Vier Jahre gewählt und trotzdem hektisch

Dass Journalisten jede Sau durchs Dorf jagen, am liebsten so lange, bis die entkräftet aufgibt, liegt auf der Hand: So läuft deren Business. Wer da nicht mitmacht, ist schnell weg vom Fenster. Dass Politiker dasselbe tun, wirft eine Frage auf: Für was werden sie auf vier Jahre mandatiert?

Was haben wir doch für eine politische Kaste: Ständig werkelt sie sich aktionistisch am gerade aufgeworfenen Topthema der Stunde ab; dauernd lutschen sie es aus, bis die Agenda weiter- und ein anderes Sujet vorgeschoben wird. Die G20-Krawalle oder -Proteste, oder wie immer man das letztlich auch nennen mag, die belegen das. Was hat man da nicht alles gelesen: Von der Forderung, die rote Flora endlich zu schließen, Mietverträge an Hausbesetzer von vor dreißig Jahren auszuteilen, bis hin zu Fußfesseln für Randalierer oder gleich grundsätzlichem Demoverbot für Gefährder – schließlich würde man das bei Randalierern im und um das Fußballstadion auch so handhaben. Geschenkt, dass eine Demonstration auf der Straße im Gegensatz zu einem Bundesligaspiel ein wesentliches Recht zur Gewährleistung demokratischer Teilhabe ist: Im Aktionismus gejagter Säue gibt es halt leider keine Zeit dafür, mal über das nachzudenken, was man so verbal ausrotzt.

Früher konnte man das Jahr in Jahreszeiten, Monate oder Kalenderwochen unterteilen. Heute könnte man das mit der Agendasetzung machen, die den öffentlichen Diskurs bestimmt bzw. mit den Themenkomplexen, die das politische Establishment zu Statements treibt. Anfang des Jahres wusste jeder Hinterbänkler noch etwas zu Trump und dessen dumme Wähler zu sagen. Man war in dem Thema geübt, hatte es im Jahr zuvor ausgiebig mit der AfD durchexerziert und deren blödmännischen und -weibischen Wähler gleich mal mitgetadelt. Danach war Brexit und dumme Engländer. Dann kamen die Franzosen, die sich erst in der zweiten Wahlrunde vor der großen Dummheit bewahrten und lieber bei einer kleinen blieben – was aber keiner so sagte, ganz im Gegenteil. Zwischendrin Anschläge und ein bisschen Gay-Ehe. Themen, bei denen sich ohne Unterlass der Mund fusselig gequatscht wird und jeder Parlamentarier, der was auf sich hält, eine arg besondere Ansicht in Talkshows preisgibt.

Nun eben Hamburg, nun eben das, was bei G20 geschah – die nächste Sau steht freilich auch schon am Rande des Dorfes, man muss sie nur ableinen, ihr eine auf den Schicken bullern und schon kann man losbosbacheln, losmaasieren oder losmaizièren. Reichlich Meinung in die Objektive äugen, persönliche Befindlichkeiten als Patentrezepte vorschlagen, … nach meinem Dafürhalten … wir müssen durchgreifen … es kann doch nicht sein … ein paar Satzhülsen, dazu ein bisschen Law and Order mit dem verbalen Schlagring und obendrauf noch etwas gefühlte Mehrheitsmeinung, ein Schwenker zu allseits beliebten Mitteln der Überwachungsfetischisten und ein bisschen Diffamierung vermeintlicher Dummheit: So macht man Politik. Wenn heute jemand vom weitsichtigen Politiker spricht, dann meint er sicher nicht jemanden, der Perspektiven skizziert, vielleicht sogar visionäre Vorstellungen pflegt. Man meint einen, der die nächste Sau schon erahnt oder vielleicht einen guten Draht zu einem Schweinehirten hat.

