Der geizige kleine Bruder der Blockwarte

Die »Junge Freiheit« gilt gemeinhin als das Parteiblatt der Alternative für Deutschland. Das Weltbild lässt sich mancher – unter anderen Vorzeichen – aber auch bei einem konservativen Frankfurter Leitmedium beglaubigen.

Heike Göbel ist bei der FAZ die verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik. Ferner ist sie Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und Jurymitglied des Georg von Holtzbrinck Preises für Wirtschaftspublizistik, einer neoliberal getünchten Auszeichnung. In vielen Punkten ihrer Wahrnehmung geht sie mit Hans Werner Sinn konform. Seit Jahren fällt sie nun als Propagandistin des Marktes auf. Die Reformen um die Agenda 2010 gingen ihr immer noch nicht weit genug. Jeden Vorschlag, der auch nur entfernt beinhaltet, Arbeitnehmern kleinste Vorteile zu gewähren, bekämpft sie dogmatisch in ihren Kommentaren.

Neulich tat sie das wieder, als Familienministerin Schwesig ankündigte, etwaige Verbesserungen zur Vereinbarung von Beruf und Elternschaft auf den Weg bringen zu wollen. Man würde den Eltern das Leben mit »Gold pflastern« wollen, geiferte Göbel los. Sie leugnete dabei nicht mal, dass das Kinderkriegen für viele zu einer existenzgefährdenden Situation werden kann. Sie rümpft nur elitär die Nase und lässt die Leser wissen, dass man das ja gewusst haben könnte. Für Kinder entscheidet man sich doch selbst und dann soll man auch die Folgen tragen. Selbstverantwortung und so. Wir kennen diese Fürbitten der Ecclesia neoliberalis seit Jahren.

Man kann übrigens mit den Vorschlägen Schwesiges durchaus kritisch umgehen. Dazu muss man kein neoliberaler Prediger sein. Besonders der Anspruch auf freie Wahl der Arbeitszeit, der ihr für Eltern von Kleinkindern vorschwebt, dürfte in vielen Berufen gar nicht realisierbar sein. Man erkläre mal den Patienten und den Kollegen in einem Krankenhaus, dass auf der Station jetzt leider viele Mütter schuften, die nur noch zwischen 8:00 und 14:30 verfügbar sind. Göbels Kritik ist da viel grundsätzlicher. Sie fürchtet mal wieder um die Arbeitgeber, beanstandet die »teuren Ideen«.

Ihr Artikel erntete übrigens viel Zuspruch in den Kommentaren. Man würde die Menschen beständig bevormunden, hieß es mehrfach. Familienpolitik würde gar nicht mehr betrieben, man tue nichts dafür, dass Mütter ohne Arbeit auskommen könnten. Realitätsblind postulierte man das Bild einer idyllischen Familie, die es als Modell schon seit den Fünfzigern nicht mehr gibt – und die darüber hinaus bei den gängigen Realitäten auf den Arbeitsmarkt ganz schnell in die Bedürftigkeit abrutschen würde, wenn man dem politisch nicht halbwegs entgegenwirkt. Plötzlich klangen die vielen Kommentare wie ein Auszug aus dem familienpolitischen Repertoire der AfD. Das was die Leute unter Göbels Artikel notierten, waren fast ausschließlich Elogen auf das gute alte Sittenbild. Hier und da las man Rüffel an Frauen, die arbeiten wollten. Gleichstellungswahn: Wohin führt uns das nur? Es war, als ob die Adenauer-Ära eine Zeitreise gemacht hätte, nur um bei der FAZ zu kommentieren.

Das man mit Göbels Text gewisse rechtslastige Kreise bediente, hat dann wohl auch die Online-Redaktion bemerkt und die Kommentare schnell abgeschaltet und die bereits geposteten so limitiert, dass man nur noch einige von ihnen lesen kann.

