Das evolutionäre Muster deutscher Integration

Menschen mit arabischen und türkischen Namen haben es schwer bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche. Das dokumentiert erneut eine Studie. Sie sind die Nachfolgegeneration derer, die zum Beispiel De Lapuente hießen.

Bis Ende der Achtzigerjahre zahlte mein Vater einen Aufschlag auf die Miete. Grund dafür war seine Herkunft. Man fürchtete sich davor, dass er unvorhergesehen den Rappel kriegt, alles stehen und liegen lässt und zurück in seine spanische Heimat verschwindet. Ohne Sack, ohne Pack. Bald drei Jahrzehnte war er da schon im Lande, hatte Frau, Kinder und Arbeit, sodass man unter rationalen Gesichtspunkten nicht davon ausgehen konnte, dass es so kommen würde, wie sich die Wohnungsbaugesellschaft in ihrem Szenario ausmalte. Ich weiß nicht wie, aber meiner deutschen Mutter reichte es dann irgendwann, sodass sie einen Beschwerdebrief an den Oberbürgermeister unserer oberbayerischen Provinzgroßstadt schrieb. Der war natürlich CSU-Mann und saß nebenher auch im Verwaltungsrat der Gesellschaft. Er antwortete wohlwollend: Die Praxis wird ab sofort eingestellt. Zwischen Sätzen des Balsams und der Anteilnahme verurteilte er dieses Vorgehen. Er selbst wusste außerdem nichts davon, beteuerte er. Wir wollten es ihm glauben und haben uns diese Naivität bis heute bewahrt.

An der Basis der Christsozialen, das möchte ich an dieser Stelle echt mal unterstreichen, gibt es nicht wenige anständige Leute. Ihr Weltbild muss nicht immer in allen Nuancen gefällig sein. Aber sie behandeln einen trotzdem nicht wie Abschaum, wie es die Kettenhunde des Ministerpräsidenten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer heftiger tun, wenn sie zum Beispiel von Ausländern oder Arbeitslosen sprechen. Da gibt es wirkliche Kümmerer, die nicht einfach nur in der Partei sind, weil man dann öfter am Freibier nuckeln darf. Aber darum geht es mir heute gar nicht, zurück zum Ausgangspunkt: In unserem speziellen Falle fügte der OB noch etwas hinzu: Wir sollten bitte nicht weitersagen, dass der Zuschlag für uns nicht mehr gilt. Nicht weil man die anderen auf ewig blechen lassen wollte – man wollte das peu a peu organisiert einstellen und keinen Aufruhr in der Mietskaserne beschwören. Dieser Passus stank mir jungen Kerl gewaltig. Das war unfair. Und ich denke immer noch so darüber. Und was war mit einer Rückzahlung der fälschlich geleisteten Zahlungen? Mittlerweile gibt es eine solche Abgabe immerhin nicht mehr.

Damals mag das auch so eine Zeit gewesen sein, in der sich die ursprünglichen Vorurteile gegenüber Gastarbeitern langsam auflösten. Schlagartig sicher nicht, ich habe noch einige Affekte an der Person meines Vaters erlebt. Darüber habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder geschrieben. Langsam aber sicher war der Spanier, der Italiener und der Grieche halt kein absoluter Fremdkörper mehr. Da konnte man dann auch großzügig auf einen Fluchtaufschlag verzichten. Lange genug haben sie es ja ausgehalten unter Deutschen, haben die Zoten ertragen, die Ressentiments und sind dennoch geblieben: Da kann man schon mal davon ausgehen, dass wir die nicht mehr loskriegen – positiver gesagt, da kann man schon mal davon ausgehen, dass sie hier nicht alles zurücklassen als wäre es nichts.

