Gern ein bisschen Spießigkeit

Alltagsliberalismus heißt: Jeder kann machen was er will. So interpretieren wir Freiheit mittlerweile. Aber wie war das noch gleich mit den Grenzen des Nächsten, die man nicht überschreiten soll? Wie der Wirtschaftsliberalismus gehört auch der Toleranzliberalismus reguliert.

Stephan Hebel ist ja nun wirklich nicht Hegel – vom Schwierigkeitsgrad her. Zum Glück. Trotzdem musste ich beim ersten Absatz eines Kapitels seines aktuellen Buches beständig neu ansetzen. Sein Gedankengang mochte sich mir nicht erschließen. Das hatte allerdings nichts mit dem Autoren zu tun, sondern mit der jungen Frau, die mir in der U-Bahn direkt gegenüber saß. Sie telefonierte krakeelend – und das in einem zugleich larmoyanten Ton, der einen direkt in Mark und Bein und in die Konzentration fuhr. Ohne Unterlass quatschte sie auf ihre Gesprächspartnerin ein. Die arme Frau kam in dem Trommelfeuer kaum zu Wort. Ich weiß, dass es eine Frau war, weil sie sie wiederholt mit Jane ansprach.

Jane bekam alles brühwarm erzählt von einem »Arschlochmacker«, wie sie ihn nannte, der auf Arbeit nicht so will, wie sie es sich vorstellt, weissu. Außerdem sei der Typ voll daneben, den würde sie nie an sich ranlassen, ischwör. Aber neulich hatte er sie wohl angegraben, weissu mich, krass ausgerechnet mich. Schau dir den Spacken doch nur an und dann mich, Alda! So ging es fortwährend, den Satz von Hebel kriegte ich indes nicht verarbeitet. Isch bin gleich da, Schätzchen, dann erzähle ich dir alles. Mittlerweile starrte ich sie an. Nicht mal böse, eher konsterniert. Mir wollte einfach nicht in den Kopf, wie sich Menschen in aller Öffentlichkeit so bescheuert benehmen können. Sie stand auf, ging zum Ausgang und hatte ihr Mobiltelefon immer noch an die Ohrmuschel geklebt und laberte und laberte und laberte. Sie tut es vermutlich heute noch. Selbst als sie an der Station ausstiegen war und an dem Fenster vorbeiging, hinter dem ich hockte, hörte ich sie noch sabbeln. Jane konnte einem wirklich leidtun, sie würde es gleich faustdick aufs Trommelfell kriegen.

Drei, vier Fahrten später. Noch immer steckte ich meine Nase in den neuen Hebel. Den Absatz hatte ich lange hinter mich gebracht. Er war letztlich vollkommen belanglos, beinhaltete keine zentrale Botschaft oder so, aber weil mich Janes Freundin nachhaltig aus meiner Konzentration holte, bekam ich nicht mal den gebacken. Und nun versucht es ein Kerl, etwas jünger als ich. Er saß eine Reihe weiter, diagonal zu mir und starrte in sein Mobiltelefon, aus dem Musik krächzte. Eine ganz billige Elektropop-Nummer, die den halben Waggon erfüllte. Bei Musik kann ich lesen – gar kein Problem. Sprache will ich zwangsläufig verstehen, kann ich nicht ausblenden. Aber mein Dienst kurz davor war beschwerlich gewesen, gerade waren mir Menschen nicht genehm, jedenfalls keine, die meine Kreise stören. Die Musik ging mir auf die Nerven, ich sagte trotzdem nichts. War zu müde und dann ist da ja auch immer diese Frage: Ist das nicht normal? Muss man das ertragen können?

Kann man sich mittlerweile nicht einfach unbeschwert entfalten wie man mag? Ich meine, auch ich könnte mein Handy anwerfen und mit Jim Morrison um die Wette quinkelieren. Irgendwas von Mercedes Sosa habe ich auch drauf. Wann immer ich will: Ich kann. Darf man das auch? Knigge ist doch ein alter Hut, was für Spießer, oder nicht? Wieso beschäftigt mich diese Frage so? Weshalb fühle ich mich so unwohl, wenn ich unter Menschen im Großstadtgetriebe unterwegs bin und ich kurz ans Telefon gehe? Andere erzählen ihre ganze Vita in das kleine Rechteck und sehen dabei sichtlich entspannt aus.

