Das Kamel, das Nadelöhr und die falsche Moral

Die Reichen sind so gierig. Dabei muss man ihnen das gar nicht vorhalten. Dass die Politik diese Gier nicht eindämmt: Das wäre eine Vorhaltung mit Format. Weniger moralischer Zeigefinger, mehr politisches Einfordern: Gebot der Stunde.

Ziemlich genau vor fünf Jahren habe ich mich an anderer Stelle mit dem damaligen Bundespräsidenten befasst. War es zu viel verlangt, als ich damals meinte, er sollte doch bitte zur Kenntnis nehmen, »dass Wirtschaftssysteme nicht mit frommen Du sollst nicht…!-Imperativen klappen«? Ihm ging es seinerzeit um die Gier, die er in allen möglichen Teilen unserer Gesellschaft witterte. Natürlich lag er nicht falsch. Wie könnte man das auch leugnen? Er machte es sich aber viel zu einfach, weil ein erhobener Zeigefinger ja gar keine adäquate Antwort auf dieses Problem war und noch immer nicht ist. Andere Rahmenbedingungen wären eine passende Antwort. Ein deregulierter Finanzmarkt kann doch gar nicht anders als gierige Subjekte erzeugen. Fünf Jahre später hat sich im wesentlichen diese pastorale Sichtweise verfestigt – auch ohne Pastor im höchsten Amt des Landes.

Ihr sollt nicht gierig sein! Das ist das Motto, unter dem die Berichterstattung und sämtlicher öffentlicher Diskurs zu den Paradise-Papers steht. Die Reichen und ihre Gier, das Nadelöhr und die Kamele: Das wird nichts. Aber sind sie das Problem? Ist nun die Gier eine Todsünde oder gab es da einen Übersetzungsfehler bei den Bibelexegeten und es waren die der Gier förderlichen Strukturen gemeint, die sündhaft sind? Sollte man mit Moral Einhalt gebieten oder mit Steuerelementen, gesetzlichen Maßnahmen und Kontrollregularien? Geiz mag geil sein – geiler jedoch scheint der moralische Zeigefinger: Er nimmt diejenigen, die reagieren müssten, völlig aus der Verantwortung.

Die Paradise-Papers berichten ja nur relativ randständig von illegalen Geschäften, von Hinterziehung und Betrug. Sie dokumentieren die ganz legalen Kniffe, das was erlaubt ist in den USA und der EU. Sie zeigen auf, wie Anwaltskanzleien so an den nationalen wie internationalen Steuerregularien mitgeschrieben haben, dass am Ende paradiesische Zustände herrschten. Die Paradise-Papers sind eine Auflistung tatsächlich redlicher Damen und Herren, Konzerne und Gesellschaften, die sich gar nichts Kriminelles ins Kerbholz ritzten. Eine Litanei von Tugendhaften im Sinne des Gesetzes.

Die Papiere legen im Grunde dar, ob das herrschende Recht nicht eigentlich herrschendes Unrecht ist. Und damit fragen sie nach den Gesetzgebern, nach Parlamenten, Regierungen und Staatsbündnissen. Einfach gesprochen: Nach dem Staat. Die Paradise Papers zeugen von Staats- und Demokratieversagen, von einer staatlich gewährten Parallelgesellschaft der Eliten. Dass sie sich dorthin verabschiedeten und es noch immer tun: Das kann man ihnen doch nicht zum Vorwurf machen. Schuld haben die, die es zulassen und die daran nichts ändern wollen.

Reden wir doch nicht von der Gier und dem Geiz dieser Leute. Die nehmen sich, was sie kriegen können und bleiben damit größtenteils sogar auf dem Boden der Legalität. Dieser pastorale Ton, der nach den Paradise Papers angeschlagen wurde, ist wohl auch so ein Erbe des Gauckismus. Rückzug ins biedermeiersche Moralistenidyll, den Menschen fehlende Ideale vorwerfen und das Beste hoffen. Dabei haben Bono, die Queen und Prinz Charly alles richtig gemacht! Wenn man es anbietet, kann man es auch nutzen. Die Anbieter sind das Problem. Die Nutzer sind nur deren Kreaturen. Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, als ein moderner Steuerpolitiker, der seine Steuergesetzpläne von Steuerfachanwälten austüfteln lässt.

