Die Demoskopen-Herrschaft

Die Mehrheit der Deutschen, so ließen es neulich Meinungsforscher mitteilen, sei jetzt doch für 2G. Na, wenn die Mehrheit es will, dann ist doch alles demokratisch legitimiert, oder?

Dass es nun doch eine Mehrheit von Bürgerinnen und Bürgern gibt, die sich für eine strikte Umsetzung von 2G ausspricht, also für den Zutritt nur von Geimpften und Genesenen bei Veranstaltungen oder im Restaurant, hat man der Öffentlichkeit neulich recht stolz präsentiert. Laut Meinungsforschungsinstitut Insa sollen 57 Prozent dafür sein – nur 33 Prozent der Befragten halten ein solches Vorgehen für falsch. Die Mehrheit der Befürworter sei sogar für eine verpflichtende und nicht nur für eine freiwillige, auf Hausrecht basierende Umsetzung.

Als guter Demokrat muss man da zurückstehen und die Mehrheit akzeptieren, oder? Wenn die Menschen mehrheitlich etwas fordern, ist das doch ein Signal, eine demokratische Kennzahl, die man nicht einfach ignorieren kann, stimmt’s? Jedenfalls suggerieren das Medien und News-Ticker, die uns immer wieder auf solche Umfragen mit – sagen wir mal – »überraschenden« Mehrheitsverhältnissen hinstoßen. Dass es in vielen Fällen nicht um Fragen geht, die durch die Mehrheit beantwortet werden können – und dass Umfragen eben nur das sind, nämlich lumpige Umfragen, darüber spricht im Medienbetrieb kaum noch jemand. Man nimmt die Demoskopie hin wie ein Naturgesetz ¬– und verwechselt sie, vermutlich weil fast namensgleich, mit der Demokratie.

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Roberto J. De Lapuente

Roberto J. De Lapuente ist irgendwo Arbeitnehmer und zudem freier Publizist. Er betrieb von 2008 bis 2016 den Blog ad sinistram. Seinen ND-Blog Der Heppenheimer Hiob gab es von Mitte 2013 bis Ende 2020. Sein Buch »Rechts gewinnt, weil links versagt« erschien im Februar 2017 im Westend Verlag. In den Jahren zuvor verwirklichte er zwei kleinere Buchprojekte (»Unzugehörig« und »Auf die faule Haut«) beim Renneritz Verlag.

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ShodanW
ShodanW
1 Jahr zuvor

Ja, dazu muss ich mal eine, zwei, drei Frage(n) stellen: Wer hat schon mal eine Umfrage mitgemacht? Wo werden die Umfragen gemacht? Werden Menschen tatsächlich zufällig ausgewählt? Auch hier müsste mehr Transparenz her. Aber scheinbar reicht es aus, das Ganze als „Stimme des Volkes“ zu konstruieren. Gerade letztens ist jedoch offengelegt worden, dass eben nicht jeder auf der Straße interviewte Radfahrer ein neutrales Statement abliefert. Wenn das eben einer der Grünen ist, der sowieso Autos abschaffen will, dann muss man das nur wissen. Wer weiß, wie sich dann eben solche Umfragen aufbauen. Da kannst du dann auch auf eine FFF-Demo gehen und fragen, ob die „Leute auf der Straße“ (interpretierfähig) für Klimaschutz sind.

niki
niki
Reply to  ShodanW
1 Jahr zuvor

Das Hauptproblem ist meines Erachtens die 1/0-Interpretierbarkeit…
„Ja oder ne!“ „An oder aus!“ „Entweder ist man für den Klimaschutz, oder man ist dagegen.“ Die Grautöne dazwischen werden von einem Demoskopen nie erfasst!

bspw:
Natürlich bin ich für den Klimaschutz, aber ohne Freiheit (Grundrechte) und einen ausreichenden Wohlstand der Menschen ist dieser absolut nichts wert…

Die Bedingungen, damit man dafür oder dagegen ist werden nie abgefragt…

Rudi K
Rudi K
Reply to  niki
1 Jahr zuvor

Das sehe ich etwas anders. In vielen Umfragen gibt es mehrere Wahlmöglichkeiten als 2 Antworten. Hier gibt es ja auch etwa 10%, die weder die eine noch die andere Antwort wählten, denn 57+33 sind 90. Eine andere Frage ist allerdings, wie in Presseveröffentlichungen mit Antworten umgegangen wird, die nicht in dieses Schema Ja/Nein passen.

