Wenn wir alle Bangladescher wären …

Wenn selbst intellektueller Sachverstand als Ansatz nur »Umdenken. Wir müssen umdenken, Leute!« parolieren kann, dann steht es schlimm um uns. Wahrscheinlich stimmt es: Die Menschheit schafft sich ab.

Harald Lesch hat zusammen mit Klaus Kamphausen ein Buch geschrieben. Einen Bestseller: »Die Menschheit schafft sich ab«. Ein drastischer Titel, den Lesch jedoch verteidigt, von dem er aber auch berichtet hat, dass er anfangs nicht so geplant war. Aber wegen dem Marketing … Sie verstehen? Zunächst erklärt Lesch gewohnt locker und verständlich, auf Grundlage welcher kosmischen und chemischen Prozesse, die Welt und das, was auf ihr ist, entstanden sind. Wo kriegt man sonst schon einen übersichtlichen wissenschaftlichen Abriss über Weltentstehung und Menschwerdung vorgesetzt, wenn nicht bei Lesch? Über diese lange, über Milliarden Jahre sich hinziehende Einleitung, landet Lesch dann im Anthropozän, bei uns Menschen und wie wir als irdischer Faktor in das Gleichgewicht eingreifen. Wobei das Gleichgewicht nicht ganz richtig ist, denn dass es uns gibt, das war Zufall, einen Generalplan zur Schaffung von Grundlagen für die Menschheit gab es nicht. Irgendeine Form von Gleichgewichtung stellt sich hienieden immer ein. Die Frage ist dann nur: Im für den Menschen verträglichen Maß?

Und so erfahren wir von den Autoren, dass die abendländische Kultur auf einem großen Missverständnis erbaut wurde, denn »man setzte voraus, dass die Natur eine unendliche Ressource sei«. Nach diesem Credo leben wir nicht erst seit gestern. Schon die Griechen holzten ihre Wälder ab, bis sie nichts mehr zum Abholzen fanden. Auf diese Weise veränderte sich auch das griechische Klima und der Mensch machte im Grunde Wetter. Das benötigte Holz schleppte man aus griechischen Kolonien heran und destabilisierte gewissermaßen in Wachstumsschüben das Gesellschaftsmodell: »Eine erfolgreiche Kultur ist instabil, wenn sie einen maximalen Ressourcenverbrauch erreicht hat. Auf diesem Höhepunkt ist jede Kultur instabil, weil sie kleinste Schwankungen in der Umwelt nicht mehr abfangen kann. Anders gesagt holt man sich die ganze Zeit Kredit bei der Natur, bis die nicht mehr hergibt. Dann ist Ende!«

Ab hier beschreiben die Autoren, wie die Menschheit heute weit über Kredit lebt. Sie stellen dem Leser unter anderen den ökologischen Fußabdruck als Indikator vor, der belegt, wieviel Erdfläche pro Person gebraucht wird, um den momentanen Lebenstil zu erhalten. Die Nordamerikaner bräuchten jährlich eigentlich sechs Erden, um ihren Bedarf zu decken. Wir Europäer benötigten in etwa drei Erden – und da sind all die grünen Programme zur Umweltverträglichkeit schon enthalten, die wir uns in good old Europe leisten.  Lebten wir hingegen alle wie Menschen in Bangladesch, so hätten wir sogar noch Wachstumspotenzial. Bei dem kargen Lebensstil reichte uns ein Dreiviertel des Bodens. Eine Alternative ist das aber natürlich nicht.

Was der rechtskonservative Grünengründer Herbert Gruhl in den Siebzigerjahren mehr so vom Gefühl her und auf Grundlage des Zwischenrufs des Club of Rome in sein Buch (»Ein Planet wird geplündert«) notierte, unterlegt Harald Lesch mit wissenschaftlichen Fakten und Informationen. Gruhl hat zwar nie, wie man ihm später gerne unterstellte, die Atombombe gegen Entwicklungsländer als Lösungsansatz propagiert. Aber seine Positionen und sein Duktus ließen Deutungsspielraum für eher rechte Genossen und ihr herrenmenschliches Gehabe, die die Ökologie als Kampffeld für sich entdeckt hatten. Es handelte sich dabei teilweise natürlich nur um die alte Naturverbundenheit der Braunen, die ihren Wald und ihren blutdurchsickerten Boden schützen wollten.

