Hartz IV: Der „Spiegel“ und die armen Kinder

Der „Spiegel“ hat sich mit Kindern aus Hartz-IV-Familien beschäftigt. Doch was auf den ersten Blick so scheint, als habe das ehemalige Nachrichtenmagazin das Schicksal armer Kinder für sich entdeckt, entpuppt sich schnell als ziemlich üble Propaganda.

Als im „Spiegel“ Nummer 7, vom 8. Februar 2020, der Artikel mit dem Titel „Die Kinder von Hartz IV“ erschien, war ich neugierig. Vor allem darauf, was die betroffenen Kinder bzw. Jugendlichen selbst zu ihrer Lage zu sagen hatten. Denn genau das wollte der „Spiegel“: Jungen Menschen die Möglichkeit geben, über ihr Leben zu berichten.

Der Artikel beginnt mit Zahlen, erschütternden Zahlen:

• 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche lebten im Sommer 2019 in Familien, die auf Hartz IV angewiesen waren.
• Der Regelsatz für Kinder zwischen 14 und 19 Jahren beträgt 328 Euro.
• Das Armutsrisiko bei Kindern in Hartz-IV-Familien liegt bei 21,7 Prozent bei Kindern zwischen 10 und 17 Jahren.
• Das Armutsrisiko bei Kindern unter 10 Jahren beträgt sogar 24,4 Prozent.

Dann wird es vermeintlich spannend, denn der „Spiegel“ lässt Jugendliche zu Wort kommen, die von Hartz IV betroffen waren oder sind.

Hartz IV ist schlecht, aber so schlecht nun auch wieder nicht

Die Berichte der Jugendlichen sind zunächst einmal eindringlich und beeindruckend. Sie beschreiben, wie sie mit wenig Geld klarkommen müssen, wie das immer wieder scheitert, und sie sprechen von den Problemen in der Schule, in der Freizeit, von den fehlenden Möglichkeiten, an Sport oder Kultur teilnehmen zu können. Weil einfach das Geld nicht da ist.

Fünf Jugendliche kamen zu Wort, und ihre Erzählungen sollte man sich durchlesen. Sie zeigen ohne Umschweife, wie es ist, mit Hartz IV leben zu müssen. Und sie demonstrieren, wie schwierig das ist.

Doch der „Spiegel“ wäre nicht der „Spiegel“, wenn er nicht auch etwas Positives erkennen würde.

Jeder ist seines Glückes … wir kennen das ja bereits

Interessant sind die letzten Sätze, die die Jugendlichen gesagt haben. Oder, um es etwas zu relativieren: gesagt haben sollen. Oder, um es noch ein bisschen weiter zu fassen: Interessant sind die Sätze, die am Ende der Erzählungen stehen, denn sie prägen sich ein. Und es drängt sich die Frage auf, ob das wirklich so spontan war, wie es den Eindruck vermitteln will. Die Berichte der Jugendlichen wirken authentisch, nicht wie diktiert. Aber am Ende der Beiträge kommt man zumindest ins Grübeln. Dazu weiter unten mehr.

Hier die besagten letzten Sätze der vier von fünf Jugendlichen:

Meine Mutter sagt, sie sei dankbar dafür, dass es in Deutschland so etwas wie Hartz IV gibt. Mir ist das Thema egal. Ich fühle mich nicht schlechter, nur weil meine Mutter Hartz IV bezieht. Arm sind Leute, die keine Wohnung und nichts zu essen haben. Ich bin nicht arm.

Das nächste Beispiel:

Ich habe in meiner Freizeit ständig für die Schule gelernt. [ … ] Jetzt studiere ich Medizin und beginne bald mein praktisches Jahr in der Gynäkologie. Ich bekomme 777 Euro Bafög im Monat, jobbe und komme gut zurecht, weil ich immer noch knauserig bin und mir keine teuren Sachen kaufe. 2016 hat meine Mama einen Job gefunden, in einer Kindertagesstätte, nach 10 Jahren ohne Arbeit. Aber sie ist immer noch nicht wieder die Frau aus meiner Kindheit.

Das wird schon, oder? Kommen wir zum nächsten Beispiel:

Aber ich habe es geschafft. Ich studiere jetzt, habe ein Stipendium, darf endlich eigenes Geld verdienen. Doch ich weiß genau, dass viele junge Menschen durch dieses unfaire System zurückgehalten werden. Deshalb will ich für einen politischen Wandel kämpfen.

Eine gute Idee, ohne Zweifel. Und das letzte Beispiel:

Ich bin jetzt 19 und wohne in einer WG in Stuttgart und habe bis Ende Dezember in einem kleinen IT-Start-up in Teilzeit gearbeitet. Manchmal gebe ich meinem Vater ein bisschen von meinem Geld ab. Ich arbeite dafür, dass mir nicht passiert, was ihm passiert ist.

