Wir brauchen faktische Alternativen!

Kaum wurde „Alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres gewählt, stellen sich mir zwei Fragen: Erstens würde ich gerne wissen, warum wir mit der Wahl des Unwortes auf einen Begriff zurückgreifen müssen, der in den USA entstanden ist. Ich meine, haben wir denn nicht mal mehr eigene Unwörter? Na ja, ist wohl nicht so wichtig.
Aber zweitens frage ich mich, warum denn nicht gleich die aktuellen Sondierungsgespräche als Unwort tituliert wurden? Mehr Fake News geht schließlich nicht. Die SPD verkauft sich als Gewinnerin der Gespräche, während die Union nicht einmal in die Verlegenheit kommt, überhaupt auch nur verhandeln zu müssen.

„Sozialdemokratie“ – das wäre eigentlich auch ein schönes Jahresunwort. Denn von der ist die Spitze der SPD so weit entfernt wie Trump von einer entspannten Partie Schach mit Kim Jong-un, dem nordkoreanischen Haudegen. Aber lassen wir das.

Was sich die SPD bei den Sondierungen geleistet hat, ist faktisch (ja, faktisch!) keine wirkliche Überraschung. Es gibt sie wohl schon noch, die Sozialdemokraten in der SPD. Aber in Berlin sitzen sie ganz sicher nicht, da sollten wir uns nun echt nichts vormachen. So gesehen ist es nur konsequent, wenn Martin Schulz den Ausgang der Sondierungen als Erfolg feiert. Und dann kurze Zeit später wieder lospoltert, weil ihm was auch immer nicht passt. Das ist eine alternative Inszenierung, was uns Schulz da abliefert. Aber das weiß eh jeder. Man muss sich allerdings bewusstmachen, dass Schulz und seine Mitstreiter letztlich gar nicht anders können.

Denn es geht nicht „ums Land“. Diese Keule wird zwar oft und gern ausgepackt, wenn die sachlichen Argumente das Weite suchen oder die Nähe scheuen, aber ernst meint das niemand, weder die Leute aus der Union noch die aus der SPD. Die von den Grünen und der FDP, als sie noch im Rennen waren, übrigens auch nicht.
Es geht um Macht. Klingt komisch, ist aber so.
Und es klingt auch nur deshalb so komisch, weil sowohl Medien als auch soziale Netzwerke seit Tagen darüber diskutieren und streiten, was die SPD tun müsste, um wieder glaubhaft zu werden. Die meisten sind sich einig: sie müsste sozialdemokratisch werden. Das ist eine gute Idee, aber eben auch eine, die von einer Naivität geprägt ist, die nur wirken kann, wenn massenhaft der Versuch unternommen wird, uns das aktuelle Schauspiel als Kampf um Inhalte zu verkaufen.
Inhalte? Ja, klar, sicher, es geht um Inhalte, ums Land, um die Menschen, und um ein Land, in dem wir gut und gerne leben. Das klingt jetzt aber erst recht komisch, ist aber auch nicht so.

Der SPD-Spitze geht es darum, weiter auf ihren Stühlen sitzen zu bleiben. Das ist zwar offenkundig, wird aber kaum noch thematisiert. Stattdessen wird fast verzweifelt der Versuch unternommen, die SPD daran zu erinnern, was die SPD mal ausgezeichnet hat. Aber aus zahlreichen Gründen – insbesondere gute Posten und eine innige Verbundenheit zur Wirtschaft und deren Lobbys – interessiert die SPD gar nicht mehr, was die SPD einmal war. Die kläglichen Ergebnisse der Sondierungen zeigen das eindrucksvoll. Und wenn die Spitzengenossen jetzt wehklagen, dass die Sondierungen so toll nun auch wieder nicht ausgefallen sind und man in den Koalitionsgesprächen erst so richtig loslegt, dann dürfte das primär an die Basis gerichtet sein, die ja für eine große Koalition stimmen soll (und es vermutlich auch tun wird, oh! Mein! Gott!). Hat sie das dann getan, werden die Koalitionsverhandlungen ähnlich dünn ausgehen wie die Sondierungen zuvor.

