Von Russland und einer narzistische Kränkung

Ich habe lange nichts geschrieben, denn ich hatte Besuch aus Deutschland. Für mich war es eine intensive Zeit, denn ich musste mehrere Rollen gleichzeitig ausfüllen, wobei ich mit einigen dieser Rollen nicht gut vertraut bin. Ich unterhalte mich zwar viel auf Russisch, aber ich übersetze selten vom Russischen ins Deutsche und zurück. Ich bin auch kein guter Touristenführer. All diese Aufgaben kamen mir aber in den letzten Wochen zu. Ich hatte mich auf den Besuch aus Deutschland gefreut und wir haben auch eine gute Zeit miteinander verbracht. 

Im Vorfeld hatte ich mir ein Programm ausgedacht, bei dem wir jeden Tag ein kleines Highlight hatten. Kreml besichtigen, ins Musical, ins Museum, die Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft besuchen, Seilbahnfahrt zur Uni,Tour durch Moskauer Metrostationen. Ein Wochenende in Petersburg zu den Weißen Nächten war ebenfalls geplant, die Anreise im historischen Nachtzug. Es gibt um diese Zeit in Petersburg zudem ein bekanntes Festival mit einem großen Feuerwerk – die scharlachroten Segel. In die Ermitage und nach Petergoff muss man bei einem Erstbesuch in Russland auf jeden Fall auch. Das Nachtleben will auch präsentiert werden und ein Besuch im Ballett darf auch nicht fehlen.

Bei der Planung dachte ich, es sei nicht allzu viel und mir bliebe noch genug Zeit für anderes, aber ich hatte mich vertan. Ich war die vergangenen beiden Wochen ausschließlich mit meinem Besuch beschäftigt.

Die beiden kannten mich und waren durch die Corona-Berichterstattung gut darauf vorbereitet worden, dass deutsche Medien auch gern mal verkürzt und unwahr berichten. Der Russland-Berichterstattung standen sie daher skeptisch gegenüber, aber das was sie hier vorfinden hatten sie wohl doch nicht erwartet.

Man sei zu allem bereit, wurde mir noch vor der Anreise versichert. Mein Besuch hat tatsächlich auch alles mitgemacht. Und er war beeindruckt. Von der Metro in Moskau, von der Dichte der Zugfolge, von der Schönheit sowohl der alten als auch der neuen Stationen. Von der Sauberkeit, vom Fehlen der in deutschen Großstädten üblichen Zeichen von Armut und Zerfall. Von der Architektur, von der Kunst, vom Service, davon, dass es überall Internet gibt, eigentlich von allem. Das war wohl dann doch ein bisschen viel.

Nach einigen Tagen stellte sich nämlich ein interessantes Phänomen ein. Die eine Hälfte meines Besuchs, wir wollen ihn hier Klaus nennen, fing an nach Fehlern zu suchen. Er habe in Moskau inzwischen auch einige Obdachlose gesehen. Nun gibt es auch in Moskau Obdachlosigkeit, das soll gar nicht geleugnet werden. Allerdings gibt es Obdachlosigkeit in einem weit geringeren Ausmaß als in Deutschland. Von der Verelendung deutscher Innenstädte sind die Städte in Russland weit entfernt. Nicht nur Moskau, alle anderen auch.

Dann kam plötzlich das Thema Mindestlohn auf. Ob es einen Mindestlohn in Russland gibt, wollte Klaus wissen und falls ja, wie hoch er sei. Es  gibt in Russland Mindestlohn allerdings ist das mit der Höhe so eine Sache, denn die Höhe ist von Region zu Region unterschiedlich. Dafür gibt es einen guten Grund, denn auch das Preisniveau unterscheidet sich in Russland zum Teil stark. Ich habe das auch so erklärt. Im Anschluss an diese Erklärung drängte Klaus auf konkrete Zahlen, wählte die niedrigste aus und rechnete in Euro um. “Davon kann doch kein Mensch leben”, war sein empörtes Statement. Das stimmt für Deutschland, für Russland stimmt es eben nicht, zumindest nicht überall. Ich erklärte es nochmal, wurde nun aber mehrfach unterbrochen.

In ähnlicher Weise besprachen wir noch andere Themen. Die Rente beispielsweise und ob es ausreichend Plätze für die Versorgung von Senioren gibt. Das Thema war für Klaus naheliegend, denn er hat das aufgrund seiner Familiensituation gerade durchgearbeitet. Ich konnte dazu wenig sagen, wusste nur beizutragen, dass ein Freund mir für die Versorgung seiner Großmutter eine Pflegekraft an die Seite gestellt bekommen hat.

