Postfucking Zeitalter

Mit Donald Trump sind die US ins Postfaktische abgeglitten? Das kann man nur bedingt so stehenlassen. Der postfaktische Ansatz ist dort systemisch und wird im dortigen Rechtssystem kenntlich. Über die Chewbacca-Verteidigung, das Nachsorgeprinzip, Gottvertrauen und ein System der Faktenfeindlichkeit.

Das amerikanische Rechtssystem ist auch uns hier bekannt. Ungezählte Gerichtsfilme aus vielen Jahrzehnten haben uns aufgezeigt, wie es über dem großen Teich vor Gericht läuft. Das geht so weit, dass viele Deutsche tatsächlich glauben, auch hierzulande würden Geschworene einen Schuldspruch fällen. Ein bekannter TV-Richter meinte vor Jahren in einer Talkshow, er würde hin und wieder sogar mit »Euer Ehren« angesprochen. Und dass der eigene Verteidiger am Ende der Verhandlung ein packendes Plädoyer vorträgt: So etwas weiß man doch. Man hat es doch im Fernsehen gesehen! Wie so ein Gerichtsfall in seiner extremsten Form aussieht, konnte man unlängst in der ersten Staffel der US-amerikanischen Serie »American Crime Story« sehen. Minutiös wurde der Fall von O.J. Simpson dargestellt. Als Zuseher konnte man die Taktiken und Kniffe von Staatsanwaltschaft und Verteidigung in dieser Sache betrachten – und sich nebenher ein Bild über das Rechtssystem der US machen.

O.J. Simpson soll seine Ex-Frau und ihren neuen Galan wie im Blutrausch ermordet haben. DNS-Beweise sprachen eindeutig gegen ihn. In seinem Auto – und selbst in seinem Schlafzimmer – fanden sich Blutspuren beider Opfer. Es wurde rekonstruiert, dass sich der Täter beim Tathergang verletzt haben musste. O.J. Simpson zog sich genau in jener Nacht eine Schnittverletzung an passender Stelle zu. Alles war eigentlich klar. Die Geschworenen mussten nur die Fakten realisieren und damit wäre der Ex-Footballer lebenslänglich hinter Gitter verschwunden. Es kam anders: Die Verteidigung Simpsons baute ein kurioses Verschleierungsspiel auf, lenkte die Fährten um, spielte die Rassismus-Karte aus und hatte schlußendlich Erfolg dabei, das Vertrauen in wissenschaftlich eindeutige Beweise zu zerrütten. Simpson wurde freigesprochen. Die Geschworenen gaben sich – mit einem Modewort der Stunde gesagt – postfaktisch. In der Serie sagte einer aus dem Gremium bei der Beratung, dass die – the man, wie man in den US gerne sagt, also die Macher, die Mächtigen – vorlegen könnten, was immer sie wollten, er hätte es nie und nimmer geglaubt. Ergebnisoffenheit? Sich überzeugen lassen? Das scheint reine Glückssache zu sein.

Hier zeigt sich eines der größten Probleme der amerikanischen Justiz. Sie hängt einem alten, ja eigentlich längst überkommenen Justizprinzip an: Nämlich dass Menschen aus der eigenen Mitte befinden sollten, ob jemand schuldig ist oder nicht. Keine Rechtsexperten etwa – die setzen nur das Strafmaß fest. Das hatte natürlich in den Zeiten, da man den Westen eroberte, einen ziemlich praktischen Ursprung: Anwälte gingen eher selten auf Abenteuer in die Wildnis. Daher musste man die Rechtssprechung mit denen veranstalten, die zugegen waren. Also mit dem Personal arbeiten, das man hatte. Die amerikanische Geschichte ist mehr als es die europäische je war, eine Geschichte des Personalmangels. Und deshalb musste also ein Gremium befinden: Die Geschworenen. Bei Strafverfahren ist dieses Rechtsprinzip bis heute bindend. Das regelt der sechste Zusatzartikel der US-Verfassung. Eigentlich ist der längst hinfällig, ein Atavismus, dem keine Funktion mehr zukommen müsste. An juristischen Personal mangelt es im gesammten Gebiet der US ja heute nicht mehr. Und Menschen über Wochen zu kasernieren, damit die frei von der öffentlichen Meinungsmache Urteile finden können, ist ja nun nicht gerade eine angemessene Prozedur und dem Alltagsleben zuträglich.