Die Botschaft ist klar

Es läuft immer wieder darauf hinaus, dass Hartz IV nicht schön ist, man aber mit Kraft und Ehrgeiz und Sparsamkeit und einer gehörigen Portion Demut erreichen kann, was man erreichen will. Dass widrige Umstände zwar stören, aber kein Grund sind, nicht an den eigenen Erfolg zu glauben.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich sind Ehrgeiz und der Wille, etwas zu erreichen, Eigenschaften, die man nur jedem (jungen) Menschen wünschen kann. Doch so, wie es der „Spiegel“ transportiert, muss es letztlich dann auch funktionieren. Immerhin sind es Menschen aus Hartz IV, die diese Geschichten geschrieben haben, daran sollen sich dann bitte schön auch alle anderen Betroffenen orientieren.

Dass es aber junge Menschen gibt, die – aus sehr unterschiedlichen Gründen – diese Durchsetzungskraft und diesen Optimismus nicht mitbringen können, wird geflissentlich verschwiegen.

Interessant wäre natürlich auch die Antwort auf die Frage, wie die Statements der Jugendlichen zustande kamen. Nun war ich nicht dabei, kann also nur spekulieren.

Aber letztlich gibt es wohl zwei Möglichkeiten:

1. Das Ende der Statements der Jugendlichen war abgesprochen.
2. Das Ende der Statements der Jugendlichen war nicht abgesprochen.

Beides wäre mehr als bedenklich. Denn wenn es ihnen so diktiert wurde, liegt eine Form der übelsten Beeinflussung vor (was allerdings nicht unterstellt werden kann, ohne Beweise dafür zu liefern). Sollten die Jugendlichen dagegen voller Überzeugung gesagt haben, was sie gesagt haben, wären sie bestens integriert – in ein neoliberales System, dem sie in gewisser Weise sogar noch dankbar sein müssen.

Wäre Letzteres der Fall, können wir uns darauf einstellen, dass Widerstand immer unwahrscheinlicher wird. Weil die Jugendlichen heute mit Hartz IV aufwachsen wie mit dem Computer oder dem Smartphone. Für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wäre das fatal. Weil aus der Fratze des Neoliberalismus dann das freundliche Gesicht geworden wäre. Und damit das Ende der Gegenwehr in Stein gemeißelt.

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Tom J. Wellbrock

Tom J. Wellbrock ist Journalist, Autor, Sprecher, Radiomoderator und Podcaster. Er führte unter anderem für den »wohlstandsneurotiker«, dem Podcast der neulandrebellen, Interviews mit Daniele Ganser, Lisa Fitz, Ulrike Guérot, Gunnar Kaiser, Dirk Pohlmann, Jens Berger, Christoph Sieber, Norbert Häring, Norbert Blüm, Paul Schreyer, Alexander Unzicker und vielen anderen. Zusätzlich veröffentlicht er Texte auf verschiedenen Plattformen und ist für unsere Podcasts der »Technik-Nerd«.

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Ronaldo
Ronaldo
2 Jahre zuvor

Die Union, gerade die in NEW, Meckpom und Bayern hasst Arbeitslose
Wähler , Du hast es in der Hand
Fuck Laschet

Torsten
Torsten
2 Jahre zuvor

Lebensschicksale… Lebensentwürfe… Lebenssituation. Wer hier mal was dazu sagen möchte und anderen, so wie gewisse religiöse Eiferer, sagen will „hast eben nicht genug gebetet, dass es dir besser geht“ dem sei Hiob mal zu lesen empfohlen.

Es gibt für uns so derart viele geheimnisvolle Szenarien das es dem einen gelingt, dem anderen aber allen Lebensmut raubt. Und auch immer daran denken: es sind stets immer nur „Zeiten“ in denen wir anderen begegnen. Ob sich das Gegenüber in dieser „seiner Zeit“ dann gerade im Steine werfen, Häuser einreißen oder im wieder aufsammeln und Häuser bauen befindet, dass ist uns verborgen. Kann sein das Jahrzehnte später dasselbe Gegenüber dir beim „mann trifft sich immer zweimal im Leben“ gaaanz anderes daherkommt.

Drunter & Drüber
Drunter & Drüber
2 Jahre zuvor

Aber letztlich gibt es wohl zwei Möglichkeiten:

Wohl kaum.

Ich glaube, man stellt einfach eine entsprechend formulierte Frage, deren Beantwortung ausschließlich dem intendierten Zweck dient. Hat man im Verlauf des Gesprächs drei oder vier solcher Fragen gut verteilt untergebracht, ist es relativ leicht, mit den Antworten so zu jonglieren, wie es dem Eigeninteresse dient. Es gibt keine nichtmanipulativen Gespräche bei einem derartigen Machtgefälle wie dem zwischen Spiegel-Reportern und jugendlichen Hilfeempfängern! Kleine Geschen… ähm Honorare sind sehr hilfreich.

Was wäre die Alternative? Neulandrebellen? Ich warte…

…immer noch

Drunter & Drüber
Drunter & Drüber
Reply to  Tom J. Wellbrock
2 Jahre zuvor

Nun, es gäbe die Möglichkeit, eine Art nicht manipulierter Interwiews mit Jugendlichen (aus der eigenen Neighbourhood…) dem gegenüberzustellen, um deutlich zu kriegen, wie entrelotiierter Nicht-Kampagnenjournalismus aussehen könnte.

Zwischern warten und erwarten liegt ja immer noch er.
Nein, ich erwarte nichts von Ihnen. Außerdem finde ich den Beitrag ja nicht schlecht.

