Toleranz vs. Verteilung oder Wie Martin Schulz das Versagen linker Politik auf den Punkt brachte

Am Tage des Endsieges der Toleranz, der Homosexuelle im Ehekrach gleichstellt, verabschiedete der Bundestag mit einem Aufwisch ein Gesetz zur Unterbindung virtuellen Hasses. Sind wir etwa am Ende doch keine ganz so tolerante Gesellschaft? Wie passt denn das zusammen?

Martin Schulz ist mit seinem Schwenk etwas Grandioses gelungen. Nachdem er am Tag zuvor noch darüber geklagt hat, dass die Bundeskanzlerin keinen richtigen Wahlkampf mache, blies er seinen auch gleich ab und manövrierte in Koalitionsverbindlichkeit hinüber. Eine solche könne es aber nur geben, tönte er selbstsicher, wenn die Union jetzt endlich die Ehe für homosexuelle Paare öffne. Falls das nicht geschehe, dann sei die GroKo am Ende. Darin steckt noch nichts Grandioses, das ist eher ein bisschen Vabanquespielerei, denn wäre die Ehe für alle gescheitert, was hätte denn sonst aus der SPD werden sollen außer kleiner Partner der Alternativlosigkeit? Und grandios war auch nicht, dass der Mann vom Kanzler- in den Koalitionsmodus schaltete, ohne dass auch nur jemand laut nachfragte, ob sich denn das Kleben von Wahlplakaten jetzt noch lohne.

Nein – grandios war das Beispielhafte, dass die Sozialdemokratie hier ablieferte: Eben noch spulte man die Leier von der sozialen Gerechtigkeit ab – wenn auch in rhetorischer Seelenlosigkeit – und flugs steuerte man vom Weg ab, mündete ins Toleranzthema ein. In dieser Wendung liegt die Misere der Linken seit bald zwei Dekaden.

Seit dieser Zeit hat sich die strukturelle Linke mehr und mehr von Thema der Verteilung, von der sozialen Frage also, abgewandt und Emanzipationsthemen überbetont. Fast konnte man den Eindruck erlangen, man hat mit dem ersten Thema nur deshalb abgeschlossen, weil man glaubte, es habe sich erledigt. Die Generation der 68er kam 1998 in Amt und Würden. Seither verliert die soziale Frage an Gewicht in der Linken und wird durch einen Marktliberalismus der Eigenverantwortlichkeit ersetzt – quasi als Surrogat. Damit dieser unbeliebte Wechsel der Agenda nicht ganz so auffällt, hat man sich in Emanzipationsthemen überlaut gegeben. Denken wir mal zurück: Die 68er waren nicht so viel anders, die soziale Frage war auch für sie kein großes Thema. Die Rädelsführer kamen ohnehin aus gutem Hause, sodass sie gar kein Bedürfnis hatten, ökonomische Verteilungsfragen zu stellen. Dieser Umstand war es auch, weswegen die alte Linke, die sich aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung rekrutierte, mit dieser neuen Linken keinen tragfähigen gemeinsamen Nenner fand.

Diesen immaterielle, weil Ökonomie eher verschmähende Geist von 1968 wurde auf die moderne Linke übertragen. Die Neue Linke war insofern von wirtschaftspolitischer Seite aus betrachtet ein Irrweg. Einzig und alleine in Themen der Emanzipation und Gleichstellung haben sie gepunktet. Man muss das jetzt nicht unterm Wert verkaufen. Denn das hat die Republik nachhaltig verändert und entspannt. Natürlich war und ist auch das eine Notwendigkeit. Homosexuelle oder Frauen partizipieren zu lassen ist ja kein Gnadengeschenk oder einfach nur ein Nebenschauplatz. Das sind durchaus bedeutungsvolle Felder. Toleranzthemen in neuer linker Besinnung völlig aufzugeben und sich nur noch linker Wirtschaftspolitik zuzuwenden ist auch keine Alternative. Emanzipationssujets jedoch zu separieren von der Frage, wie man den Wohlstand der Gesellschaft aufteilt: Das ist nicht nur wider dem aufklärerischen Anspruch, den linke Politik haben muss. Es ist zudem auch noch widersprüchlich. Denn Emanzipation trägt immer auch eine ökonomische Komponente in sich.