Halten wir also fest: Es gibt, gibt, gibt keine Erneuerung in der SPD! Jedenfalls nicht, solange die Leute dort oben thronen, die dort nun einmal thronen. Martin Schulz spielt da keine entscheidende Rolle, das machen die alle schön zusammen. Und mit Sozialdemokratie hat das nun einmal nichts zu tun.
Wir haben seit Schröder Neoliberalismus pur in Deutschland. Merkel hat das mit dem größten Vergnügen fortgesetzt, und die leise oder laute Hoffnung, die SPD würde sich von diesem Neoliberalismus abwenden, ist komplett an der Wirklichkeit vorbei gedacht. Insbesondere, weil die Spitzen in der Partei inzwischen vielleicht sogar glauben, sie würden tatsächlich sozialdemokratische Inhalte vertreten. Oder eben das, was sie dafür halten in ihren machtbesessenen Gedankenwindungen.
Aber, liebe SPD-Leute, lasst Euch das gesagt sein: Diese Vorstellungen sind alternative Fakten. Da wir aber faktische Alternativen brauchen, benötigen wir etwas anderes. Wer weiß, vielleicht ja sogar eine Sammlungsbewegung. Aber das ist ja wohl auch nicht so einfach.

Andererseits: Wer hat gesagt, dass es einfach sein wird? 

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Schweigsam
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Schweigsam

Hm, mal was ganz anderes zur Auffrischung bei den Neulandrebellen: Bringt doch mal einen Artikel zum Thema sPD.
Wer doch mal was ganz neues;-)

PS: Tom aber Recht hast du!!!

Schlitti
Gast
Schlitti

Bringt doch mal einen Artikel zum Thema sPD.

Deinen Hinweis finde ich wichtig ! Es gibt Themen die einfach zu kurz kommen.

Robbespiere
Mitglied
Robbespiere

@Schlitti

LOL

Heldentasse
Mitglied
Heldentasse

@TW

Endlich mal ein sehr guter und realistischer Kommentar hier, der mir 100% aus der Seele spricht! Auch wenn man aufpassen muss nicht der Echokammer zu unterliegen, von mir aus ein weiter so!

Beste Grüße

P.S.: Etwas despektierlich möchte ich mal fragen, ob die beiden Hausherren hier manchmal das “Guter Cop/ Böser Cop” Spiel mit der Leserschaft machen? 😉

Robbespiere
Mitglied
Robbespiere

Sehr guter Artikel, der das Offensichtliche gut beschreibt. Und wenn die Spitzengenossen jetzt wehklagen, dass die Sondierungen so toll nun auch wieder nicht ausgefallen sind und man in den Koalitionsgesprächen erst so richtig loslegt, dann dürfte das primär an die Basis gerichtet sein, die ja für eine große Koalition stimmen soll (und es vermutlich auch tun wird, oh! Mein! Gott!). Hat sie das dann getan, werden die Koalitionsverhandlungen ähnlich dünn ausgehen wie die Sondierungen zuvor. Die Sondierungen waren im Prinzip die Koalitionsverhandlungen, mehr kommt da nicht mehr. Warum sollte die Union noch irgendwelche Zugeständnisse machen, jetzt, wo sie die SPD… Weiterlesen »

anton
Gast
anton

Was soll man gegen diese Union machen? Bosse, Bonzen und Beamte, der Spanier Sana brachte es auf den Punkt!!Die Privilegierten, alos Super-reiche, Politiker und Beamte werden betragen müssen! Es soll nicht enteignet werden, aber Abbau von Steuersparmodellen, 50% Steuer ab 1 Mio Einkommen- warum nicht? Pensionskürzungen, Einzug in die gesetzl, Krankenkasse, starke Abstufung bei Faulheit und Unfähigkeit, bessere Versetzungsmöglichkeiten- dies sollte bei den Beamten passieren!Auf europ. Ebene stärkere Vernetzung der Sicherheitsorgane- europaweite Datenbanken, Abschiebungen müssen schneller erfolgen usw.Sozialsystem ist noch einmal eine andere Baustelle!

R_Winter
Mitglied
R_Winter

Der Artikel ist zutreffend und gut, aber…..

“Es geht um Macht. Klingt komisch, ist aber so. ”

…..und ist doch nur die ausführende Komponente durch die „Berliner-Politik“.
Es geht um Gier der neoliberalen Finanz-Mafia.

Die Frage, warum ein ursprüngliche US-amerikanischer Begriff für „Lüge“ ausgesucht wurde, ist aus meiner Sicht einfach: Es soll abgelenkt werden und den deutschen „Lügen“, wie sie Tom zutreffend im Artikel beschrieben hat.

Danke für den Artikel.

