Frankfurt den Frankfurtern!

MTK, MKK, HG, FB, GG – Kfz-Kennzeichen, die an mir morgens zuhauf vorbeifahren, wenn ich auf die Straßenbahn warte. Im Grünen leben, zur Arbeit nach Frankfurt sausen, am liebsten gleich bis vor die Bürotür. Das ist der Skandal, der schon vor dem Dieselskandal realiter war. Noch eine Maut muss her.

Morgenstund‘ hat Ruß im Mund. Oder Feinstaub. In jedem Fall Lärm und verstopfte Straßen. Da donnern sie rein in die Stadt, die dicken Benz‘, die Nobelschlitten und Phallussymbole auf profiliertem Gummi. Stop and Go, drängen und hupen und manche Rotphase wird einfach abgekürzt, Pech gehabt ihr Fußgänger! Das sind die Folgen der Überfremdung, an der die Frankfurter Innenstadt wochentags leidet: Die Leistungsträger kommen vom Taunus herunter, allerdings nicht als urige Bergfexe, sondern als Pauschalpendler nach deutschem Einkommenssteuerrecht. 30 Cent pro Kilometer – den Rest bezahlen die Stadtbewohner als Steuerzahler.

MTK, HG, MTK, FB, FB, FB, MTK, GG, MKK – ah da, ein F, ein Frankfurter. Der hat sich wohl verirrt. Muss versehentlich auf die Straßen seiner Stadt gerollt sein. Natürlich ist der Frankfurter Verkehrsteilnehmer zwangsläufig xenophob, genervt von all den Fremden, die seine Straßen verstopfen und seine Stadt vollstinkern. Die Fremden sind des Städters Unglück, diese Besserverdiener, die sich aus der Stadt verabschieden, im Grünen leben, ihren Kinderchen die Idylle der ländlichen Region angedeihen lassen wollen. Erst raus aus der Stadt, aber dann wieder rein in sie – die Steuer macht es möglich, sie macht den Auszug rentabel und der Städter, der steht am Straßenrand und zahlt kräftig an der Invasion der Fremdlenker mit.

Kurzzeitig sah es ja so aus, als würde die Politik dieser Gesellschaft und diese Gesellschaft der Politik ein neues Verkehrsbewusstsein aufdrücken. Aber nichts dergleichen geschah, die Dieselstinker werden einfach modifiziert – weiter so. Nichts Neues, dieses Credo ist ja Richtlinienkompetenz. Wir hätten ja auch mal über den Individualverkehr sprechen können, über Lärm und Gestank, über Gifte und Stressoren, über die Belastungen für das Gesundheitswesen speziell für all jene, die in Speckgürteln wohnen und täglich die Blechlawine ertragen müssen. Konzepte zur Förderung der öffentlichen Verkehrsmittel hätten dann zwangsläufig zur Sprache kommen müssen.

Man hätte über gesperrte Innenstädte oder jedenfalls Mautstationen sprechen können, die die Straßennutzung durch »fremde« Automobile stark verteuert hätte und – wichtig! – die nicht steuerlich absetzbar sind. Im Gegenzug hätten vor der Stadt ausgelagerte kostenfreie Parkplätze mit Streckenanbindung und vergünstigtem Ticket was hergemacht. Das wäre mal ein Beitrag zur Wahrung der Lebensqualität in Innenstädten gewesen.

Dass die bayerischen Christsozialen unbedingt die Maut einführen wollten, war ja nicht per se falsch. Ihr wichtigster Grund allerdings war es: Nämlich den Ausländern, die in ihrem Ausland Maut einsäckeln, was aus den Rippen zu leiern. Wegen Gerechtigkeit und so. Vor allem wegen der Selbstgerechtigkeit. Das war nie ein Motiv, das war Rachedurst. Aber dass Autofahren halt nun eben mal teuer sein muss – das war der Nebeneffekt der Maut und ein richtiger Ansatz. Denn wenig ist so subventioniert wie die Autofahrt. Nehmen wir nur mal das Benzin, das über die Jahre nicht günstiger wird. Aber wenn man mal jeden Kriegseinsatz im Nahen Osten auf den Literpreis umrechnete, dann käme man mit 4,879 Euro auch noch nicht hin. Und wenn jetzt noch Boko Haram die nigerianischen Erdölfelder in die Finger kriegt und ordentliche Preise verlangt, dann sozialisieren wir die folgenden Befreiungskriege zugunsten des nigerianischen Volkes und seines Öls natürlich wieder: Man schraubt den Militäretat hoch und hält die Autofahrt künstlich auf einem bezahlbaren Level.

Selbstverständlich muss man auch an die Landbewohner denken, die ein Auto brauchen, weil der Bus nur alle sieben Stunden fährt und die Bahn keine Gleise verlegt hat. Diese Menschen brauchen ein individuelles Gefährt, sonst enden sie in der Isolation und wenn man dann in 40 Jahren wieder mal mit der besser ausgebauten S-Bahn-Verbindung auf Landpartie dorthin gelangt, sprechen diese Leute plötzlich ein Kauderwelsch wie damals 2017. Ähnliches soll sich in manchem Tundradörfchen abgespielt haben. Und all das nur, weil die dort nicht mobil waren.

Man muss die Lage der Ruralen in Flächenländern schon verstehen. Und trotzdem kann das Automobil kein Nullsummenspiel sein, gibt es kein Grundrecht auf eine Mobilität, die aus dem Auspuff kommt. Eines in Abteilen, auf Gleisen, das gibt es schon und muss verteidigt und immer neu vorangetrieben werden. Auch bis ins Mecklenburgische, Odenwälderische oder Anhaltinische, wo heute öfters eurasische Luchse als Omnibusse gesichtet werden können.

