New Conservatism: Ein Plan zur Selbstvernichtung

Der Konservatismus hat die Gesellschaft fest im Griff. Er bestimmt die Diskurse und deutet die Lage. Aber keine Angst, er wird auch bei uns hier in Deutschland in sich zusammenfallen. Man muss nur lange genug warten – und das Beste für danach hoffen.

Die »geistig-moralische Wende« ist andernorts als New Conservatism (eigentlich müsste man das andersherum formulieren) bekannt geworden und im Grunde gar nicht so richtig konservativ. Einerseits weil man im Bunde mit einem Liberalismus steht, der voller Staatsverachtung leugnet, es gäbe so etwas wie Gesellschaft gar nicht. Andererseits, weil die Taktik, mit der sich neue Konservative für einen Rollback engagierten, weniger klassische konservative Themen besetzte, als mit Angstmacherei und Panikmache hausieren zu gehen. Die Geschichte des amerikanischen Konservatismus prägt natürlich auch die konservativen Backlashes in anderen Ländern, was Haltung und Taktiken anbelangt. Und für die Geschichte des amerikanischen Konservatismus lässt sich final sagen: Sie ist eine Geschichte des Kontrollverlustes. Eine Frage der Zeit, bis der neue Konservatismus auch woanders als in den Vereinigten Staaten an diesen point of no return gerät.

New Deal: Der Beginn der konservativen Abschreckungstaktik

Die Geburtsstunde des modernen Konservatismus, so schreibt Torben Lütjen in seiner Analyse »Partei der Extreme: Die Republikaner«, sei in der »Ära des New Deal« zu suchen. Traditionslinien und »konservative Instinkte« habe es zwar freilich vorher schon gegeben, allerdings als »konsistente Bewegung« gab es den Konservatismus vormals nicht. »Dafür mussten erst einige der genannten Überzeugungen [Anm.: nämlich die Angst vor der Zentralregierung, Individualisierung, missionarische Religiosität, Sakralisierung des freien Marktes und Glorifizierung des Kapitalismus] in die Defensive geraten und herausgefordert werden; erst unter diesem Druck konnten sich diese eigentlich konträren Elemente langsam zu einer wirklichen Weltanschauung verdichten.«

Mit dem New Deal stand der amerikanische Konservatismus erstmals unter Druck, der alte Laissez-faire-Nachtwächterstaat wurde zu einem modernen Interventionsstaat und die alten Eliten fürchteten um die überlieferte Ordnung, die so gut zu ihnen war. Unternehmerkreise formierten sich zum Gegenschlag, sie gründeten Netzwerke und konservative Spender finanzierten den intellektuellen Kampf gegen die New-Deal-Ordnung. Diese Leute wollten eine konservative Deutungshoheit der Geschehnisse etablieren und die jetzt umzusetzenden Maßnahmen nach konservativen Gesichtspunkten ankurbeln. Im Umfeld der Grand Old Party fanden sie Kandidaten, die sich als Anti-Dealer einspannen ließen. Der New Deal war aber recht beliebt bei den Amerikanern. Es fiel den Conservativs deshalb ziemlich schwer, Ansätze für eine Gegenöffentlichkeit zum Roosevelt-Kurs zu finden. Zumal die Republikanische Partei noch Meilen davon entfernt war, eine rein konservative Partei zu sein. Noch leistete sie sich einen progressiven, ja sogar liberalen Flügel. Mancher Republikaner war kaum von einem Demokraten zu unterscheiden, befürwortete sogar den New Deal. In jenen Jahren, als von konservativer Seite der New Deal als Socialism diffamiert wurde, der dem Amerikanischen an sich ja wesensfremd sei, legte man den Grundstein zu dem, was ideologisch folgte: Die Zweite Rote Angst.