Heike Göbel ist wie gesagt eine Neoliberale. Ist sie immer gewesen. Als eine Rechtsextreme oder gar Rassistin ist sie hingegen nie aufgefallen. Man kann ihr viel unterstellen – aber das eher nicht. Aber an diesem Beispiel kann man recht deutlich erkennen, dass diese Marktgläubigkeit, dieser neoliberale Kurs mit all seinen sozialdarwinistischen Verwerfungen und seinem netten Lächeln bei anhaltender Lebensfeindlichkeit – Stichwort: reziproken Altruismus -, zwangsläufig auch bei klassischen Rechtsauslegern auf fruchtbaren Boden fällt. Man muss kein Neonazi sein, glaubt sich selbst vielleicht sogar als aufgeklärter (Neo-)Liberaler und zieht doch die Motten in das Licht der eigenen kümmerlichen Funzel.

Ob das nun bei der Familienpolitik ist, die der Neoliberale einfach nur zum Privatvergnügen degradiert, weil er sie kostengünstig halten will, während der Neonazi sie ideologisch als eine Sache der Blutehre bewertet. Oder aber in der Sozialpolitik insgesamt, wo der Neoliberale wieder mal auf den Geldbeutel schielt, wo synchron dazu jemand aus den braunen Kreisen etwas von minderwertigen Elementen im Volkskörper salbadert. Hier entstehen Adaptionen. Und die AfD ist nicht umsonst eine rechte Partei mit neoliberalen Fundament. Neoliberale sind so verbissene Sparfüchse, dass sie mancher Rechte glatt als Ihresgleichen einstuft. Und andersrum sind die Konzepte der Rechten halt alles in allem auch billig zu haben.

Dieser neoliberale Sparzwang, er ist wahrscheinlich der geizige kleine Bruder des neonazistischen Block- und Sittenwächters.

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25 Kommentare auf "Der geizige kleine Bruder der Blockwarte"

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ChrisA
Mitglied
Das neoliberale Weltbild setzt auf maximale Eigenverantworlichkeit, spiegelbildlich auf minimale Solidarität und auf damit einhergehendem Schutz der Mächtigen. Wer nicht aktiv zu Gunsten derjenigen ohne Macht interveniert, stützt nämlich durch dieses Nichtstun die Eliten. Aber hey, das ist dann halt „der Markt“… Was echte Nazis an dem Konzept finden, ist mir schleierhaft. Die wollen doch maximale Soldarität. Mit der Einschränkung, dass diese nur innerhalb der Gruppe des „gesunden Volkskörpers“ zu gewähren ist. Aber gut, Nazis sind nicht die knusprigsten Chips in der Tüte, i.d.R. kennen die sich nichtmal in ihrer eigenen Ideologie aus. Noch weniger verstehe ich aber, was erzkonservative… Read more »
ThomasX
Gast
@chris: Auch hier unterliegen viele Menschen dem Irrtum, dass „Eigenverantwortung“ von den Neolibs sprachlich im Wortsinne gebraucht wird. Das wäre auch zu schön um wahr zu sein, denn dann hätten die Herrschaften nix gegen die Abschaffung der Erbschaftssteuer oder Abschaffung von Vermögensschenkungen, -überschreibungen und -steuerflucht mehr einzuwenden. 😀 Ist aber nicht so. Nicht umsonst befinden sich 90% der Vermögen in der Hand von Familiendynastien, die sehr wohl bedacht sind, dass ihre Nachkommen völlig uneigenverantwortlich auch weiterhin über das zusammengeraffte Vermögen der Familia verfügen dürfen. Insofern sind Neolibs innerhalb der Familia sogar solidarisch. Eigenverantwortung ist in deren Wortsinne also immer nur… Read more »
Mordred
Mitglied

sicher. neoliberalismus hat auch immer ne feudale komponente. anders als bspw. bei den libertaristen.

ThomasX
Gast

Das könnte bis zu dem Punkt stimmen, an dem die Befürworter solch libertär-fiktiver Szenarien selbst am Fressnapf säßen. Ein schöneres Beispiel, als das der eingeschränkten Freiheit kann man da gar nicht wählen.
Wenn wir von Zivilisation/Gesellschaft im Wortsinne sprechen, heißt das

Zusammen

leben. Was wiederum dazu führt, dass alle die Freiheit aller in gewissem Umfang einschränken. Und die Individualisierung Einzelner würde zur weiteren Einschränkung Anderer führen. Damit führen diese Egomanen ihre eigenen freiheitlichen Ideale ad absurdum, denn die würden/sollen nur für sie selbst gelten. Welcher Mensch mit halbwegs gesundem Menschenverstand würde solch einer sich selbst beschränkenden Gesellschaftsordnung das Wort reden?

