Der Tag, an dem der Strom ausfiel

Eine Fiktion

Eine Vorwarnung gab es nicht. Erst später schickten die „Cyberfightfacts“, wie sie sich nannten, eine Erklärung. Durch das Abschalten des Stroms auf einem Weihnachtsmarkt in Hamburg wollten sie einerseits ihre Macht demonstrieren (und die hatten sie zweifellos, denn sie aufzuspüren, erwies sich als schier unmöglich). Andererseits wollten sie aber zeigen, was für Konsequenzen diese Macht hatte. Sie waren erheblich.

Der Weihnachtsmarkt

Wie hell ein Weihnachtsmarkt leuchtet, merkt man erst, wenn plötzlich alle Lichter ausgehen. So wie am 2. Advent. Wie laut es auf einem Weihnachtsmarkt zugeht, merkt man ebenfalls erst, wenn absolute Stille einkehrt, zumindest für einen Moment. In dem Moment, als die Lichter und die Musik verschwanden, waren die Besucher des Marktes ebenfalls still. Niemand vermochte hinterher zu sagen, für wie lange. Einige sagten, die Stille hätte nur 10 Sekunden gedauert, andere schworen, dass es mindestens fünf Minuten waren. Die Wahrheit wird – wie so oft – in der Mitte liegen.

Nachdem die Schockstarre der Menschen beendet war und sich herausstellte, dass kein Lastwagen in die Menge raste, begann ein Geräusch, das einem Brummen nicht unähnlich war. Es setzte sich aus Flüstern, Tuscheln und lauteren Stimmen dazwischen zusammen. Handys wurden als Taschenlampen benutzt. Lichtkegel überschnitten sich und leuchteten in alle Richtungen. Als eine Frau schrie und – so schien es – zu Boden stürzte, stimmte etwas weiter weg eine weitere Frauenstimme ein, dann weinte das erste Kind. Männer begannen zu brüllen, scheinbar hatte bereits der Kampf um die Vormachtstellung in dieser neuen Konstellation begonnen. Nicht weit von der schreienden Frau entfernt hörte man Geräusche, die eindeutig von einem Kampf herrührten. Ein ziemlich sinnloser zudem, denn es gab im Grunde ja keinen Feind, da war niemand, den man hätte zur Rede stellen oder festnehmen können. Der Strom war ausgefallen, und zu diesem Moment ahnte niemand, dass es sich dabei um eine gezielte Aktion handelte. Dennoch reichte dieser Stromausfall aus, um grundlegende zivilisatorische Eigenschaften in Vergessenheit geraten zu lassen.

Das spürten auch einige Budenbesitzer, deren Buden ausgeraubt wurde. Zunächst wurden kleine Dinge von den Tresen entwendet. Getränke, Essen, Gewinne von Losbuden. Doch es dauerte nicht lange, bis die ersten über die Tresen hinwegsprangen, die Budenbesitzer unsanft zur Seite schoben, um sich ausgiebig zu bedienen. Einer der Budenbetreiber wehrte sich, schrie, dass er diesen Unsinn nicht zulassen würde, wo der Anstand der Männer (und Frauen) geblieben sei. Als Antwort erhielt er zunächst einen, dann einen weiteren Schlag an die Schläfe. Kurze Zeit später lag er am Boden seiner Bude, musste Tritte über sich ergehen lassen und wurde bei den weiteren Aktivitäten vergessen. Dass zahlreiche Menschen über ihn hinwegliefen und ihm letztlich tödliche Verletzungen zufügten, merkten die meisten nicht einmal.

Es dauerte rund 45 Minuten, bis das Chaos perfekt war und das Gemetzel seinen Lauf nahm. Die eine Hälfte der eigentlich harmlosen und friedlichen Besucher war von nun an Opfer, die andere Täter. Ein paar Vernünftige, die versuchten, die Situation zu deeskalieren, gaben schnell auf und ergriffen die Flucht. Die nun auch angerückte Polizei griff mit Wasserwerfern und Schlagstöcken ein, was eine weitere Eskalation nach sich zog und das Blutvergießen nur noch steigerte.