Von Klaus wurde das als Beleg dafür ausgelegt, dass es in Russland nicht genug Pflegeplätze gibt. Ich habe keine Ahnung ob das stimmt, denn ich habe mich damit, wie gesagt, noch nicht beschäftigt. Bei der Gelegenheit wurde mir jedoch etwas anderes klar. Klaus war narzistisch gekränkt. Er hatte mit allem Möglichen gerechnet haben, aber nicht mit dem, was er vorfand: ein Russland, das Deutschland an Wohlstand und technologischer Entwicklung überholt hat – trotz Krieg, trotz Sanktionen und in offenem Widerspruch zu einem offen zelerbriertes Überlegenheitsgefühl in den deutschen Medien. Es gibt in Russland alles und es gibt alles im Überfluss. Die Läden und Einkaufszentren sind gut besucht, die Restaurants und Bars ebenso. Klaus war zwar bereit alles mitzumachen, allerdings unter der unausgesprochenen Annahme, dass in Deutschland natürlich alles irgendwie besser läuft. Das ist aber nicht der Fall.

In Petersburg äußerte die weibliche Hälfte meines Besuchs, ich will sie hier Katja nennen, “endlich mal normale und nicht nur schöne Menschen auf der Straße”. Sie spielte damit wohl auf einen Mann im Jogginganzug an. In der Tat sieht man sowas in Moskau sehr selten. Die Moskauer achten gut auf ihre Erscheinung. Vor allem im Winter passiert es regelmäßig, dass Frauen in der Metro neben einem Platz nehmen, die Kleidung im Wert eines Mittelklassewagens tragen. Pelzmäntel sind hier nach wie vor in Mode.

Meinem Besuch aus Deutschland gelang es dann aber auch, meine russischen Freund zu beeindrucken. “Ich bin manchmal zwei, drei Tage gar nicht im Internet”, sagte Katja an einer Stelle. Das löste Raunen des Erstaunens aus. Es gibt sicherlich auch in Russland Flecken, in denen so etwas möglich ist, in den Städten, vor allem aber in Metropolen wie Moskau, Petersburg, Ekaterinburg oder Kasan ist tagelange Internetabstinenz allerdings absolut unmöglich. Allen Bürgern Zugang zum Internet zu ermöglichen, ist erklärtes Ziel der Regierung, der Zugang selbst ist im Vergleich mit Deutschland im Preis absolut günstig. Und das nicht nur in absoluten Zahlen, sondern nach Kaufkraft.

Weil das aber in Deutschland anders ist und das Land hinsichtlich Digitalisierung hoffnungslos hinterherhinkt, können weder Katja noch Klaus etwas dafür, dass sie hier in Russland für ein bisschen von gestern gehalten werden. Es ist deutsche Politik, die Deutschen digital und technologisch unterversorgt zu lassen. Das und viel von dem, was eben angeschnitten wurde, wird in Zukunft allerdings für noch ganz viele narzistische Kränkungen sorgen – nicht nur bei Klaus.  Denn obwohl deutsche Politik nichts in Infrastruktur welcher Art auch immer investiert, behauptet sie, Deutschland sei in eigentlich jeder Hinsicht vorne mit dabei und in vielem der Welt sogar Vorbild. Das entspricht jedoch in keiner Weise der Realität, wurde wohl auch meinem Besuch bei seinem Aufenthalt in Russland deutlich. Die Erkenntnis sorgte im ein oder anderen Gespräch für ein gewisses zickiges Holpern.

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Gert-Ewen Ungar

Gert Ewen Ungar legte sich kurz nach dem Abi sein Anagramm zu. Er und seine Freunde versprachen sich damals bei einem Kasten Bier, ihre Anagramme immer für kreative Arbeiten zu verwenden. Dass sein Anagramm jemals mehr als zehn Leuten bekannt werden würde, war damals nicht abzusehen und überrascht ihn noch heute. Das es dazu kam, lag an seinem Blog logon-echon.com. Mit seinen Berichten über seine Reisen nach Russland stiegen die Zugriffszahlen und es entwickelte sich eine Zusammenarbeit mit RT DE. Anfang 2022 stieß er zu den neulandrebellen und berichtet über Russland, über Politik, über alles Mögliche.

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n.b
n.b
11 Tage zuvor

Ich habe keine Ahnung wie es in Russland ist. Ich war mal vor knapp 20 Jahren in St. Petersburg für einen Live-Auftritt in einen Technoclub, aber viel habe ich echt nicht gesehen. War trotzdem ein Erlebnis. (Eine Woche vorher war ich in der Ukraine (Lvov, Kiew, Odessa, Donezk) zum gleichen Zweck)

Was ich mitbekomme für Deutschland, dass die Infrastruktur quasi zusehend verfällt. Es wird allerhöchstens noch geflickt und neue Projekte sind oft mehr Schein als sein.

