Eine Richtigstellung

Schade eigentlich, dass um die Jahrtausendwende noch keiner daran dachte, Fake-News zu verbieten. Vielleicht hätte uns das Hartz IV und die Riesterrente erspart. Müsste man solche Folgen, Fake-Produkte also, nicht eigentlich auch auf den Prüfstand stellen?

Grundsätzlich ist es ja eine gute Idee, dass man Lügen verbietet. Grundsätzlich. Ist ja auch ein alter Menschheitstraum unter anderen, in einer Welt ohne Lüge leben zu können. In der Praxis wird es dann schwierig. Denn jede Äußerung, die spekulativ mit den Plänen der Regierung umgeht, die also vor dem geistigen Auge ausgebreitet wird, kann dann zum Fall für das Wahrheitsministerium werden. Denn was noch nicht ist, kann theoretisch potenziell wahr oder eben auch unwahr und somit ein Fake sein. Und solange das nicht geklärt ist, könnte man unliebsame Spekulationen ja mal auf die Fakeliste schieben. Für den »Postillon« sollten wir indes schon mal einen Rettungsfond einrichten. In der Praxis ist das also nicht ganz so praktikabel. Außerdem müsste man dann auch mal darüber reden, wie man mit den politischen und gesellschaftlichen Folgen von Fake-News umgeht, die dieses Land seit so vielen Jahren bestimmen.

Die Union möchte ja jetzt Facebook verpflichten, Fake-Meldungen mit einer Richtigstellung oder Gegendarstellung auszustatten. Das ist gar nicht so einfach. Man muss zunächst alles prüfen und dann muss man ja auch die Wahrheit kennen. Und an diesem Punkt sind wir schon bei einer alten philosophischen Frage, die heute immer noch aktuell ist: Was ist Wahrheit? Und heute fast noch wichtiger: Wer bringt sie wie in die Welt?

Wer brachte zum Beispiel die Wahrheit in die Welt, dass nur eine kapitalgedeckte Finanzierung der Rente die letzte Ausflucht aus der Altersarmut sein könnte? Diese Botschaft war schon ein Fake, als sie hier den politischen Diskurs erreicht hatte. Man sprach hier noch vom Riestern und von der Schaffung von Betriebsrenten im großen Stil, da war Enron schon zu einem Begriff geworden. Mit ein wenig Phantasie konnte man sich da schon ausmalen, dass ein Rentenmodell, dass sich den Höhen und Tiefen des Marktes aussetzt, nicht unbedingt ein Aushängeschild für Stabilität sein dürfte. Aber die Medien rührten munter weiter die Trommel und in jeder Talkshow hockte ein als Experte ausgewiesener Partikularinteressierter, der die Notwendigkeit des Umdenkens einforderte.

Das war alles ein riesiger Fake. Und auf der Grundlage dieses Fakes haben wir es als Gesellschaft zugelassen, dass das Vertrauen in die umlagenfinanzierte Rente erschüttert wird und dass unter freundlicher Renditenaussicht der Versicherungsgesellschaften ein dennoch staatlich subventioniertes Ersatzmodell installiert wurde, das man zu gewissen Zeiten sogar zur Zwangszusatzversicherung erheben wollte.

Bei der ganzen Agenda 2010 war das nicht viel anders. Welche Hiobsbotschaften setzte man uns vor! Arbeit sei zu teuer. Die Arbeitslosen wollten es angeblich bleiben. Man konnte ja so fein leben von der Stütze. Nur Fake-Nachrichten dazu. Auf allen Kanälen. Die wenigen Standhaften in der Sozialdemokratie, Leute wie Ottmar Schreiner etwa, wurden als die eigentlichen Faker hingestellt. Sie hätten nämlich die Wahrheit noch nicht erkannt. Hartz IV müsse sein. Und zwar genau so, mit all seinen Repressalien. Und noch weitere sollten folgen, denn man könne doch gar nicht hart genug gegen die Sozialschmarotzer vorgehen. Auf Grundlage von Fakes senkte man Unternehmenssteuern, löste die paritätische Krankenversicherung einseitig auf, schuf Erleichterungen für Arbeitsverhältnisse außerhalb der so genannten Normalbeschäftigung. Dort natürlich im untersten Lohnsegment. Man erleichterte es, sich Arbeitnehmer einzustellen, für die keine Sozialabgaben zu entrichten waren. Konnte sie nun schneller feuern und sparte sich Betriebsräte in kleineren Betrieben. Alles nur, weil gewisse arbeitgebernahe Kreise Gerüchte in die Welt setzten. Tatsachenfälschung betrieben. Weil sie faketen.