Eine andere junge Frau neulich, die hat beides kombiniert. Sie hat wechselweise telefoniert und Videos geguckt und herzlich dabei gelacht – also bloß beim Video gucken, beim Telefonieren hat sie sich bitter über ihr beschissenes Leben beklagt. Dabei kippte ihr fast die Prada-Handtasche vom Schoss. Für den darin enthaltenen Chihuahua wäre das eine ganz beschissene Wendung in seinem Leben gewesen. Dann legte sie auf, verabschiedete sich nicht und starrte wieder auf das Display, nur um danach wieder zu telefonieren. Mit jemanden, der grußlos auflegt wie sie, würde ich kein Wort mehr am Telefon wechseln wollen. Aber diese Unart ist wohl Usus geworden – beim Dienst telefoniere ich auch nicht wenig, da gibt es echt seltsame Riten, die Leute an den Tag legen. Aber das passt jetzt gar nicht hier her. Vielleicht beizeiten mehr darüber.

Ich meine, wir leben in einer liberalen Gesellschaft. Man kann tun und lassen was man will. Heißt es. In einem gewissen Rahmen klingt das sogar verheißungsvoll. Konventionen haben sich allerdings mehr und mehr abgenutzt; dass man etwa dies oder jenes aus Gründen des Anstandes nicht tut, hört man nur noch selten. Anstand – ich bitte Sie, wer fragt denn heute noch danach? Wir sind toleranzliberal, wir nehmen hin, auch dann noch, wenn die Grenzen des Nächsten, der ja wir selbst sind, schon längst überschritten werden. In puncto Wirtschaftsliberalismus halten wir es doch nicht so viel anders. Da schlucken wir auch.

Wobei man jetzt schon streiten kann: Ist das schon ein Grenzbruch, wenn jemand in den öffentlichen Verkehrsmitteln seit Privatleben in einer Lautstärke ausbreitet, dass man sich als Unbeteiligter unbehaglich fühlen muss? Kann man das schlucken oder schlucken wir es alle bloß, weil es in unserer toleranzliberalen Gesellschaft diesbezüglich keine Konventionen mehr gibt, die ein solches Verhalten verurteilen oder es gar moralisch ruchbar machen? Brauchen wir nicht eigentlich ein Telefonverbot in öffentlich-abgeschlossenen Räumen wie U-Bahn und Wartehallen?

Spießig so ein Verbot, oder nicht? Das ist so Fünfziger und Sechziger. Da kommt er halt mal wieder durch, der deutsche Ordnungsmensch und anale Zwangscharakter im halbspanischen Verfasser. Man kann sich letztlich nicht verleugnen, ist wer man ist. Aber was ist denn so schlimm an mancher Spießigkeit? Ich meine, Liberalismus ist durchaus ein ausgezeichnetes Schema. Man muss ihn sich aber leisten, d.h. ertragen können. Wer nicht von den wirtschaftsliberalen Eskapaden betroffen ist, oder besser, wer ihr Nutznießer ist, der kann auf diesem Feld gut den Liberalen raushängen lassen. Alle anderen wünschen sich aber auch Einschränkungen, Verbote und Regularien, die ein Überschreiten der Grenzen erschweren oder unmöglich machen.

Wer einen Hang zur lauten Musik oder zur Sozialtherapie in der U-Bahn hat, der hat gut lachen. Alle anderen erbitten freundlichst Rücksichtnahme. Und die kriegt man nur spießig verwirklicht. So ein Handyverbot in der U-Bahn, ein eingeschränktes Verbot mit gutem Willen, das SMS und andere Messenger bei anhaltendem Abstellen des Gebimmels erlaubt: Das nenne ich einen aufgeklärten Liberalismus. Denn bei dem Begriff schwingt immer auch die Grenze der Mitmenschen mit, an die man gerät. Und da nicht drübersteigen: Das ist ein zivilisatorisches Gebot! Von mir aus durch Verbot.

