Halten Sie Abstand, ich bin Doktor!

Identitätsthemen prägen Wahlkämpfe, zwei Yuppies leiten jetzt die Grünzeug-Abteilung der Agendapolitik und eine grüne Oberbürgermeisterin in Lauerstellung wirbt in Frankfurt mit ihrem Doktor-Titel: Nie waren die strukturellen Linken so um Distinktion bemüht.

Stellen wir das gleich mal klar: Es sind nicht zwei Realos, die den Grünen seit Kurzem als Doppelspitze vorstehen. Nein, wir haben es hier eigentlich bloß mit zwei Yuppies zu tun. Der Realo hat indes freilich einen schlechten Ruf im Milieu. So als Widersacher des aufrechten Fundi, hat er es unter Linken schwer. Zugegeben, die grünen Realos, die es seinerzeit gab, die waren echt unerträglich. Bei Joseph Martin Fischer musste man ständig an GroKo denken – also an das ganz große Kotzen. Der Fundi war da natürlich als aufrechter Kämpfer um den richtigen Kurs zunächst mal sympathischer als diese triste Sponti-Fraktion, die Blut geleckt hatte und sich Nadelstreifenzwirn bei Quelle bestellte. Die Begrifflichkeiten aus dieser speziell grünen Empirie heraus so eindeutig zu interpretieren: Das muss gar nicht sein. Realo ist ja auch einer, der festhält, dass nicht jeder Mann Frauen in schwachen Momenten bedrängt. Oder einer, der das Grundeinkommen bezweifelt oder aber gewerkschaftliches Wiedererstarken als politisches Ziel auf der Agenda hat. Der Fundi ist hingegen einer, der #metoo für eine Art Widerstand gegen den Nationalsozialismus hält – halt nur ohne Nazis und Massenmord, aber halt so ein bisschen vom Feeling her.

Ramelow ist ja zum Beispiel auch ein Realo. Er ist aber deswegen nicht etwa dafür, die soziale Frage ad acta zu legen – doch die Fundis halten ihm vor, dass er es bloß als Ministerpräsident aushalten kann, weil er da nämlich – ganz so wie es in der Demokratie halt mal Usus ist – einige Kompromisse eingehen muss. Man sieht schon, der Realo ist nicht per se ein Verräter und der Fundi nicht grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Bei Habeck und Baerbock trifft das ja nur bedingt zu. Bei denen haben wir es mit Yuppies zu tun, mit Leuten, die von der Uni in die Welt hinaus gingen und sich auch so relativ lange von dem Ort fernhielten, an dem urlinke Interessens- und Ideenansprüche erwachsen: Vom Arbeitsmarkt – modern gesprochen. Altmodisch würde man von der Werkshalle sprechen oder dem Lastwagen, von der Pflegestation oder dem Hochgerüst …

Sie sind Vertreter einer Gilde, die sich zwar durchaus als linksliberal wahrnimmt, die daher grundsätzlich für Identitäts- oder Toleranzthemen offen ist, jedoch diese Sujets nicht mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit in Verbindung bringen möchte. Denn eine Sache stört ganz massiv an der sozialen Frage: Man müsste mit den Menschen aus den unteren Lohnsegmenten Kontakt aufnehmen, mit den RTL-Konsumenten und den Hartz-IV-Beziehern, die bekanntlich nicht richtig gebildet sind und deren Kinder ja, dem lieben Gott sei’s gedankt, nicht beim eigenen Sonnenscheinchen auf die Schule geht. Man trifft diese dumpfen Unterschichtler ja manchmal im Alltag, beim Penny zwei Straßen weiter oder beim Türken an der Ecke. Und schon da merkt man, dass sie ganz anders ticken. Die essen ja nicht mal Falafel. Da hat man ihnen über Jahre erklärt, dass Bio-Obst eine Ausflucht sein kann und die kaufen sich lieber TK-Pizza. Beim Tegut sieht man sie dann gar nicht. Und das obgleich sie wissen könnten, dass gesund anders geht. Wenn sie dann krank werden, soll es wieder mal die Krankenkasse richten, die Solidargemeinschaft also. Am Ende zahlen wir alle für diese Unbelehrbaren.

Dass eine Großstadt wie Frankfurt anders könnte, weiß die aktuelle grüne Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin zu propagieren. Eskandari-Grünberg heißt die Frau. Entschuldigung: Frau Doktor Eskandari-Grünberg. So viel Zeit muss wohl schon sein. Deswegen hat man es auf die Wahlplakate gedruckt. Man muss sich doch abheben. Nicht mal die Kandidatin der Union, ebenfalls eine Frau Doktor, wirbt auf ihren Plakaten mit diesem unnötigen Zierat. Bourdieu ist ein großes Thema in jedem linksintellektuellen Diskurs. Heute vielleicht mehr denn je. Und das wirklich aus berechtigtem Grunde. Keiner vor ihm hat das Abstandsgebot der Eliten so enttarnt, wie es dem Franzosen mit Hilfe seines praxeologischen Ansatzes gelang. Der Elitarismus hat weit um sich gegriffen. Der Neoliberalismus ist nichts anderes, als eine neo-feudale Wirtschaftslehre, die gewisse elitäre Affekte anspricht und die sogar Leute zu elitärem Sendungsbewusstsein erzieht, die faktisch gar nicht in diese Klasse gehören. Die Abgrenzung gegen die ganz Armen ist der Kniff, der die Mittelschicht zu Mittätern bei der Abschaffung des Sozialstaates werden lässt.