McCarthy, Goldwater, Reagan, Bush

Im Schatten des Kalten Krieges gedieh das, was konservative Eliten in Wirtschaft und Politik seit der Ära Roosevelts zu wissen glaubten: Die Kommunisten griffen nach der Weltmacht. Überall witterten sie Zugriff, ob nun bei den Steuersätzen, die zu hoch waren, bei der Zentralregierung, die sich größere Rechte herausnahm oder selbst in Hollywood, wo liberale Künstlerseelen eindeutig ein viel zu großes Forum erhielten. In den Jahren 1947 bis 1957 ging man auf Jagd, der oberste Jagdvorsteher Joseph McCarthy hetzte gegen alles, was auch nur hellrot schimmerte. Selbst mancher indigener Reststamm, der von alters her kein Konzept zum Privateigentum nach westlichen Vorstellungen kannte, musste damit rechnen, als Stalins Fünfte Kolonne »enttarnt« zu werden. Befürworter des Big Government, also von einer starken Regierung, die ausgestattet ist mit großen Machtbefugnissen, galten daher schon mal als verdächtig: War nicht die Sowjetunion eine Zentralmacht? Sozialstaat? Steuergerechtigkeit? All das waren doch kommunistische Umtriebe. Antiamerikanisch überdies.

In Barry Goldwater schafften es diese vagen konservativen Wertevorstellungen in der Zeit nach McCarthy sich in einer Person und einer Partei zu vereinen und damit potenzielle Wählerschichten anzusprechen. Vorher waren Konservative nicht zwangsläufig Republikaner. Merklich bildete sich die Modifizierung der Grand Old Party heraus. Dieser kleine knorrige US-Senator sah sich als wahrhafter Amerikaner, wollte von den verkünstelten Ostküsten-Amerikanern nichts wissen. In Arizona, dort wo er herkam, sei die Frontier noch in den Köpfen verankert, dort habe man zu jeder Zeit selbst anpacken, seines Glückes Schmied werden müssen, wenn man überleben wollte. Welfarism? Wohlfahrtsstaat also? Oder Warten auf Washington? Goldwater sah darin keine Option, denn eine Regierung könne doch nichts leisten, nur vor Ort sei es möglich, sich sein Leben zu verbessern. Wie kein anderer Bundesstaat hat Arizona vom New Deal profitiert – ohne den Hoover-Damm beispielsweise, wäre er ein dröger Wüstenstaat geblieben. Goldwater verlor kläglich, konnte bei der Präsidentschaftswahl 1964 nor 52 Wahlmänner gewinnen (Johnson hatte 486), aber mit ihm etablierte sich die konservative Stilfigur des Mannes aus der Mitte, des Anpackers und Feind intellektueller Betrachtung, der seinen Antielitarismus als Trennlinie zwischen Küste und Westen, zwischen Stadt und Land exerzierte.

Ronald Reagan griff gerne auf diese Figur und Rhetorik zurück. Als Schauspieler seichter Streifen hatte er ein gewisses Talent dafür entwickelt. In den Jahren von McCarthy landete er als ehemaliger Liberaler im konservativen Lager, agitierte er vor Werksarbeitern gegen den Kommunismus. Er trieb diesen Agitprop wohl so dumpf, dass seine Auftraggeber aus der Wirtschaft ihn zurückpfeifen mussten. Ein bisschen mehr Anspruch sollte es dann bittesehr schon sein. Mit dieser Vorgeschichte als Hardliner, der sich nicht schämt, billige Kniffe anzuwenden, um zu polarisieren, war er als Nachfolger Goldwaters prädestiniert. Er mauserte sich zur neuen Hoffnungsgestalt der Conservatives, die jetzt immer mehr Einfluss in der Öffentlichkeit erwirkten; die Liberalen hingegen wirkten ausgelutscht, ihre Reformen (zum Beispiel die Great Society) hielten nicht, was sie versprachen. Reagan schaffte es ins Weiße Haus und verstand sich als oberster Herr einer konservativen Revolution. Die Silent Majority, die Richard Nixon, der kein sonderlich konservativer Konservativer war, als Debattenbeitrag Jahre zuvor als Grundlage seiner Politik ins Feld führte, glaubte auch der Ex-Western-Schauspieler hinter sich versammelt. Reagan nährte in seiner Amtszeit die Legende, dass all diese konservativen Mythen und Wertvorstellungen, die seit den New-Deal-Jahren währten, durch ihn zu einer erfolgreichen Präsidentschaft kulminierten und das Land positiv veränderten. Bis heute hält diese Legende an. Das Gegenteil trifft eher zu.