Frankfurt den Frankfurtern! Berlin den Berlinern! München den Münchnern! Ein Deutschland der Mutterstädte muss her – auf den Straßen. Ein bisschen gesunder Asphaltpatriotismus täte den Städtern dieses Landes ganz ausgezeichnet. Die anderen sollen den Bus nehmen. Tun wir ja auch. Und wenn man nur noch Einzel- und Zeitkarten steuerlich geltend machen kann und nicht jeden Kilometer auf der Straße, dann steigen die auch zu. Vielleicht der Bonze mit seinem Benz nicht. Aber dem leiern wir das Geld nur so aus der Tasche, bei jeder Zufahrt wieder.

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54 Kommentare auf "Frankfurt den Frankfurtern!"

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ChrissieR
Mitglied

Blöd nur, dass ich als Busfahrerin arbeite und, wenn ich selber den letzten Nachtbus gefahren habe und der Bus im Depot steht, mein Auto brauche, um von Wiesbaden nach Mainz zu kommen…
Nach 9 Stunden Linie fahren habe ich zwar keinen Bock mehr, zu fahren, aber ich muss ja nach Hause…Wiesbaden ist kein Ort zum Leben…
Alloah Christine

Mordred
Mitglied

Wie wäre es mal darüber nachzudenken, ob Jobs wie Deiner und viele weitere regional fokussiert angeboten werden? Pendelt bspw. ein Busfahrer genau entgegengesetzt zu Dir? könnte man da nicht die Jobs „einfach“ tauschen?

Mordred
Mitglied
Es soll auch den ein oder anderen Pendler geben (ich selbst zb), dem es nicht gefällt, jeden Tag Geld zu verbrennen und Lebenszeit in Staus zu verbringen. Zeit und Geld und am Rande Komfort spielen die großen Rollen. Ursachen, die mind. genauso relevant sind wie die von Dir genannten: Es gibt in den Metropolen mehr Jobs als Anwohner. Vor allem für sog. hoch qualifizierte. Ein erheblicher Teil sind Bürojobs jedweder Coleur. Why the holy fuck fördert man nicht auf welche Art auch immer Home Office??? Gerne auch nur 2-3 Tage pro Woche würde schon erheblichst (!) Straßen, ÖPNV und Umwelt… Read more »
Greta
Gast

Voll das Stammtischgesülze, dieser Artikel …..

Ben
Gast
Ziemlich harte Polemik. Nicht, dass ich nicht selber oft so denke. M.E. haben Personenwagen in Ballungsräumen nichts zu suchen. Von Ausnahmen abgesehen, logisch. Körperlich eingeschränkte Menschen, Pflegedienst etc. Wie lange gibt es den Begriff „park&ride“? Wurde es jemals ernsthaft und wirklich sinnvoll umgesetzt? Niemand soll sich anderthalb Stunden mit Öffis durch die Gegend quälen müssen, wenn es mit der Karre 20 Minnuten dauert. Aber im Randgebiet abstellen und dann 10 Min. S-Bahn? Das sollte wirklich keine Zumutung sein. Ich wohne zwischen Reeperbahn und einer breiten Ausfallstraße. Und das, mit Verlaub, Gesocks treibt sich nicht auf dem Kiez herum, sondern donnert… Read more »
Mordred
Mitglied

Elektrifizierung der KFZ drastisch vorantreiben. Geräuschlos und keine Abgase.

P&R analog zu Car Sharing ist an vielen Orten schlicht zu (zeit-)aufwändig und teuer.

Carlo
Mitglied

Mordred, meine alte Benziner Karre ist etwa 26 Jahre alt. Fährt noch und ich hoffe eine TÜV-Zulassung könnte nochmal klappen, Nur, ich habe einen alten VW-Polo, womit die Edlen der Republik natürlich nicht zum Abendessen fahren wollen. Daher brauchen sie halt Riesenviecher von bald 2 Tonnen Gewicht um eine Person von A nach B zu transportieren.

Mordred
Mitglied

Alte Karren bis zum (wirtschaftlichen) Verrecken zu fahren ist umweltmäßig imho eh das beste. Außer natürlich für die Auohersteller.

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[…] Das ist der Skandal, der schon vor dem Dieselskandal realiter war. Noch eine Maut muss her.Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Unser prekärer Wohlstand Ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben – […]

georg
Gast

bei den bösen amis gibt es immerhin ansätze
http://www.deschner-usa.de/Info_usa/nahverkehr.htm

aquadraht
Mitglied

Also Pkw-Maut ist Scheisse, von vorn bis hinten. Auch ein Lemming wir Robert merkt nicht, dass da ein neues Ausspähinstrument scharf gemacht wird.

Folkher Braun
Mitglied
Der Bericht ist nach meiner Auffassung wenig sachkundig. Weil er berücksichtigt nicht die Art und Weise, wie die europäische Pkw-Industrie ihre Fahrzeuge in den Markt drückt. Das geschieht nicht über den Verkauf an Private sondern mit dem „Firmenauto“ (so heißt die Postille des ETM-Verlags in Stuttgart). Also: die Firma „least“ Auto plus Versicherung plus Tankkarte und so darf der Mitarbeiter steuersubventioniert über die öffentlichen Verkehrswege randalieren. Es kostet ihm ja nichts. Jetzt muss man die Sache mal sozialpsychologisch sehen: Der Abteilungsleiter einer Versicherung (oder Ähnlichem) droht, nötigt, erpresst mit seinem Leasing-SUV täglich zweimal diverse andere Verkehrteilnehmer. Diese Triebabfuhr muss er… Read more »
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