Wie gesagt: Diese Notwendigkeit gäbe es heute nicht mehr. Rechtsexperten sind wahrlich keine Mangelware, der Westen leidet an keinen Knappheiten mehr, die Frontier ist aufgehoben. Und die Gemeinden, in denen Gleiche unter Gleichen Schuldsprüche ausbringen, sind Millionenbevölkerungen geworden. Dennoch ist der zentrale Punkt bei einem Strafverfahren weiterhin weniger der Angeklagte und seine etwaige Schuld: Alles dreht sich um die Juroren. Sie zu überzeugen ist das Maß aller Juristendinge. Nicht die Wahrheit, keine Beweise oder lückenlose Tathergänge. Ein US-Strafverfahren ist eine Gefühlssache, eine Wallung von Empfindungen, die bei den Geschworenen ankommen sollen. Die Wahrheit ist ein Nebenprodukt, dazugehörige Fakten, die eine etwaige Wahrheit fassbar machen, können dienlich sein – müssen sie aber nicht. In der Zeichentrickserie »Southpark« wurde dieses Dilemma, in dem sich Schwurgerichte befinden, haarsträubend dadaistisch persifliert. Die Macher ließen Simpsons Anwalt Johnny Cochran Jahre nach dem Prozess als Trickfigur auftreten. Dort entflammte er ein ähnlich unsachliches und emotionales Plädoyer, wie jenes, das er im Prozess zum Abschluss brachte. In der Comic-Ansprache salbadert er von der Star Wars-Figur Chewbacca und von Endor, einem Planeten, auf denen kleine Ewoks leben und wo ein Riese wie Chawbacca doch unmöglich leben könnte. »Es ergibt keinen Sinn!«, setzte er hinter jeden zweiten Satz. Beschwörung als Überzeugungsarbeit.

Exakt das war sein Prinzip im Falle von O.J. Simpson. Er hat alle Beweise in die Sinnlosigkeit überführt und den Geschworenen in seinem Schlußwort aus dem Zusammenhang gerissene Episoden präsentiert. So geschieht es fast täglich in den US. Nicht immer so überspitzt wie damals, als der Fall eine ganze Nation spaltete. Aber doch in ähnlicher Weise. Dieses Rechtssystem ist nicht faktenbasiert: Es ist postfaktisch. Ein emotionaler Gegenentwurf zu einer Justiz, die sich klar der Ratio und damit auch der Resozialisierung verpflichtet fühlt. Dass in den Vereinigten Staaten letzteres ein eher untergeordnetes Prinzip ist, hängt auch damit zusammen. Denn Schwurgerichte bauen zusätzlich zur Befindlichkeit der Schuldentscheider ja auch noch auf einen anderen Aspekt, der gewissermaßen ein Nebenprodukt der Emotionalisierung ist: Auf Rachsucht. Mit Vertrauen auf Gott glaubt man sich hier auch auf der sicheren Seite. Und ohne Gott geht in den US nun mal gar nichts.

Europäer sind Vorsorger. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun, mit der Aufklärung im speziell europäischen Sinne. Die US haben ein System der Nachsorge installiert. Das gründet im Laissez-Faire, in der Selfmade-Mentalität, die auch so ein anachronistisches Produkt des Manifest Destiny ist. Diese Differenz zwischen den beiden Parteien, zwischen Europäern und Amis, war dann auch einer der zentralen Streitpunkte bei den Debatten um TTIP. Denn dass sich Vor- und Nachsorge zusammenführen lassen könnten: Das schien aussichtslos. Eher befürchtete man in Europa, dass US-Firmen die Vorsorgeregelungen als Handelshemmnis vor ein geheimes Hinterzimmerschiedsgericht bringen würde und damit die Nachsorge peu a peu auch für die EU installierte. Faktisch hat die Europäische Union schon im vorauseilenden Gehorsam manche Entscheidung nach Nachsorgekriterien getroffen. Stichwort: Glyphosat. Ganz gekippt ist das Vorsorgeprinzip zum Glück noch nicht. Grundsätzlich müssen europäische Firmen belegen können, dass ihre Waren unschädlich sind, damit sie zugelassen werden. In den US ist es andersherum. Erst wird zugelassen, dann wird geschaut, ob man aus Gründen des Verbraucherschutzes nachbessern muss. Die bis dorthin erfolgten Schäden: Nun ja, auch so Kollateralschäden, wie man sie im amerikanischen Weltbild viel zu oft findet.