Mehr oder minder sind die Fakes, die seinerzeit in dieser gigantischen Reformlüge mündeten, als solche auch enttarnt. Selbst konservative Medien gaben das sukzessive zu. Ein konservativer Herausgeber fing sogar an zu glauben, dass die Linke recht hatte. Und nun? Wenn Fakes nun verboten werden, wie geht man dann mit den Resultaten aus dem Gefake weiter? Man kann doch das, was unter falschen Tatsachen eingeführt wurde, nicht einfach unberührt bestehen lassen. Das wäre ja die mutwillige Weiterführung des Fakes.

Und da sind wir wieder beim philosophischen Problem. Das Verbot von Fake-News ist ja keine Maßnahme zur Bewahrung der Wahrheitsqualität. Eben deswegen nicht, weil die Wahrheit ein dehnbarer Begriff ist, denn man zwar eingrenzen, aber innerhalb der Grenzen auch interpretieren kann. Und weil man die Überbringer kennen muss. Der Bundesregierung mag man immer wieder vor Augen führen, dass ihr neoliberaler Wirtschaftskurs auf Fakes basiert, die in von der Wirtschaft bezahlten Denkfabriken entworfen werden. Man kann das begründen und beweisen. Doch das ist ganz egal, denn die Überbringer der Fakes werden von ihr als Stimmen der Wahrheit eingeordnet. Der Fake ist nur ein Fake, wenn man ihn nicht gerade mit der Wahrheit verwechselt.

Manche sagen auch, dass diese Kanzlerin und ihre Regierung nur ein Fake sind. Eine Fälschung. Denn den wirklichen Gestaltungsauftrag für die Gesellschaft haben sie gar nicht in der Tasche. Er ruht vielmehr bei der Wirtschaft. Wenn der Regierungssprecher demnächst was bei Facebook postet und bei Twitter zwitschert, sollte man die Union beim Wort nehmen: Eine Fakewarnung mit Richtigstellung druntersetzen.

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26 Kommentare auf "Eine Richtigstellung"

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Ert
Gast
Nun beruhen die Grundlagen der Wissenschaftlichkeit jedoch auf Tatsachen die dem Beweis zugänglich sind. Das gilt beispielsweise auch für die Sozial-, und Wirtschaftswissenschaften. Deren Wahrheitsgehalt lässt sich zwar öffentlichkeitswirksam verdrehen, doch im Resultat kann eine Gesellschaft mit erfundenen Faktenlagen nicht funktionieren. Wir werden momentan Zeitzeugen einer dysfunktionalen „Riesterrente“ die nie funktionieren konnte, weil sie auf Grundlage erdachter, nicht gemessener Gesetzmäßigkeiten beruht. Was in den Natur-, und Ingenieurwissenschaften als verboten, gar gefährlich betrachtet wird, Messwerte zu frisieren um auf erfundener Datenlage beispielsweise ein Fahrzeugbauteil zu konstruieren, soll für die Sozial-, Wirtschafts-, und Geisteswissenschaften außer Frage stehen. Die gesamte Agenda 2010 ist… Read more »
Heldentasse
Mitglied
Nun beruhen die Grundlagen der Wissenschaftlichkeit jedoch auf Tatsachen die dem Beweis zugänglich sind. Moderne Wissenschaft funktioniert aber so, dass man mit diesen „Beweisen“ nicht die Wahrheit einer Aussage feststellt, sondern „nur“ nachweist das etwas nicht falsch ist. So ist es etwas nicht falsch das Gravitationsgesetz von Herrn Newton bei geringen Geschwindigkeiten (relativ zur Lichtgeschwindigkeit) und „moderater“ Gravitation anzuwenden, aber schwarze Löcher oder Zeitdilatation lassen sich damit nicht erklären. Deshalb macht es hier keinen Sinn von Wahrheit oder Lüge zu sprechen. Das gilt für die Ingenieurwissenschaft noch viel mehr, denn wenn z.B. eine Brücke zusammenstürzt hat deren Konstrukteur nicht gelogen,… Read more »
wschira
Mitglied

Nach Popper kann man nicht nachweisen, dass „etwas nicht falsch“, also richtig ist. Noch so viele positive experimentelle Beweise können die Richtigkeit einer Theorie nicht beweisen. Aber ein einziges negatives Experiment genügt, um eine Theorie zu falsifizieren.
Deshalb sind oftmals Wissenschaftstheorien aus der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft nicht wissenschaftlich, da sie sich auf „Erfahrungstatsachen“ stützen.

Ert
Gast

Deshalb sind oftmals Wissenschaftstheorien aus der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft nicht wissenschaftlich, da sie sich auf „Erfahrungstatsachen“ stützen.

