Die Entführung von Gerhard Schröder, noch bevor er „Ich will da rein!“ rief

Kürzlich habe ich geträumt – man kann sich nicht aussuchen, was man träumt, leider -, ich sei durch irgendeine Macht in die Vergangenheit katapultiert worden. Dort hatte ich Ex-Kanzler Schröder in meiner Gewalt. Ich nutzte die Gunst der Stunde und versuchte zu verhindern, was Schröder später alles anrichten würde. Das Ende des Traums war allerdings wenig erbaulich.
Selten war ich so froh, als am Morgen der Wecker klingelte. Im Jahr 2018, versteht sich.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte der gefesselte Mann, der später einmal dafür berühmt wurde, dass er am Gitterzaun des Kanzleramtes in Bonn gerüttelt und die Worte „Ich will da rein!“ gerufen haben soll. Keine Ahnung, ob es sich so zugetragen hat. Aber ich wollte das verhindern.

„Ich muss Sie an dem hindern, was Sie planen“, entgegnete ich kühl.

Schröder sah mich verständnislos an. Kein Wunder, ich war zurückgereist in die Zeit, als er noch nicht Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war. Nun, eigentlich war ich nicht zurückgereist, denn das hätte einen Plan meinerseits vorausgesetzt. Doch diesen Plan hatte es nicht gegeben, und selbst wenn es so gewesen wäre, mein Aufenthalt in einem stinknormalen Leben in einer mehr oder weniger freien Welt wäre an der Stelle beendet gewesen, als ich diesen Plan irgendjemandem erzählt hätte. Irgendwer, oder irgendwas, hatte mich einfach zurückgeschickt. Und hier stand ich nun vor Gerhard Fritz Kurt Schröder und musste ihm erklären, warum er gefesselt war. Dummerweise konnte ich das nicht, denn ich hatte ihn bei meiner Ankunft bereits so vorgefunden. Schicksal, oder was auch immer das war.

„So? Und was plane ich?“, wollte Schröder wissen. Er versuchte, souverän zu wirken, aber es gelang ihm nicht wirklich, so wie es wohl den wenigsten gelingt, wenn sie sich einem Kerl gefesselt gegenübersitzen sehen. Er machte sich aber recht gut, auch wenn eine Zigarre ihm sicherlich noch etwas mehr selbstbewusste Arroganz aufs Gesicht gezaubert hätte.

„Du planst nicht weniger als den Verkauf der Demokratie“, sagte ich.

„Duzen wir uns also?“, wollte er wissen.

„Ist mir egal“, erwiderte ich. „Ich duze Dich, Du kannst mich auch duzen, wenn es Dir damit bessergeht.“

Nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich ziehe das ‚Sie‘ vor. Die Demokratie verkaufe ich also?“

„Genau.“

„An die Wirtschaft.“

Schröder blickte nach unten. Er überlegte offenbar fieberhaft, wie er in diese Scheiße geraten war. Und wie er wieder herauskam. Er hätte jetzt auch an einem metaphorischen Zaun rütteln und rufen können: „Ich will hier raus!“ Aber da war kein Zaun. Da war nur ich. Und ich kam aus der Zukunft, das wurde dem späteren Kanzler (es sei denn, ich verhinderte es) nach und nach klar. Glauben wollte er das natürlich nicht. Wie auch? Ich würde es auch nicht glauben.

„Wenn Sie wissen, was ich machen werde … vorausgesetzt, es stimmt, dass ich machen werde, was Sie mir unterstellen, dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wie das möglich ist“, sagte er.

„Zwei also?“, wollte ich wissen. „Und die wären?

„Erstens, Sie kommen aus der Zukunft und wissen, was ich da so machen werde. Oder, zweitens, Sie haben nicht alle Latten am Zaun.“

Das leuchtete ein. Und ich wünschte mir fast, es möge die zweite Möglichkeit sein, denn Zeitreisen waren nicht unbedingt das, was mich insgesamt beruhigte. Trotzdem musste ich den späteren Kanzler (es sei denn, ich könnte es verhindern) enttäuschen: „Gut möglich, dass ich nicht alle Latten am Zaun habe, aber in diesem speziellen Fall spielt das keine Rolle, denn ich komme tatsächlich aus der Zukunft und weiß, was Du alles anrichten wirst. Und das ist nicht gut, Mann, das ist eine totale Scheiße, glaub mir!“

„Ich werde also Kanzler?“, fragte Schröder ungläubig.