Pentimento
Gast
Pentimento

“Es gibt sie wohl schon noch, die Sozialdemokraten in der SPD.”

Wirklich? Wer? Gehört der Satz zu den alternativen Fakten?

ChrissieR
Mitglied
ChrissieR

Nochmal ich…
Da ich ja heute mangels Alternativen zur SPD-Sau durchs Dorf..
sowieso schon off Topic poste : Nach dem Putin-Bashing kam was über Trump, auch gleich wieder weggezappt! Da hab ich lieber auf RMC ( bin grad in Frankreich) ne geile Sendung über Selbstversorger, Bahnverkehr etc. In Alaska geguckt. Mit ner Wärmflasche im Bett konnte ich die Alaska-Kälte locker bis 1 Uhr früh aushalten!

Jörg Hensel
Gast

Auch von mir ein dickes Lob zu diesem Beitrag. Doch man sollte nicht vergessen, dass vieles Unrecht auch von SPD geführten Landesressort verursacht wird, obwohl die Asozialen der Grundrechtebindung (Art. 1 (3) GG) verpflichtet sind. Meist geschieht dies mittels Unterlassen (§ 336 StGB) ohne dass die politisch abhängige Staatsanwaltschaft was macht, da sie das Legalitätsprinzip nur anwendet, wenn sie es darf. Protest von Medien oder aus der Bevölkerung oder vom DGB Chef Hoffmann (Ironie aus) als Vorstandsmitglied der Atlantikbrücke ? Nö ! Denn auch die Masse interessiert sich bestimmungsgemäß nicht dafür, was im Hintergrund so alles abgeht. Da ist besser… Weiterlesen »

Pentimento
Gast
Pentimento

@ Jörg Hensel

Danke dür die links. ‘Bequemlichkeitsverblödung’ trifft den Nagel auf den Kopf.

Die Gehirnwäsche durch die ÖR…

, besonders durch die Fernsehsender (76% der Bürger sind mit dem ZDF zufrieden! ) ist ein Riesenproblem und der Traum aller Diktatoren. Wir bräuchten nur einen freien Sender, der zur besten Sendezeit mal einige anders denkende Menschen zu Wort kommen läßt und ein paar gute Dokumentationen sendet, dann hätten wir ganz schnell eine Opposition, wenn nicht gar eine Revolution.

Die Medien sind so etwas wie der vierte apokalyptische Reiter.

sapere aude

Titelinflation
Gast
Titelinflation

kommen wir nun zu etwas ganz Anderem
Manch einer erwartet, daß es in den nächsten Jahren zu erheblichen Ausfällen bei Krediten von Studierenden kommen werde. – Was denn auch sonst, wenn in so gut wie jedem Kaff eine FH (Fachhochschule) installiert wird ? Bildungsoffensive….

Lutz Lippke
Gast
Lutz Lippke

Wesentliche faktische Alternativen, die der Umsetzung bedürfen, stehen ja im Grundgesetz. z.B. demokratischer und sozialer Bundesstaat, dessen Organe an Verfassung, Recht und Gesetz gebunden sind (Art.20 GG). D.h. das Recht wird durch verfassungsmäßige Gesetzgebung demokratisch bestimmt (Legislative), das Gesetz staatlich eingehalten (Exekutive) und in der Rechtsprechung angewandt (Judikative). So soll es jedenfalls sein. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit können faktisch nicht ohne einander. Auch Sozialstaatlichkeit ist an verbindliches und verfassungsmäßiges Recht gebunden. DIE ABSOLUTE Grundforderung der Sozialdemokratie müsste also die rechtsstaatliche Absicherung des Sozialen und Demokratischen sein. Ganz klar! Also Butter bei de Fische, statt Gabriel Schulz schrödern. Sachfragen! Was mit Maas… Weiterlesen »

Jarek
Gast
Jarek

Manuela Schwesig hat in ihrem Familienministerium über 120 neue Beamtenstellen (ein Plus von 25%) geschaffen, 2/3 davon hochdotierte mit so 8.000 brutto. Es geht nicht nur um die 10-20 Personen, die als Minister/Staatssekretär fungieren werden – da steht so ein Rattenschwanz von Pöstchen dahinter…

Speerspitze
Gast
Speerspitze

Guter Artikel-kleiner Einwand-es geht nicht um Macht sondern um Posten in der Regierung.Die Macht in Deutschland haben andere und die sitzen nicht in der Regierung,die lassen regieren,in ihrem Interesse.

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