Lesch und Kamphausen reden einer Reduzierung der Menschen auf der Erde hingegen nicht das Wort. Sie nennen nur Fakten. Man spürt, dass sie das tun, um den postfaktischen Klimawandelleugnern und Wachstumsfetischisten etwas entgegenzusetzen. In der Hoffnung, dass wissenschaftliche Zeugnisse überzeugen. Das dürfte allerdings schwierig bleiben. Der rechtslastige Kopp-Verlag zum Beispiel, auch er verkauft über seine Online-Plattform das Buch der beiden Autoren, simplifiziert das Buch. Dort wirbt man: »Eindrücklicher Appell an die Ignoranz und Verschwendungssucht der Erdbewohner.« Dieser Satz stimmt in vielen Punkten nicht. Zunächst sind es nicht die Erdbewohner allesamt, sondern die westlichen bzw. entwickelten Industriestaaten, die mehr verbrauchen als sie dürften. Damit steht der Lebensstil zur Disposition, den Rechtspopulisten gerne als ihr historisch legitimiertes Recht ansehen. Und zweitens schreiben die Autoren ehe wenig von Verschwendung. Verschwendet wird ja gar nicht so sehr. Was man an Ressourcen herbeischafft, wird ja auch verwertet – die Frage ist: Ist es notwendig?

Wer seinerzeit Gruhl falsch verstehen wollte, der konnte eben eine solche Reduzierung der Menschenfluten – wie er es nannte – durch Atomwaffen als einen möglichen Gestaltungsrahmen hineininterpretieren. Diese Gefahr besteht grundsätzlich immer. Auch bei einem fundierten Werk wie dem Leschs und Kamphausens, wie man am Beispiel mit dem Kopp-Verlag sieht. Was aber bietet »Die Menschheit schafft sich ab« als Ausweg an?

Und hier kommt es zur Ernüchterung. Zu einer, die Radikalinskis zu biologistischer Menschenverachtung schreiten lassen könnte. Denn man drängt dem Leser latent den Eindruck auf, dass außer Moralin nicht viel geboten ist. Solange es keine Energierevolution gibt, solange jede Entschärfung auf Kosten des Lebensstandards geht, gibt es nur Parolen, die uns Courage zurufen: »Denkt um! Wir müssen uns der Fakten bewusster werden! Weniger ist mehr!« Solche Aussagen halt. Wenn selbst intellektueller Sachverstand nicht mehr als Lösungsvorschlag zu nennen weiß als moralische Bekräftigungen, dann steht es tatsächlich schlimm um uns. Auswege? Man muss wirklich annehmen, nicht mal Lesch kennt einen. Und der weiß doch sonst alles. Aber mal eben so ein Energiekonzept auf Grundlage eines Perpetuum mobile erfinden … tja, er ist halt auch nur ein Mensch.

Wenn da keine energetische Revolution im Raum steht, die den Bedarf bei Erhaltung des Lebensstandards und bei der Ausweitung dieses Standards in Regionen, die heute noch nicht davon profitieren dürfen, abdeckt, dann dürfte es stimmen: Die Menschheit schafft sich ab. Mit dem großangelegten Generalverzicht als Ausweg wird man sich wohl kaum anfreunden können. Keiner von uns. Machen wir uns nichts vor.

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33 Kommentare auf "Wenn wir alle Bangladescher wären …"

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johannes
Gast
Lapuente schafft sich ab! Oh, was für ein schlechter Beitrag! Zeigt er doch, dass der Autor für den Menschentypus steht, die eine Veränderung der Lebensweise selbst dann nicht wollen, wenn ihnen das Wasser bis zum Halse steht. Mich würde interessieren, was an dem Kopp Verlag „rechtslastig“ ist, hierfür würden mir der Ergebnisse einer objektiven Untersuchung ausreichen – ich gehe davon aus, dass die vorliegt, ansonsten ist die Behauptung peinlichste Diffamierung. Ein Verlag verlegt, ein Drucker druckt: „Druckerhersteller“ ist ein NAZI???. Oh man… „Mit dem großangelegten Generalverzicht als Ausweg wird man sich wohl kaum anfreunden können. Keiner von uns. Machen wir… Read more »
schwitzig
Gast
@johannes „Mit dem großangelegten Generalverzicht als Ausweg wird man sich wohl kaum anfreunden können. Keiner von uns. Machen wir uns nichts vor.“ Ich kann mich damit anfreunden, viele Menschen, die ein lebenswertes Leben haben, können das. Gut. Vielleicht bist Du mit dem reduzierten Lebensstill *jetzt* zufrieden. Jetzt aber mal einfach ein paar Jahrzehnte oder ein Jahrhundert den Populationszuwachs in die Zukunft extrapoliert, wird es darauf hinauslaufen, dass Dein Lebensstandard in Richtung Tod tendiert. Wir sind schon jetzt – unabhängig von philosophischen und gesellschaftlichen Erwägungen – an einem Punkt, wo wir eine Überpopulation erreicht haben. Es ist völlig Wumpe, ob ein… Read more »
johannes
Gast