„Theoretisch ja“, sagte ich, „aber nun bin ich ja da.“

„Aus welchem Jahr kommen Sie denn?“, wollte Schröder wissen.

„2018“, antwortete ich.

Schröder lachte laut. Dieser Mistkerl konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Es war echt widerlich, er krümmte sich geradezu vor Lachen. Ich wartete ab, den Grund für seine Attacke würde er mir sicher gleich nennen.

Als er sich wieder einigermaßen im Griff hatte, sagte er: „Ok, mein Freund, ich steig‘ dann auch mal aufs ‚Du‘ um. Einverstanden? Ach, egal! Du willst mir wirklich sagen, ich sei 2018 noch Bundeskanzler? Das wäre dann eine Amtszeit von … warte, ich muss kurz rechnen …“

„Nein!“, fauchte ich ihn an. „Nein, 2018 wirst Du kein Bundeskanzler mehr sein, die Merkel ist es. Und Deine SPD dient sich ihr an, nachdem sie die Bundestagswahl mit 20,5 Prozent in den Sand gesetzt hat.“

Schröder wurde nachdenklich. „Merkel“, sagte er. „Das klingt schlüssig. Die Frau ist machtgeil. Und die SPD hat grad‘ mal 20 Prozent bekommen?“

„Genau genommen 20,5“, sagte ich, „aber das dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange gewesen sein.“

„Aber was hat das mit mir zu tun?“, wollte Schröder wissen. „Was kann ich dafür, dass die SPD auf 20 Prozent abgesackt ist?“

Jetzt legte ich los: „Du hast als Kanzler die Agenda 2010 durchgesetzt, hast den größten prekären Arbeitsmarkt in Deutschland und Europa geschaffen, den es je gab, Du hast Hartz-IV- beschlossen, Sanktionen, Du hast die gesetzliche Rente an die Versicherungswirtschaft verkauft, eigentlich hast Du so ziemlich alles verkauft, was die Daseinsvorsorge angeht, Du hast dieses beschissene ‚Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied“ auf den Weg gebracht und dem Neoliberalismus jede Tür geöffnet, die man nur öffnen kann. Du hast die Altersarmut eingeläutet, die Kinderarmut, die Obdachlosigkeit in neue Sphären gehoben, Du hast Dich mit der Rüstungsindustrie angefreundet, bist mit ihr ins Bett gestiegen und hast so phantasievolle Methoden entwickelt, um die Arbeitslosenstatistiken zu beschönigen, dass am Ende alle glaubten, wir hätten Vollbeschäftigung und ein Land blühender Landschaften …“

„Moment!“, warf Schröder ein. „Das mit den blühenden Landschaften, das war doch …“

„Völlig egal!“ fuhr ich dazwischen. „Du hast den Neoliberalismus ins Land geholt, und Merkel hat ihn gehegt und gepflegt, als sei er ein seltenes Usambaraveilchen. Und Deine SPD hat nicht den Arsch in der Hose, diese ganze Scheiße beim Namen zu nennen und abzuschaffen. Deshalb macht sie zusammen mit Merkel gemeinsame Sache, und es wird schlimmer und schlimmer und schlimmer. Du, Schröder, bist der Ursprung des deutschen Neoliberalismus. Und deswegen muss ich Dich verhindern!“

Zu meiner fast grenzenlosen Enttäuschung wirkte Schröder unbeeindruckt.