Und die linken Kräfte im Lande, die strukturell linken Parteien, was machen die? Kennen sie ihren Bourdieu? Na aber sicher! Hey, es ist doch schnieke, wenn man seinen Namen in eine Diskussion einflechten kann und dabei im Sojamilch-Coffee Fellow to go rührt, damit das ganze auch eine krasse Denkerwirkung zeitigt. Was sind wir wieder philosophisch heute! Dabei zelebrieren sie selbst das Abstandsgebot, haben die Distinktion derart kultiviert, dass man annehmen darf, die haben keinen einzigen Menschen in ihrem näheren Umfeld, der als klassischer Arbeitnehmer über die Runden kommen muss. Und falls doch, falls er klagt, weil er findet, dass da was ungerecht läuft, findet man schon was, weswegen er das so empfindet. Wahrscheinlich liegt da was in seiner Identität im Argen, etwas was ihn unglücklich macht. Bist du schwul und fühlst dich übergangen deshalb? Heterosexismus ist doch das Thema. Soziale Frage? Die haben wir doch schon im Griff! Ohne Klassengegensätze, gibt es dieses Thema doch gar nicht mehr – und Klassen, das sagte uns doch unser Sinn – also der Professor, nicht der siebte -, gibt es ja gar nicht mehr. Ändere also deine Sichtweise, empfiehlt man dann, dann änderst du die Welt. Das ist es, was der französische Soziologe Luc Boltanski als die »Künstlerkritik« bezeichnete, die im progressiven Milieu die »Sozialkritik« ersetzte – sie hat die Introspektion, den Rückzug in die eigene Gefühlswelt, als politische Benchmarks eingeführt und dabei verdrängt, dass das Wort »Politik« schon seinem etymologischen Urprung nach die Allgemeinheit meint.

Das ist ja die Ironie an der Sache. Seit Jahrzehnten hat man Klassengegensätze auch in der strukturellen Yuppie-Linken kleingeredet oder als Hirngespinst abgetan. Dabei leben sie diese Gegensätze ganz ungeniert aus. Frau Doktor buhlt ja nicht mal mehr um die Gunst von Leuten, die als Vertreter der unteren Schichten, vielleicht ein bisschen Argwohn gegen stolze Titelträger pflegen könnten. Man grenzt sich ab, spricht von bildungsfernen Familien, Straßenzügen und Stadtteilen, von RTL-Unterschicht und möchte Wohngegenden und Schulen schön klassistisch trennen. Das an sich linke Projekt soll dann über punktuell gesetzte Toleranzthemen gerettet werden und krepiert dabei langsam und qualvoll.

Was man allerdings über die Zeit rettet, das ist dieses verquere Lebensgefühl, eigentlich zu den Guten zu gehören. Zu denen, die nicht aus der konservativen Ecke kommen, die keinen Schlips tragen und total locker sind im Umgang. Irgendwie links halt. Liberal halt. Nicht verbiestert. Ökonomische Zusammenhänge tun da nicht viel zur Sache. Diese Linksfühligen wären in den Achtzigern noch als schlampig angezogene Yuppies durchgegangen. Young urban professionals. Elitesnobs ohne Bezug für die Lebenssituation ganz normaler Menschen da draußen. Und von der Sozialdemokratie haben wir an der Stelle noch nicht mal angefangen zu sprechen …


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9 Kommentare auf "Halten Sie Abstand, ich bin Doktor!"

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Mehmet
Gast

Mit „Realo“ und „Fundi“ hat man damals die „Spontis“ begrifflich gespalten und vernichtet.
Gleichzeitig bekamen die Fundis das Etikett der Irrealos verpasst. Der Schmarrn vom
unverzichtbaren „Realpolitiker“ zieht sich seither durch sämtliche politischen Bewegungen.
Fundis und Spontis sind keine verträumten Spinner. Ihre politischen Ansätze sind
entgegen der allgegenwärtig propagierten Alternativlosigkeit, werteorientierte, progressive
Ansätze. Ihr Fehlen und damit das Fehlen von Vision, lässt überall diese metaphysisch
angeschossenen Deutschen auftauchen, diese Begriffsneurotiker und Tortenwerfer.

Rudi
Gast
Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht heute, 05.02.18, einen Auszug aus einem Twitter-Interview, das die Redaktion organisierte. Frage eines potenziellen Wahlberechtigten: „Welche Gemeinsamkeiten haben Sie mit Petra Roth?“ (= frühere CDU-OB in Frankfurt) Antwort von Frau Dr. Eskandari-Grünberg: „Ich habe mit Petra Roth lange gemeinsam regiert. Wir sind beide kämpferisch, wir geben nicht so schnell auf, wir setzen uns überall für die Belange unserer Stadt ein. Genau wie Petra Roth möchte ich Präsidentin des deutschen Städtetages werden.“ Eine typisch links-liberale Antwort. Auch die alle BürgerInnen vereinnehmende Sprache von „unserer Stadt“ kommt aus diesem Denk-Segment. Sie suggeriert, dass alle in Frankfurt am selben… Read more »
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[…] in Frankfurt mit ihrem Doktor-Titel: Nie waren die strukturellen Linken so um Distinktion bemüht.Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Angriff der Antihelden Christian Lindner blickt traurig und desillusioniert von […]

Hanna
Gast
Schnörch
Gast

awwer hübsch isse. Im Gegenteil zu Fr. Doktor Merkel