Drunter & Drüber
Drunter & Drüber
Reply to  Tom J. Wellbrock
2 Jahre zuvor

Ich kauf mir gleich 2 Tränen.

Pen
Pen
Reply to  Tom J. Wellbrock
2 Jahre zuvor

& Roberto

Ich träume immer davon, mal ganz viel Geld zu haben, damit ich Euch so richtig was rüberschieben kann. 🙂

Roberto J. De Lapuente
Reply to  Drunter & Drüber
2 Jahre zuvor

Was wäre die Alternative? Neulandrebellen? Ich warte…

…immer noch

Dass du immer noch wartest, ist dein Problem. Weiterziehen ginge nämlich auch.

Pen
Pen
Reply to  Drunter & Drüber
2 Jahre zuvor

Soso, ihre Majestät warten.

Drunter & Drüber
Drunter & Drüber
Reply to  Pen
2 Jahre zuvor

Wessen jetzt, ihre oder meine? Und wer sind die? Und Ihre so? Was macht die?

MacPaul
MacPaul
2 Jahre zuvor

Der letzte Absatz trifft es auf den Punkt; genau so ist es, bei den Eigenschaften der Menschheit.

Molle Kühl
Molle Kühl
2 Jahre zuvor

„Dass es aber junge Menschen gibt, die – aus sehr unterschiedlichen Gründen – diese Durchsetzungskraft und diesen Optimismus nicht mitbringen können, wird geflissentlich verschwiegen.“

Hier wird das Vorurteil über jugendliche H4-Abhängiger transportiert, die sich nach Meinung des Autor und den Klischeevorstellungen von RTL und BILD-Rezipienten doch gefälligst energielos, frustriert, bildungsunwillig, sozial isoliert, resignativ und in der materiellen Armut auf lebenslänglich eingerichtet haben. Der Blogger kreidet es den Interviewten an, dass sie durch vorbildliche und sparsame Haushaltsführung ihrer Erziehungsberechtigten, das „Privileg“ hatten und dank gymnasialer Schulbildung einen günstigen Start ins Berufsleben zu haben. Nicht unwichtig ist, dass es sich dazu auch noch um Jugendliche von Alleinerziehenden handelt, von denen 4 Frauen sind. Das unterschlägt man aber hier, damit es in das Bild der medialen Manipulation passt. Im miesesten Stil der Boulevardpresse wird dann alternativ spekuliert, ob das eine oder andere Statement mit den Journalisten abgesprochen war.

Mit Ausnahme der erstinterviewten Emily äußert sich keine der anderen vier Personen positiv über H4. Auch im Vortext der drei SPIEGEL-Journalisten finde ich kein Wort über abgefragte positive Elemente von H4. Aber Hauptsache man konnte hier mal wieder den Frust an der „Lügenpresse „abarbeiten. Wer hier seine Leser mit an den Haaren herbeigezogenen Interpretationen manipulieren möchte, sollen sich die Leserinnen und Leser selber beantworten:

a) Emily, die andere Leute anmotzt, wenn sie Müll auf die Strasse werfen, GERNE Fleisch isst und von Fridays for Future nichts hält, ist sich aber bewußt, dass „Leute arm sind, die keine Wohnung haben und nichts zu essen.“

b) Asomba hätte gern einen Gitarrenkurs besucht.

c) Sarah-Lee ist Aktivistin gegen H4 und gegen Kinderarmut, zur Zeit im Bundesvorstand der Grünen Jugend.

d) Jakob sagt von sich, dass er schon immer politisch aktiv und zeitweise in der SPD war.

Das Fazit am Ende des Textes: „Weil aus der Fratze des Neoliberalismus dann das freundliche Gesicht geworden wäre.“ ist angesichts dieser Portraits ein Unverschämtheit und Anmaßung.

Molle Kühl
Molle Kühl
Reply to  Tom J. Wellbrock
2 Jahre zuvor

Da Du die Inhalte ja bereits überwunden hast, müßte das auch mit den Schmerzen klappen. Du schaffst das.

Pen
Pen
2 Jahre zuvor

Gut interpretiert. Würde ich genauso sehen. Was erwartet man denn vom Spiegel? Die Absicht ist klar, wir sollen uns an den Neoliberalismus gwöhnen, so schlecht ist das gar nicht, finden Liz Mohn und Friede Springer.

Danke, Tom, daß Du es über Dich gebracht hast, für uns dieses bescheuerte Propagandablatt zu lesen, und Dir ab und zu eine von diesen blöden Talkschows anzusehen. Chapeau!

Horst2
Horst2
2 Jahre zuvor

Diese Propaganda Pro-Hartz4 ist mir bereits auch wiederholt aufgefallen. Und diese findet tatsächlich sehr subtil statt, genau so wie Wellbrock es weiter oben beschrieben hat. Den zugehörigen Spiegel-Artikel kenne ich leider nicht.

