Ausgebrannt

Es ist mal wieder interessant festzustellen, dass man unter der vorherigen Arbeitsministerin der Union in manchen Bereichen schon weiter dachte als jetzt, da eine Sozialdemokratin dem Laden vorsitzt.

Zwar sind die Krankschreibungen aufgrund der Diagnose »Burn-out« laut DAK im Jahr 2013 wieder rückläufig. Aber zwischen 2004 und 2011 hat dieses Krankheitsbild eklatant zugenommen. Man könnte fast sagen, je näher wir an die ökonomischen Grenzen des Wirtschaftswachstums geraten, desto sicherer scheint das Wachstum auf anderer Ebene zu sein: Beim Raubbau an Körper und Geist bei der alltäglichen Arbeit. 4,6 Krankheitstage wegen Burn-out (pro tausend Krankenversicherte) waren es 2004. Sieben Jahre später ein Beleg für den Wachstumsmarkt: 86,9 Krankheitstage je tausend Mitglieder. So berechnete es damals der BKK-Bundesverband.

Die jährliche Arbeitszeit ist zwar gesunken, aber die Stressoren rekrutieren sich aus anderen Faktoren. Die Flexibilisierung und das faktische Zusammenlegen von Arbeits- und Freizeit, die Omnipräsenz, die Arbeitgeber von ihrer Belegschaft erwarten, setzen massiv unter Druck. Hinzu kommt der Stellenabbau, der zweierlei Stressansätze liefert: Man bangt um den eigenen Arbeitsplatz, behält man ihn dann aber doch, muss man den Verlust eines Kollegen mit Mehrarbeit und immer schnelleren Prozessen abfedern.

Dass der Burn-out keine neue Empfindlichkeit der Arbeitnehmer ist, kann jeder spüren, der da draußen einem Job nachgeht. Ausnahmen gibt es natürlich auch da. Aber die Austerität ist keine griechische Tragödie. Deren Maßstäbe erleben wir in Deutschlands Wirtschaft täglich.

Arbeitsministerin Andrea Nahles gab neulich einer SZ-nahen Webpräsenz namens »jetzt« ein Interview. Was sie an jungen Leuten nicht möge, so titelt man dort mit einem Satz aus ihrem Munde, das sei dieser Pessimismus. Was die jungen Leute womöglich an alten Säcken nicht mögen, das ist deren deplatzierter Optimismus. Ob denn die Vermischung von Arbeit und Privatem auch für sie großen Stress auslöse, wollte »jetzt« ferner von der Ministerin wissen, nachdem sie etwas von ihrem Smartphone erzählte, das ihr selten Feierabend beschere. Antwort: Nein – und außerdem ist es »nicht nur Stress. Es ist eher eine Frage des Managements.« Sie sei doch keine Getriebene der Technik.

Alles eine Frage des Managements also. Das sagte sie freilich nur in einem relativ unbedeutenden Interview. Aber es zeigt trotzdem, dass eine Sensibilisierung für dieses Thema bei ihr nicht stattgefunden hat. Ursula von der Leyen hat vor einigen Jahren noch Arbeitgeber ermuntert, sie mögen ihre Belegschaft nach Feierabend zur Ruhe kommen lassen. Vielleicht könne man ja ein Gesetz machen. Das kam natürlich nie. Es war mal wieder einer jener Geistesblitze, die Minister zuweilen erfassen, die dann aber gleich wieder aus dem Sinn geraten, wenn sie sich auf eine Talkrunde am Wochenende vorbereiten müssen.

Doch gleichwohl ist es der Vorgängerin von Frau Nahles kurzzeitig bewusst geworden, dass diese in die Freizeit reichende Arbeitszeit Stress erzeugt. Die heutige Arbeitsministerin winkt ab und macht es zu einer Frage des eigenen Managements, der Selbstoptimierung gewissermaßen. Als könne jeder Angestellte dauerhaft dem betriebsinternen Druck standhalten, dem man ihm ausliefert. Wenn eine Arbeitsministerin nicht nur mit schlechtem Beispiel vorangeht, wenn sie sogar noch so tut, als sei das eine Errungenschaft (O-Ton: »Sie [Anm.: die Technik] ermöglicht mir die Doppelrolle als Mutter und Ministerin.«), dann ist klar, dass die schöne neue Arbeitswelt alternativlos geworden ist. An den Gepflogenheiten wird nicht mal mehr theoretische Kritik geübt. Sie sind in den Köpfen angekommen, die Werteskala ist vollends ausgebrannt.

