Der Fall Roseanne: Ein Beispiel für linksliberale Arroganz

Ich mag Roseanne Connor – Roseanne Barr hingegen kann ich weniger leiden. Nach ihrem rassistischen Tweet, für den sie – und leider die ganze Crew der neuaufgelegten Staffel von »Roseanne« – bitter bezahlt hat, machten der Schauspielerin viele folgenden Vorwurf: Sie dürfe sich nicht mit dem White Trash, den sie in der Serie spiele, gemein machen. Mit Verlaub: Das ist elitäre Liberalarroganz, so kämpft man nicht gegen Trump, AfD und Konsorten. So stärkt man sie.

Wenn man an die Serie »Roseanne« zurückdenkt, verklärt man gerne. Es heißt dann häufig, dass es sich um eine Serie handelte, in der die Sorgen und Nöte einer amerikanischen Arbeiterfamilie auf den Tisch kamen. Das stimmt zu großen Teilen. Gleichwohl war die Serie nie eine Milieustudie, es gab natürlich auch viele seichte Folgen – ganz nach Sitcom-Muster. Die neunte und letzte Staffel der alten Zeit, bevor man das Format neuerdings reanimierte, war dann ein völliger Kulturschock, der gar nicht in den Serienkosmos zu passen schien. Plötzlich waren die Connors reiche Leute mit Reicher-Leute-Sorgen. Die Serie verlor ihren Charme – und geriet verdientermaßen an ihr Ende. Am Schluss guckte man plötzlich denselben Snobs zu, denen in anderen Serien tolle High-Society-Abenteuer widerfuhren. Dass »Roseanne« aber eine Arbeiterfamilie in den Mittelpunkt stellte, in der man oft arbeitslos, vom Chef getriezt und vor berufliche Neuanfänge gestellt wurde, war tatsächlich ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Der liberale Zeitgeist macht Roseanne Barr das jetzt, nach ihrem rassistischen Tweet, gewissermaßen zum Vorwurf. Für ihn sind solche Lebensentwürfe Müll. Das zeigt viel mehr darüber, wie die liberale Bürgergesellschaft tickt als Mrs. Barr.

Rosie an den Abschaum verloren?

Die gute Frau, so las man in den Kommentaren zum Skandal, habe sich vielleicht ein klein bisschen zu sehr in ihre Rolle als Mutter und Großmutter eine White-Trash-Family hineingefühlt. Sie sei mit der White-Trash-Rolle verschmolzen oder habe ihren Status als White-Trash-Queen bestätigt. Kurzum, man habe Rosie endgültig an den Abschaum verloren. Über die Ansicht von Barrs Ex-Gatten Tom Arnold kommentierten Berichterstatter weltweit, seine Aussage, dass in den US »a white trash racist president« regiere – im Hinblick auf seine Wählerschaft -, erntete viel Beifall und wurde von vielen rege zitiert. Hashtag Roseanne kam quasi ohne diese Floskel vom weißen Abfall oder Abschaum gar nicht aus. Im liberalen Bürgertum, egal ob nun in den Staaten oder aber in der outgesourcten Debatte hier in Deutschland, war eine klammheimliche Wonne zu verspüren, dass die moralische Verurteilung der Barr Hand in Hand mit klassistischer Herabstufung der armen Weißen Amerikas möglich wurde.

Denn seit Donald Trump Präsident ist, mehr noch als vorher, als die Tea Party Obama Obimbo taufte, ihn als Hitler oder je nach Laune als Lenin karikierte oder dessen legitime Wahl anfocht, indem man ihm unterstellte, eigentlich ein Illegaler zu sein, gilt es im liberalen Bürgertum als chic, auf den armen Weißen herabzuschauen wie auf einen Untermenschen. Er hat ja nämlich mit seinem Bekenntnis zu Trump die ganze Suppe erst angerührt, hat einfach nicht begriffen, dass ein liberaler Zeitgeist zu herrschen habe, Toleranz ein Gebot und Harmonie eine Notwendigkeit sein sollten. Der arme Weiße ist also auch noch dumm, in ihm rattert es nicht perspektivisch, sondern wie im Affekt. Ja, hat er denn nie gelernt, seinen Verstand zu benutzen?

