Ökonomischer Harnverhalt oder Pisse zu Gold

Bei einem Berlin-Trip sollte man als Tourist die Latrinenabgaben nicht vergessen. Die gehen ins Geld. Das ist das »Modell Deutschland«: Alles hat einen Preis. Selbst Pisse kann gülden sein. Europa lernt das auch noch.

Als ich vor etwa einem Jahr einige Tage in Berlin zubrachte, musste ich ein halbes Vermögen nur dafür aufbringen, ab und an mal pinkeln zu gehen. Rail & fresh hat dort, wie an allen Bahnhöfen in Deutschland, die Weltherrschaft am Urinal an sich gerissen. Gepinkelt wird ja bekanntlich immer. Da kann man sich drumherum ein stattliches Geschäftsmodell aufbauen und an der Notdurft der Anderen verdienen. Eine Woche in Spanien hat mich unter der Gürtellinie hingegen gar nichts gekostet. Öffentliche Toiletten waren gratis. Und sogar sauber. Sanifair und Rail & fresh behaupten ja gerne, dass sich ihre Existenz mit einer Sache rechtfertigen lässt: Mit Sauberkeit. Ohne sie wäre alles versifft.

Das scheint aber ein deutsches Problem zu sein, denn die Erfahrung, die ich in Spanien gemacht habe, die lautet: Sauberkeit ist kein Argument für Pay-per-Pee, denn auch Freepinkeln kann in sauberen Gefilden geschehen.

Verwunderlich war dann außerdem noch, dass sich der Urlaubsort meiner Wahl einen riesigen Parkplatz leistet. Ich habe überall das Kassenhäuschen gesucht. Wenn die nur einen Euro nehmen pro Parker, so dachte ich mir, dann verdient man sich hier wirklich ein hübsches Sümmchen. Aber keine wollte einen Euro haben. Ich stand da am Meer und guckte überrascht: Das wäre mir in Deutschland nie passiert – also gratis oder nur für einen Euro zu parken. Das wäre teurer. Und Meerblick kostete extra.

Alles hat in Deutschland seinen Preis. Es scheint so gut wie nichts zu geben, was nicht in Rechnung gestellt werden kann. Der gesamte öffentliche Raum ist eine Ansammlung von Gebühren und Aufwandspauschalen. Man macht es wie König Midas: Fasst an und bestaunt das Gold, das sich aus dem Nichts pulverisiert. Und wie jener König gelähmt war, so lähmt das die Bürger, die stets im Hinterkopf behalten, dass gleich wieder jemand lange Finger in den Geldbeutel steckt. So bezahlt man dann den Toilettengang, den man als Steuerzahler mindestens schon dreimal bezahlt hat.

Das ist es, was man in Deutschland den Südeuropäern so gerne vorwirft. Sie haben keinen Sinn dafür entwickelt, Geschäftsfelder abzuchecken und sie dann frech umzusetzen. Toiletten und Parkplätze brachliegen zu lassen, die Ökonomisierung auf diesen Feldern verwaisen zu lassen: Das lässt sich mit dem »Modell Deutschland« nicht vereinbaren. Das ist nicht das, was man sich in Berlin für Brüssel vorstellt. So ein Verhalten hält man für fahrlässig. Als Tourist genießt man das zwar, aber als Staatsbürger räsoniert man über die Unfähigkeit, ein gutes Geschäft zu erkennen. Wenn nun schon keiner gerne Deutsch spricht in Europa, dann sollten sie doch wenigstens Deutsch pinkeln.

Den ökonomischen Harnverhalt verbieten: Man muss befürchten, auch das wird noch europäische Initiative aus Berlin. Und dann sitzt Rail & fresh auch auf den Kanaren. Erst wenn alles einen Preis hat, ist Europa ein vereinter (In-)Kontinent.

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Roberto J. De Lapuente

Roberto J. De Lapuente ist irgendwo Arbeitnehmer und zudem freier Publizist. Er betrieb von 2008 bis 2016 den Blog ad sinistram. Seinen ND-Blog Der Heppenheimer Hiob gab es von Mitte 2013 bis Ende 2020. Sein Buch »Rechts gewinnt, weil links versagt« erschien im Februar 2017 im Westend Verlag. In den Jahren zuvor verwirklichte er zwei kleinere Buchprojekte (»Unzugehörig« und »Auf die faule Haut«) beim Renneritz Verlag.

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Stefan156
Stefan156
5 Jahre zuvor

Lasst uns die Deutschen Ferengi nennen. Das passt.