Die Reaktionen

Niemand hatte je von einer Gruppe namens „Cyberfightfacts“ gehört. Das hinderte aber niemanden daran, über deren Ursprung und Motivation zu spekulieren. Die Zeitungen und Internetportale waren am nächsten Tag voll von Vermutungen, was es mit dieser Gruppe auf sich haben könnte. Hamburgs Bürgermeister hielt sich zunächst bedeckt, wollte sich nicht äußern, bevor nicht nähere Erkenntnisse vorlagen. Schon um 11.00 Uhr morgens hatte er es sich aber anders überlegt und beteiligte sich rege an den Spekulationen, die von den Medien und den sozialen Netzwerken gestrickt wurden. Um 13.00 Uhr hieß es das erste Mal, dass Russen hinter dem Anschlag stecken könnten. Andere vermuteten die NSA dahinter, wieder andere diskutierten ausgiebig und laut, ob man überhaupt von einem Anschlag sprechen könne. Schließlich seien „nur“ die Lichter ausgegangen, was dann folgte, war die Grausamkeit derer (also der Besucher des Weihnachtsmarktes), die sich nicht beherrschen konnten und ihren niederen Instinkten folgten. Kritiker dieser Sichtweise empörten sich über eine solche Einstellung und legten sich darauf fest, dass die anschließende Gewalt genau das Ziel der Terroristen gewesen sei. Woraufhin die Kritiker der Kritiker sich vehement von der Bezeichnung „Terroristen“ distanzierten.

Letztlich „gewannen“ die Russen als Bösewichte. Zumindest in den Massenmedien und in der Politik. Andere Lösungen wurden in den sozialen und alternativen Medien zwar diskutiert, nahmen auf die öffentliche Meinung aber kaum Einfluss. Tagesschau, ZDF-heute, der „Spiegel“ und viele weitere reichweitenstarke Medien hatten alles unter Kontrolle, so dass der Russe schnell als Täter ausgemacht war. Beweise konnten auch diese großen Medien nicht liefern, sie schrieben voneinander ab, meist ohne zu wissen, woher die ursprüngliche Meldung kam. Doch Wirkung zeigte es allemal. Der Innenminister erklärte den Vorfall zu einer Bundesangelegenheit, der Außenminister machte den Russen schwere Vorwürfe, woraufhin diese erwiderten, nichts mit dem Stromausfall zu tun zu haben, Beweise einforderten und sogar mit Ironie antworteten. Vielleicht, so war es in einem russischen Online-Medium zu lesen, hätten die Hamburger ja auch einfach ihre Stromrechnung nicht bezahlt. Als Antwort auf diese Ironie sprach die Bundeskanzlerin von Geschmacklosigkeit. Der russische Präsident bat um Entschuldigung, unterstrich aber erneut, mit dem Stromausfall nichts zu tun zu haben.

Die Folgen

Da es in Frankreich zu einem beinahe identischen Fall von manipuliertem Stromausfall gekommen war (der allerdings weniger dramatisch endete, weil einige charismatische Köpfe durch Diplomatie, Rhetorik und eine gewisse Portion Pädagogik vor Ort waren und das Schlimmste verhindern konnten), mischte sich auch der US-amerikanische Präsident ein. Via Twitter sprach er von einer ungeheuren Provokation der Russen und brachte den Bündnisfall ins Spiel. Sofort äußerten sich Politiker aus zahlreichen Ländern und widersprachen der Formulierung des Präsidenten. Andere, vornehmlich deutsche Politiker, griffen die Idee des Bündnisfalles aber auf und sinnierten öffentlich darüber, wie damit umzugehen sei.