Weil Wertmaßstäbe in der Arbeitswelt mit der Diagnose Burn-out krankgeschrieben sind, ist ein gesellschaftlicher Ruck zur Bekämpfung des Burn-outs ausgeschlossen. Wir reden viel von deutschen Werten in den letzten Wochen und Monaten. Hier sind sie: Den Pessimismus anderer unterbuttern, den eigenen Optimismus wider aller Gegenargumente für notwendig erklären und für den Arbeitsplatz Lebensqualität aufgeben und langsam aber sicher ausbrennen. Das sind die Werte, die Südeuropa von uns lernen soll. Darauf eine Beruhigungspille: Noch so ein deutscher Leitwert.

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17 Kommentare auf "Ausgebrannt"

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Rudi
Gast
Frau Nahles hat gut reden. Als Bundestagsabgeordnete und Ministerin wird sie mit rund 20.000 Euro monatlich alimentiert. Weitere Annehmlichkeiten zur Arbeitserleichterung wie Dienstwagen, Chauffeur, Sekretariat etc. kommen hinzu. Verglichen mit ihren Managerkollegen aus der Wirtschaft oder gar mit den fußballspielenden Söldnern ist das ein Klacks. Klar. Aber sie hat mit diesem Einkommen die Möglichkeit, sich in ihrer Rolle als Mutter durch Zukauf von Dienstleistungen besser zurecht zu finden als die meisten anderen berufstätigen Mütter und Väter. Sie weiß, sie wird aufgrund ihrer politischen Laufbahn niemals in finanziell existenzielle Not geraten können. Auch das hilft ungemein, die alltäglichen Unbilden den Jobs… Read more »
Erwin
Gast

Vorsicht mit der Allerwelts-, und küchenpsychologischen Diagnose „Burn-Out“.
„Ausbrennen“ kann nur der, der für seine berufliche Aufgabe überhaupt jemals „gebrannt“ hat.
Wer sich zum reinen Gelderwerb in irgendeinem Job herumquälen muss, sollte bei
Überlastung nicht über einen „Burn-Out“ reden. Die Diagnose „Depression“ könnte
in solch einem Zusammenhang viel treffender sein. Hinter einer verschleppten
Depression steckt die Gefahr von
Berufsunfähigkeit und Frühverrentung.

Mordred
Mitglied

wenn ich wüsste, dass ich wie frau nahles jederzeit aufhören könnte, weil meine bezüge (alleine als kurzjähriges bundestagsmitglied) dann für ein ordentliches leben bis zum ende hoch genug wären… ja dann hätte ich auch quasi nie stress.
die dame ist 46 und seit wann ist die eigentlich schon im bundestag? wie lange bei welchem gehalt muss ein arbeitnehmer ranklotzen, bis er auf ihr jetziges niveau kommt? lächerlich.
btw. haben die sich auch wieder über die völlig falschen themen unterhalten. wenn die frau nicht völlig blöd ist, wird sie die nächste legislaturperiode nicht mitmachen. der arbeitsmarkt wird sowas von abkacken…

EarthChild
Mitglied
Ich habe neulich auf einem Blog gelesen, daß Frau Nahles noch nie gearbeitet hat und das Thema ihrer Magisterarbeit wahr wohl: Die Rolle der Katastrophen in Serienliebesromanen“, toll, im Ministerium arbeiten die anderen für sie, zuhause hütet das Kindermädchen ihre Brut, es wird Zeit diese Frau, ihre Partei und die ganze sogenannte ReGIERung zu entlassen und rauszuschmeißen!!! Soll Frau Nahles doch mal ne Weile von Harz IV leben, weil einen Job kriegt sie mit so einem Magister Schwachsinn ganz bestimmt nicht!!! Und keine der Parteien, die zur Zeit in der ReGIERung sitzen werden meine Stimme kriegen und die AfD auch… Read more »
Beschreibung aus Studentenleben
Gast