Oh doch, das hat er sicherlich. Nur arbeitet sein Verstand ganz anders, als es das liberale, meist ja gutsituierte Bürgertum ihm empfehlen will. Er hat gelernt, dass er am Ende meist den Kürzeren zieht. Er sucht viel Zeit seines Lebens nach einem Arbeitsplatz, der dann, erstmal ergattert, nicht sicher ist – zudem schlecht bezahlt und ohne Krankenversicherung ausgestattet. Er wohnt in einer Immobilie, die faktisch keinen Wert hat und deren Abzahlung er mehr schlecht als recht leisten kann. Seine Ernährung ist mies und seine Lebenserwartung schrumpft seit einiger Zeit nennenswert – und überdies messbar. Seine Schulbildung war schlecht, manche Schulen benutzen angeblich nach wie vor Atlanten, in denen osteuropäische Länder noch im Warschauer Pakt stecken. Die Schulmilch wurde vielerorts durch Cola-Automaten ersetzt, wobei die Schulleitung durch den Limonadenhersteller Anreize gesetzt bekommt, möglichst viel Getränke abzusetzen. Gelingt das, stocken Sponsoren gerne mal das knappe Schulbudget auf.

Was nicht links ist: Angebliche Abfallmenschen, wegen ihrer Abfallansichten abfällig bashen und sich dabei überlegen fühlen

Die Lebensrealität derer, die als White Trash verunglimpft werden, hat mit dem bürgerlichen Amerika gar nichts zu tun. Man tituliert diese Menschen als Abfall und macht deren Ansichten zu Abfallansichten, die es verdienen, mal richtig gebasht und beschimpft zu werden – und nicht etwa analysiert. Insofern gleicht die Szenerie dort dem, was wir in Deutschland erleben – fairerweise muss man allerdings sagen: Hier läuft es noch gemäßigter. Die gesellschaftliche Absturzgefahr hat sich hierzulande erhöht, aber noch fällt man – trotz Hartz IV – nicht ins Bodenlose. Man bleibt krankenversichert und die allgemeine Schulbildung, auch kein Ruhmesblatt deutscher Wirklichkeiten, wirkt da im Vergleich fast schon wie ein Studium. Und dennoch, es sind exakt dieselben Mechanismen, die wirken: Liberale Menschen, denen es recht gut geht, deren Sorgen nicht existenziell sind, sondern eher so im Luxussegment angesiedelt, nennen AfD-Wähler dumm, brutal und faschistisch.

Sie wissen nichts vom Verteilungskampf im unteren Segment der Gesellschaft, dorthin begeben sie sich ja nie. Diese bürgerlich-liberale »Gesellschaftskritik« ist über alle Empirie erhaben, sie kommt als Imperativ daher, als bildungsbürgerliche Oberlehrerschaft, die nicht danach fragt, warum jemand so und nicht anders denkt, sondern die gleich mit der Belehrung loslegt und Widerspenstigkeit als Ausdruck dessen abwiegelt, dass es wohl Menschen gibt, die einfach nicht das Zeug dazu haben, halbwegs mit ihrem Hirn umzugehen. Leider ist die linksliberale Aufarbeitung der AfD ziemlich anfällig dafür, einfach in den allgemeinen Kanon liberaler Kritiker einzustimmen. Und das ist ein Problem.