Und dann kamen anderen Gruppen ins Land, die den Kindern der Gastarbeiter neue Möglichkeiten erlaubten: Polen, Russen, Rumänen und Rumänendeutsche. Und Ostdeutsche – wir sollten die Ossis nicht vergessen. Jetzt ärgerte man sich über diese Leute, die alles in den Rachen geschmissen bekamen und überdies so total fremd waren. Ab hier wurde die Geschichte der Gastarbeiter zu einer Geschichte der erzwungenen Akzeptanz. Die Südländer, die Deutschland mit aufgebaut und in seinem Arbeitskräftemangel ausgeholfen hatten, die waren vielleicht nicht wie Deutsche – dazu waren sie zu relaxt. Sie waren eher ein bisschen so, wie sich Deutsche gemeinhin das bessere Leben im Urlaub vorstellten. Die anderen aber, die jetzt ins Land strömten, die in den Satelliten der Sowjets groß wurden, die fand man nicht so paradiesisch. Die hatten doch nichts. Was sollen die schon können? Die Ostdeutschen kannten doch nur Mangel und hatten keinen Plan – nur eine Planwirtschaft.

Den Osteuropäern erging es von dem Augenblick an etwas besser, als mehr Menschen mit arabischen Wurzeln ins Land kamen und man im Zuge einer allgemeinen Islamophobie Türken unter Verdacht stellte. Ja, die Polen, die waren ja gar nicht so mies. Polinnen putzten Haushalte oder Greisenärsche, wohnten dabei hinten im Abstellraum und waren 24 Stunden verfügbar. Diese Bürger aus dem Schlund des sowjetischen Reiches offenbarten sich dann als ausgezeichnete Fachkräfte. Ostdeutsche konnten eben doch etwas. Sie hatten in ihrem kleinen Land nämlich tatsächlich etwas beigebracht bekommen. Ich kannte ostdeutsche Leiharbeiter, die sich als Schlosser verdingten und ihren westdeutschen Pendant – das über Tarifvertrag der IG Metall gut versorgt war – die fachliche Show stahlen. Jetzt waren es Araber und Türken, die auf dem Abstellgleis der Verachtung landeten. Alle von ihnen – und grundsätzlich. Ein arabischer Name auf dem Briefkopf? Weg damit! Dann doch lieber den Typen, dessen Namen osteuropäisch klingt. Da weiß man, was man hat.

Neulich moserte jemand im hiesigen Kommentarbereich, dass er in einigen meiner Texte einen »Hang zur Überkompensation« bemerke, ganz nach dem Muster: Der Spanier möchte dazugehören. Irrtum! Ich muss gar nicht überkompensieren. Die Integration in Deutschland verläuft nämlich nach einem einfachen evolutionären Muster. Man ist so lange Fremder, den man ablehnt, bis jemand ins Land kommt, der noch fremder erscheint. Der neue Fremde ist dann der Aufhänger dazu, den alten Fremden in einen alten Bekannten zu verwandeln. Moderne Integration ist das zwar nicht, weil zwischen den Zeilen immer noch das Rudiment aus Zuwanderung und Fremdheit bestehen bleibt. Außerdem geht sie auf Kosten anderer, die ins Land kommen. Doch diese getriebene Integration scheint teilweise auf eine altmodische Weise doch zu funktionieren.

Wenn erstmal einige Stämme aus Papua-Neuguinea aus ihren angestammten Wäldern flüchten müssen, weil die Modernisierung ihres Landes sie zu Auslaufmodellen und Verfolgten macht – und wenn diese Leute auf den Trichter kommen, ihr Glück in Europa oder Deutschland zu suchen, dann haben es auch die Araber und die Türken geschafft. Denn die Nachfahren ehemals kannibalistischer Stämme, die lassen die Phantasie bunte Bilder malen und eine neues innergesellschaftliches Feindbild entstehen. Die hätten es allerdings dann ziemlich schwer, jemals in Deutschland Tritt zu fassen. Als vielleicht letztes humanoides Glied in dieser integrativen Kette bleibt ihnen nur, auf die Ankunft einer fremden Spezies zu hoffen. Wenn die dann tatsächlich im Berliner Tiergarten landet und sagt, sie komme in Frieden, werden es nicht die grünen Männchen sein, die den ersten Schuss abgeben, wie in einem Film Tim Burtons aus den Neunzigern. Das übernehmen natürlich wir – und die, die übrigbleiben, kriegen nur unter äußersten Schwierigkeiten eine Wohnung oder einen Job im Niedriglohnsektor. Bis dahin ist der Araber in der Mittelschicht und der Papua-Mann Vorarbeiter.