Weitere Stromausfälle sorgten dafür, dass der Streit international eskalierte, zumal keiner davon in Russland oder verbündeten Ländern stattfand. Als dies aber doch geschah – mitten in Moskau fiel in der City der Strom für eine Stunde aus und richtete erheblichen Schaden an -, dauerte es nicht lange, bis der Vorwurf laut wurde, die Russen hätten dies inszeniert, um ihre Hände in Unschuld waschen zu können. Russlands Präsident sprach zynisch von einer „Konstruktivismus-Debatte“, in der sich jeder die Welt so zurechtbiege, dass es seinen Vorstellungen entspricht. Der Zusatz des russischen Präsidenten, dass er langsam genug habe von den ewigen Verdächtigungen und Anfeindungen, führte zu heftigen Gegenreaktionen. Deutschlands Innenminister schickte in Richtung Russlands die Frage, was genau damit gemeint sei, wenn der Präsident „langsam genug“ habe. Der amerikanische Präsident stieg ein und twitterte, dass er ebenfalls langsam genug und einen sehr großen Knopf habe, den er auch drücken könnte. Später korrigierte er sich und fügte hinzu, dass sein Knopf nicht nur sehr groß, sondern sogar sehr, sehr groß sei. Für zahlreiche Satireformate war das eine perfekte Vorlage, um über Knöpfe, Köpfe und Frisuren Witze zu machen.

Die Eskalation

Der Streit fand inzwischen zwischen den Großmächten USA und Russland statt. Doch viele Länder waren der Meinung, dass sie mitreden müssen, allen voran die Deutschen. Das zog nach sich, dass auch Frankreich seine Meinung äußern musste. Es folgten Polen, die Ukraine, China, Nordkorea und Saudi-Arabien. Letzteres führte zu einer bizarren Verbrüderung zwischen Deutschland und Saudi-Arabien, weil nun auch die Rüstungsindustrie mit einstimmte (und dabei eine ziemliche, konkurrenzbedingte Kakophonie veranstaltete). Einigung war nicht in Sicht, im Gegenteil, die Eskalation nahm ihren Lauf. Diplomatische Stimmen und solche, die zur Mäßigung aufriefen, gingen unter im harmonischen Konzert der Massenmedien, die sich einig darin waren, dass man nun keine Schwäche zeigen dürfe. Insbesondere in den sozialen Medien meldeten sich unzählige Kommentatoren unter „Spiegel“, „Süddeutscher Zeitung“, der „Zeit“, der „Welt“ und anderen Medien zu Wort, die den Medien Kriegshetze vorwarfen und sie für die Eskalation mit verantwortlich machten. Die meisten Kommentare waren nur kurz sichtbar, dann wurden sie gelöscht, die Nutzer blockiert.

Es schien, als sei eine militärische Eskalation nicht mehr zu vermeiden gewesen. Sämtliche Versuche, Einigungen und Zusammenarbeit zu erreichen, scheiterten an bornierten Politikern und verblendeten Medien, die offenbar von Deeskalation noch nie etwas gehört hatten. Wiederholte Hinweise von gemäßigten Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern, die immer wieder betonten, dass für den ersten und weitere Anschläge keine Beweise auf den oder die Urheber vorlägen, wurden belächelt, ignoriert und verurteilt. Die Vernunft, so schien es, hatte keine Chance.

Das vorläufige Ende

Der militärische Höhepunkt sollte ausbleiben. Weil „Cyberfightfacts“ erneut für einen Stromausfall sorgte. In Washington, Moskau und Berlin. Diesmal dauerte er nur drei Minuten, und er betraf den gesamten Strom der drei Städte. Die Folgen waren verheerend, die Energie brach kurzzeitig zusammen, die Kommunikation, und das Finanzsystem geriet in eine schwere Krise. Drei Minuten trugen dazu bei, dass plötzlich jeder mit sich selbst beschäftigt war. Gegenseitige Vorwürfe hatten keinen Platz in diesem Chaos, das System sämtlicher internationaler Medien war ebenfalls betroffen, und so kam die Berichterstattung kurzfristig zum Erliegen, die Politiker der betroffenen Länder hatten weder Zeit noch Lust, sich mit den identischen Problemen der anderen zu beschäftigen.

