ändert.

Psychopathen sind nicht normal, aber sind sie krank in dem Sinne, daß sie leiden oder Hilfe brauchen? Wohl eher nicht. Auf jeden Fall sind sie anders.

Abnormes Verhalten wie bei Soziopathen, besondere Macht auszuüben und sich ihre Einzigartigkeit beweisen zu müssen, würde ich schon als pathologisch, also krank bezeichnen, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht.
Offensichtlich leiden sie unter der Vorstellung, ihre Dominanz zu verlieren und ganz „normal“ zu sein, was nie zu einer Sättigung führt und sie antreibt, immer noch mehr zu wollen.
Man könnte nun trefflich darüber spekulieren, ob sie in ihrer Entwicklung keine Chance hatten, richtiges Sozialverhalten zu lernen, was ich für sehr wahrscheinlich halte, aber Tatsache ist, dass sie brandgefährlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sind, gerade weil sie sich als „über ihr stehend“ betrachten.
Man muss sie unter Kontrolle haben und gerade das gibt unser kapitalistisches, pseudodemokratisches System nicht her.
Da wird solch radikaler Egoismus eher als Erfolg bewundert und gesundes Sozialverhalten als Schwäche ausgelegt, weil damit kein ökonomisch höherer Status erreicht werden kann.
Der Wert eines Menschen wird zunehmend durch sein Haben bestimmt, als durch das Sein.
Vermögen und Macht haben faktisch den gleichen Stellenwert, wie eine „Tapferkeitsmedaille“ im Krieg.
Wer nichts hat, gilt als „wehrkraftzersetzend“ bzw. „fahnenflüchtig“ und damit als bedrohlich, weil er angeblich leistungslose Teilhabe will, die den „erfolg“ der Soziopathen schmälert.

Pentimento
Pentimento
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

@Robbespiere

Ich habe mir Bontrops Rede angehört. In den 90er Jahren habe ich mit einer Therapeutin gesprochen, die damals mit rechten Straftätern arbeitete. Sie sagte, deren Motivation sei Angst.

„Der Wert eines Menschen wird zunehmend durch sein Haben bestimmt, als durch das Sein. . . .“

Da klingt das Gerede von „unseren Werten“ besonders hohl. Dasselbe glaubten vor ein paar hundert Jahren die Calvinisten. Trotzdem konnte sich später der Sozialstaat entwickeln. Schöner Beitrag, Danke.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pentimento
3 Jahre zuvor

Dieser Artikel ist auch recht treffend in Bezug auf das pathologische Verhalten der Oberklasse:

https://www.rubikon.news/artikel/der-wahnsinn-der-milliardare

Mannomann
Mannomann
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

Wenn „links“ als Prototyp zur Wahl stehen würde: Solidaritat, freies Meinen und Denken, Gemeinschaft, Schutz der Schwächeren, Gemeinwohlökonomie, Allmende, familial, etc pp dann käme „links“ auf eine uberwähltigende Mehrheit!
Doch die Linke und die aich als links verstehenden Politiker, Medien, …Institutionen werden nicht als authentisch angesehen,….. Wie denn auch?!?!

ChrissieR
ChrissieR
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

Genau den Artikel hatte ich auch gelesen und hatte sofort die Assoziation „Politiker“ und die wissenschaftliche Begründung des Spruches: „Dem haben sie wohl ins Gehirn geschissen…“
Alloah
Christine

Pentimento
Pentimento
Reply to  ChrissieR
3 Jahre zuvor

*LOL!* 🙂

Geht nichts über den Volksmund.

Schweigsam
Schweigsam
3 Jahre zuvor

Hm, das klingt mir nach Resignation und danach dafür Antworten zu finden. Wir können sagen, schreiben was wir wollen das derzeitige politische Establishment erreichen wir einfach nicht. Die Menschen da draußen im Land sind schon lange ohnmächtig und viele von ihnen sind auch mittlerweile politisch Orientierungslos. Was können wir oder die Linken tun? Visionen für die Menschen da draußen halte ich für einen guten Ansatz. Aber das genügt bei weitem nicht! Denn die Elite wird nicht zusehen wie sich langsam die Masse gegen sie formiert. Wenn wir diesen Kampf gewinnen wollen (und wir befinden uns in einen Kampf gegen die Eliten) dann müssen wir auch bis zu ihnen durchdringen, sie aus ihr Schattendasein herausholen, sie kenntlich machen, ihnen ein Gesicht geben! Um einen Gegner zu besiegen, muss man ihn kennen. Es genügt eben nicht m. E. sich immer nur an die „Statthalter“ abzuarbeiten. Das wäre zumindest was kritischer Journalismus aus meiner Sicht u. a. machen könnte. Natürlich kann das nicht ein Blog wie dieser allein bewerkstelligen.