Mordred
Mitglied

alles richtig.
ich hätte vielleicht noch erwähnen sollen, dass libertäre im gegensatz zu neoliberalen völlig der realität entrückt sind.

Sabine
Gast

Das neoliberale Weltbild setzt auf maximale Eigenverantworlichkeit.

Willst du deshalb nicht bei deinen Eltern ausziehen, ChrisA ?

Mordred
Mitglied

Dieser Gag ist in Anbetracht der Thematik intelektuell auf Grundschulniveau.

Heldentasse
Mitglied

@ChrisA

Genau! Wenn nur jeder an sich denkt, ist ja an jeden gedacht! 🙁

Mordred
Mitglied
Dieser neoliberale Sparzwang, er ist wahrscheinlich der geizige kleine Bruder des neonazistischen Block- und Sittenwächters. interessante aber steile these. die flüchtlingskrisen-AFDler verfolgen, soweit ich das bisher wahrnehme, nur zu einem kleinen prozentsatz deine these. den meisten scheint aber „gegen flüchtlinge“ zu reichen. die haben gar keine ahnung von neoliberalismus / ist ihnen egal / parteiprogramm nicht gelesen / purer protest gegen establishment…. Man würde die Menschen beständig bevormunden, hieß es mehrfach. Familienpolitik würde gar nicht mehr betrieben, man tue nichts dafür, dass Mütter ohne Arbeit auskommen könnten. Realitätsblind postulierte man das Bild einer idyllischen Familie, die es als Modell schon… Read more »
R_Winter
Mitglied

Die Göbel ist bei der FAZ der schlimmste „rechte“ Finger. Bei aller Toleranz: Sie ist zum Kotzen.

der-5-minuten-blog.de
Mitglied

Nicht schlecht. Heike Göbel hat es zu einem eigenen Wikipedia Eintrag geschafft. Nicht lang, aber immerhin. Demnach hat sie zwei Kinder. Sie kann also gleichzeitig die Familienpolitik kritisieren und von ihr profitieren. Besser geht’s nicht.
Markus ( https://der-5-minuten-blog.de )

Heldentasse
Mitglied
Frau Göbel ist ja Mitglied in dieser feinen Gesellschaft: Die Gesellschaft bezweckt gemäß Statuten die „Förderung der wirtschafts-, rechts- und gesellschaftswissenschaftlichen Forschung und Erkenntnis im Geiste Friedrich A. von Hayeks sowie deren Verbreitung“. Sie veranstaltet jährliche Hayek-Tage mit der Verleihung der Hayek-Medaille sowie mit einem bundesweiten universitären Essaywettbewerb für die Ideen Friedrich August von Hayeks. Quelle Und wenn man nun den historischen Fakt dazu zählt , nämlich: Hayek besuchte Chile im November 1977, vier Jahre nach dem blutigen Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung Salvador Allendes. Im Juli und August 1978 machte Hayek seine Unterstützung für das Regime Pinochets in… Read more »
trackback

[…] unter anderen Vorzeichen – aber auch bei einem konservativen Frankfurter Leitmedium beglaubigen. Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Barbaren und andere Menschenfresser Die Beiträge in den konservativen Blättern […]

hart backbord
Gast

Frau Dr. Joseph Göbel hat dem deutschen Volk noch mindestens vier Kinder zu schenken. Sonst hat sie als deutsche Mutter versagt.