Denn kurz gesagt, wir haben es mit einer Haltung zu tun, die Klassismus dokumentiert – was gewiss nicht links und auf liberaler Seite gewollt sein kann. Das soziologische Jahrhundert, so muss man wieder mal annehmen, ist vorbei. Wo man früher begreifen wollte, wie gesellschaftliche Einflüsse und ökonomische Gewichtungen auf Gruppen und Einzelne wirken, hat man sich heute ins Gegenteil verkehrt. Heute zählt jeder für sich selbst, Gesellschaftseinflüsse werden negiert, seine Vorurteile sind sein Fabrikat. Wer die AfD wählt, der ist unser White Trash, unser weißhäutiger Müll. Ende – mehr Analyse ist selten. Ginge man dem soziologischer auf die Spur, dann müsste man sich ja  vielleicht eingestehen, dass mancher Affekt, der zur AfD lotst, damit zu tun hat, dass man ganze Gesellschaftsschichten auf den Müll der Sozialgeschichte warf. Dass man sie weggeworfen hat wie nicht mehr benötigte Lumpen. Man hat ihnen noch nicht mal hoffnungsvoll gesagt: Wir schaffen das. Darum ging es in der Neuausrichtung des Sozialstaates und des Arbeitsmarktes nie. Man wickelte einfach ab und nichts mehr auf.

Liberale Kritik an der AfD und AfDler: Geschwister in Geistlosigkeit

Der bürgerliche Kampf gegen die AfD ist oftmals nicht mehr, als der Versuch einer einkömmlichen Oberschicht, die eigene Verantwortung dafür, ganze Gesellschaftsgruppen auf Kriegsfuß mit diesem Staat gestellt zu haben, zu verleugnen. Sie stilisiert die gesamte Misere zur Selbstverantwortung derer, die ja an sich ökonomische Verlierer sind. Wenn sie jetzt unken, dass Mrs. Barr ja nur ihren Anspruch als Vertreterin des White Trash erfüllt habe, dann steckt da mehr dahinter als ein flapsiger Spruch. Es ist tiefstes Klassenbewusstsein – und letztlich auch Klassenkampf mit intellektuelleren Mitteln: Denn wenn die Armen nur Abfall sind, dann gibt es eine gewisse Berechtigung, sozialpolitische Maßnahmen weiter darben zu lassen. Abfall kann nämlich weg. Zusammen mit diesen Abfallproleten entsorgt man gleich noch einen grundlegenden Gedanken modernen Staatswesens: Man fragt nicht mehr, wo etwas herkommt, um entgegenzuwirken. Man antwortet nur noch mit der Forderung, das man etwas weghaben will. Und das teilen diese Kritiker gewissermaßen mit denen, die es sich in der AfD allzu leicht machen mit ihrer Hetze gegen Fremde im Land.

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Heldentasse
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Heldentasse

Also wenn man unbedingt US- Amerikanische TV- Serien heranzieht um deren “Massage” gegen Trump und andere Barbaren anzuwenden, dann doch bitte unbedingt Star Trek, siehe hier und auch hier.

Beste Grüße

ChrissieR
Mitglied
ChrissieR

Al Bundy for President und gut is…

Lutz Lippke
Gast
Lutz Lippke

Ein überfälliger Artikel gerade auch hier im Blog, der hoffentlich eine rege Diskussion auslöst.

Heldentasse
Mitglied
Heldentasse

Gehe ich recht in der Annahme, dass Du auch die Meinung “Al Bundy for President” vertrittst? Anders kann ich mir nämlich diese Chelmerei nicht erklären. 🙂

Beste Grüße

Lutz Lippke
Gast
Lutz Lippke

Ich hatte das Beispiel, das ich gar nicht kenne, nur als Aufhänger für eine Thematik verstanden, die hier und im realen Leben spielt. Die “Tumben” reden nicht mit den “Gutmenschen”, weil diese mittlerweile die Ausübung demokratischer Rechte unter den Vorbehalt der richtigen Gesinnung und Bildung setzen wollen und sich dafür der konservativ geprägten Staatsmacht anbiedern. Nun wurde weder der Neoliberalismus, noch der Faschismus von den “Tumben” in die Welt gebracht und großgemacht, sondern durch Machtspiele und Intriganz. Beides korreliert nun gerade nicht mit Tumbheit.