Dieselben Mechanismen gelten natürlich für den modernen Journalismus. Er macht das Klima, macht diese Politiker ja erst so hektisch, so offen für diese Aufmerksamkeitsökonomie. Aber bei Journalisten kann man das Muster ja noch verstehen: Wer sich als solcher eine durch die Straßen und Gassen gehetzte Sau durch die Lappen gehen lässt, der ist schnell seinen Job los. Man muss die Sau jagen solange sie heiß ist. Das gibt Klicks, das verkauft Werbeanzeigen. Journalisten sind Getriebene einer Hochfrequenzmediokratie, die keine Rast mehr kennt.

Abgeordnete sind hingegen mit vier, teilweise mit fünf Jahren garantierter Amtszeit ausgestattet. Sie müssten sich dieser Schnelllebigkeit gar nicht aussetzen, dürften auch mal zurückstehen und entschleunigen. Ihr Druck wäre ja kein unmittelbarer. Im Grunde kann man nun der Ansicht sein, dass in einer derart beschleunigten Gesellschaft alle zeitlichen Garantien, die in einer vorher doch wesentlich gemächlicheren Taktung entworfen wurden, hinfällig werden – zumal, wenn man sich selbst in einen hektischen Aktionismus delegiert. Warum also Legislaturperioden auf vier Jahre setzen, wenn man diese Zeitspanne nicht mal mehr dazu benutzt, das Tagesgeschehen im Zuge politischer Zurückhaltung einfach mal mit zeitlichem Abstand auf sich einwirken zu lassen?

Wenn Mandat heute bedeutet, von undurchdachten Kommentar zu ungenügender Analyse zu hetzen, dann kann man die Frist doch gleich mal um – sagen wir – 75 Prozent kürzen. Wer es so eilig hat, seine mit platten Zoten gefüllte Sprechblase an jeder Pissrinne zu entleeren, die sich ihm bietet, der braucht keine vier Jahre.

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8 Kommentare auf "Vier Jahre gewählt und trotzdem hektisch"

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Stefan156
Mitglied

Da kann man nur hoffen, dass deine besagten Protagonisten diesen Beitrag auch lesen und vor allem auch beherzigen, denn der blinde Aktionismus der Besagten, führt eine Demokratie ad absurdum.
Aber was will man schon erwarten. Wir leben in diesem medialen Zeitalter, in dem jeder was zu sagen hat. Da ist die Quote der Säue, die durch die Dörfer und Städte gejagt wird, naturgemäß sauhoch.

Echo der Frau
Gast

Nee, watt is der Spiegelfechter runtergekommen ! Früher hat die soziale Kontrolle des Bergers
noch die schlimmsten Auswüchse eines Wellbrock verhindert. Jetzt gibts Beavis und Butthead
am laufenden Band.

Echo der Frau
Gast
Stefan156
Mitglied

Musste ja nicht lesen. Treib dein Unheil doch besser bei den Nazibloggern,oder am Besten garnicht.

Heldentasse
Mitglied

Ich denke das ganz bestimmte Säue nicht selten auch Dorf getrieben werden, um bei den Konsumenten der Medien eine „Mentalvergiftung“ zu erzeugen. Laut Herrn Mausfeld kann diese auf affektive oder auf eher kognitive Bereiche unseres Geistes zielen. (siehe dazu Die Angst der Machteliten vor dem Volk Demokratie-Management durch Soft Power-Techniken, Seite 11)

Von daher machen m.E. auch die PolitikerInnen (bewusst oder unbewusst) bei diesem Spiel mit, denn es dient de facto auch dazu die Macht der Eliten, zu denen sie ja auch gehören, abzusichern.

Beste Grüße

Mordred
Mitglied

Das Tier auf dem Bild ist keine Sau, sondern eine Bache.
Korrektur: Es ist ein Albrecht Dürer Schwein. Wtf? nie von gehört^^ Und da dies ein Hausschwein ist, ist Sau wohl passender.

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[…] Dass Politiker dasselbe tun, wirft eine Frage auf: Für was werden sie auf vier Jahre mandatiert? Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Wir Opfer Der IS hat nun auch Ziele im Iran angegriffen. Viele Berichte dazu gab […]

mike
Gast

Jau. Die schlimmsten Spießer sind die Alternativspießer im Netz.

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