Unsere neue Weihnachtsgeschichte

Weihnachten ist traditionell die Zeit der Narrative. Eines von ihnen lautet, dass wir ein Fest der Liebe feiern würden. Gemeint war damit aber lediglich, dass wir Weihnachten als Ende einer Adventszeit zelebrieren sollten, in der wir unser Geld verstärkt in die Geschäfte getragen haben. Oder aber jenes Märchen, dass Weihnachten eine friedvolle Zeit sei. Dabei stoppt der Feldzug gegen Arme nie. Auch nicht an Weihnachten. Es gibt auch eine Erzählung, die zu jener Jahreszeit kursiert, wonach die Menschen besonders zueinanderstehen würden. Aber offen gesagt, es ging nie um alle Menschen. Eine gewisse Reputation musste man da schon mitbringen. Nun kriegen wir also ein weiteres Narrativ für die Weihnachtszeit. Und dann gleich so ein eiskalt Zeitgemäßes.

Fast überall konnte man es so kurz vor dem Fest in sich verinnerlichen. Der eine Sender baute dafür extra nochmal seinen heißen Stuhl auf, der andere diskutierte wie irr um jene Nacht, die so bedeutsam war für das Jahr 2016, wie einst der Stern, dem die Könige aus dem Morgenland folgten. Aus jenem Morgenland kamen dann auch die Grapscher und Fummler, die Antänzler und Diebe, die in Köln und anderswo nicht nur eben grapschten, fummelten, antanzten und stahlen, sondern gleich noch so die gesamte Asyl- und Flüchtlingspolitik veränderten und jene politische Partei uralter Konzepte und Männer massiv stärkte. Vieles von dem, was damals geschildert wurde, dass »zehntausend nackte Neger« (Postillon) durch die Straßen tanzten, hat sich so nicht bestätigt. Aber dass es wie im Bürgerkrieg war, wie einer der Fernsehsender in einem Trailer behauptete, kann man ausschließen. Und man muss es sogar, will man den Syrern und ihrem Elend, auch nur noch einen Funken Respekt entgegenbringen. Der Vergleich verharmlost.

Natürlich ist damals was passiert. Eine Erfindung war es nicht. Aber recht schnell war wohl klar, dass sich das Ereignis politisch ausbeuten lässt und so haben sich Medien, Politik und die Rezipienten beziehungsweise die Betroffenen der Silvesternacht, gegenseitig hochgeschaukelt. Die Geschehnisse wurden dann in eine nationale Transzendenz erhoben, zum Augenblick der Besinnung erkoren, einem zeitlichen Ort, wo den Bürgern endlich klar wurde, dass es so nicht weitergehen könne. Was ja stimmte, denn einfach unkontrollierte Grenzöffnungen zu delegieren und zu behaupten, man schaffe das aber schon, das ist nicht Politik und nicht Konzept. Es war das Mitleidskalkül einer Machtpolitikerin, die ihre inhaltliche Ohnmacht und ihre Ignoranz gegenüber der vorherigen Fluchtentwicklung, mit dieser Aktion zu kaschieren trachtete.

Wie gesagt, natürlich musste was geschehen, gut durchdacht aber, gut organisiert, ordentlich finanziert und eben in europäischer Zusammenarbeit. Die Silvesternacht und die Affekte, die sie gebar, haben aber einfach alles weggewischt und jede vernünftige Neuausrichtung der Fluchtproblematik erstickt. Und die Kanzlerin, eben noch auf Selfies mit Syrern die Initiatorin des Willkommens, schwenkte brutalstmöglich um. Den offenen Armen folgte jetzt die Bereitschaft, die eben noch Geherzten zurück in Kriegsgebiete zu schicken.

Ein Narrativ servierte man uns ja schon immer zum Fest der Liebe. Auch das gründete auf einer Erzählung, die sich sicher so nicht zugetragen hat. Da waren sicher keine Könige im Stall gestanden. Und Gold als Gabe für einen Knaben aus der untersten Mittelschicht, das dürfte wohl auch ein Märchen sein. Aber Grundlage war eben auch eine Fluchtgeschichte. Modifizierte Fluchtgeschichten waren also immer so eine Basis des Advents. Jetzt installieren wir eine neue. Die alte ist ohnehin vergessen, viele Menschen verbinden nichts mehr mit Bethlehem, kennen kein Gran der Weihnachtsgeschichte. Da kommt eine neue Variante natürlich gerade recht. Ein bisschen aufgehübscht und auf Zeitgeist getrimmt, dann kann man sie wieder und wieder erzählen und sie zu einem nationalen Entdeckungsmoment präparieren.