Zu guter letzt trat der zweite Bush auf und hat den Konservatismus seinen letzten Anstrich verliehen. Er war der erste Präsident, dem es gelang, die christlichen Eiferer ins republikanische Lager zu lotsen. Vorher waren sie weitaus breiter aufgestellt, Fundamentalisten wählten auch die Demokraten, einen der ihren wie Jimmy Carter, oder aber sie sprachen sich zur Enthaltsamkeit im politischen Diskurs aus. Mit George W. Bush änderte sich das, seine persönliche Geschichte vom geläuterten Sünder, der vom Suff zurückfand auf den rechten Weg, um von dort aus Kreuzzüge gegen das Böse zu führen, überzeugte diese Klientel nachhaltig. Überhaupt: »Das Böse« – bereits bei Reagan nahm es begrifflich eine zentrale Rolle ein. Mit diesen beiden Präsidenten wurde politische Verantwortung stärker denn je mit moralischen Attributen verwoben, die sich aus einem eindimensionalen Sendungsbewusstsein heraus manifestierten. Man unterwarf sich damit einen Anspruch, den man unmöglich halten konnte – jedenfalls nicht mit objektivem Blick auf die Dinge.

Die Implosion: Die entpolitisierte Rechte und ihr heutiger Präsident

Die Vorgeschichte des modernen amerikanischen Konservatismus, der in der Republikanischen Partei gipfelte, lässt sich freilich nicht in vier Absätzen abhandeln. Dass dem genannten Torben Lütjen das auf 133 Seiten gelungen ist, muss man ihm als Lob anrechnen. Was aber hängenbleiben soll: Die Geschichte der Republicans ist eine Geschichte voller Eskalationen und Radikalisierungen. Eine Art Evolution des Wahnsinns, an dem man nicht etwa verzweifelte, sondern den man zu einer Weltuntergangsstimmung verwurstete, der an den Urnen punkten sollte – und der ja wohl auch immer wieder punktete. Dekade für Dekade verschärfte sich der Ton, verselbständigte sich der innere Diskurs, radikalisierte sich das Weltbild so sehr, dass es eigentlich nur eine Schlußfolgerung geben konnte: Die Karikatur dieses Prozesses.

Hier kommt Donald Trump ins Spiel. Er ist das evolutionäre Geschöpf der parteilichen Implosion, das letzte Glied in einer Kette aus Wahnsinnen vieler Jahrzehnte. Stück für Stück bewegte man unwissentlich sich auf diese Figur zu, die fehlende Sachlichkeit und die Ideologisierung der eigenen Weltanschauung machten einen wie Trump zwangsläufig. Man kann von ihm nicht als die Krone dieser Schöpfung sprechen – Evolution ist auch keine Krönung, sondern die Lehre vom Überleben des am besten Angepassten in einem bestimmten Umfeld oder Milieu. Insofern trifft das bei Trump zu: Keiner hat sich im implodierten Republicanism so gut ein- und angepasst, wie diese Comic-Figur aus Fleisch und Geld.