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51 Kommentare auf "Gern ein bisschen Spießigkeit"

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Iphigenie auf Tauris
Gast

Eine andere junge Frau neulich, die hat beides kombiniert.
Sie hat wechselweise telefoniert und Videos geguckt und herzlich dabei
gelacht

Es soll jetzt so genanntes Pussy Slapping als Webtrend geben . Dabei
schlagen sich Frauen in der Öffentlichkeit gegenseitig auf den Venushügel,
filmen das und kichern dabei.
Ein Psychologe beurteilte das Pussy-Slapping als die symbolische
Destruktion der Fortpflanzungsorgane einer Konkurrentin.

Lautes Telefonieren und Scheppermusik ist nicht das Schlimmste
was Unbeteiligtem mit Tussis in der U-Bahn zustoßen kann.

trackback

[…] soll? Wie der Wirtschaftsliberalismus gehört auch der Toleranzliberalismus reguliert.Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Der geizige kleine Bruder der Blockwarte Die »Junge Freiheit« gilt gemeinhin als […]

ThomasX
Gast

Echt jetzt?! Nix Wichtiges? Nur Gedanken zu „unpassenden“ menschlichen Verhaltensweisen – dabei ist letzte Nacht wieder so viel Spannendes, Politisches, Gesellschaftliches, Neuländisches und Rebellisches passiert.

Wann kommen hier die Kochrezepte und Tierhaltertricks? 😉

Jan
Gast
Schade, Sie scheinen den tieferen Sinn nicht verstanden zu haben. Es wird ja immer so gerne auf links und rechts eingeschlagen, dabei hat auch der Liberalismus eine extremistische Seite, wenn Leute glauben, sie könnten sich alles erlauben, weil es ja ihr Recht auf persönliche Freiheit ist. Das man damit andere stört interessiert nicht. Es ist ja auch mein neoliberales Recht beim Konsum das maximale für mich herauszuholen, ist doch egal, ob die Textilarbeiterin in Bangladesch schlecht bezahlt wird und wegen mangelndem Brandschutz drauf geht, ich habe die Freiheit mich möglichst billig nach der neusten Mode zu kleiden. Und dabei geht… Read more »
Anton
Gast

Roberto:: Danke, dass Du hier mal auf ein Buch verweist! Hebel ist so eine Sache, er wollte in einem Buch vor der Wahl der AFD warnen, forderte aber noch mehr Einwanderung als 2015, so wird es nicht mit der Warnung!Handyverbot, schwer umzusetzen.Fahre mal morgens früh mit dem Bus, jeder drückt am Handy, fast keine Person liest ein Buch usw. Es geht um Anstand und Rücksichtnahme.

https://www.amazon.de/geehrter-AfD-W%C3%A4hler-w%C3%A4hlen-nicht-ungl%C3%BCcklich/dp/3864891701/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1498293437&sr=8-3&keywords=stephan+hebel

Anton
Gast

Nachtrag: Wer den Staat nur als Versorgungsinstanz, nicht als Regelsetzer und Gewährleister der inneren Sicherheit versteht, hat mit Verfall und selbst öffentlicher Kriminalität kein Problem! Nur soziale Sicherheit ist zu wenig, innere Sicherheit ist genauso wichtig!

plingplong
Mitglied

Ich bin da voll beim Autor!
Ich finde gemäßigtes Musik hören oder in der Bahn duchaus okay. Aber wenn man das Gespräch/die Musik noch fünf Meter weiter hören kann, ist es mit meiner Toleranz vorbei.
Zumal es dann noch pure Komik ist, wenn man die Leute auf ihr lautes Organ anspricht. Da brüllen grad die Uschis alle „Privatsphäre!“ und man „müsse ja nicht zuhören“
Ähh, ja, eben doch! 😀

GrooveX
Mitglied

ja, so sind sie, die weiber, in der öffentlichkeit! betrachten den public space als ihr wohnzimmer, in dem sie alles zuquatschen können – weltweit. das kann doch wohl nicht wahr sein! schrecklich ist das, ich sag’s euch.

und nur wegen denen müssen wir noch spießiger werden! können sie sich nicht einfach etwas zurückhalten, damit unsere spießigkeit nicht allzu deutlich sichtbar wird? ich weiss auch nicht…

NUN REISST EUCH MAL ZUSAMMEN!!! SO SCHWER IST DAS DOCH NICHT!!!
echt jetzt, oder so.

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