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Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Stefan156
5 Jahre zuvor

@Stefan156

Exakt so sieht ein Landsmann aus, wenn er eine volle Blase aber kein Kleingeld hat.:-)

ThomasX
ThomasX
5 Jahre zuvor

Witziger und kurzweiliger Artikel um das „kleine“ Geschäft. Schön geschrieben. Ein Punkt fehlt mir aber bei der Betrachtung: Wäre der deutsche Michel nicht so ein obrigkeitshöriger Dummdödel und würde sich dieser sinnlosen Opfergabe verweigern, wäre dieses Geschäftsfeld gar keins.
Aber hierzulande wird man ja sogar dafür blöd angemacht und unterliegt den entsetzten Blicken der Rentnerschar, wenn man sein Kleinkind im städtischen Park mal abhalten muss, weil Kinder eben noch nicht in der Lage sind, ihre Geschäfte zurückzuhalten. Dett is doch der Knackpunkt. Immer schön konform verhalten, ja nicht auffallen und um himmelswillen nicht in die Sträucher pissen. Ohjottohjottohjott!

TaiFei
TaiFei
Reply to  ThomasX
5 Jahre zuvor

Öffentliches Urinieren stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Da kommt das Pipi bei Rail & Fresh noch billiger. Das hängt aber imho mit der fehlenden Service-Kultur in DE zusammen. Selbst in den USA ist das kleine Geschäft nämlich gar keins.

KingFisher
KingFisher
5 Jahre zuvor

Anekdote aus Hamburg

Ich kam von einem Kongress, hatte noch etwas Zeit am Bahnhof bevor mein Zug kam.
Die Bahnhofstoilette dort (jedenfalls vor 2 Jahren) kostet auch Geld, aber sie ist fern jeglicher Beschreibbarkeit versifft. Sowas will man nicht riechen.
Als ich im Anzug vor dem Drehkreuz stehe und versuche 50 €-ct aus meinem Portmonnaie zu kramen kommt aus der Gegenrichtung (von innerhalb der Toilette) ein offenbar Obdachloser, schaut mich kurz an und hält mir dann brüderlich geteilt das Drehkreuz auf.
Nach der Verrichtung habe ich den Gefallen gleich dem nächsten Herrn getan und hoffe so, das wenigstens das Pinkeln in Hamburg „gratis“ Geruchserlebnis bleibt.

An den Autobahnraststätten klettere ich übrigens wann immer möglich drunter druch. Tank & Rast war mal Staatseigentum.

Helle
Helle
5 Jahre zuvor

Ich würde im nächsten Text noch was übers Kacken schreiben. Privatisiertes Pinkeln hatten wir, prekäre Fahrradkuriere auch. Kacken wäre neu. So kann man nach und nach anhand von Einzelbeispielen des Alltags, Zeilen dreschen bis im Jahre 2025 der letzte Trollo das Prinzip von Prekarisierung und Privatisierung verstanden hat. Gebäudereiniger, Paketboten ….Einfach mal gucken was unter „Dienstleistungssektor“ fällt.
Da geht noch Einiges, bloß ist dann übernächste Woche kein einziger Leser mehr hier. Die Spender sind ja schon weg.

Detlef Schulze
Detlef Schulze
5 Jahre zuvor

Lustiger Weise sind selbst in den USA, wo alles durchkapitalisiert ist, oeffentliche Toiletten kostenlos und immer sauber. Und das aufgrund einer urdemokratischen Bewegung, ausgeloest von ein paar Teenagern. https://psmag.com/economics/dont-pay-toilets-america-bathroom-restroom-free-market-90683

Mordred
Mordred
5 Jahre zuvor

schönes anderes beispiel: musikfestivals.
ende der 90er waren die klos komplett umsonst und man konnte aufs gelände getränke (außer in glasflaschen wegen unfallgefahr) ohne ende mitnehmen. bis vor kurzem gab es dann nur noch die möglichkeit, gegen entgelt zu schiffen und original verschlossene tetrapacks (1 liter pro person) mitzunehmen.
jetzt wegen terror darf man keine getränke und noch nicht einmal rucksäcke (für essen und sontiges euqipment) mit reinnehmen.
aber es gibt ja die super hyginischen wasserstellen für lau. das reicht natürlich^^
–>festivals werden durch diese nicht vermeidbaren nebenkosten erheblich teurer.

