CEO, der Wirtschaftsforschungsmann mit dem Koks ist da

Wer will diese deutsche Wirtschaft noch stoppen? Wieder ein Rekordwert – beim ifo-Geschäftsklimaindex. Party unter Führungskräften: Für sie ist die Welt nur noch ein einziges Aufwärts. Dabei wird hier nicht mit Kennzahlen dokumentiert, sondern mehr so vom Gefühl her Verblendung zementiert.

Bauchgefühle: Wie geht es uns denn heute?

Nie war er so gehaltvoll wie heute: Der ifo-Geschäftsklimaindex. Letzte Woche handelte er sich einen Rekordwert ein. Wirtschaften wir noch oder feiern wir schon? Das ifo-Institut sprach jedenfalls von euphorischen Zuständen, die Wirtschaft stehe unter Volldampf und die Führungskräfte seien zuversichtlich wie nie zuvor. Dieser letzte Einwurf ist die Crux an der Sache. Der Geschäftsklimaindex ist keine harte Kennzahl, keine berechenbare Größe oder eine mathematisch nachvollziehbare Einheit. Er ist schlicht und ergreifend eine kollektive Laune, so gut oder so schlecht wie die Summe der Befindlichkeiten aller befragten Führungskräfte.

Das ifo-Institut schreibt nämlich monatlich Manager und Unternehmensleitungen an, die dann per Multiple Choice ihre persönliche Einschätzung der Geschäfts- und der Nachfrageerwartungen abgeben sollen. Der Geschäftsklimaindex rekrutiert sich also rein auf persönliche Meinungen und Befindlichkeiten und hat mit konkretem Zahlenmaterial nichts am Hut. Ökonomische Indikatoren sind völlig irrelevant für die Auswertung – sie fließen nur hinein, wenn sich einige Befragte die Mühe machten, ihre Bewertung mit solchen Werten zu begründen oder zu unterfüttern. Ansonsten wirken eher persönliche und private Faktoren auf das Resultat ein: Gute oder schlechte Laune, das schwüle Klima, verschiedene Frustrationen, sexuelle Defizite oder Abenteuer, Durchfall oder das nächste Level bei Candy Crush, das man einfach nicht erreicht.

Tautologisches Orakel: Abbild der Wirklichkeit, das sich auf einem Abbild der Wirklichkeit gründet

Ob nun CEO oder COO: Tageszeitung lesen Führungskräfte allemal. Wenn sie dann bei Spiegel oder in der Bildzeitung lesen, dass die Wirtschaftsweisen dolle Wachstumsraten ansetzten, dann färbt das natürlich auch auf deren ifo-Geschäftsklimaindex-Entscheidung ab. Da liegt dann der Spiegel offen auf dem Schreibtisch und daneben der Fragebogen von ifo. Und wo es heißt »Ihre Erwartungen für das kommende halbe Jahr« überlegt der Befragte kurz, überfliegt die Punkte, die er ankreuzen kann und sagt sich: »Hm, gerade eben noch gelesen, die Wirtschaft wächst – na dann dürfte wohl ›günstiger‹ die richtige Antwort sein.« Wenn er natürlich vorher ein Interview mit einem kapitalismuskritischen Ökonomen in der Frankfurter Rundschau gelesen hat, dann nimmt er eventuell eine latente Verstimmung mit in die Bewertung auf. Aber unter uns: Wer liest im Führungskader schon die Rundschau?

So betrachtet ist dieser in den Medien allseits beliebte Index eigentlich nur das Abbild einer Wirklichkeit, die sich aus jenem Abbild einer Wirklichkeit manifestiert, wie man es in Zeitung und Broadcast ausgestaltet. Der durch große Think Tanks unterstützte (und finanzierte) Jubeljournalismus, der ganz ungeniert berichtet, aber eigentlich PR ausgestaltet, dient wahrscheinlich vielen Führungskräften zur Untermauerung ihrer Einschätzung. So steigert sich die deutsche Wirtschaft in einen Vollrausch, in eine Euphorie, die mit der Realität nichts mehr gemein hat.

Wie im Rausch: Champagner, Koks, ifo-Geschäftsklimaindex

Nun also der Rekord auf oben genannten Grundlagen. Es geht immer weiter, wird immer besser, höher, schneller. Die Exportlastigkeit bringt massive kontinentale wie globale Verwerfungen mit sich; die deutsche Wirtschaft gründet in ihrem Kern auf folgende Umstände: Sie hat sich durch einen exzessiven Ausbau des Niedriglohnsektors, durch gezielt herbeireformierte Prekarität und strikt verinnerlichte Verunsicherung der Bürgerinnen und Bürger, die sich auf dem Arbeitsmarkt feilbieten müssen, zu einem Unterbietungswettbewerb gemausert, von dem Unternehmen profitieren. Die Regierung stützt diesen Kurs damit, dass sie diese Rekordwert-Wirtschaft durch kreditbasierte Verschuldung des südlichen Europa stützt.

An allen Ecken lugen die Probleme hervor: Die Binnennachfrage stagniert, eine Immobilienblase reift heran, Europa bröckelt unter dem Diktat der Austerität – aber hey, es gibt noch Champagner! Nehmt euch einen Schluck, es wird schon immer so weiter gehen, der Aufschwung ist für alle da. Wo dieser deutsche Erfolg inmitten von brüchigen Volkswirtschaften herkommt, da gibt es doch noch mehr davon. Diese Leute kennen die letzten Jahre als ein Szenario allgemeiner Systemkrise, von der sie innerhalb der Grenzen der Republik aber verschont blieben. So gesehen haben sie keinen Sinn mehr für Rücklaufszenarien, für etwaige neue Krisen, die dann eben nicht mehr geoutsourct werden können. Für sie ist alles eine einzige Aufwärtsbewegung, ein Zyklus ohne Fallkurven.

Das war hier jedoch gefeiert wird, das ist nicht die Wirtschaft, die ohnehin für die meisten Protagonisten am Arbeitsmarkt gar nicht so rund läuft und die sie mit Entbehrungen auffangen und besser dastehen lassen, als sie eigentlich ist. Das ifo-Institut ist der Dealer, der Verblendung serviert und ausgelassene Partystimmung auf Grundlage eines Vollrausches nachreicht. Ein Rausch, der sich an der guten Hoffnung ergötzt und nicht an harten Zahlen. Waren das noch Zeiten, als man sich auf der Führungsebene einen solchen Zustand mit Koks ins Hirn schoss …

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3 Kommentare auf "CEO, der Wirtschaftsforschungsmann mit dem Koks ist da"

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[…] hier nicht mit Kennzahlen dokumentiert, sondern mehr so vom Gefühl her Verblendung zementiert. Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: 28-Stunden-Woche: Da geht mal wieder die Welt unter Weil die IG Metall eventuell […]

Paul
Gast

Die Party feiern und den Rausch genießen ohne an den Kater von Morgen zu denken. Das macht diese ifo-Schamanen doch fast schon menschlich.

gast2
Gast

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