Die H4-Empfänger werden allerdings auch ganz konkret fertig gemacht. Die Propagandamaschine muß dabei immer wieder erwähnt werden, da diese kriegspsychologisch wirklich den Boden für diese „Vergewaltigung“ von Millionen Menschen schafft.
Das Gesetz (wie erst kürzlich festgestellt) ist in einem seiner Kernelemente verfassungswidrig und verstößt damit gegen den höchstrangigen Artikel der Verfassung. (Schutz der Menschenwürde)

Über das entsprechende Urteil wurde gerade einmal einen Tag lang berichtet. Im Mainstream fand sich anschließend kaum noch etwas darüber. Auch das ist Propaganda. Propaganda durch Verschweigen.
So weit im mich erinnern kann ist hier im Blog auch kein Text dazu erschienen. Warum eigentlich?

15 Jahre Verfassungsbruch
https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/366269.sanktionsregime-15-jahre-verfassungsbruch.html
https://www.fr.de/meinung/hartz-4-sanktionen-eine-krachende-lektion-menschenwuerde-politik-13195080.html

niki
niki
2 Jahre zuvor

2. Das Ende der Statements der Jugendlichen war nicht abgesprochen.

Möglicherweise ist das so…
Problematik dahinter ist aber auch noch dass niemand von denen im schlechten Licht gesehen werden möchte…
Deswegen wirst du schon fast reflexartig von vielen hören: Ich tue etwas und möchte mich positiv von den anderen abheben…
In meiner eigenen Erfahrung als ehemaliger H4-Empfänger ist das so, dass man förmlich genötigt wird sich so zu äußern, damit man nicht als der letzte Dreck angesehen wird…
Vor allem von Amtswegen wird einem alles mit Hilfe schwarzer Erziehung eingetrichtert… Es ist mit einer Gehirnwäsche zu vergleichen!
Ich kann mich nur zu gut an die Sätze erinnern: „Jetzt müssen Sie auch Gegenleistung bringen und nicht auf der faulen Haut liegen… Seinen Sie besser als die anderen…“
Und wehe wenn auch nur der Hauch einer Kritik kam! Das wurde als faule Ausrede gewertet und dann kamen die fiesesten Drohungen!

Wenn die Jugendlichen das nicht selbst erlebt haben, wird dass bestimmt von den Eltern an die Kinder in irgendeiner Form weitergegeben…

Aber auch die Gesellschaft an sich hat ihren Anteil daran:
H4-Empfänger sind in der Hierarchie in der Gesellschaft ganz unten… Nur noch Asylbewerber u.ä. stehen dahinter. Und das lassen die Menschen den H4-Empfänger oft spüren! Eine entsprechende Konditionierung findet mit Sicherheit statt!

Folkher Braun
Folkher Braun
2 Jahre zuvor

1980 wurde mir als Gefahrgut-Tankzugfahrer ein defekter Kessel untergejubelt. Mit dem Ergebnis, beim Ausladen bekam ich eine Ladung Methanol ins Gesicht. Der Werkssani von Nobel in Troisdorf erlaubte mir, mit dem Tanksattel nach Hause zu fahren. O.k. Stoffnummer 1230 und Gefahrgutkennzeichnung 33 und ungereinigt Null problemo. Die Tage drauf konnte ich immer schlechter gucken und meldete mich krank. Um das Verfahren abzukürzen: Mein Chef hat keine Unfallmeldung abgeschickt, die BG Fahrzeughaltungen wusste von nix und als ich nach einem Jahr wieder halbwegs gucken konnte, war ich so lange auf eigene Rechnung krank und kam auf AlHi. Das war das blaue Formular. Davon konnte ich als Einzelgänger gut leben, denn als Tanker-Kutscher hatte ich gut verdient.
23 später erkrankt meine Lebensgefährtin an Brustkrebs. Examinierte Altenpflegerin und Betriebsrätin bei der AWO. Erst mal Krankengeld. Als das ausläuft, zweite BK-Diagnose. Arbeitsamt anPatientin: Bitte H4 Antrag einreichen. H4 geht nicht, weil ich als Miteigentümer der Eigentumswohnung mit in die Berechnung einfließend dürfte. Das Formular für mich würde mein Steuerberater mit dem Faktor 1,5 mir berechnen im Vergleich zur Jahresabschlussrechnung. Denn: sie wollen viel mehr wissen.
Das Arbeitsamt verweist meine Lebensgefährtin an die Deutsche Rentenversicherung. Es gäbe keine Arbeitsplätze für zweifach mit Brustkrebs kontaminierte Frauen. Die Rentenversicherung lehnt diesen Bescheid ab, denn es gäbe sicher ein 2 bis 3-Stunden-Stelle für sie. Keine Arbeitslosen-Versicherung, daher keine Krankenversicherung, meine Frau darf ihre Krankenversicherung selbst bezahlen. Für eine Frau mit Krebserkrankung eine tolle Perspektive. Über den VDK hat sie sich dann bei der Rentenversicherung eingeklagt. Die antwortet, es liege keine Neuerkrankung vor, wo das Problem sei. Im Dezember 2010 unterzieht sich mein Weib der dritten BK-Operation. Es dauerte dann noch sechs Monate, bis die Rentenversicherung sie als „berufsunfähig“ anerkannte.

Jetzt mal unter Kloster-Brüdern&Schwestern: Wir sind hier DINKS (double income no kids), aber wie sieht das aus, wenn eine alleinerziehende Mutter mit zwei schulpflichtigen Kindern an Krebs erkrankt? Nach ihrer ersten Erkrankung (inklusive Chemotherapie) bekam mein Weib einen Reha-Aufenthalt in Scheidegg ausgegeben. Zum Abschluss der Veranstaltung überreichte der Institutleiter den Damen eine Broschüre. Titel: Armut durch Krebs.

