Podcast mit Patrick Breitenbach: Der Tisch, der Krieg und die Medien

Berichten die Medien objektiv? Können oder müssen sie das überhaupt? Nicht erst, seitdem Begriffe wie „Lügenpresse“ oder „Lückenpresse“ die Runde machen, steht die Berichterstattung in der Kritik. Die Erfindung der sozialen Medien macht die Sache auch nicht einfacher.

Im Podcast mit Patrick Breitenbach nähern wir uns dem Thema einmal auf wissenschaftlicher Basis. Aus der Perspektive des Konstruktivismus.

Wer konstruiert denn da? Und was?

Gibt es etwas „da draußen“? Ist die Wirklichkeit etwas, das wir passiv wahrnehmen, beobachten, das also „einfach da“ ist? Oder konstruieren wir durch unsere Sinne die Wirklichkeit? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Konstruktivismus, eine Erkenntnistheorie, die so etwas wie „Wahrheit“ sehr kritisch sieht. Weil sie davon ausgeht, dass wir die Welt, wie wir sie sehen, erschaffen und errechnen, aus sozialen Beziehungen heraus ein Bild konstruieren, auf das wir uns einigen.
Oder eben auch nicht einigen, wie ein Blick auf die Berichterstattung der Medien zeigt.

Der Aufbau des Podcasts

Da der Podcast länger als 90 Minuten dauert, lohnt sich eine kurze Erläuterung des Aufbaus.

Zunächst geht es um eine Definition des Begriffes Konstruktivismus. Patrick Breitenbach (nähere Infos zu ihm am Ende des Textes) hat sich lange Zeit mit dem Thema beschäftigt und unter anderem mit seinem langjährigen Freund und Kollegen Dr. Nils Köbel einen Podcast dazu gemacht (ebenfalls weiter unten verlinkt). Er bezeichnet den Konstruktivismus als sein Lieblingsthema, was ihn natürlich zu einem ausgezeichneten Gesprächspartner macht.

Die erste Hälfte unseres Podcasts beginnt mit einer allgemeinen Definition, was Konstruktivismus überhaupt ist, sie führt uns danach kurz in die Welt der Quantenphysik und versucht, den Doppelspalteffekt zu erklären. Was für jemanden, der davon noch nie gehört hat, etwas sperrig klingen mag, wird interessant, wenn man bedenkt, dass gerade dieser Doppelspalteffekt die Wirklichkeit, wie wir sie zu kennen meinen, ins Wanken geraten lässt (zum Doppelspalteffekt ist am Ende des Textes ein erläuterndes Video verlinkt).

Um der Gefahr zu entgehen, die Hörer in den Wahnsinn verfallen zu lassen, verlassen wir danach die Quantenphysik und sprechen über die Eigenschaften eines Tisches, also eines ganz alltäglichen Gegenstandes. Und selbst dort zeigt sich, dass der Tisch an sich ein über viele Generationen aufgebautes Konstrukt ist, das so eindeutig, wie es scheint, eben doch nicht ist. Wir begeben uns dann in die Welt der menschlichen Wahrnehmung, befassen uns mit der Frage, ob psychisch kranke Menschen wirklich krank sind oder ob es nicht eher die Ärzte sind, die durch ihre Diagnosen Krankheitsbilder formen. Und zum Schluss des ersten Teils erörtern wir, wie die Leistungen von Schülern, Ratten und sogar Würmern (scheinbar) beeinflusst werden können – und zwar völlig unabhängig vor deren tatsächlichen Fähigkeiten.

Die mediale Wirklichkeit

Im zweiten Teil des Podcasts geht es um die Medien. Um deren Versuch, objektiv zu berichten und die Annahme, dass sie daran scheitern müssen. Wir sprechen über wirtschaftliche Prämissen, die sich auf die Art der Berichterstattung auswirken, aber auch über subjektive Meinungen der Redakteure, die über Dinge schreiben.

Anhand von Donald Trump und Martin Schulz versuchen wir, die Reflexe und Mechanismen der Medien zu analysieren. Wir sprechen darüber hinaus über Einfärbungen der medialen Sprache, also über die unterschiedlichen Wertungen vergleichbarer Ereignisse. Was auf der einen Seite als „Kampf für Gerechtigkeit“ kommuniziert wird, stellt die andere Seite als „aggressive Expansion“ dar.