Man nenne es nun Antiamerikanismus: Aber tatsächlich ist das Postfaktische durchaus im amerikanischen Gesellschaftsvertrag angelegt und bis heute konserviert worden. Die Nation unter Gott definiert sich als Gefühl, als ein Sentiment. Es ist, als würde man die Welt folgendermaßen begreifen: Wenn man sich etwas einredet und immer wieder einredet, wenn man unliebsame Fakten damit zur Nebensächlichkeit macht, dann ist das in letzter Instanz auch Fakt. Ein Bauchgefühl kann so lange verhätschelt werden, bis es zur Kopfsache wird. Dass die US so ticken, hat durchaus mit einer Justiz zu tun, die sich nicht als Sachwalter der Rationalität wähnt, sondern als Betreuer guter Schwingungen. Und jetzt nochmal antiamerikanisch: Jawohl, wir erleben einen Kulturimperialismus, der von dort zu uns herübersuppt. Dass das Postfucking Zeitalter gerade jetzt anzubrechen scheint, hat mit der Vollendung dieses Imperialismus zu tun. Emmanuel Todd lag richtig: Diese Weltmacht ist am Ende. Aber bevor sie eingeht, kippt sie nochmal ihren systemischen Irrsinn über eine Welt, die sie als Spielball begreift.


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Heldentasse
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Heldentasse

Dazu fällt mir zunächst eigentlich nur eins ein.

Gorgonzola
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Gorgonzola

Das ist die beste Szene aus dem Film

Heldentasse
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Heldentasse

ACK! Obwohl da noch jede Menge guter Szenen sind.

Gorgonzola
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Gorgonzola

Top Secret ist auch gut

Sukram71
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Sukram71

Na wenigstens gibt es bei uns vormittags die Gerichtsshows, in denen nem Massenpublikum die deutsche Strafprozessordnung näher gebracht wird. Zwar werden/wurden (ich muss vormittags arbeiten) die Fälle immer krasser und in Wirklichkeit wird ein Mord oder schwere Körperverletzung vor Gericht auch nicht in 30 Minuten abgehandelt, aber die Zuschauer lernen trotzdem ein bisschen, wie es in deutschen Gerichten zugeht. 😉 Was ich aber viel erschreckender finde, ist wie häufig Bekanntschaften und Freunde nicht im Ansatz kapiert haben, warum es “in unserem Rechtssystem” kein Todesstrafe und keine wirklich lebenslange Freiheitsstrafe gibt und was das mit “Schuld” zu tun hat und was… Read more »

Sukram71
Mitglied
Sukram71

Und bevor ich’s vergesse: Das Justizsystem der USA hat wirklich ganz andere Probleme, als Schöffengerichte und ab und an ein Fehlurteil. Man denke nur mal an die Höhe von Haftstrafen und Todesurteile. Mal abgesehen davon, dass die mächtigste Militärmacht der Erde – die wahrscheinliche Terroristen über ne Entfernung von über 10.000 km per ferngesteuerter Drohne töten lassen kann – ein Problem damit hat, ihre zum Tode Verurteilte wenigstens kurz und schmerzlos und ansatzweise würdevoll hinzurichten. Also Schöffengerichte sind nun wirklich das mit großem Abstand aller-kleineste Probem im US Justizsystem. Ich frage mich gerade, wie man ausgerechnet so ne Nebensächlichkeit zum… Read more »

Heldentasse
Mitglied
Heldentasse

Verurteilte wenigstens kurz und schmerzlos und ansatzweise würdevoll hinzurichten.

Die Schweiz mit ihren humanen Sterbehilfen ist weit entfernt von den U.S. Da müssen halt die Delinquenten mit den barbarischen Zuständen halt leben.

Sukram71
Mitglied
Sukram71

Die Todesstrafe entspricht natürlich nie der Würde, also dem Niveau, eines Menschen. Jeder gesunde Mensch ist grundsätzlich immer in der Lage aus Fehlern und Irrtümern zu lernen und sich – wenigstens nach 30 Jahren Gefängnis – zu bessern. Wieviel Quatsch macht man in Kindheit und Jugend und wie klug und Weise kann man trotzdem noch im Alter werden. Das ist ja auch der Grund, warum ein Mensch überhaupt Schuld haben kann und bestraft wird. Das muss sich natürlich im Urteil widerspiegeln, sonst ist das doch ein Widerspruch in sich. Aber ich würde mir trotzdem lieber vom IS unter freiem Himmel… Read more »

wschira
Mitglied
wschira

Wie richtet man denn jemand “würdevoll” hin?