Würde heute eine syrische Familie ein Kind zwischen Tür und Angel bekommen, man würde sie verjagen und ihnen unterstellen, ein Verbrechen geplant zu haben. Der verantwortungslose Umgang mit den realen Geschehnissen am letzten Dezembertag des letzten Jahres, der hat die Vorurteile verstärkt. Am Ende buhen Studiozuschauer eine Muslimin aus und nehmen den auf dem heißen Stuhl lungernden Thilo Sarrazin in Schutz. Und dann gehen diese Leute heim und stellen eine Krippe auf, das holzgeschnitzte Abbild einer Flüchtlingsfamilie, die Rast in einem Stall machte.

In diesem Sinne, geneigte Leser, wünsche ich euch ruhige Feiertage, genießt es, wenn der Trubel da draußen für einige Tage einfriert. Und wenn ihr in 2017 gelandet seid, werdet ihr feststellen, wie friedlich Silvester war und wie sehr sich die Regierung für diesen Frieden loben lassen wird. Denn sie hat gehandelt, sie hat es geschafft. Auch das gehört zum Narrativ – als Nachgang sozusagen. Das nächste kommt dann gleich danach. Die ungeliebte Kanzlerin, sie möchte ihre Wiederwahl schaffen. Dazu braucht es die ganze Schönheit ihrer Politik, das heißt: Geschönte Berichte, frisierte Zahlen und weggelassene Hiobsbotschaften. Deutschland steht gut da. Das ist ein Satz, den sie gerne sagt. Bis zum September 2017 wird das das Narrativ des Jahres bleiben. Wir sehen uns. Ab Januar dann hier, nicht mehr drüben bei ad sinistram.

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59 Kommentare auf "Unsere neue Weihnachtsgeschichte"

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bernie
Gast
Seh ich ganz genauso – mit dem kleinen Unterschied, als Atheist, der gerne religionskritische bzw. -historische Bücher aus diesem Spektrum liest, weiß ich, dass die Weihnachtsgeschichte aus nahöstlichen Vorreligionen zusammengeschustert wurde, und eine Person namens Jesus Christus ebenso erfunden wurde – Man lese dazu z.B. Deschners „Der gefälschte Glaube“ in Buchform. Ich will jetzt mal keine Religionsdebatte anstossen sondern schreib dies nur zum näheren Verständnis, und bin mal gespannt wie zukünftige Generationen über Weihnachten 2016 urteilen – meiner Meinung nach reines Business, wo die Vorweihnachtszeit bei manchem Backshop das ganze Jahr geht – bei uns zumindest kann man „Krätimänner“, eigentlich… Read more »
bernie
Gast

Ergänzung:

Ein Metzger im Nachbarort hat übrigens schon seit Dezemberanfang österliche Eier im Verkaufsraum ausliegen – gefärbte.

Reines Business eben, auch Religion mittlerweile – Kann mir als religionskritischem Menschen ja egal sein, aber ich bin katholisch sozialisiert aufgewachsen, und ärgere mich wohl daher über die zunehmende Verwirtschaftlichung von Religion, die nicht nur für die christliche Kirche gilt…..auch für andere Religionen….ich schrieb’s hier auch schon, dass sogar Buddha an Weihnachtsmärkten vermarktet wird…..

Zynische Grüße
Bernie

Heldentasse
Mitglied

Ja auch ich empfinde die Bevorzugung Buddahs als ärgerlich. Nie wird das „Fliegende Spaghettimonster“ als Werbeträger präsentiert, sogar die Pasta- Buden auf dem Weihnachtsmarkt mieden es!

Beste Grüße

flurdab
Gast

Ich bin schon lange nicht mehr auf einem Weihnachtmarkt gewesen, von daher sind mir Pasta- Buden eine neuer Trend.
Werben die mit Bio- Lametta?

bernie
Gast

Also doch „Das Fliegende Spaghetti-Monster“ *grins*

bernie
Gast

Hi, Hi….der ist auch gut 😉

Amüsierte Grüße
Bernie

miefi
Gast

Ein Metzger im Nachbarort hat übrigens schon seit Dezemberanfang österliche Eier im Verkaufsraum ausliegen – gefärbte.