Ja, auch eine Logik. Allerdings geht es mir nicht darum, die Menschheit zu vernichten, sondern gerade darum, sie zu erhalten. Da helfen einem die lapuenteschen Mc Donalds als „Lebensstandard“ nicht weiter. In der Tat ist es an der Zeit, die Brücken zwischen den Gesellschaften der Welt so zu schließen, dass ich eine lebbare Alternative daraus ergibt. Weniger Menschen-, Kapital- und Konsumwachstum. 70% der Fische in den Weltmeeren haben Plastik im Magen, wir essen das. Ich habe akzeptiert, dass der Kapitalismus an sein Ende gelangt ist – Nachhaltigkeit ist etwas anderes…

schwitzig
Gast

@johannes

Allerdings geht es mir nicht darum, die Menschheit zu vernichten, sondern gerade darum, sie zu erhalten.

Das ist aber kein Aspekt der derzeitigen Weltreligion der Ökonomistenpriester. Und die Ökonomistenpriester sind dumm und gewalttätig genug, jede Veränderung an dem Verteilungssystem – was diese verkommene Religion ja tatsächlich ist – zu verhindern. Und sie haben die Mittel dazu, die von Leuten bedient werden, die Zeit ihres Lebens indoktriniert wurden.
Auf Deutsch: Nachhaltigkeit hat keine Aussicht auf Nachhaltigkeit, denn wir fahren die Strasse zum Zusammenbruch nur etwas langsamer ab.

Erwin
Gast

Auf Deutsch: Nachhaltigkeit hat keine Aussicht auf Nachhaltigkeit, denn wir fahren die Strasse zum Zusammenbruch nur etwas langsamer ab

Was zur Erreichung von „vorläufigen Klimazielen“ nicht das Schlechteste sein muss.

schwitzig
Gast

@Roberto J. De Lapuente
Um Folgen werden wir schon jetzt nicht herum kommen. Allerdings könnte man deren Intensität durchaus mindern, indem man jetzt beginnt nachhaltiger zu wirtschaften, so dass ein Umgang mit den Folgen einfacher ist.

Erwin
Gast
Ich lasse die „Postwachstumsökonomie“ vom Niko Paech mal da. http://www.postwachstumsoekonomie.de Ich behaupte, die Ressource „menschliche Innovation“ ist unerschöpflich und wird bei vielen Modellen, und diesem Entwurf unterschätzt. Ich behaupte, dass lediglich Ressourcen zu meiden sind, die tatsächlich „verbraucht“ werden, also in ihren Urzustand kaum annähernd zurückversetzt werden können. Es geht nicht darum, glaubhaft machen zu wollen, dass wir weiterwirtschaften könnten wie bisher und dazu nur die Energieträger wechseln müssten. Es geht vielmehr um ein „Zeitschindermodell“ das schlimmste Auswirkungen bis zur nächsten Innovationsstufe verhindert. Das ist sehr wissenschaftsgläubig und kann deshalb ziemlich in die Hose gehen. Das ist klar. Es kann… Read more »
Uli
Gast

„Denkt um!“
Bei solchen Sprüchen muss ich ja immer an Hagen Rether denken:
„Ich hör hier immer selber denken. Nee, selber handeln. Wir haben doch kein Denkdefizit. Wir haben ein Umsetzungsdefizit.“

Damit wäre ja auch schon fast alles gesagt, ich habe heute erst gelernt, dass Deutschland im Jahr so viel Papier verbraucht wie ganz Afrika und Südamerika zusammen! Auch beim Plastimüll sind wir europaweit trauriger Spitzenreiter, aber wir feiern uns immer noch als Recyclingweltmeister und schrieben lieber den tausendsten Trump Artikel.