Pentimento
Pentimento
Reply to  Schweigsam
3 Jahre zuvor

Moin Schweigsam,

Die Medien sind das Problem. Da sind aber die sozialen Medien und Blogs, wo sich schon viel tut. Deswegen tun die Eliten, was sie können, um diese Möglichkeit auszuschalten. Das Bewußtsein über die Drahtzieher hinter den Marionetten ist schon seit Macron gewachsen. Sie bekommen ein Gesicht. Gerade die Merz Kandidatur läßt viele Menschen aufhorchen. Die Eliten müssen sehr nervös sein, wenn sie sich nicht einmal die Zeit lassen, langsam und unauffällig ihre nächsten Puppen aufzubauen.

Resignation ist verständlich. Auch das ist bewußt gesteuert. Ein sanktionierter Hartz IV Empfänger braucht seine Energie zum überleben. Da fehlt schon die Kraft und vor allem der Mut, überhaupt an einen Ausweg zu glauben. Uns fehlt ein Jeremy Corbyn. Aber wir haben die #aufstehen Bewegung!

Tom hat recht wir brauchen Visionen und Geschichten, Vorstellungen, die das Ziel einer Veränderung sein können. Wir sind die einzigen Lebewesen, die mit Phantasie und Bewußtsein begabt sind. Das ist Hoffnung. Robbespiere hat recht: vielen geht es noch zu gut, und sie hoffen, davon zu kommen. Aber irgendwann werden es zu viele, die mit dem Rücken zu Wand stehen.

dors Venabili
dors Venabili
3 Jahre zuvor

Danke, danke, danke, dass Du nicht das Modewort „Narrativ“ gebraucht hast. Jeder scheint es heute zu benutzen , schneuzt einmal rein und schmeisst es weg…

RKL
RKL
Reply to  dors Venabili
3 Jahre zuvor

Der Tom hat „Narrativ“ bereits verständlich in der Überschrift verwendet. Mehr als Erzählung / Erzählungen meint
die Narretei nicht. Soll immer wichtig klingen, wie auch die abgedroschene „Authentizität“, die Unverstelltheit meint.

Ist ja nicht so wichtig…..Wenn man hunderttausend Leser hat, darf man zehntausend von denen mit Soziologendeutsch
aus den Texten werfen. Wer braucht schon Leser ? Diese Lästlinge sollen Fernsehen glotzen !

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

@RKL

Mehr als Erzählung / Erzählungen meint die Narretei nicht.

Das wäre eine Verharmlosung, denn diese Art „Erzählung“ dient nicht der Unterhaltung, sondern um von der Machtelite gewünschte Denkweisen ins Gehirn einzubrennen wie Emaille auf Blech.

Pentimento
Pentimento
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

@Robbespiere

Leuchtet ein. Ich lese immer gern, was Du schreibst.

RKL
RKL
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

Nein ! Was da erzählt wird oder werden könnte, ist offen.

Darauf einen Narrhalla Marsch

https://www.youtube.com/watch?v=U-2DFOyUDAc

RKL
RKL
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

Nicht mit dem Helenenmarsch von Opa Hoppenstedt verwechseln !!

https://www.youtube.com/watch?v=4ZKtqz4fzDQ

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

@RKL

Du meinst so wie die Erzählung von TINA, der Alternativlosen, oder der Globalisierung, die Wohlstand für Alle im Gepäck hat?

Offen ist lediglich, wann die Narren tief genug gesunken sind, bis auch der letzte merkt, dass er die Hauptrolle in der Erzählung vom „kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern“ spielt.

RKL
RKL
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

Das schreibt der Tom ja, dass es außer der alternativlosen Geschichten keine Erzählungen gibt,
das der Weg des geringsten Widerstandes nun ausgetreten ist.