Anton Chigurh
Mitglied

@ hart
….und wen willst Du dafür zwangsrekrutieren …??
Sukram wirst Du für sowas nicht begeistern können und sonst fällt mir niemand ein…..

redlope
Gast
Auch hier wird der Fehler gemacht, „rechts“ zugleich mit „Rassismus“ und „Neoliberalismus“ gleichzusetzen. Tatsächlich muss man sich hier entscheiden, welches „Rechts“ man denn meint? Das „neoliberale rechts“ oder das „traditionalistische rechts“? Ersteres ist globalistisch und großbürgerlich, letzteres regionalistisch und kleinbürgerlich. Und eigentlich passen diese beiden Varianten gar nicht zusammen. Die „Linke“ aber befindet sich in einem ganz ähnlichen Dilemma! Sie will einerseits „internationalistisch“ sein, aber zugleich den Sozialstaat. Das ist ein Widerspruch, und meist siegt im linken Diskurs der Internationalismus. Damit dient diese Linke aber vor allem den Neoliberalen. Es sind die Neoliberalen, die die Nation und damit auch den… Read more »
ThomasX
Gast
Die „Linke“ aber befindet sich in einem ganz ähnlichen Dilemma! Sie will einerseits „internationalistisch“ sein, aber zugleich den Sozialstaat. Das ist ein Widerspruch, und meist siegt im linken Diskurs der Internationalismus. Damit dient diese Linke aber vor allem den Neoliberalen. Da bin ich anderer Meinung. Einerseits schließen sich Internationalismus und Nationalstaaten zwar theoretisch aus. Andererseits kann es auch eine globalisierte Gesellschaftsform von nationalen Sozialstaaten als Übergangsform/Zwischenlösung geben. Ganz entschieden wird mein Widerspruch an dem zweiten Punkt: Internationalismus dient nicht nur den Neoliberalen. Es ist im Gegenteil eher so, dass momentan lediglich die Neoliberalen am meisten von dem Konzept der nationalstaatlich… Read more »
Sabine
Gast
Die „Linke“ aber befindet sich in einem ganz ähnlichen Dilemma! Sie will einerseits „internationalistisch“ sein, aber zugleich den Sozialstaat. Beides steht nicht in Kokurrenz zueinander. Zuvor aber sollte man das mit der Demografielüge klären, das mit der gewollten und missbräuchlichen Lohndrückerei durch die Arbeitgeberverbände, was Zuwanderung betrifft. Dann hätten wir da noch ein Einwanderungsgesetz auszuklügeln das den massiven Abzug von Fachleuten unterbindet. Ich glaube, die Linke befindet sich in keinem Dilemma. Sozialstaat und Internationalismus funktionieren gut neben-, und miteinander. Was Europa betrifft sind viele Fehler abzustellen. Nicht nur die NATO-Osterweiterung war in dieser aggressiven Form ein Fehler, sondern auch die… Read more »
Mordred
Mitglied

Die „Linke“ aber befindet sich in einem ganz ähnlichen Dilemma! Sie will einerseits „internationalistisch“ sein, aber zugleich den Sozialstaat. Das ist ein Widerspruch, und meist siegt im linken Diskurs der Internationalismus. Damit dient diese Linke aber vor allem den Neoliberalen.

hä? wieso sollten sich internationale solidarität und der sozialstaat auschließen?
schon mal vorträge von flassbeck gesehen?

was es alleine bringen würde, ne echte weltwährung zu haben…

Gerd
Gast
Dann ist Frau Göbel aber bei verbleibenden Rabauken nach dem Motto „Wenn ich das Wort Kultur höre, greife ich zum Revolver“: Im ersten Halbjahr 2015 … Auseinandersetzung zwischen Gerd Habermann und Karen Horn, die an den Hayek-Tagen im Juni 2015 eskalierte.* Im Juli 2015 traten rund 50 Vereinsmitglieder aus und veröffentlichten eine Erklärung**, darunter die Vorsitzende Karen Horn, der stellvertretende Vorsitzende Michael Wohlgemuth, drei Mitglieder des Stiftungsrates sowie Lars Feld, IW-Chef Michael Hüther, FDP-Chef Christian Lindner und Hans-Olaf Henkel. Trotzdem: Mit Datum vom 9. Februar 2016 hat der Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft Frau Beatrix von Storch brieflich gebeten, den freiwilligen Austritt… Read more »
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