Wohnst du in der DDR ? Bei LIDL und EDEKA stehen ganzjährig gefärbte Eier zum Verkauf.
Die werden gefärbt weil sie gekocht sind, hier bei uns in Westdeutschland. Damit können wir sie von ungekochten Eiern unterscheiden. Das hat nichts mit Ostern zu tun.

bernie
Gast

@miefi

Nein, im tiefsten Südwestdeutschland, in „Badisch Sibirien“, aber auch egal 😉

Amüsierter Gruß
Bernie

miefi
Gast

Ist ja fast wie DDR.

Auch weitab der Zivilisation, in Badisch Sibirien, gilt:

Augen auf beim Eierkauf !

bernie
Gast

Aha? Na denn, danke für den Hinweis *doppelgrins*

Amüsierte Grüße
Bernie

flurdab
Gast

Es könnte auch daran liegen das es nur gekochte Eier in gefärbte zu kaufen gibt und die meisten Metzger mittlerweile eine Art Imbiss mit betreiben, um Überleben zu können.
Die Fabrikanten haben nur ihre Saison verlängert.
Da steckt wenig Christliches dahinter.
Eigentlich legen Hühner im Winter überhaupt keine Eier.
Also wenn man sie ließe, wie sie wollen.

bernie
Gast

@flurdab

Danke für den Hinweis, ist mir auch klar, denn wie bereits erwähnt, ich wollte ja keine Religionsdebatte anschieben, und hab’s wohl – sorry für – doch getan 😉

Amüsierte Grüße
Bernie

flurdab
Gast

Ich sehe es dir aus christlicher Nächstenliebe nach und vergebe dir, mein Sohn. 😉
3 Ave Maris und 6 Vater unser, dann ist die Sache vom Tisch. Lol

Das mit der Religionsdebatte bleibt doch nicht aus, Merkel, Gauck, KGE, Kässmann etc.
Ständig Islam. Islam, Is mir schlecht.

Und das in einem säkularem Staat. Es müssen lausige Zeiten sein.

Grüße

Heldentasse
Mitglied

Vermutlich wird dieses Weihnachten noch unamüsierter als die letzten Feste. Eine bunte Mischung aus Konsumzwang, Terrorängsten und Xenophobie erwartet uns! Falls noch weitere grausame Anschläge erfolgen sollten, darf man sich auch schon mal ausdenken wie das Weihnachtsfest 2017 verläuft, worst case hält dann Frau Petry sogar die Neujahrsansprache 2018.

Beste Grüße

Yarsin
Mitglied

Alle Jahre wieder ist Weinnachten plötzlich vor der Tür. Also 21/5 Tage ohne geöffnete Geschäfte, dann jetzt noch schell Wintervorrat dafür anlegen und oh je Geschenke braucht’s ja auch noch🤑. Warum sind da so viele Trottel unterwegs, können die das nicht früher erledigen? Endlich ein Parkplatz und rein in das 🎄Gewühle. ……

Genau deshalb ist mir Weinnachten zuwieder, alle drehen durch, keine Nächstenliebe ist zu spüren.
Um das schlechte „Gewissen“ zu beruhigen noch schnell eine kleine Spende bei irgendeinem Spendenmaraton. Oh Graus.

Trotzdem wünsch ich euch eine besinnliche Zeit.

flurdab
Gast
Ui, Herr De Lapuente, etwas zu viel Myrrhe geraucht oder schon länger die Weihnachtsgeschichte nicht mehr gelesen? Maria und Josef waren keine Flüchtlinge, sie zogen nach Bethlehem um sich einer Volkszählung/ Steuererhebung zu unterwerfen. Und es geschah wie geschehen musste, die Menschen die dem Steuerbezirk zugerechnet wurden aber nicht dort lebten waren zu viele, als dass der Wohnraum genügt hätte Sie zu quartieren. Ergo gab es die Tragelufthallen des Jahres 0 v.Chr. Und haben Maria und Josef sich beklagt? Wurde auch nur ein Stall wegen fehlendem Schokopudding angezündet? Waren Sie der Sprach nicht mächtig? Bedurfte es Integrationskurse? Wollten Sie sich… Read more »
Olga Fakenewa
Gast

…viele Menschen verbinden nichts mehr mit Bethlehem, kennen kein Gran der Weihnachtsgeschichte. (…) Ein bisschen aufgehübscht und auf Zeitgeist getrimmt, dann kann man sie wieder und wieder erzählen und sie zu einem nationalen Entdeckungsmoment präparieren.