Wie verkommen ist das denn?

Horst2
Horst2
Reply to  Folkher Braun
2 Jahre zuvor

aber wie sieht das aus, wenn eine alleinerziehende Mutter mit zwei schulpflichtigen Kindern an Krebs erkrankt?

Man hat die Zustände hierzulande derart pervertiert, dass die normalen Lebensrisiken (Krankheit, Scheidung …) zwischenzeitlich materiell von vielen Leuten kaum noch abdeckbar sind.
Deshalb hatten viele im linken Milieu sich eine zunehmende Organisierung erhofft nachdem die Massenverelendungspolitik von Rot/Grün unter Schröder initiiert worden ist.
Statt einer zunehmenden Organisierung hat aber leider die Kanibalisierung und der Vernichtungswettbewerb zugenommen.
Verschärft wird die ganze Sache noch durch den Import von ausländischen Sozialstaatstouristen.

Die Belastungen der Sozialkassen sind zwischenzeitlich überbordend:
über 20 Millionen Rentner
über 2 Millionen Pensionäre
circa 7 Millionen H4 Empfänger
dazu kommen noch die regulären Arbeitslosen, die Asylanten, die Sozialhilfeempfänger usw. usf.

Bei einer Bevölkerung von ~84Millionen sind fast 50% davon Transferleistungsempfänger.

Man hat zwei wesentliche Möglichkeiten dieses Problem marktwirtschaftlich anzugehen.
a) Kostenreduktion
b) Einnahmensteigerung

zu a) dies wird umgesetzt indem man Menschen aus den Sozialleistungen nötigt. Außerdem durch die Wiedereinführung der Zwangsarbeit (Hartz4) beispielsweise
zu b) Fortlaufende Erhöhung der Steuern und Abgaben

So läuft das. Man hätte schon viel eher gegensteuern müssen. Aber die Trottel von der CDU haben es mit ihren Aussitzern (hauptsächlich Kohl, später die Dumpfbacke Merkel) eben verpennt.

Eigentlich weiß jeder, dass die Scheiße kollapieren wird. Die Devise ist nur noch: Rette sich, wer kann.

niki
niki
Reply to  Horst2
2 Jahre zuvor

Verschärft wird die ganze Sache noch durch den Import von ausländischen Sozialstaatstouristen.

Wohl kaum… („Sozialstaatstouristen“ ist ein widerwärtiger Ausdruck!…)
Glaub man nicht, dass die Neoliberalen den Hartz4-Empfängern auch nur einen Cent mehr gegönnt hätten hätte es die Flüchtlingskrise 2015 nicht gegeben…

Hartz4 ist in seiner Höhe und Drangsalierung so gestrickt, dass man gerade soeben überlebt, aber immer in Panik ist, ganz schnell auf der Straße zu landen…
Gegenwehr ist von den geringen Mitteln kaum möglich. Und falls doch, wird einem von Amtswegen alles in den Weg gelegt um sich wehren zu können… Das fängt schon bei der Ortsanwesenheitspflicht an!
Wenn dann jemand tatsächlich im Jobcenter durchknallt und den „Kundenbetreuer“ krankenhausreif schlägt und/oder die Einrichtung verwüstet, wird das gerne in der Presse verschwiegen… Normalerweise eine gefundenes Fressen für eine Schlagzeile für die Medien… Aber aus irgendeinen Grund ist da stillschweigen vereinbart…
Warum ich das behaupte…?
Mein Bruder ist beim Jobcenter in der Tat mal ausgetickt und hatte ein Büro komplett zerlegt…
Grund war eine erhebliche Beleidigung und Gesundheitsgefährdung seines damals stark psychisch erkrankten Sohnes.
Aber kam davon was in der Presse, obwohl dann die Polizei da war…?
Interessanterweise hatte mein Bruder danach nie mehr Probleme mit dem Jobcenter… Sein Geld kam immer pünktlich und bekam nie wieder Einladungen… Seine Anträge hatte er dann per Post eingereicht… Das ganze ist nun schon über 10Jahre her…
Nun arbeitet er bei einem Subunternehmer der DHL… Beschissener Lohn! Aber das ist eine andere Geschichte!

Horst2
Horst2
Reply to  niki
2 Jahre zuvor

Hartz4 ist in seiner Höhe und Drangsalierung so gestrickt, dass man gerade soeben überlebt, aber immer in Panik ist, ganz schnell auf der Straße zu landen…

Nun, da sind schon einige auf der Straße gelandet. Versuch mal mit H4 eine Wohnung zu bekommen. Hatte zwar noch nicht das Vergnügen, aber es ist ja bekanntlich zwischenzeitlich schwierig mit einem regulären Job die Wohnung zu wechseln.
Ansonsten sind verschiedentlich schon Leutchen auf der Straße gelandet oder (günstigstenfalls) in einer Notunterkunft (sofern ein Platz frei war). Die entsprechenden „Ängste“ sind also nicht ganz unbegründet. Wer ein bißchen im youtube sucht, der findet auch diverse Dokus aus dem Real-Life dazu. Freilich, die Öffentlichkeit bekommt von derartigen Zuständen kaum etwas mit.