Den Unterschied zwischen Empirik und Statistik kennen Soziologen und schreiben das auch an ihre Ergebnisse .-)

Granado
Gast

Wer beruft sich denn auf Sonntagsreden à la Sir Karl? Weil dessen Wissenschaftstheorie von Kanzler Schmidt zur einzigen FDGO-konformen erklärt wurde? Dass Poppers Falsifikationismus auch nicht weiterhilft, hat schon Hans Reichenbach gekontert

Ert
Gast
Warum trug Karl Popper eigentlich keine schmalen Lederschlipse ? Vielleicht sollte man so auch an die Agenda 2010 der Sozen gehen, und aufzeigen das deren Grundlagen der Wirklichkeit ungenügend Rechnung tragen, und das sie deshalb nicht funktionieren kann. Gute Idee. Das machen viele Leute, bloß die Sozen glauben das nicht. Der Schröder war ja ein Riesenfan von Anthony Giddens. Das war der Mann mit der „Dritten Moderne“, dem „Dritten Weg“. Er ist britischer Soziologe der das Ökologische fest mit den Anforderungen eines Sozialstaats verbinden wollte. So weit, so gut. Zugleich aber wollte er Wohlfahrt und Wettbewerbsfähigkeit verbinden. So weit. so… Read more »
Robbespiere
Mitglied

Dazu passend ein offener Brief von Heiner Flassbeck auf Makroskop:

https://makroskop.eu/2017/02/offener-brief-ueber-wahrheit-luege-und-droehnendes-schweigen/

Heldentasse
Mitglied

In diesem Kontext sind Begriffe wie „Lüge, Wahrheit, Fake News …“ ganz Überwiegend nur gemeine Begriffe der Propaganda. Man kann nämlich getrost davon ausgehen, dass die, die die Deutungshoheit haben festlegen was Lüge und Wahrheit ist, und damit auch festlegen wollen was wir zu denken haben, und was politisch korrekt ist. Das sie nun auch „Fake News“ wie auch immer ahnden wollen (richtig Sanktionieren kann man es dank GG offensichtlich nicht so leicht) ist im Grunde ein Zeichen der Schwäche und erinnert mich auch ein wenig an den verdienten Zusammenbruch der DDR.

Beste Grüße

Ert
Gast

Fake News ahnden zu wollen ist die Kapitulation vorm Bildungssystem.
Der mündige Bürger prüft selbst auf Plausibilität, möglichen Wahrheitsgehalt
und Ursprung. Wenn das der Mehrheit der Bürger im logischen Umkehrschluss
nicht gelingt, gibt es kaum mündige Bürger mehr. Die Unterstellung ist die,
dass dies so gewollt ist. Der auf Kauf-, und Arbeitskraft reduzierte
Mensch darf nicht mündig sein. So geben Fake News und die Bereitschaft
darauf hereinzufallen, lediglich den Pegel der Manipulation innerhalb
unserer Gesellschaft wieder. Zwischen alltäglichem, medialem Permamüll
und Fakenews verschwimmen die erkennbaren Grenzen.

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[…] Eine Richtigstellung Schade eigentlich, dass um die Jahrtausendwende noch keiner daran dachte, Fake-News zu verbieten. Vielleicht hätte uns das Hartz IV und die Riesterrente erspart. Müsste man solche Folgen, Fake-Produkte also, nicht eigentlich auch auf den Prüfstand stellen? […] Bei der ganzen Agenda 2010 war das nicht viel anders. Welche Hiobsbotschaften setzte man uns vor! Arbeit sei zu teuer. Die Arbeitslosen wollten es angeblich bleiben. Man konnte ja so fein leben von der Stütze. Nur Fake-Nachrichten dazu. Auf allen Kanälen. Die wenigen Standhaften in der Sozialdemokratie, Leute wie Ottmar Schreiner etwa, wurden als die eigentlichen Faker hingestellt. Sie hätten… Read more »
Bokatov
Gast

Zu diesem Thema passt ein aktuelles sehr interessantes Interview mit Herrn Ranga Yogeshwar. Nachzulesen auf seiner Face-Book-Seite. Er wird zur Zeit von den AluHut-Truthern extrem gehasst und in der Luft zerissen.
https://de-de.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1203731119681046&id=221408874579947&substory_index=0

schwitzig
Gast

@Bokatov
Yogeshwar hat sich endgültig disqualifiziert, als er anläßlich des Fukushima-Verbrechens dummes Blödelzeug verbal in die Welt gefurzt hat.
Das IV (mit einem „Welt“-„Journalisten“) habe ich nur etwa zur Hälfte gelesen, weil mir das salbungsvolle Gniffke-Sprech in seiner Hohlheit auf den Senkel ging.
Yogeshwars Kernaussagen bis dahin sind der übliche Gniffke-Schwachsinn und an Überflüssigkeit sowie Hohlheit vielleicht bestenfalls noch durch Sukram71 zu überbieten.