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27 Kommentare auf "Das Kamel, das Nadelöhr und die falsche Moral"

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niki
Mitglied
Der gesamte neoliberale Staat betreibt eine Täter-Opfer-Umkehr… Arme Menschen werden als ultra-gierig hingestellt und müssen unbedingt bis ins kleinste kontrolliert werden. Das perfekte Mittel zur Unterdrückung ist dabei die Fixierung auf die Arbeitsethik! Hingegen wer über genügend Mittel verfügt, kann sich geradezu darauf verlassen, dass eine neoliberale Regierung alles tut, damit diese nicht ihren eigentlich pflichtgemäßen Anteil an der Last der Gesellschaft erfüllen müssen. Da werden nicht nur absichtlich Lücken aufgelassen, sondern es findet eine Glorifizierung des Reichtums statt. Reichtum wird mit Leistung gleichgesetzt. Vollkommen egal woher der Reichtum stammt! Das Credo des Neoliberalismus: Der perfekte, weil getarnter, Faschismus! Arme… Read more »
Robbespiere
Mitglied

So ein einfaches, geschlossenes Weltbild hat doch was,
Schuld an der Misere sind einzig und allein der Staat und seine politischen Vertreter.
Nicht dass die unzähligen, auschließlich von Reichen gegründeten und finanzierten Lobbyverbände, NGOs und Think-Tanks einen Einfluß auf die Gesetzgebung hätten oder gar die paar verbliebenen Medienkonzerne, deren Eigentümer zur reichen Elite gehören.
Zu glauben, dass Politiker, die schon längst im Netz der Korruption und ideologischen Gesinnung gefangen sind, daran etwas ändern könnten oder gar wollten, ist m.M.n. ausgesprochen naiv.
Änderungen kann es nur durch aktive Bürgerbeteiligung geben und das zu erzwingen, geht nur durch Druck von Unten.

Kapott
Gast

Ich bin für Erschießungen, für Fluzeugabschüsse von flüchtigen Superreichen
und für die Bereitstellung einer internationelen Volksdrohne.
Dann kriegen der Buffett under Soros auf ihre alten Tage halt noch
ne Hellfire unter den Gartenstuhl geballert. Voll aus heiterem Himmel.
Bumm ! Kapott ! Lieber einige hundert undemokratisch hingerichtete
Ganoven als ein dritter Weltkrieg mit Millionen Opfern.

Heldentasse
Mitglied

Wenn es bei Dir demnächst ganz früh Morgens Besuch gibt, könnten es u.U. die Damen und Herren vom BKA sein, obwohl der Kommentar wohl eher satirisch gemeint ist. Insgesamt tut man sich aber mit Aufrufen zur Gewalt keinen Gefallen, und vermutlich den hier Verantwortlichen hier auch nicht.

Man kann die ganze Problematik aber auch ganz anders darlegen:

Kapott
Gast

Ich verstehe deine Autoritätshörigkeit nicht.
Warum keine internationale Volksdrohne ?
Man muss die Forbesliste der reichsten Menschen
dieses Planeten nur von oben nach unten abarbeiten,
Trump erwischt es als 158sten.
Deren Vermögen wird nicht vererbt sondern eingefroren,
dann umverteilt.
Das Vermögen reicher Russen wird ja schon jetzt eingefroren.
Es geht also.

Man schreibt allen einen Brief:

“ Liebe Frau Klatten, Sie besitzen 25 Mrd. internationales
Volksvermögen zu Unrecht. Wir fordern Sie hiermit zur Rückzahlung
auf, sonst werden Sie von unserer internationalen Volksdrohne pulverisiert.
Auf diesen Schriftsatz können Sie innerhalb von 14 Tagen antworten
oder nicht…..Rückzahlungskonto: ……..Mit freundlichen Grüßen….. „

Heldentasse
Mitglied

Ich verstehe deine Autoritätshörigkeit nicht.
Warum keine internationale Volksdrohne ?

Als Gag im politischen Cabaret kann gerne auch mal die „Volksdrohne“ thematisiert werden, aber in echt ist es großer Mist weil ich Gewalt jeglicher Art ablehne, was im Übrigen nicht mit “ Autoritätshörigkeit“ zu tun hat, sondern mit einem humanistischen Menschenbild!