Frei nach Einstein lassen sich Probleme niemals mit der selben Denkweise beheben, die sie verursacht haben.

Die müssen alle weg !

Erneueruuunnggg !

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

@RKL

Die müssen alle weg !

Aber wohin?
Wer nimmt uns die ab?
Darf Gammelfleisch in Lasagne, nur weil es mal gewiehert hat wie ein Pferd?
Hier stößt kapitalistische Verwertungslogik knallhart an ihre Grenzen. 🙂

RKL
RKL
Reply to  Robbespiere
3 Jahre zuvor

Die kommen in die Suppe ……. Suppe wird weggekippt …….

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

@RKL

Auch ne Idee.
Eine gute Hühnerbrühe macht man für gewöhnlich aus älteren, zähen Legehennen, nicht mehr zart im Fleisch, aber kräftig im Geschmack und da hat der berliner Hühnerhof einiges zu bieten.

Pentimento
Pentimento
Reply to  RKL
3 Jahre zuvor

@RKL

Ein authentisches, kompromißloses Narrativ . . .

🙂

Frau Lehmann
Frau Lehmann
3 Jahre zuvor

Danke, Tom, für diesen Artikel.
Ja, wir brauchen neue Erzählungen, wenn sich etwas ändern soll. Aber solche Erzählungen brauchen sehr viel Zeit, ehe sie in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommen, weil die Köpfe der meisten Menschen in unserer Gesellschaft besetzt sind von den alten Erzählungen. Diese bröckeln zwar, weil immer mehr Menschen enttäuscht werden, aber den Ausweg suchen die meisten dennoch auf herkömmlichem Weg: härter werden gegen sich und alle, die der Erfüllung der eigenen Wünsche im Wege stehen, weil Erfolg eben noch immer eine persönliche Sache und größtenteils materiell konnotiert ist. So haben es die meisten doch gelernt.
Ich habe die Hälfte meines Lebens in einem anderen Land gelebt, in dem es eine andere Rahmenerzählung gegeben hat. Auch wenn diese nicht zu Ende erzählt wurde, an die (für mich) neue kann und will ich mich nicht ohne Widerstand gewöhnen. Für mich ist Demokratie etwas anderes als das, was in diesem Land als Theater aufgeführt wird, Freiheit ist mehr als Reisefreiheit und Meinungsfreiheit. Wie ist es um die Freiheit des Denkens bestellt, wenn unser Rahmen durch die sogenannten Sachzwänge und das Gerede von Alternativlosigkeit immer enger gesteckt wird? Was heißt denn links wählen in der derzeitigen Situation? Alle Parteien, die sich links nennen (und die SPD zählt sich ja wohl auch noch dazu) agieren in demselben engen Rahmen, in dem alle agieren. Ein paar soziale Forderungen (und meist bleibt es bei den Forderungen, weil die Sachzwänge ja eine Erfüllung nicht zulassen oder es unbezahlbar ist) oder kleine Geschenke ändern doch am Diktat der Wirtschaft und der unsäglichen Erzählung vom alles regelnden Markt nichts. Worin unterscheiden sich die Bundesländer, die von grün oder links regiert werden von denen, die von CDUCSU regiert werden? Warum soll ich dann grün oder rot wählen? Alle sind systemrelevant. Und dieses System ist die Erzählung, die nicht verändert werden darf und an die die meisten Menschen trotz allem glauben. Alle gesellschaftlichen Alternativen wurden und werden diskreditiert, als Feindbild in Stellung gebracht.
Die Bildung verkommt zur Anpassung an wirtschaftliche Erfordernisse. Darauf werden schon die Kinder getrimmt und die Eltern haben Angst, dass ihre Kinder versagen könnten und tun alles, um das zu verhindern.
Ein System, in dem der Wettbewerb jeder gegen jeden als Allerheilmittel für Fortschritt und Wachstum, (wirtschaftliches) Wachstum wiederum als einzige Idee, Wohlstand zu mehren (oder zu erhalten), Profit als privater Erfolg und Versagen individualisiert oder verstaatlicht wird – wie viele Gewinner produziert solch ein System und wie viele Verlierer?
Die Ungleichheit ist gewollt, weil sie „uns“ aktivieren, Ansporn sein soll, um das Märchen vom Tellerwäscher aufrecht zu erhalten, der, wenn er nur fleißig genug ist, zum Millionär werden kann. Und diese Erzählung wirkt noch immer. Das ist der Bedeutungsrahmen in unseren Köpfen, das Weltbild, das nicht von heute auf morgen verschwinden wird. Und dieser Bedeutungsrahmen ist so eng geworden, dass kein Platz mehr ist für andere Ideen vom Leben. Als Schröder sagte, dass es keinen Platz für Faulenzer in unserem Land gibt, hätte er auch gleich sagen können, kein Platz mehr zum Leben.
Mit unseren Kindern müssten wir anfangen, wenn wir etwas ändern wollen, und unseren Bedeutungsrahmen selbst erweitern. Das schafft keine der etablierten Parteien (wollen sie auch gar nicht), auch nicht die außerparlamentarische Bewegung „Aufstehen“. Für mich ist diese Bewegung ein Symptom der politischen Krise, die fast schon witzig ist: Da gründen Vorsitzende/Mitglieder einer Partei, deren Aufgabe es doch ist, Politik zu gestalten, eine außerparlamentarische Bewegung, die ihre mitgestaltete Politik dazu bewegen soll, etwas zu verändern?
Ich erinnere mich an die 250000 Demonstranten gegen das Freihandelsabkommen TTIP und die politischen Reaktionen darauf: Ignoranz und Diskreditierung der Demonstranten. Genau das führt zu Desillusion.
Ich kenne einige durchaus interessierte junge Menschen, die gerne denken und diskutieren, sich von der Politik jedoch aus Resignation völlig abgewendet haben. Die tauchen dann in ihre eigene Welt ab und verbringen ihre Freizeit mit Computerspielen. Die meisten aber träumen tatsächlich noch von Familie und eigenem Häuschen und einem Beruf, der es ihnen erlaubt dann mit 50 in den Ruhestand gehen und sich vielleicht mal einen Porsche leisten zu können.
Auf 3Sat lief mal eine schöne Dokumentation: „Oasen der Freiheit“, in der es um Anarchismus in der Vergangenheit und heute geht. Die könnte durchaus als Anfang einer neuen Erzählung durchgehen, zumal darin mit der gängigen Vorstellung von Anarchie aufgeräumt wird. Die Redaktion der Studierenden war allerdings eher niederschmetternd, weil die wenigstens sich diese Ideen und deren regionale Umsetzungen wirklich vorstellen konnten. Die systemrelevante Erzählung funktioniert also noch bestens.