Sukram71
Mitglied
Sukram71

Wie richtet man denn jemand „würdevoll“ hin? Gute Frage. 😉 Grundsätzlich ist die Todesstrafe natürlich nie menschenwürdig. Aber ich denke es macht trotzdem einen Unterschied, ob man in nem fensterlosen Keller, bei Neonlicht, an ne Prischte festgeschnallt, viele Minuten lang an einer Giftspritze verreckt. Oder ob man zB unter freiem Himmel mit Trommelwirbel und Zuschauern von einem Erschießungs-Kommando erschossen wird. Oder in diesem Rahmen öffentlich geköpft oder gehängt wird. 😉 Das wäre alles kurz und schmerzlos, der Verurteilte könnte nochmal den Himmel sehen und der Aufwand würde einen gewissen Respekt ausdrücken. Der Staat würde sich öffentlich dafür verantwortlich zeigen. Das… Read more »

Udo Fröhlich
Gast
Udo Fröhlich

“Ganz gekippt ist das Nachsorgeprinzip zum Glück noch nicht.” Da ist wohl ein Lapsus unterlaufen. Gemeint ist sicher: “Ganz gekippt ist das Vorsorgeprinzip zum Glück noch nicht.”

Hartmut
Gast
Hartmut

Hm, ich weiß nicht, was schwieriger ist, wenn clevere Anwälte 12 Menschen “mit gesundem Menschenverstand” überzeugen müssen, oder nur EINEN Richter. Und falls es stimmt, dass alle 12 zu einem einheitlichen Spruch kommen müssen, müssen sie sich ja gegenseitig überzeugen, OHNE dass die trickreichen Anwälte dann noch dabei sind. Und dass alle 12 das gleiche Brett vorm Kopf haben, und nicht Einige konträre Positionen einbringen, ist zumindest unwahrscheinlicher als das bei EINEM Richter der Fall sein könnte. Sicher wird sich auch der Autor schon bei so manchem Urteil eines “Experten” in der Richterrobe an die Stirn getippt haben. Und was… Read more »

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Apostata
Gast
Apostata

Erstens stammt das Prinzip einer jury of peers keineswegs aus Zeiten der frontier, sondern aus der Magna Carta, gut 550 Jahre vorher in England.
Zweitens verwischst du beim Vor-/Nachsorgeprinzip Straf- und Zivilrecht. Wie sollte denn ein Vorsorgeprinzip im Strafrecht aussehen? Erstmal alle “Gefährder” vorsorglich wegsperren?

der-5-minuten-blog.de
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Ja, leider haben Rattenfänger die letzten Jahre Hochkonjunktur.

Neu ist das allerdings nicht. Ich erinnere mich an den Deutschunterricht irgendwann in der Mittelstufe. Wir lasen einen Auszug aus Julius Cäsar von Shakepeare. Marc Anton hielt eine Rede zur Ermordung Cäsars. Ständig benutzte er den Ausdruck Brutus ist ein ehrenwerter Mann So brachte er die Römer auf 180. Und so hämmerte Shakespeare mir das rhetorische Mittel der Wiederholung in den Schädel.

Hier ist übrigens noch mal die kurze Episode aus Southpark, die De Lapuente erwähnt hat. Und ja, irgendwie macht sie in ihrer Sinnlosigkeit Sinn:

Alles im Niedergang, man
Markus (
https://der-5-minuten-blog.de)

der-5-minuten-blog.de
Mitglied

Versuch Nr. 2

Äh. Das hat so nicht funktioniert. Na gut. Also auf die altmodische Art: Cochran, Chewiebacca und Southpark:

Oliver Wunderlich
Gast

Mir fällt beim Lesen der Film “Runaway Jury” ein, auf deutsch “Das Urteil – Jeder ist käuflich”. Gene Hackman spielt da einen “Geschworenenberater” – der die Juroren für die Verteidigung durchleuchtet, um sie erpressbar zu machen.
Letzten Endes kauft er sich die Jury mit viel Geld.
Das nennt man “jury tampering” und wir wissen nicht erst seit Jimmy Hoffa, dass es das auch wirklich gibt.

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