Linksman
Gast
Linksman

Eine kleine Anmerkung zum Sender ABC bzw. dessen Eigner, dem Disney-Konzern:
Wenn heute die Linksliberalen die Absetzung von Roseanne bejubeln, sollte daran erinnert werden, dass 1997 die gleiche Maßnahme die lesbische Ellen DeGeneris und ihr Coming-Out traf.

Mordred
Mitglied
Mordred

Nach ihrem rassistischen Tweet Da fängt es schon an. War der Tweet eigentlich rassistisch oder doch “nur” eine Beleidigung? Die Politikerin sähe so aus wie jemand vom Planet der Affen und noch irgendjemand, glaube ich. Wer mal nach ihr googlet wird sehen: Ähnlichkeit ist tatsächlich vorhanden. Und? Große Damen bezeichnet man als Giraffen, Öko-Männer als Waldschrate, Hipster als Hipster, Nonnen als Pinguine… Summa summarum ist das für mich ohne weiteren Kontext nur eine Beleidigung. Aber selbst wenn es Rassismus war hat sich Roseanne immerhin dafür entschuldigt. Man kann doch deswegen nicht ernsthaft ne ganze Serie einstampfen bzw. alle anderen Schauspieler,… Weiterlesen »

Exaybachay
Mitglied
Exaybachay

Gut!

Es ist ein Verhaengnis. Innerhalb der neoliberalen und darwinistischen Logik ist die Verachtung von Armut folgerichtig. Ebenso legitim ist in dieser Denke die Anwendung von Gewalt durch arme Menschen zur Besserung der eigenen Position.

Die Armen sind mit Ueberleben beschaeftigt. Die abnehmende Lebenserwartung des “White Trash” in den USA wird jedoch zur Radikalisierung des Konfliktes fuehren, wenn der Trend anhaelt.

Art Vanderley
Gast
Art Vanderley

Treffender Artikel, entlarvt schonungslos den salonliberalen Klassendünkel. Gabs schon in Weimar, wird aber meist völlig falsch eingeschätzt, als die vermeintlich fortschrittlichen “roaring twenties”.
Da war es in der Regel genauso, daß das salonliberale und gutsituierte Bürgertum liberal war, wenn es unter sich war, um umso aggressiver nach unten zu treten, wenn es ums Teilen des liberalen Gedankens gegangen wäre.

Man sollte den Begriff des Liberalismus nicht länger diesen verkappten Faschisten überalassen und ihnen die Deutungshoheit darüber streitig machen.

Exaybachay
Mitglied
Exaybachay

Ja. Dazu die Serie “Babylon Berlin”, sehr sehr sehenswert.

Serienfan
Gast
Serienfan

Besonders ärgerlich ist ja, dass diese Empörung ein Schein-Gefecht ist, das von den wahren Probleme ablenkt, denn der Rassismus nimmt ja tatsächlich in den USA zu. Die Ursachen hierfür haben aber strukturelle Gründe, die ja gerade die jüngste “Reunion-Staffel” von “Roseanne” so sichtbar machte. Als Dan Connor aus der finanziellen Not heraus seinen Freund feuert, um mit illegalen Einwanderern ein Projekt durchzuziehen, damit er endlich die dringend benötigte Operation für seine Frau finanzieren kann, zeigt das doch besonders anschaulich, wie die größer werdenden Nöte einer ganzen Bevölkerungsschicht dazu führen, dass diese sich gegen einander wenden. Wie John Goodman in der… Weiterlesen »

Pentimento
Gast
Pentimento

Schade, daß es zu diesem, gerade in Bezug auf die AfD wichtigen Artikel keine längere Diskussion gibt! Das liegt vielleicht an der Fussball WM?

Roberto, Du schreibst einfach zu viel. Die Leute kommen mit dem Kommentieren ja gar nicht hinterher. 😊

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