Zuckerwürfel im See

Das vergangene Jahr war laut R.I.P.-Statusmeldungen dieser Republik ein ganz besonders grausames Prominentenspecial in puncto Ableben. Der Promimalus lässt sich ja statistisch dokumentieren und beweist damit: 2016 nahm uns so viele Promis wie kein Jahr zuvor.

Als George Michael starb, at his last christmas, haute die Trauergemeinde wieder in die Tasten. Die übliche Drei-Wort-Anteilnahme halt und ab zum nächsten Bullshit, der Ablenkung verspricht. Von einer traurigen Erkenntnis las man: 2016 war ein Jahr, das viele Prominente, ganz speziell Künstler, aus unserer Mitte riss. Nun sind diese Leute eher selten in unserer Mitte heimisch, viele verbarrikadieren sich eher seitlich der Gesellschaft hinterm Zaun. Allerdings als blumigen Satz kann man das in so einem Moment ja dann doch schon mal so formulieren. Einer fand sich auf meiner Startseite bei Facebook, der hartnäckig betonte, dass das zurückliegende Jahr gewissermaßen das nachweislich fetteste Jahr des Gevatters Tod gewesen sei. Jedenfalls im Segment bekannter Leute. Dann reihte er einen kleinen Nekrolog auf und verlieh seiner These statistisches Gewicht.

Ich guckte mir die Leute, die da drauf standen mal näher an. Einige waren tatsächlich von großer Berühmtheit. Manche galten sogar als Persönlichkeiten. Und zwischendrin war ein Pferdedoktor, der seit wenigen Jahren Sternchen einer Realityshow war. Oder eine ziemlich erfolglose Nachmittagsmoderatorin. Oder ein weitestgehend unterbeschäftigter kanadischer Serienschauspieler. Mit einem Faible für Spartensender oder als regelmäßiger Leser des Wikipedia-Nekrologs kannte man die Leute wahrscheinlich sogar. Aber sind das die Toten, die einer solcher Statistik zur Wahrheit verhelfen?

Einige kommentierten seine Meldung dann. Ich auch, ich saß in einer Warteschleife beim Friseur und hatte zu viel Zeit und den Gesprächen im Laden konnte ich nicht lauschen, sie wurden auf Albanisch geführt. In solchen Fällen ist so ein Computer für die Hosentasche ein gutes Instrument. Jedenfalls: Ich ließ ihn wissen, dass diese Statistik, die er wohl von irgendeiner Website kopiert hatte, Leute beinhalte, die man nur mit viel guten Willen zu prominenten Zeitgenossen erklären könne. Er antwortete, dass man die Listen mal vergleichen solle. Wo genau, das sagte er nicht. Ich vermutete, eben auf jener Website. Was mich dazu brachte zu erwidern, dass ein Nekrolog von 1991 von einem zusammenstellenden Redakteur (oder wem auch immer) gefertigt wurde, der wahrscheinlich unter völlig anderen Prämissen Prominenz für eine solche Auflistung auswählte, als jemand, der es heute in der Mediokratie tut. Damals hätte man einen verstorbenen Tierarzt mit kurzer Fernsehlaufbahn sicherlich kurz in der Presse erwähnt, der Boulevard hätte seine obligatorischen Tragödienartikel gesetzt, aber als Mitglied einer solchen Hautvolee wäre er wohl kaum erschienen.

Da wurde mir im Grunde mal wieder bewusst, welche Macht statistische Reihen doch in unserer Gesellschaft haben. Statistik ist die zahlenunterfütterte Möglichkeit, seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit einen neuen Eingang zu verpassen. Was nicht heißt, dass Statistik grundsätzlich Quark ist. Aber dass man einfach so alles glaubt und hinnimmt, was man uns vorsetzt und als Auswertung verkauft, das fängt ja nicht mal dort an, wo die INSM mit Herrschaftssprache untermauerte Spalten mit Ziffern und Prozentzahlen auftischt, sondern selbst schon bei so Lappalien wie Sterbekennzahlen prominenter Leute. Wie einige dort die Erhebungsmethoden nicht hinterfragen, die ja auch von Zeitgeist gesteuert oder von nicht ergebnisoffenen Absichten getrieben sind, das lässt tief blicken. Und genau deswegen lassen sie sich Starlets für dicke Fische aufschwatzen.

Im Grunde erinnert mich das an eine Debatte, die vor vielen Jahren geführt wurde. Es ging um Babynahrung aus Gläschen, in denen man Giftstoffe fand. Große Panik brach aus. Man wolle uns vergiften. Lebensmittelchemiker entwarnten aber. Die Mengen, die darin gefunden wurden, die seien weder schädlich noch könne man ausschließen, solche natürlichen Giftstoffe je ganz aus der Nahrung zu bekommen. Es sei aber eben so, dass die besseren Prüfverfahren kleinste Mengen aufstöbern könnten. Man könne zum Beispiel auch einen aufgelösten Zuckerwürfel im Bodensee nachweisen, wenn man nur in immer kleinere mikroskopische Einheiten vordringt.

Was dem Chemiker das Mikroskopische des ohnehin schon Mikroskopischen ist, das ist uns Laien die Medienlandschaft. Sie ist so angewachsen, dass es uns heute möglich ist, in Wahrnehmungswelten vorzudringen, die uns vormals verborgen blieben. Die Auflösung hat sich aber massiv verbessert, heute konsumieren wir Medien in Megapixelbereich.