Rainer N.
Gast

Die Bienen sind schlauer … nur eine Königin, und wenn die Drohnen nicht mehr benötigt werden …

und wenn dann Roboter die Arbeit erledigen, werden auch viele Menschen überflüssig …

Morus hat ja in „Utopia“ schon eine andere Gesellschaftsform beschrieben …

und wie Lesch auch schon sagte – zur Atomproblematik – die Büchse der Pandora wurde geöffnet … drinnen liegt nur noch die Hoffnung, die stirbt ja immer zuletzt.

Ist sie schon tot? Ich befürchte, sie zuckt nur noch in den letzten Zügen …

ihr werden in interessanten Zeiten leben …

selber Schuld.

schwitzig
Gast

@Rainer N.

ihr werden in interessanten Zeiten leben

Oh, da kennt jemand den chinesischen Fluch :-).

aquadraht
Mitglied

Der chinesische Fluch ist eine urbane Legende.

schwitzig
Gast

@aquadraht

chinesische Fluch ist eine urbane Legende

Möglicherweise. Möglicherweise auch nicht:

https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6gest_du_in_interessanten_Zeiten_leben

Ist aber auch egal, denn die Aussage ist es, die zählt 🙂

Alien Observer
Gast
Lesch, wie eigentlich alle die sich „wissenschaftlich objektiv“ geben wollen, verstricken sich ebenso in einen W`iderspruch wie die Klimaleugner. Die Tatsache des Ende des Wachstums, die zu recht nicht oft genug thematisiert werden kann, ist zu aber tiefst politisch. Der Angriff der Klimaleugner und Wachstumsfetischisten auf Wissenschaft und Wissenschaftler, ja auf das Konzept der auf Fakten basierten politischen Entscheidung, ist aus genau diesem Grund begonnen worden. In Memos der Bush Senior Regierung wird deutlich, dass die Gefahr des Klimawandels früh erkannt wurde, aber man aus Macht und Profitgier beschloß den Fakten des Klimawandels Propaganda entgegenzusetzen. Es war den Neocons bei… Read more »
trackback

[…] kann, dann steht es schlimm um uns. Wahrscheinlich stimmt es: Die Menschheit schafft sich ab. Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Wir Unübertrefflichen Erdoğan steht es nicht zu, die deutsche Regierung […]

Erwin
Gast

OFF

Falls sie euch auch den DVB-T-Stick entwertet haben und jetzt Geld verlangen.

Quentin Tarantino – The Hateful Eight

http://www.hdfilme.tv/mobile/the-hateful-eight-2016-910-stream

Schnurlos
Gast

Weil es irgendwie extrem gut hierein passt:
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/tuvia-tenenbom-allein-unter-fluechtlingen-interview-zu-seinem-neuen-buch-a-1140837.html

Take it easy baby.
Optimisten gestalten die Welt.

Mazze
Gast

„Tenenbom: Wir machen ja immer weiter. Wir verabschieden Resolutionen, bewaffnen die Leute, schlagen uns auf eine Seite, ohne alle Seiten überhaupt zu kennen. Wir lernen unsere Lektion nicht, weil wir Suprematisten sind. Wir halten unsere Kultur für überlegen.“

Dem stimme ich zu.

Marti
Gast

Ich trau mich nicht. Hatte grad einen Flash. Herrenrasse mal anders, hab das Interview mehrmals gelesen. Werden wir diesen Scheiss nie los, Arabien, Nordafrika in Schutt und Asche bomben, geht in Ordnung is ja für das Gute. So hoch doch eigentlich sehr klein

Alexander
Gast

Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, dass wir noch einmal, und sei es nur um Haaresbreite, davon kommen könnten, muss als kühn bezeichnet werden. Wer sich die Mühe macht, die überall schon erkennbaren Symptome der beginnenden Katastrophe zur Kenntnis zu nehmen, kann sich der Einsicht nicht verschließen, dass die Chancen unseres Geschlechts, die nächsten beiden Generationen heil zu überstehen, verzweifelt klein sind.

Weiß jemand, woher diese Zeilen stammen?

trackback

[…] Bundesrepublik, wäre er Erdüberlastungstag schon im April gewesen. Aber zum Glück haben wir ja Länder wie Bangladesch. Die retten den Schnitt. Auf Kosten von uns und unseren Nachkommen geht aber auch der feige […]

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