Martin Schulz hat mit seinem Coup nochmal kurz und prägnant betont, wie in bestimmten linken Kreisen heute Politik begriffen wird: Als Trennung zwischen Emanzipations- und Verteilungsthemen. Man legt diese Probleme nicht zusammen oder behandelt sie ebenbürtig, sondern schafft künstliche Distanzräume. Insofern ist es auch gar nicht verwunderlich, dass der Bundestag an einem einzigen Tag über die Ehe für Homosexuelle und für ein Gesetz zur Handhabung des Hasses im Internet befinden musste. Ein Toleranzthema hier, ein Akt gegen Intoleranz dort. Die absolut tolerante Gesellschaft funktioniert offenbar doch nicht.

Was paradox wirkt, kann man aber natürlich schon als Ausdruck des Versagens des linken Mainstreams bewerten. Denn der Hass aus den Netzwerken, der gegen Ausländer, Flüchtlinge, Schwule, links-grüne Toleranzbeauftragte oder den Staat überhaupt aufgebracht wird, ist ein Symptom dieser Schieflage. Wer den Menschen nur immer Toleranzthemen vorlegt, obwohl die dringend mal ihre soziale Lage besprochen und verbessert sehen wollen, der muss sich nicht wundern, dass sich das tolerante Klima (wie bei der Homo-Ehe) und der intolerante Hass in einem seltsam paradoxen Zeitgeist vermengen.

Das Grandiose, das wir neulich von der Sozialdemokratie serviert bekamen, das bestand daraus, dass sie uns kurz mal aufzeigte, wie die linke Politik des Mainstreams einen solchen Zeitgeist fabriziert hat. Wir sind nicht die tolerante Gesellschaft – wir sind auch nicht nur eine intolerante: Wir sind eine zerrissene Gesellschaft. Sozial zerrissen durch Unterlassung. Nur wer Soziales und Tolerantes zusammenbringt, wer beides mit derselben Ernsthaftigkeit verfolgt, kann wilde Affekte kanalisieren. Toleranz kann man nur in einem gewissen Rahmen gesetzlich verordnen – auf der anderen Ebene muss man sie ökonomisch sichern. Wer nichts zu verlieren hat in seiner sozialen Ausgrenzung, der achtet auf keine Konventionen mehr. Im gewissen Sinne heißt Verteilungsfrage eben auch: Den Menschen etwas zu verlieren geben. Eigentum verpflichtet. Auch zu Anstand.

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43 Kommentare auf "Toleranz vs. Verteilung oder Wie Martin Schulz das Versagen linker Politik auf den Punkt brachte"

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Andreas Säger
Gast

Den Wahlkampf von Frau Merkel konnte man dieser Tage in Hamburg bewundern. Leider kapiert so gut wie niemand, dass das Ergebnis dieser Feierlichkeiten genau so ist wie es die CDU bei ihren Exekutivschergen bestellt hat. Aus dieser Opferrolle kommen wir nie wieder raus weil jede Machtbasis seit 1990 wegerodiert ist. Jetzt kehren sie in Hamburg die Scherben zusammen, die auch die Scherben des letzten politischen Widerstandes sind.

Paul
Gast

Ich geb es zu. Ich habe nach nem Drittel aufgehört zu lesen. Was bitte hat die SPD mit „linker Politik“ zu tun? Richtig! Nix! Reichlich wirr das ganze.

Heike
Gast

Ich geb es zu. Ich habe nach nem Drittel aufgehört zu lesen.

Tapfer, tapfer !

Für mich war nach

Am Tage des Endsieges der Toleranz

schon schluss.

Wir sind ja alle nur so blöde die publizistische Großkunst in seinen
schriftsätzlichen Eisenbiegereien zu entdecken.

Wir sind das Problem wenn er [Unangemessen! TW]

plingplang
Mitglied

Oh glaub mir, wenn sich auf eure Kleinbürgerliche [Unangemessen TW].

Ihr seid so richtig [Unangemessen TW]

Aber hey, Heike, wenn es dich glücklich macht, dass sich überhaupt jemand in Zusammenhang mit deiner [Unangemessen TW]

Ansonsten lest weiter Bild, ihr [Unangemessen TW]

Anton Chigurh
Mitglied
Nein – grandios war das Beispielhafte, dass die Sozialdemokratie hier ablieferte: Eben noch spulte man die Leier von der sozialen Gerechtigkeit ab – wenn auch in rhetorischer Seelenlosigkeit – und flugs steuerte man vom Weg ab, mündete ins Toleranzthema ein. In dieser Wendung liegt die Misere der Linken seit bald zwei Dekaden. Diesen immaterielle, weil Ökonomie eher verschmähende Geist von 1968 wurde auf die moderne Linke übertragen. Die Neue Linke war insofern von wirtschaftspolitischer Seite aus betrachtet ein Irrweg. Was F A S E L T der Autor hier wieder [Unangemessen! TW], zusammen ????? Mit Beginn der 90er Jahre hat… Read more »
Heike
Gast

Was F A S E L T der Autor hier wieder [Unangemessen! TW],zusammen ?????