Auch die AfD wird im zweiten Teil des Podcasts gestreift. Ihre Aufmerksamkeit, ihre Strategien, ihre Art zu provozieren und zu polarisieren. Die Medien stecken hier in einem Dilemma, was im Podcast besprochen wird.

Und die wirkliche Wirklichkeit, was ist mit der denn nun?

Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Das Ziel des Podcasts war in erster Linie, den Hörern die Annahmen des Konstruktivismus näher zu bringen und womöglich neue Perspektiven zu entwickeln, neue Ansätze, mit diesem komischen „Ding“ namens Wirklichkeit zu umzugehen.

Auch wenn man sich selbst nicht als Konstruktivist bezeichnen mag, kann der Ansatz, die Dinge einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, vielleicht helfen, den einen oder anderen Zusammenhang anders zu bewerten. Womöglich sogar, mit Bewertungen etwas weniger vorschnell zu sein. Oder auch nur zum Schluss zu kommen, dass Objektivität ein Maßstab ist, der wenig mit der subjektiven Erlebniswelt jedes Einzelnen zu tun hat.
Denn „objektiv“ betrachtet gibt es nur die eigene Subjektivität. Oder eben auch nicht.

Weiterführende Verlinkungen befinden sich unter den Audios.

Hier geht zur Soundcloud-Version:

Hier geht’s zur YouTube-Version:

Bild: M. C. Escher

Soziopod.de: Konstruktivismus

Patrick Breitenbach: Homepage

Doku: Quantenmechanik

Doku Bayern 2: Konstruktivismus

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40 Kommentare auf "Podcast mit Patrick Breitenbach: Der Tisch, der Krieg und die Medien"

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richard09
Gast

Off Topic

Hallo!
ich streite gerade mit einem Kumpel über Armut in Deutschland. Er will nicht gelten lassen, dass es in Deutschland „Armut“ gibt, sowas gebe es nur in anderen Ländern, bspw. Afrika. Er lehnt bereits den Begriff „Armut“ ab, wenn man über deutsche Verhältnisse redet.

Was ließe sich dem entgegen?

Danke im Voraus!

Mazze
Gast
Es gibt hier in Deutschland sehr viel Armut, relative Armut. Das ist so. Wenn er das nicht gelten lassen will ist er einfach ignorant oder dumm. Relative Armut heisst, man kann seine Grundbedürfnisse befriedigen, jedoch lebt man unterhalb der Hälfte des Durchschnittseinkommens. Bei Alg 2 Empfängern ist das noch weniger. So gilt zum Beispiel in Deutschland als relativ arm, wer maximal 50% des Medianeinkommens einer Bevölkerungsgruppe zur Verfügung hat. Es wird auch unterschieden zwischen einem „Armutsrisiko“ (auch „milde Armut“ genannt), das bei 60% des Medianeinkommens angesetzt wird, der eigentlichen Armutsgrenze, die wie gesagt mit 50% definiert wird, und einer „strengen… Read more »
Thrombo
Gast
Mazze hat dir das schon schön erklärt, obwohl ich bezweifle, dass dein Kumpel oder vielleicht sogar du etwas davon schnallt. Ich schlage dir vor, deinen Kumpel an die Hand zu nehmen und mal einen Spaziergang durch die nächst größere Stadt zu unternehmen. Dort werdet ihr sehen wie manche alte Leute Flaschen sammeln, um dann die paar Cent Flaschenpfand zu kassieren, ihr werdet Suppenküchen sehen wo Leute etwas zu essen bekommen die sonst hungern müssten sowie auch Leute die aus dem gleichen Grund anstehen, um Lebensmittel zu bekommen, die in den Supermärkten knapp vor dem Verfallsdatum stehen und deswegen gespendet werden… Read more »
Heldentasse
Mitglied
@richard09 Suche mit der Suchmaschine Deines geringsten Misstrauens nach „relative Armut“ und evtl. „Butterwegge“ dann ergeben sich viele Hinweise darauf, dass in Teutschland eigentlich kein Mensch verhungern muss, aber trotzdem die Gesellschaft tief gespalten wird weil die Armen nicht genügende teilhaben am materiellen aber auch geistig sozialen der Gemeinschaft. Wer jetzt brutalisiert genug ist, könnte postulieren „Solange die Habenichtse nicht verhungern, ist mir der Rest egal!“, aber ich denke selbst wenn man es nur aus rein egoistischen Motiven heraus betrachtet, sollten die Habenden daran interessiert sein die Habenichtsen teilhaben zu lassen. Sonst zerfällt irgendwann die Gesellschaft womöglich sogar bis hin… Read more »
Axel
Gast