Übrigens wo findet man das Ergebnis und die genauen Fragen dazu?.

niki
niki
Reply to  Rudi K
1 Jahr zuvor

Es gibt schon bspw. die Antworten 0=voll dagegen bis 5=voll dafür…
Aber irgendwie kommen die in den Auswertungs-Tabellen nie vor.
Die Gründe warum man mehr dafür oder dagegen ist, werden hingegen nie erfasst!

Rudi K
Rudi K
Reply to  niki
1 Jahr zuvor

Eigentlich sind diese Informationen schon in den Studien angegeben. Aber gerade „Antworten der Mitte“ werden der einen oder anderen Gruppe zugeordnet. So konnte man 2017 aus einer entsprechenden Studie Studie zu dem Klimawandel eine mittlere Position (menschlicher Anteil 50/50) zu der „Klimaleugner-Position zählen und dann davon sprechen, daß 40% der Deutschen den Klimawandel „leugnen“.

ShodanW
ShodanW
Reply to  niki
1 Jahr zuvor

Klar fehlen die Grautöne in der Geschichte. Aber wir wissen doch gut genug, dass man lieber die einfache Chose fährt. Für oder gegen, ja oder nein, usw.

Aber gerade bei den „Bildungsbürgern“ würde man doch eher Zwischentöne erwarten. Das Gegenteil ist der Fall, siehe Wokeness, siehe rechts-links, eigentlich überall. Ich sage für mich immer, dass die Wahrheit immer irgendwo in der Mitte liegt. Solche Ad-hoc-Umfragen können das gar nicht abbilden. Da sind Studien die bessere Adresse – „Stimmt gar nicht“, „Stimmt eher nicht“, „Teils-teils“ usw. oder Ähnliches.

Robbespiere
Robbespiere
1 Jahr zuvor

Letzen Endes haben all diese Umfragen nur den Wert, den man ihnen gibt.
Ich würde an keiner teilnehmen, noch nehme ich sie als Gradmesser für Irgendwas ( außer den geistigen Zustand der Teilnehmer ), weil ich mich in meinen Ansichten als relativ gefestigt erachte.

Dass Menschen, die ansonsten eher unkritisch durchs Leben gehn, dadurch manipuliert werden können, ist auch klar, denn die bekommen durch solche Umfrageergebnisse bequem einen Leitfaden im Espressoformat serviert.

Lito Ztil
Lito Ztil
1 Jahr zuvor

57% würde in etwa der Zahl der doppelt gepiksten entsprechen, +- derer die an die Freiwilligkeit glauben.
Und ungefähr die Zahl, die Milgram in seinem Experiment ermittelt hat.

Mordred
Mordred
1 Jahr zuvor

Umfragen sind in Sachen Meinungsmache nur ein Tool von vielen. Es gab auch Umfragen, wo die meisten gegen eine Erhöhung des Nato-Budgets oder für soziale Gerechtigkeit warenwaren…hat das die Politik interessiert?

ShodanW
ShodanW
Reply to  Mordred
1 Jahr zuvor

hat das die Politik interessiert?

Zumindest wissen sie, ob sie mit der Tür ins Haus fallen können oder uns doch langsam darauf einstimmen müssen.

Spartacus
Spartacus
1 Jahr zuvor

Ohne konkreten Ansatzpunkt würde ich nicht die Methodik der Umfragen kritisieren. Die können Repräsentativität prinzipiell schon recht gut abbilden. Die Methoden sind denen der Marktforschung weitgehend ähnlich und wer wird schon glauben, daß sich deren Kunden, in der Regel Großkonzerne, seit mehr als einem halben Jahrhundert für viel Geld veralbern lassen?
Die Einschränkung der Antwortmöglichkeiten bzgl. Differenzierungen ist kein böser Wille, sondern liegt in der Natur der Sache. Würde man beispielsweise die Antwort einfach offen lassen, ließen sich oft gar keine brauchbaren quantifizierbaren Ergebnisse liefern. Da die so gewonnenen Erkenntnisse in mancher Hinsicht eher oberflächlich sind, werden in der Marktforschung häufig zusätzliche Fragen gestellt oder weitere Studien durchgeführt.

Für mich stellt sich deshalb vielmehr die Frage, wer diese Umfragen bestellt und bezahlt. Ich weiß es nicht genau, häufig jedenfalls Fernsehsender. Und die kriegen dann das, was sie bestellt und bezahlt haben. Nicht inhaltlich, sondern eben in der Form, die nachgefragt wird. Und die dürfte insbesondere bei sog. Blitzumfragen nicht übermäßig tiefgründig sein. Insgesamt sehe ich sie nur als ein weiteres Element der medialen Kakophonie, das dem Bürger nebenbei das Gefühl gibt, seine Meinung sei was wert.