R_Winter
R_Winter
Reply to  Frau Lehmann
3 Jahre zuvor

@Frau Lehmann

Deine Ausführungen/Feststellungen/Fragen sind treffend.

Auch ich war mein halbes Berufsleben „Ausländer“ in einigen Kulturkreisen und habe erfahren, dass es immer mehre Alternativen gibt.
Wir leben in Deutschland und dieses Deutschland hat sich vom Kapitalismus (der fast ehrlich war, in seinem Gewinnstreben) in 30 Jahren zum Neoliberalismus gewandelt, der vorgibt „moralisch zu sein, indem er den Menschen Schuldgefühle in fast allen Bereichen vorgibt“ (Google, Facebook, Microsoft, Apple usw, usf,).
Leider sind fast alle Parteien auf dieses Zug aufgesprungen und sind deshalb fast nicht mehr unterscheidbar.

Sahra Wagenknecht will es ändern und hat den Mut dieses zu ändern.
Sie hat #aufstehen gegründet und versucht aufrechte Personen und viele Mitstreiter (inzwischen fast 160.000) ins Boot zu holen.
Es ist m.M.n. der letzte Versuch in Deutschland die neoliberale Front zu brechen und darum ist Deine Feststellung nicht zu Ende gedacht:

Das schafft keine der etablierten Parteien (wollen sie auch gar nicht), auch nicht die außerparlamentarische Bewegung “Aufstehen”. Für mich ist diese Bewegung ein Symptom der politischen Krise, die fast schon witzig ist: Da gründen Vorsitzende/Mitglieder einer Partei, deren Aufgabe es doch ist, Politik zu gestalten, eine außerparlamentarische Bewegung, die ihre mitgestaltete Politik dazu bewegen soll, etwas zu verändern?