Warum ist Bürgerkrieg schlecht ? Der Proletarier kämpft doch dann gegen die Elite, oder etwa nicht ?
Die Linke hat doch lange auf die Revolution hingearbeitet.

flurdab
Gast

Auch die geistige Armut ist in Deutschland weit verbreitet.
Sie scheint sich epidemisch aus zu breiten.

Axel
Gast

Will die Linke den Laden gar nicht aufräumen ? Dann ist die Linke ja nur eine SPD-light ?!
Dann kann man ja gleich den Schnulz wählen.

Heldentasse
Mitglied

Warum ist Bürgerkrieg schlecht ?

Gegenfrage: Warum habe ich nur manchmal das Gefühl, dass mindestens 200 Jahre der Aufklärung für die „Katz“ waren?

Axel
Gast

Du solltest lernen, dass du kein Maßstab, und vollkommen unwichtig bist !
Deine „Gefühle“ inklusive.

Axel
Gast

Soviel zur Aufklärung.

Mordred
Mitglied

weil krieg pauschal schlecht ist. befrage dazu die aktiven und passiven kriegsteilnehmer deines vertrauens.

richard09
Gast

Solange die Habenichtse nicht verhungern, ist mir der Rest egal!“

Genau das dürfte das Problem sein. Ich wüsste gerne eine geschickte Strategie, wie man diese Haltung knacken kann.

Und vielen Dank für die Antworten auch an Mazze und Trombo.

Heldentasse
Mitglied
@Jörg Vorweg , ein super Thema anspruchsvoll und informativ von euch dargestellt! Ich habe es zwar gerade erst mal angehört, möchte trotzdem schon ein wenig Kritik anbringen, weil es mir in erster Näherung sehr naiv erscheint das Standardmodell der Quantenphysik als „Kronzeuge“ des radikalen Konstruktivismus zu bemühen. Zum einen ist der Zusammenbruch der Wellenfunktion nur eine mögliche Interpretation des Modells, und zum anderen (wenn man denn der Kopenhagener Deutung im Kleinen folgt) ist es sehr gewagt diese Deutung des Mikrokosmos auf makroskopische Phänomene anzuwenden, denn die Vorgänge im Kleinen mittel sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Großen heraus, d.h. ganz praktisch… Read more »
Jared J. Myers
Gast
So, wie Patrick Breitenbach den Konstruktivismus versteht, landet er ganz schnell beim Poststrukturalismus von Derrida und Lacan und ihren „gleichberechtigten Diskursen“, frei übersetzt: Jeder kann im abstrakten Raum vor sich hin schwafeln wie er will; Hauptsache ist, dass er genügend Gläubige und „Like“-Klicker dafür findet und das Geschwafelte nicht sich selber widerspricht. Auch im Fall dauernder Widersprüche kann der Diskurs irgendwie gültig sein (siehe Trump); schließlich ist die Prädikatenlogik auch nur ein „Diskurs“. Das Ganze istz von Alan Sokal wunderbar auf die Schippe genommen worden. Wenn Herr Breitenbach mal einen Schritt weiter dächte (was er sicherlich getan hat), müsste er… Read more »
Heldentasse
Mitglied
Trotzdem ist die Konstruktion eines Raumes für unser Überleben sinnvoll, denn ohne das Abschätzenkönnen einer Entfernung zu einem Fressfeind oder einer Beute verlässt uns das Leben oder das Jagdglück. Also auch aus einer physikalischen Sichtweise ist es so, dass die Raum-Zeit ist sonst gäbe es uns nicht! Man kann natürlich eine Theorie formulieren, dass wen gerade niemand hinschaut sich die ganze großartige Schöpfung von fernsten Quasaren bis hin zur Planck- Länge, vom Urknall bis hin zur Gegenwart sich in unbestimmten Quantenschaum auflöst. Aber wenn es so sein sein sollte, wäre diese Theorie nicht widerlegbar und somit nach dem modernen Verständnis… Read more »
Rainer N.
Gast
Ach ja, das 4-dimensonale Raunzeitgefüge … existiert doch nur in unserer Wahrnehmung. Denn die Wahrnehmung brauchen wir, um uns im 3-dimensonalen Raum bewegen zu können, also nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, sonst … könnten wir uns nicht orientieren und in dem wahrgenommenen „System“ überleben. Wehe wir würden die Zeit nicht als nur in eine Richtung laufende wahrnehmen … wehe wir würden nicht kausale Zusammenhänge … die es ja in der Quantenphysik nicht gibt … ich befürchte, wir sind nur eine Simulation … so wie in „Welt am Draht“ … oder wie mache Inder glauben, dass wir nur ein Traum eines… Read more »
Axel
Gast

