Gedenken? Geh denken!

»Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten.« Das sage nicht ich – das sagt Heiko Maas. Aber er irrt sich, denn er verwechselt Symptom und Ursache. Eigentlich bröckelt es nämlich schon wesentlich länger.

Am Holocaust-Gedenktag hatte der Außenminister seinen großen Auftritt, er widmete sich seines liebsten Themas: Dem Gedenken. Sein halber Twitter-Account besteht mittlerweile fast nur noch aus »Nie wieder!«-Mahnungen. Es gibt kaum etwas anderes, wofür er sein dortiges Online-Team tanzen lässt. Am 27. Januar durfte er also nun seine Tweets ausmotten und als große Rede schwingen. Ich gebe ja zu, der flapsige Ton an dieser Stelle ist nicht jedermanns Angelegenheit. Das Thema verlangt einen respektvolleren Ton. Aber wie manche Politiker dieser Epoche mit dem Gedenken umgehen, wie sie es als leere Hülle zelebrieren und am Ende ihre eigene fatale Einschätzung zur Erhellung aller anbieten, lässt es mich schwerfallen, einen pietätvolleren Ton anzuschlagen. Heiko Maas, den Bundesmahnzwitscherer, kann ich jedenfalls nicht als ehrlichen Makler in dieser Sache ernstnehmen.

Die Erinnerungskultur, von der er spricht, liegt schon viel länger am Boden, als er behauptet. Das hat freilich auch mit dem zeitlichen Abstand zu den Ereignissen zu tun. Aber nicht ausschließlich: Wenn man den Holocaust nicht als isoliert-singuläres Ereignis betrachten will, als Unfall der Geschichte etwa, als etwas, das von jetzt auf gleich in der Welt war, muss man sich die Frage gefallen lassen, woher diese Menschenverachtung kam. Maßgeblich hatte sie mit den verrohenden Nachkriegsjahren nach 1918 zu tun, mit den Alltagsfolgen der Weltwirtschaftskrise und mit einer Politik, die nicht allzu beherzt eingriff, um diese Folgen zu minimieren. Einen New Deal gab es noch nicht, Keynes nahmen nur wenige zur Kenntnis und eine nachfrageorientierte antizyklische Wirtschaftspolitik wäre im regressiv geführten Deutschland mit seinen Junker-Eliten undenkbar gewesen.

Ganze Gesellschaftsschichten verrohten, wurden auf sich selbst zurückgeworfen. Diese Wurzeln der Verrohung und die Wahl der Nationalsozialisten sind nur miteinander denkbar. Die Nazis waren nicht plötzich über Nacht an die Macht gelangt. Sie waren ein Symptom. Ein tragisches Symptom – wie sich zeigen sollte.

Nein, die AfD ist nun nicht die NSDAP – der Vergleich wäre albern, denn die Situation ist heute eine andere als vor 1933. Gleichwohl kann man aber eine Parallele ziehen: Dass Menschen sich für eine radikale Deutschlandalternative entscheiden, hat damit zu tun, dass sie sich in einer Alternativlosigkeit wähnen, die die Politik nicht müde wird zu betonen. Auch Heiko Maas‘ Partei, die Sozialdemokratie, hat ihre Position als Vertretung lohnabhängiger Menschen aufgegeben und stimmt nun seit Jahren ins TINA-Prinzip (»There is no alternative«) ein. Das ist alles nicht neu, alles keine bahnbrechende Erkenntnis. Aber offenbar muss man das dieser Tage immer wieder zur Sprache bringen.

Die Erinnungskultur bröckelt, nicht weil die extremen Rechten Druck machen. Sie bröckelt, weil man ganze Bevölkerungsschichten durch Verachtung für solche rechten Alternativen geöffnet hat. Die verrohende Sprache des Neoliberalismus, der den Menschen auf seine Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt reduzierte, Arbeitslose kriminalisierte und pathologisierte, hat einen gesellschaftlichen Verrohungsprozess angestossen, der nur konsequent in die Installation einer Partei münden musste, die offen ist für regressive, ja teils reaktionäre Vorstellungen des Gemeinwesens.

Hinzu kommt natürlich etwas, was ich in vielen Artikeln seit 2008 immer wieder thematisiert hatte: Die Erinnerungskultur, wie sie Maas meint und wie wir sie in den letzten Dekaden in der Bundesrepublik kannten, war nur als blutleeres Memorabila gedacht. Ganz nach dem Motto: Dem Leid von früher gedenken, beim Leid von heute allerdings wegschauen. Die Singularität der Shoa wurde von unseren Eliten dazu gebraucht, vergangenes Unrecht als gedenkwürdig zu deklarieren, als etwas, was nie wieder stattfinden dürfe, während man gleichzeitig das aktuelle Unrecht als davon nicht betroffen betrachtete. Man gedachte der Morde an den europäischen Juden, guckte aber über Jahre unbeeindruckt weg, wenn die europäische Asylpolitik es für ein Naturgesetz erachtete, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Die Erinnerungskultur, die hier gemeint ist, war stets die einer Waffenexportnation, die an Krisenherden dieser Erde Profite erwirtschaftete, Ressourcenraubbau im Trikont und deren Folgen für Natur und Mensch duldete und erpresste, gleichzeitig aber von ihren Eliten im Sonntagsstaat mit Leichenbittermiene belehrt wurde, dass das Unrecht, was der Mensch dem Menschen anzutun vermag, nie wieder eintreten dürfe.