Bei solch einer Magisterarbeit ist zu vermuten, dass Frau Nahles selbst sehr gerne Serienliebesromane liest. Wie diese Vermutung entsteht?
Ganz einfach: Nahles hat Politik, Philosophie und Deutsch studiert. Serienliebesromane sind in keinem dieser Fächer Forschungsgegenstand. Die literarische Qualität ist zu miserabel, um für Germanistik in Frage zu kommen, für Philosophie und Politik sind sie zu trivial. Es gibt zwar Forschungsarbeiten zu dieser Gattung, ist aber eher marginal. Es ist wahrscheinlich, dass Nahles diese Dinger eher privat konsumiert hat und weniger aus fachlich-akademischem Interesse.

Zudem war und ist die Uni Bonn für die Qualität ihrer Abschlussarbeiten im Fachbereich Germanistik/Deutsch ausgesprochen … 😉

trackback

[…] in manchen Bereichen schon weiter dachte als jetzt, da eine Sozialdemokratin dem Laden vorsitzt.Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Agenda 2010 oder Schulz‘ Stellschräubchen ist nicht das große Ganze Einige […]

Sukram71
Mitglied

Andrea Nahles ist Schuld an der hohen Zahl von Burn-Out-Erkrankungen, weil sie in nen Interview sagt, dass sie als Ministerin Familie und Beruf trotz ständiger Erreichbarkeit unter einen Hut bekommt?
Das ist einfach bloß albern. 🙂

Und ob ein Gesetz, das es Arbeitgebern verbietet ihre Angestellten nach Feierabend anzurufen, wirklich was bringt, darf man wohl bezweifeln.
Einfacher wäre es, sich ne andere Handy-Nummer zu besorgen und das „Dienst Handy“ nach Feierabend einfach aus zu machen oder nicht dran zu gehen.

Aufgewachter
Gast
Immer mehr Jobcenter-Mitarbeiter vertreten mittlerweile die Rechtsauffassung, daß eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nicht ausreichen soll, um Hartz-IV Opfer von den Einladungen beim Jobcenter/Maßnahmeträger/Zeitarbeitsmessen zu entbinden. Wer nicht bettlägerig ist, der soll gefälligst zu den Vorladungen erscheinen. Das darauffolgende Argument lautet dann immer, wer zum Jobcenter kommen kann, der kann eventuell auch noch 3 Stunden pro Tag arbeiten. Wenn die AU nicht ausreicht, dann soll doch der Jobcenter-Mitarbeiter den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) einschalten nach § 56 SGB II. Dabei ist längst erwiesen, daß Hartz-IV auch psychisch krank macht. Erschwerend kommt noch hinzu, daß man sich noch die sonstigen Wehwechen zuziehen kann.… Read more »
Aufgewachter
Gast

Burnout auch in sogenannten Qualifizierungsmaßnahmen, um angebliche Vermittlungshemmnisse zu beseitigen …

Erwerbsloser während einer Bewerbungstrainings-Maßnahme ohnmächtig vom Stuhl gefallen und ins Krankenhaus eingeliefert
https://aufgewachter.wordpress.com/2016/08/05/erster-erwerbsloser-waehrend-einer-bewerbungstrainings-massnahme-ohnmaechtig-vom-stuhl-gefallen-und-ins-krankenhaus-eingeliefert/

Aufgewachter
Gast
Apropos : Vermittlungshemmnisse Nach der offiziellen Verschwörungstheorie der BA müßte ein junger qualifizierter, psychisch und physisch gesunder Erwerbsloser durch einen Arbeitsvermittler direkt in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln sein. Läßt sich dieses Wunschdenken jedoch in der Praxis nicht verwirklichen, so werden die Ursachen nicht in der offiziellen Verschwörungtheorie der BA gesucht, sondern beim Erwerbslosen. Und wer suchet, der wird schließlich fündig, so die gängige Verschwörungspraxis der BA. Immer mehr unqualifizierte Jobcenter-Mitarbeiter finden bei gut qualifizierten Erwerbslosen sogenannte Vermittlungshemmnisse, die als Grundlage dazu herhalten sollen sie dennoch zu verwerten, nämlich in teuren „Bildungs-Maßnahmen“, die Vermittlungshemmnisse beseitigen sollen, die es gar nicht… Read more »
Erwin
Gast
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