Kapott
Gast

Wieso Gag ?
Das ist die Weltlage mit gespiegelter Perspektive.
IWF und Weltbank verschicken täglich mit einer Selbstverständlichkeit Drohbriefe, dagegen waren die Schreiben vom Osama bin Laden und der RAF Gutenachtgeschichten.

Pentimento
Gast

Danke, für das schöne und leider so aktuelle Gedicht und die Zeichnungen. Ich sehe sie vor mir, Käthe Kollwitz‘ Zeichnung mit dem Titel „Nie wieder Krieg!“. Gibt es überhaupt einen einzigen Weisen unter den 1% ? Was wollen die eigentlich mit soviel Geld, wenn sie diesen Planeten endlich ganz zerstört haben? Ein Bankkonto auf dem Mars? Und dann?

Robbespiere
Mitglied

@Kapott

Ich bin für Erschießungen, für Fluzeugabschüsse von flüchtigen Superreichen
und für die Bereitstellung einer internationelen Volksdrohne.

Das ist kontraproduktiv.
Viel effizienter ist Einbuchten der Lumpen, am Besten mit Sippe, damit sie motiviert sind:

a.) ihr Raubgut an die Gesellschaft zurück zu übertragen

b.) ein fröhliches Lied zu singen über die Strukturen und Organisationen, welche gg das Gemeinwohl agieren.

Informationen sind weit mehr wert als Köpfe, wenn man den Staat im Sinne der Bürger neu aufbauen will.

Andreas Säger
Gast

Ach, etwa so wie sich die RAF das mit dem Schleyer vorgestellt hat? Is nicht viel bei rumgekommen, sagt PJ Boock, der zu seinen Bewachern gehörte. Sie haben immerzu aneinander vorbei geredet, so dass ein Erkenntnisgewinn über die persönliche Ebene nicht hinaus reichte – immerhin.

Robbespiere
Mitglied

@Andreas Säger

Ach, etwa so wie sich die RAF das mit dem Schleyer vorgestellt hat?

Also ich rede hier nicht von Entführung, sondern regulärer Haft und die Option, im Gegenzug für Information und die Übertragung des Vermögens an den Staat als Entschädigung die Sippe wieder auf freien Fuß zu setzen.
Das macht mehr Sinn als Köpfe rollen zu lassen.

Andreas Säger
Gast

Reguläre Haft? Also in einem utopischen zukünftigen Rechtssystem irgendwie? Dann sollte alles, was uns die Arschlöcher zu sagen hätten wurscht sein (und meiner Meinung nach auch kein Grund, irgendjemanden einzuknasten).

Robbespiere
Mitglied

@Andreas Säger

Reguläre Haft? Also in einem utopischen zukünftigen Rechtssystem irgendwie?

Genau so, und das müssen die Bürger selbst erzwingen.
Mit Exekutionen a la RAF bringt man die Massen nicht hinter sich.
Eher das Gegenteil ist der Fall.

Kapott
Gast

Die internationale Volksdrohne muss außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone
starten. Dann sind Nationalstaaten juristisch aus dem Schneider. Sowas ist einfacher zu realisieren als ein Generalstreik in Deutschland. Die IVD fliegt unterm Radar durch, wie damals der Rust. Das erspart Überfluggenehmigungen und diesen ganzen Papierkram. Eine Drohne kann 14 Stunden anfliegen und kreisen. Wenn Aldi Nord und Süd demnächst vor Gericht streiten, kreist die IVD überm Gericht. Da klingeln dann schon 60 Mrd. in der Volkskasse. Die Rente ist sicher und Gelsenkirchen kann wieder aufgebaut werden.
ALDI wird anschließend genossenschaftlich geführt.

Kapott
Gast
Ist schon krass. Vielleicht sind da Vielen schon die Kategorien und Bewertungsmaßstäbe durcheinander gekommen ? Früher ging es um verschwendete Steuermillionen in den Nachrichten. Wenn irgendeine kleine Autobahnbrücke für 5 Millionen verplant wurde, kam das in der Tagesschau. Nach S21, Bankenrettungen und EU-Rettungsschirmen interessiert sich niemand mehr für Millionen. Heute müssen es für die Tagesschau versemmelte Milliarden sein. Man kann es dem Michel deshalb nicht nachhalten, wenn er Klattens 25 Milliarden Privatvermögen für verdient erachtet und Kritiker als Sozialneider herabstuft. “ Verdient ist verdient ! Deshalb geht es uns allen auch so gut !“ In Skandinavien, insbesondere in Schweden wird… Read more »
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[…] mit Format. Weniger moralischer Zeigefinger, mehr politisches Einfordern: Gebot der Stunde.Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Mini-Jobwunder: Unser blaues Wunder Kanzlerin Merkel verkauft sich als […]