Was AluHut-Truthern wie Du, die an die konforme „Wahrheit“(tm) glauben denken, ist mir übrigens Scheißegal. Leute wie Du sind zu unbedeutend, als dass sie besondere Beachtung verdienen.

Heldentasse
Mitglied

@schwitzig

Herr Yogeshwar ist m.E. im Bereich des Wissenschaftsjournalismus das, was bei den Kabarettisten Herr Nuhr darstellt. Das erste mal merkwürdig aufgefallen ist er mir, als es in einer Talk- Show um die rein vorsorgliche Bevorratung von antiviralen Mitteln gegen Schweinegrippe im Privathaushalt ging. So wie ich ihn damals im TV verstanden habe befürwortetet er diese Maßnahme, was m.E. aber sehr unsozial und auch sehr profitträchtig für die Hersteller ist.

Beste Grüße

niki
Mitglied

Ich glaube dass hast du falsch verstanden. Das Establishment beklagt sich nur dass es keine Meinungshoheit mehr hat. Nur ausschließlich um diese geht es. Es geht keinesfalls um die Wahrheit…
Wenn man die Bevölkerung vor Fakenews schützen will, macht man das nicht in dem man diese zensieren lässt, sondern man macht diese kompetent durch richtige Bildung und schlüssige Aufklärung. Das dieses natürlich nicht gewollt ist wird wohl auch klar sein. Dann könnten die Mainstreammedien nicht mehr so „schön“ Stimmung durch ihre eigenen Fakenews, welche nach wie vor als Wahrheit(tm) gelten sollen, wie du schön belegt hast, gegen insbesondere linke Gruppierungen machen…

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[…] Müsste man solche Folgen, Fake-Produkte also, nicht eigentlich auch auf den Prüfstand stellen? Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein … Im Umgang mit Donald Trump […]

ChrissieR
Mitglied

Das ganze Leben ist ein Fake – und wir sind nur gefuckten….( frei nach HaPe Kerkeling…)

Heldentasse
Mitglied

Und ich dachte immer, das Leben begänne nur mit einem „Fuck“. 😉

Beste Grüße

wschira
Mitglied

Noch nie etwas von küstlicher Befruchtung gehört? 🙂

schwitzig
Gast

@wschira

Noch nie etwas von küstlicher Befruchtung gehört?

Was ist es, das uns die Küstenvölker voraus haben?

Jens
Gast

Meinungs- und Pressefreiheit gibt es aus gutem Grund. Beides war aber nie dazu gedacht, dass die „Eliten“ ihre Lügen und Propaganda dadurch absichern, sondern war in erster Linie als Schutz für Regierungskritiker etc. gedacht.

Bernie
Gast
Hallo, bin mal wieder da 😉 Zu den Fake-News gehört auch, dass man arbeitsamtsseitig selbst Hartz-IV-Empfänger erschafft. Wie ich drauf komme? Na, meinen Fall habt ihr ja gelesen. Nur soviel, die Umschulung aus nicht-gesundheitlichen Gründen wird mir nach wie vor verweigert, nach 1 Jahr, das Arbeitsamt (neuerdings heißt es ja „Jobcenter“) hat mich, wegen mehr als sechswöchiger Erkrankung, aus dem Leistungbezug gekickt, ich bin jetzt auf Krankengeld, und werde wohl danach, wenn es nicht doch klappt mit einer Umschulung aus gesundheitlichen Gründen, auf Hartz IV sein. Ich habe übrigens schon etliche Absagen erhalten, und noch Bewerbungen am laufen, aber der… Read more »
The Joker
Gast

Schockierend:
Alternative Fakten erreichen den deutschen Fußball.

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[…] genannte “Fake News” werden oft von den Leitmedien verbreitet. Wissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, […]

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[…] Faking News: Eine Richtigstellung “Schade eigentlich, dass um die Jahrtausendwende noch keiner daran dachte, Fake-News zu verbieten. Vielleicht hätte uns das Hartz IV und die Riesterrente erspart. Müsste man solche Folgen, Fake-Produkte also, nicht eigentlich auch auf den Prüfstand stellen? (…) Die Union möchte ja jetzt Facebook verpflichten, Fake-Meldungen mit einer Richtigstellung oder Gegendarstellung auszustatten. Das ist gar nicht so einfach. Man muss zunächst alles prüfen und dann muss man ja auch die Wahrheit kennen. Und an diesem Punkt sind wir schon bei einer alten philosophischen Frage, die heute immer noch aktuell ist: Was ist Wahrheit? Und heute fast… Read more »
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