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15 Kommentare auf "Das evolutionäre Muster deutscher Integration"

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Murksel
Gast

Ein „evolutionäres Muster“ würde eine Entwicklung zeigen, die Änderungen
in eine andere, neue Richtung fördert. Im Text warten wir vergeblich darauf.
Wenn man Fremdwörter ausschließlich dazu verwenden, um sie fremd und überflüssig
im Kontext wirken zu lassen, sollte man auf sie verzichten. Auf Fremdwörter
verzichtet jemand ohnehin, der allgemeinverständliche Texte verfassen möchte.

Nach der Schlappe des letzten Schriebes ist der Schwenk zur autobiografischen
Prosa nachvollziehbar.

Man könnte für jeden missratenen Schrieb der Neulandrebellen, einen Betrag X
von ihrem Spendenkonto abziehen. Nur für den Fall, dass sie eines Tages mit
Sack und Pack verschwinden weil sie niemand mehr liest.

Loplop
Mitglied

So zynisch, da wird einem gleich warm ums Herz.

neo
Gast

Jeder Beitrag ist doch nur ein Denkanstoß. Wenn es dir nicht gefällt, dann einfach wieder vergessen oder gar nicht erst weiterlesen. Man muss nicht mit allem übereinstimmen.
Darüber hinaus würde ich nicht wollen, dass meine Spendengelder zweckentfremdet werden.

Schuhkarton71
Gast

Jeder Beitrag ist doch nur ein Denkanstoß.

Spiegel Online, FAZ, Zeit, ARD und ZDF verbreiten auch „nur“ Denkanstöße.
Bevor Gegenöffentlichkeit zur Karikatur und Realsatire verkommt, sollte man
hinschmeißen. Die Lesekapazität des Menschen ist begrenzt. Es gilt, wichtige
Speicherkapazität nicht vollzumüllen. Was hier gelesen wird, wird an besserer
Stelle ausgespart.

trackback

[…] erneut eine Studie. Sie sind die Nachfolgegeneration derer, die zum Beispiel De Lapuente hießen.Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Alles Nazis außer Thomas Julian Assange, Noam Chomsky, Jeremy Corbyn, Diether […]

Nashörnchen
Gast
Ja, so isser, der Mensch: Bei jemandem, den er kennt, weiß er, ob er ihm vertrauen kann oder nicht, ob von ihm gar eine Gefahr ausgeht oder nicht. Bei einem Fremden weiß er das nicht, der muß sich dieses Vertrauen erstmal erwerben, erarbeiten. Das kann auch der neue Schwiegersohn in der Familie sein oder der neue Arbeitskollege in der Firma, der neue Nachbarshund im Haus. Und das ist gut so, wie es ist – wäre der Mensch anders gestrickt und hätte er seinerzeit dem Säbelzahntiger blindlings vertraut, würde es diesen Menschen nämlich längst nicht mehr geben auf dieser Welt. Daß… Read more »
JanN
Gast

Das evolutionäre Muster deutscher Integration ist mir auch schon aufgefallen, auch wenn mir dafür nie so eine treffende Bezeichnung eingefallen ist.
Es fällt mir immer auf, wenn man sich mit den Juden verbündet um die Muslime auszuschließen und mal wieder die Floskel vom „jüdisch christlichen Abendland“ fällt.
Ja nee is klar… Jahrtausendelang war Antisemitismus Staatsräson im Abendland, aber nachdem wir es damit übertrieben haben und Israel als Verbündeten brauchten gehören die Juden auf einmal dazu. Was für eine Heuchelei!

No White Guilt!
Gast
Das evolutionäre Muster in den Westlichen Ländern war, dass sich spätestens in den 3ten Generation sich ein Einwanderer-Community integriert hat – sprachlich, wirtschaftlich, bildungsmäßig. De Lapuente ist ein Migrantenkind/2te Generation und ist integriert. Die südeuropäischen Migranten sind integriert. Das gleiche gilt auch für mich. Die Thais sind auch integriert. „Menschen mit arabischen und türkischen Namen haben es schwer bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche. Das dokumentiert erneut eine Studie. Sie sind die Nachfolgegeneration derer, die zum Beispiel De Lapuente hießen.“ Lüge! Die arabischen/türkischen Einwanderer kamen zur gleichen Zeit wie De Lapuente’s Eltern. Sie sind teilweise in dritte/vierte Generation nicht integriert. Aber… Read more »
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