Eine Erinnerungskultur, die nur zu dem Zwecke erinnert, sich damalige Verhältnisse vor Augen zu führen, ohne gleichzeitig daran zu erinnern, dass es die Aufgabe eines solchen Erinnerns ist, eben auch heutige Verhältnisse damit anzusprechen: Man helfe mir auf die Sprünge, aber wozu soll das denn bitte gut sein?

Wie gesagt, über Jahre habe mich genau mit diesem Thema beschäftigt – schon lange bevor gewisse Kreise in der AfD diese Erinnerungskultur angriffen und auflösten. So wie wir Erinnerung zuletzt in diesem Staate zelebrierten, war sie eine entleerte Hülse, ein nach außen sichtbar gemachter Akt, der nichts verinnerlicht hatte. Die Machtergreifung von einst thematisieren und die Machtergreifung derer, die das Primat der Politik durch eine neoliberale Oligarchie ersetzten, nicht mal zur Kenntnis nehmen: Dass da was nicht stimmen kann, hat die Erinnerungskultur schon lange vor der AfD brüchig werden lassen.

Gedenken, Herr Maas? Nein, geh denken, Herr Maas! Mit Selfie-Tweets und entseelten Sprüchen braucht es keine Rechtsextremen zur Zerstörung – eine solche Form des Gedenkens ist selbst am besten geeignet, den ursprünglichen Impetus abzuschaffen. Eine ausreichende Grundlage der Verrohung wurde ja über Jahrzehnte erzeugt, da fällt dann die Verdrossenheit auf einen fruchtbaren Boden für die Geschichtsvergessenheit. Besonders, wenn sich ihr Minister in den Weg zu stellen versuchen, die man getrost vergessen kann.

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Rudi
Gast
Rudi

Der Herr Maas in seinen Maßanzügchen ist auch deshalb unglaubwürdig, weil er als Außenminister sich der Politik des amerikanischen Präsidenten unterwirft, dem nicht wenige faschistische Züge attestieren. Wenn das ‚Nie-wieder-Auschwitz‘ ihn in die Politik gebracht hätte, wie er behauptet, dann hätte er nie dafür plädieren können, den selbstausgerufenen rechtsgerichteten Nebenpräsidenten Venezuelas von US-Amerikas Gnaden als legitimen ‚Übergangspräsidenten‘ anzuerkennen. Maas ist ein kalter Krieger. Das beweist er mit seiner Russland-Politik, die kein Jota von der aggressiven Vorwärtsstrategie der Nato abweicht. Wer ‚Nie wieder Auschwitz‘ proklamiert und hinter den Waffenlieferungen in Kriegsgebieten steht, wer islamische Diktatoren hofiert und sie mit Waffen zuscheißt,… Weiterlesen »

Heldentasse
Mitglied
Heldentasse

Für mich ist die zelebrierte Erinnerungskultur leider genauso hohl wie die „gelebte“ Demokratie.
Denn wenn man die Erinnerungskultur ernst nehmen würde, dürfte man u.a. auch nicht so exorbitant aufrüsten, inkl. der demnächst erneut anstehenden Stationierung von atomaren Mittelstreckenwaffen in Europa. Auch dürfte vom toitschen Boden kein Krieg mehr ausgehen, was aktuell leider ein frommer Wunsch ist.

Ergo: An den Taten sollt ihr sie erkenn, nicht an ihren Worten!

Beste Grüße

rainer
Gast
rainer

Heiko KEINARSCHINDERHOSE ….das der es so weit gebracht hat ist doch ein Zeichen für die Verelendung der SPD…..

Heldentasse
Mitglied
Heldentasse

Och nö, schon wieder wird die Totenruhe der Sozen gestört. Schäme Er sich!

Schuh-Schuh der Schuhschnabel
Gast
Schuh-Schuh der Schuhschnabel

….das der es so weit gebracht hat ist doch ein Zeichen für die Verelendung der SPD….. Gehandelt wird er als politisches Nachwuchstalent und ist doch nur personelle Verfügungsmasse der Seeheimer. Nach Aussetzung des INF-Abkommens sind wir dort angelangt wo wie Ende der 80er ausgestiegen sind. Der technische Fortschritt in der Waffentechnik ist gewachsen. Aus Pershing und SS 20 wurden Hyperschallraketen die nicht mehr abzuwehren sind. Einem schon jetzt verstrahltem amerikanischen Präsidenten trägt man den Atomkoffer nach und die Amerikaner wollen vollen Ernstes den Raketenabwehrschirm rund um Russland mit atomaren Angriffsraketen bestücken. Was liegt da näher für den deutschen Außenminister, als… Weiterlesen »

Pen
Gast
Pen

Dieser Maas war einer der Ersten, die Guaidó anerkannt, und Maduro ein Ultimatum gestellt haben – gegen alle Regeln des Völkerrechts. Faschisten und Arschkriecher , die ihr Gedenken an die Naziverbrechen wie ein Banner vor sich hertragen und gleichzeitig Kriege in aller Welt unterstützen, sind obsolet.