es gibt aber nun einmal Wissen, welches wir NIE erlangen können … weil unsere Sinnesorgane das nicht verarbeiten können … unsere Wahrnehmungen sind nun einmal begrenzt.

Dann sollten wir sämtliche Apparaturen von Fernrohr bis Teilchenbeschleuniger wegwerfen und hoffen das uns künftig nichts einfällt um unsere Wahrnehmung zu erweitern.

Rainer N.
Gast

Wir können unsere Wahrnehmungen nicht erweitern. Die sind durch unsere Sinnesorgane begrenzt.

Da also unser Auge Licht wahrnehmen kann, ist ein Fernrohr nur ein Mittel die Reichweite des Sehens zu erweitern. Aber auch da gibt es eine Grenze.

Ich habe extra geschrieben – Sinnesorgane das nicht verarbeiten können –

aquadraht
Mitglied

Naja, spätestens, wenn ich „Meme“ oder „evolutionäre“ (irgendwas) (letzeres ausserhalb von Biologie und Naturgeschichte) lese, geht bei mir der Bullshitalarm los, nicht minder, nebenbei gesagt, bei der ausserphysikalischen Verwendung quantenphysikalischer Fragestellungen

Lemmy Caution
Gast

Weltklasse!
Vielen Dank für diese tolle Podcast-Folge.

Andreas Säger
Gast
Ich habe den Konstruktivismus immer als eine Sammlung von halbgaren subjektivistischen Binsenweisheiten wahrgenommen. Vielleicht kommt das daher, dass ich durch Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ in den 80igern auf diesen Trip gekommen bin. Zu jener Zeit blühten alle Möglichen Arten von Esoterik und „Feel Good“-Wissenschaft. Die allumfassende Vereinigung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft war bei uns Babyboomern mit Studentenausweis ganz groß im Schwange, ganz besonders die völlig unverstandene Quantenphysik, Meme, morphische Felder und Tarotkarten in aller Munde und in den Bücherschränken. Selbstverständlich ist unsere Wahrnehmung so stark gefiltert, dass es einen Unterschied zwischen der Welt da draußen und unserer eigenen Welt gibt.… Read more »
Upp
Gast

Erstaunlich, wie die Würmer alleine durch die Behauptung innerhalb der Gruppe „selbsterfüllende“ Bestandteile einer gewünschten Wirklichkeit wurden. Kann man denn sagen, das Würmer Zuneigung/Ablehnung nicht wahrnehmen,oder die Mäuse wegen Käse besser wurden? Die Würmer hatten keine Sonderbehandlung in Sachen Futter, so hab ich das verstanden. Wäre interessant wie die Organismen der Kontrollierenden verändert waren. Körperwärme, Atem etc.
Toller Podcast!

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[…] in der Kritik. Die Erfindung der sozialen Medien macht die Sache auch nicht einfacher. Tom Wellbrocks Podcast bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein … Im Umgang mit Donald Trump […]

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[…] Claus Weselsky zum Beispiel hat eine Menge Vorarbeit gebraucht. Terminverschiebungen inklusive. Dem Podcast mit Patrick Breitenbach zum Thema „Konstruktivismus und Medien“ gingen Monate, ehrlich gesagt fast ein Jahr voraus. Und […]

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