„Du musst mich verhindern“, sinnierte er. „Und das soll wie genau passieren?“

„Ich werde Dich privatisieren!“, jubelte ich. „Ich privatisiere Dich, Du bist ab jetzt für die nächsten Jahre mein Privateigentum. Ich lass Dich leben, keine Sorge … „

„Natürlich lässt Du mich leben!“, erwiderte er, und ich sah die Zigarre, die es nicht gab, schon fast in seinem grinsenden Mundwinkel. „Du lässt mich leben, weil Du kein Killer bist. Und wahrscheinlich nicht mal ein Zeitreisender. Ich glaube, Du bist jemand, der das falsche Zeug eingeworfen hat. Oder Du brauchst nicht mal etwas, um auf Ideen wie diese zu kommen. Aber Du lässt mich ganz sicher leben. Nur: Was meinst Du mit ‚Privatisierung‘? Wie kannst Du mich privatisieren?“

„Ich schließe Dich ein“, sagte ich ruhig. „Ich schließe Dich ein, bis Du keine Chance mehr hast, Kanzler zu werden. Dann lasse ich Dich frei. Du wirst dann nichts mehr anstellen können, weil Deine beste Zeit an Dir vorbeigerauscht ist. Denn ich hab sie verhindert. So einfach ist das.“

Man möge mir meinen Denkfehler verzeihen. Ich hatte keine Zeit, mich vorzubereiten, ich wurde auf diese Zeitreise geschickt, ohne die Chance, mir die Sache genau zu überlegen. Gut, ich bekam Schröder auf einem Silbertablett serviert, wehrlos, ohne die Möglichkeit, mich an meinem Vorhaben zu hindern, auch wenn ich nur ansatzweise wusste, wie genau ich dieses Vorhaben umsetzen sollte. Ich hatte also keine Zeit, mir jedes Detail vor Augen zu führen, jede Konsequenz, die sich aus meinem Handeln ergab, zu bedenken. Ich war für diesen Moment einfach nur geblendet von der Vorstellung, Schröder an seinem Vorhaben, das bis heute hineinreichen und wirken würde, zu hindern. Und die Metapher der Privatisierung gefiel mir ausgesprochen gut, ich fand sie originell.

Und dann sagte Schröder das, was mich an meiner Zeitreise zweifeln ließ (als ob ich nicht sowieso schon die ganze Zeit daran gezweifelt hätte!), das, was endgültig alles auf den Kopf stellte.
Er sagte: „Na und? Dann halt mich doch hier fest, bis meine angeblich besten Zeiten vorbei sind. Meinst Du wirklich, das würde irgendetwas ändern? Denkst Du ehrlich, dass es nicht andere geben wird, die das umsetzen, was ich umsetzen werde? Ich bin Schröder, ok, und vielleicht stimmt alles, was Du mir hier gesagt hast. Aber wenn ich es nicht mache, machen es eben andere. Zum Beispiel Martin Schulz. Was hältst Du davon?“

Wie in alles in der Welt kam er jetzt ausgerechnet auf Martin Schulz?  

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7 Kommentare auf "Die Entführung von Gerhard Schröder, noch bevor er „Ich will da rein!“ rief"

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Malcolm
Gast

” Erst nehm ich mir deinen Kopf und dann deine Frau !” hätte ich gesagt.

t.h.wolff
Gast

Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgangen sein, daß “Acker” bereits auf diesem frühen Zeitdokument ein Lacoste Hemderl trägt, mithin also rund 25% eines ALG II Regelsatzes.

Fotzibär
Gast

Er war schon damals eine Handpuppe des Kapitals, so wie er da sitzt, der Fotzibär.

R_Winter
Mitglied

Die Gegenwart ist ein schlechter Traum – in Deutschland, in Europa.

Meinst Du wirklich, das würde irgendetwas ändern? Denkst Du ehrlich, dass es nicht andere geben wird, die das umsetzen, was ich umsetzen werde?

Schröder lag richtig mit dieser Annahme, denn unsere Regierungen sind willenlose Erfolsgehilfen der weltweiten Finanz-Mafia und hier meine ich nicht die „lausige“ Mafia mit geschätzten 60 Mrd. € Schwarzgeld p.a.

Aber wenn ich es nicht mache, machen es eben andere.

Stimmt. Siehe Merkel, Macron, May…….. und wer ist schon Martin Schulz?

Heiko
Gast

Klasse geschrieben! Aber Sie gehen davon aus, dass die heutige SPD insgeheim den Kurs wieder ändern möchte, weg vom Neoliberalismus, nur nicht den Mut dazu hat. Das würde Grund zur Hoffnung geben, dass irgendwann ein Vorsitzender kommt, der wirklich einiges korrigieren will, aber den wird es wohl nicht geben. Leider.

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