Der ist beim Abschreiben mit dem Lesefinger wieder in der Zeile verrutscht.

plingplang
Mitglied

Was hast du in deinem kümmerlichen Dasein je vollbracht?! Wahrscheinlich wirst schon ganz feucht, beim Gedanken daran, wie geil anonym du hier scheiße verbreiten kannst

Robbespiere
Mitglied

@Anton Chigurh

Eben!
Man lasse die neoliberal völlig durchmetastasierte SPD doch endlich in Frieden dahinscheiden.
Der Ballast muß weg, damit man sich endlich mal vernünftig auf Rauten-Else, Schwarzgeld-Lupo und Stahlhelm-Uschi konzentrieren kann.
Die kommen sonst nie aus dem Schatten von Schulz & Co. hoch.

plingplang
Mitglied

Und mal wieder beweist du, dass du nur Inhaltsleere Phrasen schreiben kannst (wahrscheinlich auch nur nachgeblökt).

Darauf kannst du dir mit deiner BFF Heike einen runterholen! JUCHHU!!!

Anton Chigurh
Mitglied

huääääää…..huäääääääääääääääää……hast deine Flasche noch nicht gekriegt ?

Robbespiere
Mitglied

@plingplang

Und mal wieder beweist du, dass du nur Inhaltsleere Phrasen schreiben kannst (wahrscheinlich auch nur nachgeblökt).

Leider hast du wohl nicht gelernt, Leute korrekt mit Namen anzusprechen.
Falls deine literarische Meisterleistung aber mir galt, nur soviel dazu:

Plingplang klingt nicht nur wie ein Centstück, das in den Gulli fällt, es beschreibt auch bestens den Wert deines Kommentars.

Die wandelnden Toten
Mitglied

Der SPD und mit ihr vielen weiteren Geschwüren in Europa der letzten Jahrzehnte überhaupt den Titel politische Linke zuzuweisen disqualifiziert umgehend den Schreiber von jeglicher weiteren Diskussion.

Genau damit spielt man jenen in die Hände, die Mithilfe der orwellschen Umdeutung dieses Begriffes wahre linke politische Ideale deskriditieren und in den Schmutz ziehen wollen.
Gratulation, du bist ganz vorn mit dabei.

Anton
Gast

Roberto: Ja, das Multi-Kulti-Thema soll das soziale Thema beerben, wirkt mrd. so! Natürlich ist Toleranz in bestimmten Maßen notwendig für eine Gesellschaft!!

Lutz Lippke
Gast
Mir gefällt der Artikel. Er wirft sehr wohl ein interessanten Blick auf eine Sozialdemokratie ohne Boden, auf eine Linke ohne Kompass und Sextant, auf intolerables Tolleranzgrün, gern auch mal als Camouflage nicht mehr von Tarnfarben-Militär unterscheidbar (Ukraine, Soros). Wer sich zudem bei den Gender-„Wissenschaften“ und den Sozialpädagogen mal etwas genauer umschaut, findet viel zuschussfinanzierte Tarnung und pseudo-linke Propaganda für Bodenlosigkeit. Alle Parteien mit linkem Anstrich haben aber auch viele ehrlich engagierte Mitglieder, deren Einsatz von den Chulz und Co. im Spielcasino der Macht verjubelt wird. Solche Spielsüchtigen hat Frau Merkel aus ihrem Casino-Gefechtsstand eliminiert. Während die andern süchtig nach einem… Read more »
Andrea
Gast
Mei Roberto, das Sein bestimmt halt das Bewusstsein und das Bewusstsein vieler Linker speist sich halt aus der zu erwartenden Erbschaft der Bildungsbürger-Eltern. Ich hatte kürzlich einen massiven Streit mit einem Freund, weil ich die Forderung nach einer adäquaten Erbschaftssteuer erhob, er mir alle möglichen Ausreden präsentierte, bis mir der Kragen platzte und ich ihm sagte, dass er wohl nur so lange links sei, solange es ihn nicht selbst beträfe. Das tat offenbar so weh, dass er daraufhin den Kontakt abbrach…..zum Kotzen. Ich bin inzwischen – leider – überzeugt davon, dass viele Linke nur deshalb links sind, weil sie nichts… Read more »
Anton Chigurh
Mitglied

@ Andrea
voll auf die Zwölf ! Klasse !