Ich habe wahnsinniges Glück eine sehr preisgünstige und behindertengerechte Sozialwohnung in einem Neubaugebiet zu bewohnen. Rund herum werden gerade Parks gebaut. Das hat allerdings nur den Grund da die Stadt jetzt viel Platz hat zu bauen, weil rund 10000 britische Soldaten vor rund 10 Jahren die Stadt (50000 Einwohner) verlassen und entsprechend die Kasernen und andere militärische Infrastruktur abgerissen haben.
So wie ich das überblicke, sind solche Neubauprojekte die absolute Ausnahme für Deutschland und für mich persönlich fast als ein 6er im Lotto einzuordnen. Natürlich wurde das Wohnprojekt von der Politik (zumindest auf Landesebene) propagandistisch ausgeschlachtet.
Achja: Thema Internetverfügbarkeit in Deutschland: Die „Experten“ hatten tatsächlich vergessen hier im Neubaugebiet Glasfaser entsprechend zu diesem zu verlegen. Interessanterweise ist im Neubaugebiet selbst alles mit Glasfaser ausgestattet, aber die Verbindung nach Außen war schlicht nicht vorhanden und musste aufwendig nachgebaut werden. Das hatte knapp 1,5 Jahre gedauert, bis nun endlich das tatsächlich verfügbar wurde.

Der durchschnittliche Deutsche wird ziemlich komisch wenn es darum geht mitzubekommen, dass unser Land de facto abgehängt wird. Vor allem vom (konstruiertem) Feind!
Der ist sowieso an allem Schuld.

Last edited 11 Tage zuvor by n.b
andreas h
andreas h
11 Tage zuvor

Der Krieg und die schlechten Zeiten danach fehlen uns in Deutschland.
Russland hatte die 90er. Danach macht es viel Freude, wieder aufzubauen.
In den Wirtschaftswunder-Zeiten war es bei uns auch schön.

flurdab
flurdab
11 Tage zuvor

Fast 10 Jahre „offene Grenze“ werden dem Steuerzahler so um die 500- 750 Mrd. € gekostet haben. Was man mit dem Geld an Infrastruktur hätte erstellen können…
Das aber der Panjewagen mit dem kleinen, struppigen Panjepferd immer noch das Bild Russlands in Deutschland prägt, ist peinlich. Aber für uns die Zukunft der Mobilität…
„Rückwärts immer, vorwärts nimmer“ Regierungsmotto der „Zukunftskoalition“. 😉

n.b
n.b
Reply to  flurdab
10 Tage zuvor

Was man mit dem Geld an Infrastruktur hätte erstellen können…

jetzt sage ich mal was böses: Selbst ohne die vollkommen außer Rand und Band geratene Migration nach Deutschland wäre das Geld nicht in der Infrastruktur gelandet, sondern in die gleichen Taschen wie sonst auch…

Nur mit der Migration selbst kann man leichter mit dem moralinsauren Finger auf die VERMEINTLICH rechtsextremen Kritiker der vollkommen irren Migrationspolitik zeigen und hervorragend von eigenen Versagen und Verbrechen ablenken.

Das westliche System ist kurz vorm abnippeln und tritt im Todeskampf und Agonie noch mal richtig um sich. Die Frage ist nur noch wie groß und wie nachhaltig die Zerstörung sein wird…

Pen
Pen
Reply to  flurdab
10 Tage zuvor

Naja, Mutti hat – ganz offensichtlich im Auftrag ihrer Herren in Übersee – den Ruin Deutschlands eingeleitet.

Die Grünen Spinner treiben das Land vollends in den Ruin, in „dienender Führungsrolle“

Dass die sich nicht schämen. Unfasslich.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Pen
8 Tage zuvor

@Pen

Dass die sich nicht schämen. Unfasslich.

Scham ist Bückware.

Im hochpreisigen Segment korrupter Politiker gibt es die nicht. 😉

Last edited 8 Tage zuvor by Robbespiere
Pen
Pen
Reply to  Robbespiere
8 Tage zuvor

@Rob

Ja. Allein das Gestotter in der Presseschau, wenn Warweg seine Fragen stellt. Da möchte man doch in den Boden versinken vor Scham.

Dasselbe gilt für Habeck.

Bei Bärbock wundert mich, mit welcher Arroganz und Selbstsicherheit die Frau die US-Vorgaben nachplappert.

Wenn ich mich so umhöre, dann sind die Grünen ziemlich unten durch.

Dohnanyi empfielt BSW!

Anonym
Anonym
10 Tage zuvor

Tja, lieber Gert,

es hat schon Gründe, dass Informationen über Russland und Reisen dorthin weitgehend verunmöglicht werden.

Du sollst nicht merken…..

Schirrmi
Schirrmi
9 Tage zuvor

Vielen Dank für den schönen, aber kurzen Bericht den ich neidvoll genossen habe. Als offenen Menschen sind mir viele dieser Dinge angelesenerweise bekannt. Jetzt müsste ich nur noch die Sprache lernen, dann hielte mich nicht mehr viel hier, in diesem „besten Deutschland aller Zeiten“.

Wütender Bürger
9 Tage zuvor

Vor allem im Winter passiert es regelmäßig, dass Frauen in der Metro neben einem Platz nehmen, die Kleidung im Wert eines Mittelklassewagens tragen.

Damit kämst Du in Berlin bestimmt keine zwei UBahnstationen weit, ohne daß Du ausgeraubt und nackt zurück gelassen würdest.

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