Mein Bruder ist beim Jobcenter in der Tat mal ausgetickt und hatte ein Büro komplett zerlegt…

Schön, das man mal etwas von Widerstand hört. Aber in der Vereinzelung werden die Leute eher platt gemacht. Ihren Bruder hätte man in diversen Gegenden hier in D einfach zwangspsychiatrisiert bei solchen Ausrastern. Da hat er noch mal Glück gehabt.
Herzlichen Glückwunsch zu dieser Aktion von meiner Seite. War vermutlich gerechtfertigt.

Weiter oben ging es aber eigentlich um etwas anderes. Es sollte die Erklärung liefern für das von Braun mit einigem Erstaunen festgestellte rücksichtslose Agieren der Institutionen.
Die Erklärung war schlicht: Es existiert in diesem System ein faktisches Ausgabenproblem. Dieses wälzt man auf die sozial Schwächsten ab.

Pen
Pen
Reply to  Horst2
2 Jahre zuvor

Es existiert ein Ausgabenproblem wie z.B.Erhöhung des Rüstungsetats um 2 Prozent, damit die Grünen mit den Defendern aus Übersee den bösen Russen angreifen können. Wählt hier noch jemand die Grünen?

ETWA?

Ronaldo
Ronaldo
Reply to  Pen
2 Jahre zuvor

Werde wohl die SPD wählen müssen, die darf nicht verschwinden! Sie ist in der Flüchtlingsfrage auch realistischer als die Linkspartei usw.

seyinphyin
seyinphyin
Reply to  Ronaldo
2 Jahre zuvor

Die LINKE steht in der Flücthlingsfrage dafür, dass man den Menschen keinen Grund mehr gibt zu flüchten, als auf vielfältige Weise ihre Heimat zerstört, ausplündert, missbraucht.

Das ist die Position der LINKEN und auch die einzige, die funktionieren kann.

niki
niki
Reply to  Horst2
2 Jahre zuvor

Nun, da sind schon einige auf der Straße gelandet…

Ohne einer Vielzahl realer Fälle —-> keine Drohkulisse…
Ansonsten täte ja jeder drüber lachen…

Ronaldo
Ronaldo
Reply to  niki
2 Jahre zuvor

2015 darf und wird sich nicht wiederholen! Man hat Angst vor den bösen Rechten! Deutschland ist beamtentreu, verprügelte Grenzschützer an Europas Aussengrenze sind aber natürlich nicht schlimm,

Brian DuBois-Guilbert
Brian DuBois-Guilbert
Reply to  Ronaldo
2 Jahre zuvor

Lass´ dich bitte schnellstens einweisen…tue uns bitte den Gefallen…BITTE !!!

Ronaldo
Ronaldo
Reply to  Brian DuBois-Guilbert
2 Jahre zuvor

Man kann ja die Leistungen für den kleinen Brian kürzen, da bleibt Kohle für die Syrer!

seyinphyin
seyinphyin
Reply to  Ronaldo
2 Jahre zuvor

Das Vermögen der Reichsten in diesem Land, die ohnehin schon viel zu viel besitzen, wächst jedes Jahr um weiter 200+ Milliarden Euro an. Nettogewinn. Damit Du mal weißt, wo das ganze Geld wirklich hingeht. Und das sind die Auslandsvermögen noch nicht einmal mit drin.

seyinphyin
seyinphyin
Reply to  Ronaldo
2 Jahre zuvor

Rechte sind nicht nur Nazis und Rassisten. Rechte sind auch Neolibs, die z.B. genau dieses kaputte Hartz 4 System entworfen haben.

Rassismus ist da nur Ablenkung. Diese Wirtschafts-Rechten verachten die Inländer und Ausländer gleichermaßen, das ist alles Pöbel.

Ronaldo
Ronaldo
Reply to  seyinphyin
2 Jahre zuvor

Sey, damit hast Du allerdings mehrmals recht
Auf den letzten Abschnitt jetzt bezogen😎😀

seyinphyin
seyinphyin
2 Jahre zuvor

Hartz 4 ist in erster Linie eines: eine sehr billige Lösung die Leute still zu halten und sie gleichzeitig mit Androhung von Obdachlosigkeit und Tod in Lohnsklaverei zu treiben, was dann als Drohszenario auch wunderbare Auswirkung auf den Rest des faulen, wertlosen Proletarierabschaums anwendbar ist.

Zahlt man es nicht, wird ein gehöriger Teile zwangsläufig kriminell werden, was ganz direkt weit höhere Schäden erzeugen wird als selbst ein lebenslanger Hartz 4 Bezug kosten würde, was ebenso zwangsläufig eine enorm negative Auswirkung auf das gesamte Gesellschafts- und damit auch Wirtschaftsklima haben wird, also noch Mal weitere Schäden erzeugt und sperrt man die Leute weg, kosten sie das zigfache und bei Gefangenen muss man ja plötzlich auf Menschenrechte achten, die man bei Arbeitslosen wunderbar ignorieren kann.