Mordred
Mitglied

Ich bin inzwischen – leider – überzeugt davon, dass viele Linke nur deshalb links sind, weil sie nichts zu verlieren haben bzw. wenn sie etwas zu verlieren haben, sich auf Nebenthemen stürzen wie z.B. Homosexualität.

Richtig. Analog zu Feminismus und Gender sind das doch aus linker Perspektive fast nur noch Pseudothemen. Wenn es ansonsten passt, kann man damit doch auch locker in der FDP und CDU existieren.

Balmung
Gast

Pseudothemen

Geostrategisch sind sie aber nicht ganz unwichtig, gehören sie doch zum Wertekanon, des Wertewestens, denn wir haben die Transenklos und die „Barbaren“ nicht.

Der Afghanistanfeldzug z.B. wurde uns auch, als Akt zur Befreiung der afghanischen Frau, verkauft.

Xenomorph
Mitglied
Vor langer Zeit las ich (als Betroffener) davon, dass Schwule durchaus hofiert werden sollten, weil sie überdurchschnittlich gebildet sind und verdienen, keine Kinder versorgen müssen (Flexibilität ist wichtig), gerne teure Kleidung kaufen und auch sonst oben schwimmen. Außerdem soll das „Potenzial“ erschlossen (der „Schatz gehoben“ werden. Damals dachte ich: toll, ich muss nur reich/erfolgreich sein, und schon bin ich kein Außenseiter mehr. Der Teil mit dem Geld hat gut geklappt, trotzdem habe ich mich wegen persönlicher Erfahrungen weiter versteckt. Heute sehe ich das anders: die angestrebte Gesellschaftsform ist der Darwinismus (von Sport, Schule Studium über Soziales, Wirtschaft bis zur ungebremsten… Read more »
Hans
Gast

Du meinst Sozialdarwinismus.

https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus

Das ist aber keine Geselschaftsform sondern ein Weltbild von Gestörten.
Die Gestörten wollen den Neoliberalismus als allgemein verbindliches,
politisches Konzept europaweit und weltweit etablieren.

https://de.wikipedia.org/wiki/Neoliberalismus

Der Neoliberalismus kommt mit seinen Ausprägungen
dem Sozialdarwinismus und Faschismus sehr nahe.

DOMINANZ ÜBERBETONT
Gast

Spoiler
Grandios und beispielhaft, eben noch spulte man das Thema Gerechtigkeit ab um nun voll im Thema Toleranz anzugelangen – bei der es ja „umwegig“ um Emanzipation geht, was widerum genau im Interesse der Maktliberalen Eigenverantwortungspredigt liegt – was jedoch den wenigsten aufäl…

Mich mag ja so manches beschleichen, jedoch hatte ich für einen Moment den Einduck, es stand alles da…

Andreas
Gast

Wieso lese ich im Artikel immer etwas von „Martin Schulz“, „Sozialdemokratie“ und „links“? Was haben Schulz und die „Sozialdemokratie“ mit „links“ zu tun? Was hat die sPD mit linker Politik zu tun? Wieso ist das herumgeeiere einer durch und durch neoliberalen Partei nebst ihrer Sprechblasen erzeugenden Politkasper eine Misere der Linken?

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[…] Sind wir etwa am Ende doch keine ganz so tolerante Gesellschaft? Wie passt denn das zusammen?Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Echt klasse! Auf die klassenlose Gesellschaft zielte die […]

Hans
Gast

Billiges [Unangemessen! TW],

Hans
Gast

Dann [Unangemessen! TW],

Andreas
Gast

Die „Falschbehauptung“ steckt im Artikel selbst. Genau genommen ist er voll davon. Wer ausgerechnet in der sPD eine Misere der Linken(!) sieht, diskreditiert übrigens die Linke. Absicht?
„Strukturelle Linke“ … Das ich nicht lache. Das ist etwa so, als würde man die Politik der Union mit dem Handeln der AfD kritisieren, denn die sei ja „strukturell konservativ“.

Lutz Lippke
Gast

Das ist aber gar nicht so verkehrt. Die AfD lebt einen Gutteil von der Abgehobenheit und Untauglichkeit der etablierten Parteien, allerdings ohne eine wirkliche Alternative zu bieten. Gehört die Linke schon zu den Etablierten oder ist sie auch nur keine wirkliche Alternative?

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