Auch ich habe Zweifel, denn es fehlen die Milliarden €, die z.B. Macron in Rücken hatte, seine neoliberale Bewegung innerhalb eines Jahres aufzubauen.
Unterstützen wir Wagenknecht und ihre vielen Mitstreiter – es ist wohl der letzte Versuch, bevor wir von der Internetüberwachung total im Griff sein werden.

Frau Lehmann
Frau Lehmann
Reply to  R_Winter
3 Jahre zuvor

@R_Winter
Ich habe mich #aufstehen ja auch angeschlossen, weil ich weiß, dass etwas passieren muss.
Aber auch Sahra Wagenknecht bedient die alte Erzählung einer sozialen Marktwirtschaft, von der alle Menschen profitieren können. Die gibt es aber nicht mehr, weil wir sie uns, so wird suggeriert, nicht mehr leisten können.
Ich befürchte, mehr als kleine und befristete Zugeständnisse seitens des Kapitals und der Politik wird es nicht mehr geben. Und wenn sich auf diese Weise die Gemüter wieder beruhigt haben, gibt es neue Vorstöße an anderer Stelle und wieder und wieder, bis wir uns gewöhnt und noch mehr Angst vor Veränderung haben, weil es nie besser wird, oder es richtig kracht oder die Gesetze so weit verschärft werden, dass legal kaum noch Widerstand geleistet werden kann. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, aber wenn ich mir die Entwicklungen so ansehe, würde ich manchmal lieber einfach abtauchen. Die Frage ist nur, wohin?

Pentimento
Pentimento
Reply to  Frau Lehmann
3 Jahre zuvor

Ins innere Exil?

Mannomann
Mannomann
3 Jahre zuvor

Ich reagere ja immer allergisch -schulbildung- wenn man dingen, sachen Fähigkeiten zuschreibt! Der Kapitalismus macht, der Neolberalismus tut… der Tisch geht einkaufen.

Ich bin Politikerverdrossen, incl deren „geschlossenen Echokammersystrmen“….
Man könnte feiern bis zum Abwinken…so als Souverän!
Über 25 Jahre Politikerverdossenheit, jubileee!!
Über 25 Jahre Scheidung vom alten Journalistenheini!
Über 25 Jahre „Bildung für die Tonne“ Bildung!
Über 25 Trennung vom Typen, der sich Experten nannte (oder wenn er besonders viel Viagra geschluckt hatte: Weise!) aber nen Looser war, Totalversager!

Ja: Silberhochzeiten ohne Ende mit dem Schrott….. Und noch viel schlimmer: ü25 Jahre wo man merkte: als Souverän rennst, tust, ehrenamtes, wählst wie blöd…. aber das was sich tun müsste, das was Politik nämlich ist: gegensteuern, überhaupt steuern, Mutter Natut und Gemeinwohl mit Zähnen und Klauen verteidigen (geht ja wie Kohl säuselte um die Zukunft unserer Kinder), knallhart den Psychopathen sagen wo derHammer hängt! (Politik wird tag für tag in Familien, Nachbarschaften im Fußfeld gemacht….. Oben wird nur rumgetrickst! Leider gen Abgrund!)
All dat Politisieren kriegen unsere Hohlköpfe nicht hin….
Und
25 Jahre haben gezeigt: Auswechseln, neuen Hohlkopf durch den Alten ersetzen bringt nix!

Mannomann
Mannomann
Reply to  Mannomann
3 Jahre zuvor

Es ist wie das „geschlagen Frauensyndrom“: immer wieder kommt Typ angekrochen, Blumenstrauß inner Hand und verspricht: nie wieder und kaum haste dem den neuen Hausschlüssel gegeben, langt der dir wieder eine weil du seine passende Biermarke nicht eingekauft hast…. Beim nächsten mal wars das nicht schnell genug essen gemacht ….

Das Problem: Ehe kannste scheiden! Der Scheidungskrieg Fußvolk und staatl.Institutionen ‚: „bis dass DEIN Tod uns scheide!“

ChrissieR
ChrissieR
Reply to  Mannomann
3 Jahre zuvor

Dann beantrage ich die Scheidung von der BRD!