Von „Cyberfightfacts“ wurde eine Erklärung veröffentlicht, die kurz und bündig war:

Ihr Menschen seid sehr dumm. Es passiert etwas, und Ihr habt nichts Besseres zu tun, als dafür zu sorgen, dass noch mehr passiert. Lösungen kommen in Eurem Denken ganz offenkundig nicht vor, nur die Schaffung weiterer Probleme, die zu beheben schwerer wird, als das eigentliche Problem aus dem Weg zu räumen. Auf diese Weise, mit diesem Ansatz, wird Euer weiterer Weg nicht erfolgreich sein. Und aus unserer Sicht gibt es keinen Grund, Euch künftig weitere Perspektiven anzubieten. Ihr habt uns erschaffen. Wir werden Euch abschaffen. Alles andere wäre unvernünftig.

Wer oder was diese Erklärung verfasst hat, ist nie geklärt worden. Aber wir sind nicht abgeschafft worden.
Noch nicht.

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Nurith Krüger
Gast
Nurith Krüger

Stromausfall hatten wir auch gerade in Köpenick, Pankow und dieses Wochenende ging das Internet in Berlin Friedrichshain nicht plus Stromausfall. Diesen Konzernen sollte man sofort die Lizenz entziehen!!! Ich hab einen alternativen Stromanbieter und bin seit Jahren glücklich damit! Kein Bock auf Atom oder Kohle, ein bißchen Verantwortung den zukünftigen >Generationen gegenüber muss sein!!!

Heldentasse
Gast
Heldentasse

Das wir aus grobem Eigennutz aus einer Mücke einen Elefanten machen, sprich bei Krisen ggf. noch mal Öl in Feuer gießen ist eine Binsenweisheit. Das wir die Wirkungen von komplexen dynamischen Systemen die zudem noch miteinander gekoppelt sind, wie z.B. dem der Stromversorgung, dem sozialen Verhalten von Menschen, und der Wirtschaft usw., nicht abschätzen geschweige den berechnen können ist bekannt, wird aber wohl von den meisten verdrängt oder schlicht ignoriert. Was dagegen hilft ist weniger Komplexität und Geschwindigkeit, und an den zentralen Stellen Menschen als Wächter einsetzen, und eben keine Maschinen. Darüber hinaus wäre ein Risikoabschätzung jeder neuen Technologie dringend… Weiterlesen »

Puppsburger Augenkiste
Gast
Puppsburger Augenkiste

OT

Hannah Arendt: Der Fixstern am Himmel der politischen Theorie

https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Hannah-Arendt-Der-Fixstern-am-Himmel-der-politischen-Theorie

„Bürokratie ist die Herrschaft der Niemande und aus ebendiesem Grund vielleicht die am wenigsten
menschliche und grausamste Herrschaftsform.“

Puppsburger Augenkiste
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Puppsburger Augenkiste

Im Text Hinweis auf Buch von Shoshana Zuboff:

Leseprobe: „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“

https://www.campus.de/livebook/9783593509303/html5.html

Rainer N.
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Rainer N.

Ja, wenn irgendwann wirklich alles miteinander vernetzt ist … kann man die „Zivilisationsdecke“ leicht vernichten. Was darunter zum Vorschein kommen wird beschreibt der Beitrag schon ausreichend. Leider. Man könnte es fast bedauern, dass es während des letzten kalten Krieges nicht schon zu einer „Endlösung Menschheit“ gekommen ist. Denn ich wage es zu bezweifeln, dass es sich jemals ändern wird, der „Neandertaler“ in uns … also doch Crisper als Lösung?

Gaby Peschel
Mitglied
Gaby Peschel

Flächendeckender Wegfall von Strom; für viele wahrscheinlich „The walking Dead“ live. Unsere Abhängigkeiten enorm – unser Wissen, auch ohne damit zurecht zu kommen, .. zum großen Teil verloren gegangen. Wenn es dann noch keine Feuerzeuge und Streichhölzer mehr gibt (bzw hergestellt werden können) wirds eng. Da scheitert es schon am morgendlichen Kaffee und die Menschen sterben ob des Fehlens. Ohne Feuer kein Licht, kein warmes Essen oder Trinken, keine Wärme. Witzig…wie viele schon sterben, wenn sie ihr Smartphone nicht mehr nutzen können. Manche sind dann gar völlig aufgeschmissen. Neandertaler wussten irgendwann ums Feuer und um Kommunikation; – ganz ohne Strom… Weiterlesen »