Hartz 4 ist kein Sozialsystem, sondern die absichtliche Pervertierung davon und geht es nach den Faschisten, hätte man längst vollständig das Prinzip Arbeitshaus daraus gemacht.

Atalante
Atalante
2 Jahre zuvor

OK, vielleicht ein wenig OT, ich bin keine Jugendliche mehr, habe aber diese Hartz-Sch… mitmachen müssen, da ich, im Studium schwer erkrankt, dieses nicht abschließen konnte und auf ALGII angewiesen war…(Konnte dann über die Arbeitsagentur(nicht das Jobcenter) wenigstens ne Umschulung machen, damit ich überhaupt was an Ausbildung hab)
Mit wenig Geld auskommen, das ist verkraftbar (mehr aber auch nicht, man ist schon sehr eingeschränkt, das macht einem auch zu schaffen, auch und gerade, wenn man gucken muss, wo man noch „angemessenen“ Wohnraum bekommt und wie man einen Umzug dahin stemmt usw…), was mich dann allerdings regelrecht fertig gemacht hat, waren die ach so „tollen“ Sachbearbeiter in den Jobcentern…diese luden mich dauernd vor (auch wenn „Einladung“ auf diesen Schreiben draufsteht, ist es mMn eine Vorladung, da einem bei Nichterscheinen eine Strafe angedroht wird, sowas kenn ich eigentlich nur vom Gericht, aber das ist ein anderes Thema), um einem dann entweder wiederholt vor den Kopf zu knallen, was für eine überflüssige Existenz man doch ist („An irgendwas bei IHNEN muss es ja liegen, dass Sie keinen Job bekommen!“ (Auf die Idee, dass der Bezug an sich schon ein „Vermittlungshemmnis“ darstellt, dank der tatkräftigen medialen Unterstützung von Springer und Bertelsmann, kommt man eher nicht, des öfteren habe ich, wenn ich denn tatsächlich mal zum V-Gespräch eingeladen wurde zu hören bekommen: “ Sie sind im Hartz-IV-Bezug?…Wir melden uns“ und das wars dann…)) oder einfach nur zu sagen, dass man sich dann einfach weiter bewerben solle (als bräuchte es dafür ne „Ermunterung“ vom Sachbearbeiter…nunja)
Auch super: ne Sanktion angedroht (angeblich Termin versäumt, diese „Einladung“ hab ich aber nie erhalten, und angeblich war dieser Termin zu nem Zeitpunkt angesetzt, wo ich- und das wusste das Jobcenter auch- arbeitete, jaha, HartzIV TROTZ (selbst gefundener, das Jobcenter hatte mit dieser Arbeitsstelle Null Komma NIX zu tun) Arbeit, soviel zum Thema: das sind alles Arbeitsscheue), um mir dann, als ich persönlich da auflief um zu fragen, was der Sch… soll, ne Eingliederungsvereinbarung vorzusetzen („Sie sind ja jetzt hier, unterschreiben Sie mal…“)
Oder diese Demütigungen(hab ich so empfunden) in sog. „Maßnahmen“: Wo man dann gesagt bekommt: Sie können froh sein, wenn Sie irgendwo ein Praktikum (unbezahlt natürlich) machen DÜRFEN…Eigeninitiative war nicht gewünscht (Auffrischung von kaufmännischen Termini zum Beispiel, die Gruppe bestand hauptsächlich aus Kaufleuten, wir haben uns das alle gewünscht, einer der Dozenten wäre dazu sogar bereit gewesen, hat aber vom Jobcenter eins draufbekommen, das solle er gefälligst nicht mit „uns“ machen, stattdessen sollten wir dann 6 Stunden am Tag in nem Schulungsraum am Rechner sitzen und Stellen suchen…das ganze nannte sich dann „Mediengestaltung“, weil wir irgendwann mal Werbeflyer für 1-Euro-Jobs erstellen sollten(wie toll doch das alles ist usw…), in der Maßnahme, mit Rechnern, die bessere elektronische Schreibmaschinen waren, sprich, für Grafik-Anwendungen schlicht zu „schwach auf der Brust“)
Oder eine andere Maßnahme, wo wir dann kollektiv von einer „Dozentin“ eine Therapie nahegelegt bekamen( „Ihr solltet besser in ne Therapie gehen und nicht in ne Maßnahme“)
Und dann richtig toll, eine Sachbearbeitung, die meinte, ich solle in meinen Bewerbungen „Fördermöglichkeiten für den Arbeitgeber“ erwähnen, „damit es vielleicht doch mal funktioniert mit Ihnen“ (Ist ein tolles Gefühl, wenn man nen „Job“ nur bekommt, weil jemand dem AG mit Knete winkt, und nicht etwa, weil man die passende Quali (nachdem ich mir zwei Jahre den Allerwertesten für nen Abschluss aufgerissen habe) dafür hat; so nach dem Motto: Du wirst dafür entschädigt, dass Du Dir so einen Hartzie in den Betrieb holst und damit Du den nicht auch noch bezahlen musst, zahlen wir nen Teil des Lohns (kannst ihn ja wieder rauswerfen, wenn es von uns nix mer gibt))