Jarek
Gast
Wir haben in der westlichen Welt seit Jahrzehnten abnehmende Raten des ökonomischen Wachstums (https://www.hussmanfunds.com/wmc/wmc090817.gif). 2% werden schon heute bei uns als „Boom“ gefeiert bzw. wird vor drohender „Überhitzung“ gewarnt. Nun, die oberen x% pfeifen (siehe Piketty) auf real 2% – schließlich hatte man sich schon der preußische Junker oder der viktorianische Earl auf 4% orientiert. Diese Differenz muss irgendwie ausgeglichen werden. So holt man sich ein Teil auf den (noch) boomenden Märkten, deswegen lieben alle so Export und China. Leider spielen die Chinesen nicht immer mit oder nach eigenen Regeln. Schließlich haben sie begriffen, dass Export nicht alles ist und… Read more »
GrooveX
Mitglied

oh, spannend. du bist spezialist in chinesischer volkswirtschaft? das ist gut, gibt nicht so viele von. nur die abnehmenden raten des ökonomischen wachstums, die haben bei mir einen leisen zweifel geweckt.

Jarek
Gast

Ironie ist die stumpfe Waffe der Unwissenden…

Mordred
Mitglied

Ich halte seinen Beitrag insb. bzgl. der Chinesen für völlig korrekt. Wo siehst Du Fehler?

Folkher Braun
Gast

Die Sache ist ganz einfach: Eine Woche Generalstreik. Dann geht unserer Elite und ihren Politschauspielern der A**** auf Grundeis. Wir haben aber leider keinen DGB, der das organisieren könnte/wollte.

GrooveX
Mitglied

na ja, gewerkschaft und streik…
die drucker & die werftarbeiter wurden abgeschafft.

Andreas Säger
Gast

Auch in der christlichen Lehre nach wikipedia.de ist die Gier an sich keine Sünde. Was gemeinhin als „die sieben Todsünden“ bezeichnet wird sind sieben miese Charaktereigenschaften oder Schwächen aus denen sich individuell eine große Sünde, also ein sündhaftes Leben entwickeln kann. Die Gier ist eine dieser menschlichen Schwächen, die uns immer wieder zu einem Leben in schwerer Sünde („Todsünde“) verleiten. IMHO, ist Gier die Wurzel der anderen sechs: Trägheit, Neid, Völlerei, Wollust, Jähzorn und Geiz; also „haben wollen ohne zu geben“.

ert_ertrus
Gast

Stimmt!

Mordred
Mitglied

Volle Zustimmung!

Klemperer
Gast
Natürlich kann man es etwa Fussballspielern, die wie Messi oder Ronaldo keinerlei Geldsorgen in ihrem Leben haben werden, weil sie unfassbare Summen jährlich verdienen, vorwerfen, wenn sie dann auch noch zig Millionen Steuern hinterziehen oder hinterziehen lassen. Es geht nicht nur um Gesetze. Und es hat auch kaum etwas mit Gaucks angeblicher Moral zu tun – was war denn Gaucks „Moral“ anderes als ein außergewöhnlich fadenscheiniger Überzug über Machtinteressen – Grauck redete jederzeit den Marktradikalismus schön, fand occupy furchtbar und lebte seinen kriegslustigen Russenhass aus, auch, da sein Nazi-Vater eben umgekommen war. Das ist keine Moral, genausowenig wie die von… Read more »
Klemperer
Gast

typo – ein „gegeben“ zuviel – es hat selten eine für Reiche und Superreiche so angenehme Stimmung im neoliberalen Deutschland gegeben. Nein, „führer“ war nicht alles besser, aber diesen Vorwurf auf jede Kritik, als wären alle Linken automatisch Nostalgiker, hört man dann jedesmal – meist fälschlich. Im „kicker“ können Fussball-Interessierte grade Heldenlegenden zu Messi lesen – die drastische Hinterziehung wird nicht mal erwähnt – und stört auch keine Kicker-LeserInnen, wie es scheint.

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