Aber schreiben trotzdem großspurige Artikel darüber…
Nur mal als Tip: In der Bibel waren Maria und Josef noch keine „Flüchtlinge“…

T. Bauer
Gast

Eine Bitte: Wäre es vielleicht möglich, in Zukunft auf die grottendämliche Phrase „Narrativ“ zu verzichten? Man muss nicht zwingend auf dieses „Unwort“ zurückgreifen, um zu zeigen, dass man über ein Mindestmaß an Bildung verfügt.

The Joker
Gast

Zur Jesus-Rezeption der 90er Jahre:

miefi
Gast

Hier mal ein bekannter Gassenhauer zum Thema in der Ska-Version.

Schweigsam
Gast

Nach meinen Geschmack wird bei Neulandrebellen zuviel delapuentet. Das hebt nicht unbedingt die Qualität…

flurdab
Gast

Mein Gott was habe ich damals gekotzt als Wellbrock hier aufgeschlagen ist.
Den konnte ich am Anfang auch nicht lesen.
Mit De Lapuente ist es mir auf seinem eigenen Blog auch nicht anders gegangen.
Das soll keine Kritik sein,wer bin ich solche zu äußern.
Da hat eben jeder seine eigene Schreibe und jeder Leser seine eigene Lese.
Aber wenn man mal einfach unterstellt das die Autoren keine Idioten sind und ihr Lebensziel nicht nur heiße Luft produzieren ist, dann sollte man sich darauf einlassen.
Wer weiß, vielleicht kommen die Schmerzen beim lesen ja von der Entstehung neuer Synapsen.

flurdab
Gast

Und wenn es mit dem Lapuente nicht klappt.
Dann können Wellbrock und Berger Ihn ja öffentlich verbrennen.
Menschenopfer sind doch im Neoliberalismus on Vouge.

Heute ist einfach nicht einfach.

EarthChild
Mitglied

Stimmt, die Scheinheiligkeit ist wohl grenzenlos. leider gibt es dafür keine Mauern und auch keine Armee, die die Scheinheiligkeit und vor allem die Scheinheiligen im Mittelmeer ersaufen lassen würden!!

trackback

[…] gerne sagt. Bis zum September 2017 wird das das Narrativ des Jahres bleiben. Wir sehen uns. Bei den #neulandrebellen. Lesen Sie auch: Menschen, Bilder, Emotionen Urheber: NawadeeIm Laufe dieses Jahres hat sich nach […]

miefi
Gast

Menschen ! Bilder ! Emotionen !!!!!

Der Soundtrack ins neue Jahr und Lapuente jongliert mit Narrativen dazu !

Loooos geeehts, Freeuunde des Jahrmarktes der Eitelkeeiitäään !!!

bernie
Gast
Nur mal so als Gedanke, der mir so eben durch den Kopf schoß als ich deinen Blog-Artikel noch einmal durchlas. Mal ganz weg von der Religion: Was ist eigentlich aus dem Humanismus als Gesellschaftsmodell geworden? Du weißt schon jenem Modell, dass anno 1777 in der Amerikanischen Revolution, und später 1789 in der Französischen Revolution seine Hochblüte erlebte (leider auch Mißbrauch in NS-Deutschland, und andernorts, aber mir geht es jetzt tatsächlich um die nicht-mißbrauchten hehren Ideale der Menschlichkeit – Sind die uns so ausgetrieben, dass wir gar nicht mehr reagieren?) Vielleicht schreibst du mal dazu einen Blogartikel, im Neuen Jahr. Ich… Read more »
bernie
Gast
Sorry, wie funktioniert hier eigentlich das Ändern von Text? Bis ich das rausgefunden habe muss ich wohl hier eine „Ergänzung“ anfügen: Was humanistische Werte sind, und wie die verraten werden kann man ja in Deutschland am Zustand der Parteien sehen, die, nicht nur im Reichstag, Regierung spielen dürfen – Frag mal die SPD, die Grünen, die Linkspartei (ja, leider auch die wo die mitregiert) was aus den humanistischen Werten geworden ist? Bei mir in der Nähe liegt eine Stadt, die einen Grünen OB hat, und wo mitleidlos Obdachlose und andere Randgruppen ausgegrenzt werden – Man schämt sich direkt dafür, dass… Read more »
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