Klar, auf der einen Seite sorgt dieses ALGII dafür, dass man nicht direkt auf der Straße sitzt, aber wenn man sich mal ansieht, wie die sog. „Angemessenheitskriterien“ für Wohnungen aussehen, ein großer Teil der Bezieher zahlt schon vom (nicht gerade üppigen) Regelsatz zur Miete dazu, um ÜBERHAUPT ein Dach über dem Kopf zu haben, ist das eher zynisch…

Und dann auch die Willkür, mit der mit Beziehern verfahren wird, Beispiel Lebensmittelgutscheine:
In den Medien wird kolportiert (und gerne auch von politisch Verantwortlichen als Argument für Sanktionen hergenommen), dass es doch diese gäbe und somit niemand hungern müsse.
Das stimmt so nicht. diese Gutscheine bekommt man (theoretisch und auf ANTRAG) erst, wenn eine Sanktion von 60% und mehr verhängt wurde, weiterhin entscheidet dann immer noch der Sachbearbeiter, ob der Betroffene (sofern der nen Antrag stellt) diesen überhaupt bekommt (Eine Ausnahme ist afaik bei kleinen Kindern im Haushalt, aber wie gesagt, die Dinger gibts nur auf Antrag, will sagen, wenn man nur bummelig 130 Euro im Monat zur Verfügung hat (RS um 60% gekürzt) soll man sich noch persönlich zum Jobcenter aufmachen und einen Lebensmittelgutschein beantragen(üblicherweise noch Fahrtkosten von dem bisschen bestreiten, da man, wegen der „Angemessenheitskriterien“ für Wohnungen, irgendwo auf dem platten Land wohnen muss, wo die nächste Stadt mit JC ein bisschen weiter weg ist) und der Sachbearbeiter entscheidet dann noch, ob man diesen Schein überhaupt bekommt…und wenn es ein gar zynischer D-sack (von denen es so wenige an dieser Position nicht gibt) ist, klatscht der einem dann noch sowas wie „Gehen Sie doch zur Tafel“ an den Kopf (weil die ja auch so einfach neue „Kunden“ annehmen und man mal eben so da hin gehen kann) Und sollte man diesen Schein doch erhalten, ist es immer wieder sehr „angenehm“, damit in nem Supermarkt/Discounter zu „bezahlen“, schönes Stigma (selbst erlebt, als Kassiererin, da zahhlt einer mit so nem Ding, ich mach die Routine, Pass abgleichen und so, und die Kundschaft hinter dem in der Schlange zerreisst sich das Maul über den, der da bei mir steht (“ da guck mal, schon wieder SO EINER“) über sowas muss man auch erstmal drüberstehen, da beantragen viele dieses Ding lieber erst gar nicht…
Von der allgemeinen Diskriminierung und Herabsetzung von Beziehern im Umfeld gar nicht zu sprechen, da tun die Medien ihr Übriges, indem man Extrembeispiele immer und immer wieder vorführt, um den Eindruck zu verfestigen; „Die sind alle so, das sind alles Arbeitsscheue, die liegen dem „braven Steuerzahler (R)“ nur auf der Tasche, die muss man also ein bisschen „fordern“, also bloß nicht die Sanktionen abschaffen, schließlich sind wir es denen, die das (süße) Nichtstun dieser Leute bezahlen, schuldig“

Und dann immer diese „Wer sich nur genug anstrengt, schafft es auch“-Propaganda…
Ist irgendwie lächerlich, wenn einerseits alles dafür getan wird, Bezieher in möglichst schlechtem Licht dastehen zu lassen, aber gleichzeitig zu verlangen, dass diese sich gefälligst noch mehr abzustrampeln haben, um aus dieser Situation rauszukommen (Personaler lesen auch „Zeitung“ und gucken TV)
Nicht umsonst wird einem Bezieher in diesen „Bewerbungstrainings“ empfohlen, ALGII-Zeiten zu „kaschieren“, damit der Personaler bloß nicht mitbekommt, dass man im Bezug war/ist…

Sorry für den langen Beitrag, aber bei dem Thema platzt mir regelmäßig der Kragen…

niki
niki
Reply to  Atalante
2 Jahre zuvor


Nun… Da bist du bei weitem nicht die einzige der regelmäßig der Kragen dabei platzt…
Wenn man als frisch ausgebildete IT-Fachkraft in eine PC-Anfänger-Maßnahme gesteckt wird, was hier bei weitem kein Einzelfall war bzw. ist, und die alltägliche Erniedrigung und Drohkulisse im Jobcenter erfahren musste, versteht dich nur allzu gut…
Ganz ehrlich… Ich war auch kurz vorm durchknallen (Edit: Vielleicht sind das gar nicht so wenig, mein Bruder hatte wie schon erwähnt ein Büro im Jobcenter zerlegt), also vor einem echten Amoklauf im Jobcenter… Das ganze entwickelte sich dann doch hin zu einer erheblichen Stresserkrankung und kostete mich rund 5-6 Jahre um wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen… Ich habe auch nur dank meines Therapeuten und meiner Lebensgefährtin die Kurve noch kratzen können. Auf meine Verwandten konnte ich nur begrenzt zählen… So sind die Vorurteile gegen Arbeitslose doch in der Gesellschaft verdammt weit verbreitet…

Albert
Albert
2 Jahre zuvor

Was anderes vom Spiegel erwartet?