ChrissieR
ChrissieR
5 Jahre zuvor

Ich scheiss auf Deutschland!
Nach dem Motto: Da müsste ein grosser Arsch kommen und den ganzen Laden zukacken!!!

Heldentasse
Heldentasse
Reply to  ChrissieR
5 Jahre zuvor

Von wegen, bei den Gebühren kann sich „Der große Arsch“ dieses Geschäft gar nicht mehr leisten. 😉

Heldentasse
Heldentasse
5 Jahre zuvor

Menschliche Grundbedürfnisse und Daseinsvorsorge in Profit umzuwandeln ist doch gang und gäbe! Dabei ist der Unbill über die exorbitanten Pinkelgebühren doch nur ein Randerscheinung z.B. gegenüber der privaten Wasser und Abwasserversorgung und den hohen Mieten in vormals Sozialbauten.

Aber wir sollten uns nicht beklagen, wählen wie doch seit Jahren die die uns immer und immer wieder sagen „Privat vor Staat“ und „Die Kraft der Märkte wird es schon richten“.

Beste Grüße

kreuzrotter
kreuzrotter
5 Jahre zuvor

Ich kenne ein Geschäftsfeld das in Deutschland noch überhaut nicht erschlossen ist: Die Abgabe für das Sitzen auf den wenigen Sitzgelegenheiten, die in deutschen Innenstädten noch vorhanden sind, natürlich nur wegen der vielen Obdachlosen und sonstigen sozial Abgehängten, die es in unserem wunderschönen und vor allem reichen Deutschland ja eigentlich gar nicht gibt.

Man könnte z.B. so ein Gitter um jede Parkbank oder jede Mauer ziehen auf der man sitzen könnte, mit einem entsprechenden Whatsapp-Freischaltungsautomat.

Herr Westerwelle von der FDP (war damals vermutlich schon Parteivorsitzender oder so) hat vor schätzungsweise zehn Jahren mal bei Sabine Christiansen (Vorgängerin von Jauch und Will) geäußert, dass der deutsche Staat unglaublich viel Geld hätte. Später habe ich eine solche Äußerung nie wieder von ihm gehört. Irgendwie war der Herr Westerwelle viel zu anständig für die Politik. Erst die Äußerung und dann später noch diese Unverfrorenheit einen Krieg, Pardon, eine Flugverbotszone für Libyen abzulehnen. Das konnte ja nur böse enden.

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  kreuzrotter
5 Jahre zuvor

@kreuzrotter

Herr Westerwelle von der FDP (war damals vermutlich schon Parteivorsitzender oder so) hat vor schätzungsweise zehn Jahren mal bei Sabine Christiansen (Vorgängerin von Jauch und Will) geäußert, dass der deutsche Staat unglaublich viel Geld hätte.

Ach, das meinte er also mit „spätrömischer Dekadenz“.

Meinungsmacht
Meinungsmacht
Reply to  kreuzrotter
5 Jahre zuvor

Es gibt noch einiges zu erschließen: Gebühren für den Sauerstoffverbrauch, Lizenzgebühren für die Nutzung der eigenen Körperorgane, …

The Joker
The Joker
5 Jahre zuvor

Ich meide konsequent öffentliche Toiletten, solange man dafür bezahlen muss.
Dass irgendein Baum durch Urinzugabe eingehen musste, ist eine putzige VT.

trackback
5 Jahre zuvor

[…] Deutschland«: Alles hat einen Preis. Selbst Pisse kann gülden sein. Europa lernt das auch noch.Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Endlich US-Präsident! Endlich besinnt sich Donald Trump auf die Qualitäten eines […]

justice4all80
justice4all80
5 Jahre zuvor

Was war das noch eine Heuchelei #jesuischarlie. Heute passiert es jede Woche und es kümmert niemand mehr. Routine in „sicheren“ Europa.

Hansi
Hansi
5 Jahre zuvor

Rundfunkgebühren füer jedes Ohr extrra…

Robbespiere
Robbespiere
Reply to  Hansi
5 Jahre zuvor

@hansi

Rundfunkgebühren füer jedes Ohr extrra…

Das wäre zumindest kreativ…bisher sind die ja nur fürn Arsch.:-)

Schnacksler
Schnacksler
Reply to  Robbespiere
5 Jahre zuvor

Irgendwo habe ich die Tage zum Thema Rundfunkgebühren lesen müssen:

“ Die Rundfunkgebühren zählen heute zu den Nebenkosten der Wohnung.“

Aua !