Das Hauptproblem bei diesen Umfragen sehe ich in einem anderen Umstand, exemplarisch dafür die Flutkatastrophe im Ahrtal. Die letzten Jahre gabs irre heiße Tage und lange Trockenphasen, was dem Klimawandel zugeschrieben wurde (halte ich auch für äußerst wahrscheinlich). Jetzt hat es jede Menge geregnet und es gab eine regionale Überschwemmung, das soll auch der Klimawandel gewesen sein (halte ich für eher unwahrscheinlich). Früher hieß das Naturkatastrophe, heute ist es eine Folge des Klimawandels. Sagen dann die NGOs, Politiker, aufrechte Gesinnungsjournalisten fühlen sich zu Kommentierungen veranlasst etc. Und just in der kommenden Woche sind laut einer Umfrage rd. 80% der Deutschen der Meinung, daß mehr gegen den Klimawandel getan werden muß. Interessant wäre der Wert eine Woche vorher gewesen. Soll heißen, daß da oft nur raus kommt, was andere vorher reingeblökt haben. Irgendeine den Grünen nahestehende Journalistin wurde vor ein paar Monaten im TV nach den Wahlchancen der Grünen befragt: „Kommt auf das Wetter im Sommer an.“

ShodanW
ShodanW
1 Jahr zuvor

Solche Themen haben ja auch mit Interpretationsfähigkeit zu tun. Mir sind da gerade und aus aktuellem Anlass ein paar Gedanken umgegangen, bezüglich Kompetenz als solches.Umfragen sind ja auch mit Kompetenz (oder eben einer fehlenden) korrelierbar. Demoskopie hat ja auch bei Wahlen und der Auswertung einen hohen Stellenwert, also bietet es sich an, das Chaos ein bisschen nachzuzeichnen:

https://polemica-blog.jimdofree.com/2021/10/01/sonder-s-woche-der-heilige-gral-der-kompetenz/

Art Vanderley
Art Vanderley
1 Jahr zuvor

Ein weiteres Problem ist „die gute Versuchsperson“. Menschen neigen dazu, dem Gegenüber das zu sagen, was sie glauben, daß es von ihnen hören möchte, und nicht ihre tatsächlichen Ansichten.
Bei Konsens-Themen wie Atomkraft hat das kaum Einfluß. Bei heiklen Themen ist es aber ein großes Problem und kann zu starken Verzerrungen führen.
Daher gibt es immer wieder schwere Fehleinschätzungen bei der Einschätzung von Rechtspopulisten, weil Viele am Telefon nicht zugeben, rechts wählen zu wollen.
Es gibt Methoden, das zu umgehen, aber das geht nur schriftlich, am Telefon ist es praktisch ausgeschlossen.
Das Fiese ist, eine Umfrage ist nicht verpflichtet, dieses Problem zu berücksichtigen, sie gilt formell auch dann als seriös, wenn sie es unberücksichtigt läßt.
Also läßt man es bewußt weg, wohl wissend, daß es die Umfrage verzerrt, denn natürlich ist alles heikel, was mit Corona zu tun hat.
Die perfekte Manipulation, eine, die nicht als solche gilt.

Pen
Pen
1 Jahr zuvor

Zum Foto,

ist das ein Abbild der Covid-19-Blase?

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pen
1 Jahr zuvor

@Pen

Nein, das ist Esmeralda, hauptberufliche Kaffesatz-Leserin bei einem bekannten deutschen Meinungsforschungs-Institut, bei der Ausübung ihrer Dienstleistung ( Seit sie ihren Job auf dem Jahrmarkt gekündigt hat, geht der Kaffee aufs Haus ).

Mit ihrer Prognose, „ich sehe -Schwarz“, lag sie diesmal leider leicht daneben. Kohlrabenschwarz hätte es besser getroffen, auch ohne Mehrheit für die Union.

Die Zerrissenheit der Bürger durch die semi-semi-semi-professionellen Pandemie-Maßnahmen ( zu sehen links über der Pfütze ) hat sie aber gut prognostiziert.

Leider fehlt ein Hinweis auf die Kaffemarke, Mahlgrad, Robusta oder Arabica ( wohl ihr Betriebsgeheimnis).
Ich könnte so eine kleine Aufbesserung meiner Einnahmen gut gebrauchen.

PS: So eine Tasse hätte ich schon als Betriebsausstattung. 😀

Last edited 1 Jahr zuvor by Robbespiere
Pen
Pen
Reply to  Robbespiere
1 Jahr zuvor

wieder was gelernt, danke