Angstmacherei und Untergangsstimmung bis zum bitteren Ende

Man hat jetzt über Jahrzehnte gedreht und überdreht, noch einen draufgesetzt und mit Provokationen kokettiert und dabei so getan, als sei diese Form der konservativen Wählermobilmachung ganz natürlich und richtig. Doch über Jahrzehnte hat man sich da ein Monstrum erschaffen, eine unkontrollierbare Haltung verinnerlicht, die letztlich den ursprünglichen konservativen Gedanken zu einer überdrehten Überspanntheit hin zu einer Karikatur seiner selbst pervertiert. Mit jeden Wahlkampf musste es radikaler, eskalierender, haltloser werden: Dieser inneren Logik der neuen Konservativen konnte keiner aus dem eigenen Lager mehr entkommen, so er Karriere machen wollte. Die Untergangsstimmung, mit der man sich als Alternative zum Liberalismus in Szene setzte, wurde zum Selbstläufer. Die Performance, in der man sich als letzte Bastion vor dem Untergang stilisierte, gebar den galoppierenden Wahnsinn einer Weltanschauung, die die Welt nur noch als Weltverschwörung gegen den Anstand und die Sittlichkeit begriff – und deren exklusive Vertreter man glaubte zu sein.

Natürlich färbt der New Conservatism auch auf hiesige Konservative ab. Der Antielitarismus schlägt zu weilen durch, wenn mancher Ministerpräsident populistisch auf einem dörflichen Starkbieranstich spricht und dort sagt, er freue sich endlich bei vernünftigen Menschen zu sein. In der Stadt, in der liberale Sitten herrschen, scheint er wohl keine Person zu kennen, auf die die Eigenschaft der Vernunft zutrifft. Wenn sie Steuerflucht als Notwehr hinstellen oder von den stillen Mehrheiten sprechen, den Anständigen, die nicht laut werden, aber als deren Stimme man sich feilbietet: Dann sind das die Taktiken, mit denen der Konservatismus auf der anderen Seite des Atlantiks seit Jahren auf Stimmenfang geht. Man muss den Konservatismus wahrscheinlich nur lange genug an seinem eigenen im Kern angelegten Wahnsinn laben lassen, dann kommt auch er an sein logisches Ende. Dann überdreht er sich so in Lächerlichkeit, dass er als Alternative versiegt. Ob danach allerdings etwas folgt, worauf wir uns freuen dürfen: Man muss schauen, was man tun kann …


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Heldentasse
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Heldentasse

Mich beschleicht das Gefühl, dass im Artikel Begriffe zusammen gebracht werden, die m.E. erst einmal einer genaueren Definition bedürfen, um als Diskussionsgrundlage zu dienen. Zum Beispiel glaube ich, dass das was der Artikel zu recht kritisiert, treffender mir Paläokonservatismus beschrieben wird, und wenn man dieser Linie folgt, und dies keine Fassade wäre, hätte das rein aus aus europäischer Sicht auch den Vorteil, dass die USA sich mehr mit sich selber beschäftigen würden. Das es aber wahrscheinlich eine reine Fassade für die enttäuschten weißen Wähler*innen in den USA darstellt, sieht man an der Politik von Herrn Trump. Und dann stellt sich… Weiterlesen »

R_Winter
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R_Winter

Der Artikel spannt einen weiten Bogen und muss zwangsläufig an der Oberfläche bleiben. Die Auswirkungen außerhalb der USA…….. Insofern trifft das bei Trump zu: Keiner hat sich im implodierten Republicanism so gut ein- und angepasst, wie diese Comic-Figur aus Fleisch und Geld. Ob diese Feststellung stimmt, wage ich zu bezweifeln. Trump vertritt ein System der Kündigung bestehender Verträge, Wechsel von Personal, Andeutungen (deren Bedeutung mit germanischen Knochen werfen ermittelt werden oder mit Kaffeesatzlesen), Unruhe schaffen, Recht beugen, Lügen usw. Dieses System wird in der Wirtschaft seit Jahrzehnten „erfolgreich“ eingesetzt. Das System von „Nachverhandlungen bestehender Verträge“ ist fast normal im Verhältnis… Weiterlesen »

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