Oft wird dann ja zum Beispiel auch behauptet, dass es früher weniger Straftaten gab. Man hat dann so das Gefühl, dass wir heute eine wachsende Quantität an Gewalt und kriminellen Übergriffen haben, die es früher so nicht gab. Das dürfte nicht richtig sein. Früher wurde manche Handlung einfach nicht berücksichtigt innerhalb der groben Auflösung einer Medienwelt, die nur drei Fernsehkanäle und einige überregionale Zeitungen mit höherem Anspruch kannte. Und genau so ist es eben mit den toten Promis. Wir haben uns ein mediales Mikroskop angeschafft, unter dem wir plötzlich Leute sehen, die wir vorher niemals wahrgenommen hätten. Pferdedoktoren gab es immer. Sie waren nur nicht auf einem Objektträger angebracht.

Vor Jahren glaubte ich übrigens einer Verschwörung auf die Spur gekommen zu sein. Wikipedia meldete fast täglich, dass wieder mal ein hohes Tier aus der katholischen Kirche gestorben sei. Meist waren es Bischöfe. Sie stammten aus allen Teilen der Erde. Da musste doch was im Busch sein, vorher hatte man nie von einem so hohen Aufkommen an Sterbefällen in dieser Gruppe gehört. Vergiftet da jemand die Kader Roms? Natürlich nicht. Vorher gab es nur noch nicht die Möglichkeit, die Daten verstorbener Kleriker so zeitnah und schnell in Erfahrung zu bringen. Tatsächlich starb man in dieser Gruppe wie eh und je.

Und wenn wir nun gucken, was es da alles für YouTube-Stars und Instagram-Größen gibt, kann man jetzt schon absehen, dass in den kommenden Jahren ein noch massiveres Prominentensterben eintritt. Es gibt ja immer noch kleinere Stars. Und wenn ich dann mal für immer gehe, stehe ich auch auf einer solchen Liste und dokumentiere, dass der Tod promifeindlicher denn je ist. In Zeiten, da jede Wurst ein Star sein kann, muss es zwangsläufig so kommen. Und dann stehe ich in der Liste gleich neben einer dieser Frauen, die vor Jahren im Dschungelcamp waren und die nie was anderes taten, als dort zu rufen: »Ich bin ein Star, holt mich hier raus!«

Und genau das rufe ich dann auch, wenn ich in der Kiste liege. Hoffentlich äschern sie mich nicht ein.

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14 Kommentare auf "Zuckerwürfel im See"

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wschira
Mitglied

Gott ja, Herr Lapuente, gehen Ihnen die Themen aus, oder warum emulieren Sie hier die „Bunte“?

Newlandrebel
Gast

Also, ich find’s ja gut. Nicht so wie „Ich find‘ die Merkel gut“, mehr so wie „Ich find’s gut, weil ich gelernt habe, dass mehr Messen auch mehr Ergebnisse (= Tode) liefert“.

War das mit der Bunten eigentlich konkret auf einen Artikel in der Bunten bezogen oder so? Erklär mal.

Heldentasse
Mitglied

Die „Bunte“ ist noch viel zu intellektuell, herzzerreißende Todesfälle unter der Crème de la Crème unsere Gesellschaft werden ausführlichst im „Goldenen Blatt“ behandelt.

Beste Grüße

Heldentasse
Mitglied
Die Statistik ist ein sehr wichtiges und mächtiges mathematisches Werkzeug, welches im Grunde unsere ganze moderne Gesellschaft erst ermöglicht hat. Ein Beispiel unter vielen ist die Quantenphysik (die wiederum Quell ganz vieler modernen Erfindungen ist) die ohne statistische Methoden undenkbar ist. Nur darf man diese Statistik nicht mit dem verwechseln was uns die sogn. Qualitätsmedien als ebensolche verkaufen wollen, wobei das Beispiel mit der scheinbar erhöhten Sterberate von Prominenten ja noch lustig ist. Sehr unlustig wird es aber dann, wenn sie uns mit irgendeinem Hokus Pokus Zahlenwerk politische Fehlentscheidungen legitimieren oder schön rechnen wollen, wobei mit als Beispiel sofort die… Read more »
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[…] ja statistisch dokumentieren und beweist damit: 2016 nahm uns so viele Promis wie kein Jahr zuvor. Weiterlesen bei den neulandrebellen Lesen Sie auch: Gesunder Realismus oder Bedeutungslosigkeit Ist das wirklich eine Kampagne der […]

The Joker
Mitglied

Sehr cool: Der einfühlsame Nachruf von Hatice Ince auf Ulf Kotte.
Die rechten Wutwichtel toben. 2017 fängt gut an.

das Murmeltier
Gast

Die Empörung von Fleischhauer und seinen Volksgenossen ist heuchlerisch. Als Merkelseinerzeit ihrer Freude über den Tod Bin Ladens öffentliche Freude bekundete, gab es keinen Aufschrei.

Ansonsten stimme ich wschira zu. Daher vermutlich auch die wenigen Kommentare. Sollte der Autor mal kritisch drüber nachdenken anstatt wie üblich zu bellen.

anton
Gast

Joker: Man musste Ulkotte nicht mögen, aber belesener als seine linken Gegner, deren Moral mehr als peinlich ist, war er sicherllich! Gewinnt eine Wahl,

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