Sic semper tyrannis! Die Stunde ist nah!

Pen
Gast
Pen

Dieser Maas war einer der Ersten, die Guaidó, das neueste Produkt der imperialistischen Puppenspieler, anerkannt und einem demokratisch gewählten Präsidenten ein Ultimatum gestellt haben. Größenwahnsinnige, faschistische Arschlöcher, die ihr „Gedenken“ wie eine Monstranz vor sich hertragen, aber in aller Welt Kriege unterstützen, sind obsolet. Ich schäme mich dieser Regierung.

Andreas Säger
Gast
Andreas Säger

Dazu passend heute ab 22 Uhr auf arte „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Warum passend? Weil jetzt die Generation der Opfer und Täter fast zu 100% begraben ist. Der Film zeigt mit dem Titelhelden die Karikatur eines Tätertyps (Marke „Werner v. Braun“). Jeder, der über 50 ist erinnert sich noch, wie es war als die „älteren Herren“ mit dem gewissen Tonfall und den harschen Umgangsformen allgegenwärtig waren. In den 60iger und 70iger Jahren fanden auch gewisse Psychologismen über die Triebstruktur und den authoritären Charakter dieser Herren Eingang in die öffentliche Diskussion. Nicht dass diese „Volkspsychologie“… Weiterlesen »

Pen
Gast
Pen

Matthias Bröckers zu unserem Minister des Äußersten und zu Venezuela.
https://www.broeckers.com/2019/01/30/ein-cia-clown-namens-guaido/
Er schlägt übrigens Didi Hallervorden als Interimspräsidenten für Deutschland vor, den hier immerhin 80 Prozent der Bürger kennen, während in Venezuela dieselbe Anzahl von dem, vom Imperium favorisierten Bubi noch niemals etwas gehört haben. 🙂

Jane Doe
Gast
Jane Doe

Der Link mag wirken wie nicht zum Thema passend – tut er aber. Schließlich ist das dort geschilderte m. E. n. ein maßgeblicher, wenn auch gern geleugneter bzw. verdrängter, Teil der Geschichte Deutschlands und seiner Gesellschaft. Und es wirkt in der ein oder anderen Weise, mal stärker, mal schwächer bis in unsere Zeit hinein. Vielleicht sogar ein möglicher kl. Teil zur Beantwortung wie es zur Machtergreifung Hitlers kam, kommen konnte.
Im Übrigen ein sehr guter Artikel, wie ich finde, dem ich nur beipflichten kann.

Pen
Gast
Pen

„Sozialdemokratischer Totalausfall im Bundesaußenministerium“ (via Nachdenkseiten) :

https://www.taublog.de/190205die-demokratieheuchler

Meschuggen
Gast
Meschuggen

OT – Sowas bringt die Zeit

Kann, kann aber auch nicht in sechs Varianten
Eine Analyse In bester Manier einer Wahrsagerin und/oder Kartenlegerin

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-01/osteuropa-europawahl-europaeische-union-szenarien

Der Artikel wurde einzig und allein verfasst, um ein angeblich aggressives Vorgehen Russlands
an der EU – Ostgrenze zu transportieren. Propaganda aus dem Lehrbuch.

pen
Gast
pen

@Heldentasse,
Hier noch etwas zur allgemeinen Müdigkeit und Resignation bzw. Depression, die dadurch entsteht, daß die Politik über unsere Köpfe hinweg entscheidet, und wir nichts tun können. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen und hier kann man darüber lesen:

„Erlernte Hilflosigkeit“ von Martin Seligman.

Wilde Hilde
Gast
Wilde Hilde

Mit Diagnosen und küchenpsychologischen Analysen sollte man als Quereinsteiger vorsichtig walten.
Was Seligman beschreibt, wird heute als Reaktive Depression oder Belastungsdepression bezeichnet.
„Passivität“ wird nicht erlernt sondern ist eine Folge von belastenden Ereignissen, als Folge eines
Ausgeliefertseins. Dies aber in einem persönlichen Kontext. Die Politik „irgendwo da oben“ spielt in
diesem Zusammenhang kaum eine Rolle.

pen
Gast
pen
Wilde Hilde
Gast
Wilde Hilde

Wissenschaft ist keine Sache der Ansicht. Von 1967 bis heute dürfen sich Erkenntnisse geändert haben. Das Higgs-Teilchen kannte 1967 auch niemand.

Schlimm genug, dass Menschen heute in ihrem Arbeitsumfeld und im
privaten Lebensbereich derart malträtiert werden dürfen, das sie solche
Krankheiten erleiden müssen.

pen
Gast
pen

Ja, das ist sehr schlimm und Grund genug für eine reaktive Depression.